Auf ein Neues !

22. Januar 2012


An manche Dinge musste ich mich in Deutschland erst wieder gewöhnen, zum Beispiel daran, dass abbiegende Autos wirklich halten, wenn man als Fußgänger die Straße überquert. Auch daran, dass es einfach so möglich ist, sich am Schreibtisch den Fahrplan anzuschauen, die Fahrkarte zu kaufen, in den Zug zu steigen, mehrmals umzusteigen, und dann am richtigen Ort anzukommen und sogar (fast) zur richtigen Zeit. Nach den Erfahrungen mit dem öffentlichen Verkehr in Kuba bin ich sogar (fast) bereit, der Deutschen Bahn ihre Verspätungen zu verzeihen. Dass die iPods der Teenager jetzt sogar Internet über WLAN haben, und dass sie deshalb mit ihren Brüdern Diskussionen darüber führen müssen, wo der Access-Point für’s WLAN hinkommt, hat mich auch beeindruckt. Deutschland kommt mir noch reicher vor, als ich es in Erinnerung hatte, und ist auf jeden Fall besser organisiert als viele andere Länder, nicht nur als Kuba. Dass es im Dezember und Januar SO dunkel ist, hatte ich auch nicht mehr in Erinnerung. Erkältet habe ich mich aber nicht in Deutschland, sondern ich bin hier die Erkältung schnell losgeworden, die ich mir wegen der Klimaanlage im Bildungshaus des Erzbistums Havanna zugezogen hatte.
Heute geht es wieder los: Übernachtung in Düsseldorf, morgen dann sehr früh über Zürich nach Dar es-Salaam. Von dort sind es noch zwei Tage mit dem Auto nach Peramiho (siehe Foto), von wo ich vor genau drei Jahren abgereist bin.

Neues vom besten Koch Kubas

19. Dezember 2011

Vor anderthalb Jahren hatte ich geschrieben, dass Abel, „der beste Koch Kubas“, von uns zum Nuntius gewechselt ist. Wir haben uns aber nicht aus den Augen verloen, und ein paar Tage vor meiner Abreise haben er und seine Frau mich zu einem Abschiedsessen bei sich zuhause eingeladen. Abel brachte das Gespräch auf den bevorstehenden Papstbesuch, der gerade vorher auf der Titelseite der Zeitung angekündigt worden war. Ich reagierte so, wie er es beabsichtigt hatte: „Sag mal, der Papst wohnt dann doch in der Nuntiatur ?“ – „Ja.“ – „Dann wirst du also für den Papst kochen ?“ Ganz bescheiden schränkt er ein, dass er nur Teil des Teams sein wird, das für den Papst kocht, weil der auch eigene Köche aus Italien mitbringen wird. Offensichtlich ist er ziemlich stolz, und das gönne ich ihm von ganzem Herzen. Das Essen bei den beiden war natürlich gut, aber das beste Essen, das ich je auf Kuba gegessen habe, war das Abschiedsessen, das die beiden ein paar Tage später dann bei uns gekocht haben.

Kuba-Tourismus

14. Dezember 2011

Die Altstadt von Havanna hat mich in ihren Bann gezogen: Vom perfekt restaurierten Platz der Kathedrale führt die Straße San Ignacio zwischen einsturzgefährdeten Häusern (Foto oben) zum wiederum perfekt restaurierten „Alten Platz“ (Plaza Vieja) und von dort zur alten Paula-Kirche mit ihren wunderbaren Gewölben. Trinidad ist eine malerische Kolonialstadt, der barocke Schnitz-Altar in Remedios und die Morro-Festung bei Santiago sind auch eine Reise wert. Die Strände in Varadero sind weiß und das Wasser warm. Aber würde ich deshalb empfehlen, als Tourist nach Kuba zu kommen ?
Von Santiago aus bin ich – siehe vorletzten Artikel – nach Baracoa gefahren. Ich ging also in Santiago zum Busbahnhof. Dort gibt es zwei Busgesellschaften: Astro befördert nur Kubaner, ist dafür aber sehr billig. Um eine Fahrkarte zu bekommen, muss man sich Tage vorher frühmorgens anstellen. „Du wohnst ja in Kuba, du kannst deshalb auch mit Astro fahren. Aber am Schalter werden sie dir immer sagen, dass der Bus ausgebucht wäre. Dann musst du dem Mann am Schalter etwas Geld geben“, so erklärte mir ein kubanischer Freund die alltägliche Korruption. Ich habe es nicht ausprobiert, sondern ging gleich zum Schalter der anderen Busgesellschaft, Viazul. Viazul kassiert für die 5-stündige Fahrt nach Baracoa 15 CUC (12 Euro), was auf Kuba einem Monatslohn entspricht. Der Werbeslogan von Viazul lautet entsprechend, „Sie suchen das Ziel aus, wir sorgen für die Exklusivität.“ Der Bus für den nächsten Tag ist aber bereits ausgebucht. Ich verschiebe daher meinen Ausflug um ein paar Tage und gehe am übernächsten Tag in das große Hotel am Hauptplatz. In den Hotels lassen sich Busse einer dritten Gesellschaft buchen, Cubanacan, die sich speziell an Touristen wendet, aber den gleichen Preis wie Viazul verlangt. Angesichts der langen Schlange beschließe ich aber, später wiederzukommen. Um 5 Uhr komme ich wieder vorbei und freue mich, als ich sehe, dass noch ein Angestellter am Tisch sitzt, aber kein Kunde wartet. Nachdem er ein endloses Telefongespräch beendet hat, erklärt er mir, dass er nur für Mietwagen zuständig sei. Die Busse mache seine Kollegin, und die ist heute schon weg. Ich sage ihm, dass ich Kuba-Tourismus nicht empfehlen kann, und gehe wütend. Am nächsten Morgen komme ich an einem anderen Hotel vorbei, buche den Bus nach Baracoa, praktischerweise auch gleich den Bus für die Rückfahrt von Santiago nach Havanna, und ein Hotel in Baracoa (was ich dann bereuen werde, siehe vorletzten Artikel). Jetzt fehlt nur noch die Rückfahrt von Baracoa aus. „Das ist ein Sonntag. Da fährt nur Viazul, die Fahrkarte müssen sie in Baracoa kaufen. Gleich wenn Sie dort ankommen, gehen Sie zum Busbahnhof und kaufen sofort die Fahrkarte“, sagt mir die freundliche Verkäuferin. Gesagt, getan. Am Freitag um 13 Uhr komme ich mit dem Bus in Baracoa an. Der Bus hält am Hotel, von dort laufe ich 20 Minuten zum Busbahnhof. Die Frau am Schalter sagt mir: „Dieser Schalter ist seit 12 Uhr geschlossen. Kommen Sie morgen früh wieder.“ Am nächsten Morgen gelingt es mir dann tatsächlich, die Fahrkarte zu ergattern.
Fazit: Ich empfehle, vor der Planung einer Kuba-Reise außer den Kosten (für Geldbeutel und Umwelt), und der Frage, wen man mit dem ausgegebenen Geld unterstützt, auch die eigene Leidensbereitschaft und die eigenen Spanisch-Kenntnisse in die Kalkulation miteinzubeziehen.
Das Foto unten zeigt dieselbe Straße San Ignacio ein paar Schritte weiter Richtung Plaza Vieja. Das vorstehende Haus in der Mitte ist auch auf dem oberen Bild zu erkennen.

Santiago ist Santiago

9. Dezember 2011

Der schönste Ort, den ich auf Kuba kennengelernt habe, ist die Morro-Festung am Eingang der Bucht von Santiago (Foto links). Zweimal bin ich während meines Aufenthaltes in Santiago dorthin gefahren. Santiago selbst, im Osten der Insel gelegen, war nach Baracoa die zweite Hauptstadt Kubas. Die spanischen Gouverneure verlegten ihren Sitz schließlich in den Westen der Insel, nach Havanna. Meine persönliche Theorie ist, dass es ihnen in Santiago einfach zu heiß war. Noch Ende November, wenn die Menschen in Havanna schon zwei oder drei Hemden übereinander anziehen, kann man in Santiago über die Hitze stöhnen. Heute ist Santiago die zweitgrößte Stadt der Insel, und die Liebe, die man in Santiago für Havanna empfindet, scheint mir ähnlich zu sein wie die Liebe, die ein Düsseldorfer für Köln hat (Herzlichen Gruß an meine liebste Düsseldorferin !).
Als ich nach der Rückkehr vom Morro noch ein Foto auf dem Hauptplatz von Santiago machte, sagte eine Stimme hinter mir: „Guter Fotograf.“ – auf Deutsch ! So kam ich mit Eliel ins Gespräch, der einige Jahre in der DDR gearbeitet und die Wende in Magdeburg erlebt hatte. Nachdem wir uns einige Zeit unterhalten hatten, lud er mich auf einen Drink ein. Keine leichte Aufgabe, denn die meisten Bars in der historischen Altstadt sind für Touristen gedacht, „und die Preise dort kann ich mir nicht leisten,“ sagt er. In die nächste Schwierigkeit bringe ich ihn, als ich ihm sage, dass ich keinen Alkohol trinke; denn die alkoholfreien Getränke sind auch ziemlich hochpreisig. Die Lösung lautet schließlich „Tomatensaft“. Ich erfahre, dass es in Santiago nur vier Eier pro Monat auf Lebensmittelkarte gibt, in Havanna dagegen acht. Auch gibt es in Santiago weniger öffentliche Busse, stattdessen bieten private Unternehmer einen Steh- oder Sitzplatz auf einem umgebauten LKW für 1 Peso an (3 Euro-Cent; in Havanna kostet der Bus aber nur 0,40 Peso; Foto unten). Und die alten amerikanischen Straßenschlitten, die in Havanna als Sammeltaxis dienen, fehlen ebenfalls. Stattdessen kann man für denselben Preis (10 Peso – 0,30 Euro) auf dem Rücksitz eines Motorradtaxis mitfahren. „Havanna ist Havanna, so sagen wir in Santiago.“ Er bezahlt die Rechnung. Ich muss ihm erst bestätigen, dass ich seinen Stolz nicht verletzen will, bevor er akzeptiert, dass ich ihm das Geld (40 Peso, 1,20 Euro) zurückgebe.
Unter den politischen Parolen an den Häuserwänden fällt mir immer wieder der Spruch auf, „Santiago ist Santiago“. Vermutlich ist gemeint, „… und nicht Havanna“.

Unzugänglichkeitspol

7. Dezember 2011

Auf manchen Karten der Antarktis ist ein „Unzugänglichkeitspol“ eingezeichnet, der Punkt also, der am schwierigsten zu erreichen ist. Diese Rolle nimmt auf Kuba Baracoa ein, die Stadt, die am weitesten von Havanna entfernt ist, 14 Stunden Busfahrt Havanna – Santiago, und dann noch einmal 5 Stunden Busfahrt Santiago – Baracoa. Stolz schmückt Baracoa sich mit dem Titel der ältesten Stadt Kubas, im August 1511 gegründet. Über die 500-Jahr-Feier in diesem August wurde groß auf der ersten Seite der kommunistischen Tageszeitung berichtet: Ungefähr die Hälfte des Berichts beschäftigte sich mit der staatlichen Feier, die andere Hälfte mit der Messe des katholischen Bischofs. Die Feier fand natürlich auf dem Hauptplatz von Baracoa statt, dem Hatuey-Platz. Bittere Ironie: Häuptling Hatuey war Anführer des indianischen Widerstandes gegen die Spanier, die auf Kuba praktisch die gesamte eingeborene Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit ausrotteten. Aber dieser blutige Teil der Geschichte wird sowohl vom Staat als auch von der Kirche fast vollständig ausgeblendet.
Baracoa war auch die erste Hauptstadt Kubas, aber nur vier Jahre lang, dann fiel den Spaniern auf, dass Santiago sowohl von der Land- als auch von der Seeseite her viel besser zugänglich ist, und die Regierung verlegte ihren Sitz, Baracoa blieb eine kleine Provinzstadt. Ich habe das erste Adventswochende, Freitag Mittag bis Sonntag Mittag, dort verbracht. In guter Erinnerung habe ich die Stadt nicht, denn mein Hotelzimmer lag direkt an der Wand zum Nachbarhaus. Und das war die „Casa de la Cultura“, wo abends um 22:00 die Musik loslegt. In der Nacht zum Samstag war immerhin schon um Mitternacht Schluss, aber am Sonntag erst nach 2 Uhr – volle Lautstärke !
Die Fotos zeigen den Blick vom Hügel über die Stadt und die Bucht, die den Spaniern als Hafen diente.

Wieder da

6. Dezember 2011

Vor kurzem las ich in der „Zeit“ von einem deutschen Architekten, der in Shanghai ein ganzes Stadtviertel bauen sollte. Der chinesische Ansprechpartner war nur durch Beziehungen an seinen Posten gekommen und entsprechend unfähig, die Chinesen hielten Absprachen nicht ein, die Deutschen hatten in den Diskussionen immer die besseren Argumente, so dass die Chinesen sich gegen dieses ständige Recht-Haben nur durch hilflosen Trotz wehren konnten. Die Deutschen zogen sich schließlich aus dem Projekt zurück, der Stadtteil wurde zwar gebaut, wartet aber bis heute auf Leute, die dort wohnen wollen. Ich habe beim Lesen des Artikels gelacht, aber nicht so ganz fröhlich, denn zu unserem Kuba-Projekt gibt es leider Parallelen: Auf Wunsch von Prior Jacques habe ich Kuba am Samstag verlassen, nachdem in den letzten anderthalb Jahren schon Emmanuel (Deutscher), Abraham (Spanier), Martin (Togolese) und Vianney (Philippino) mehr oder weniger freiwillig abgereist waren. Jacques und Cyrille, beide aus Togo, bleiben übrig.
Die Probleme, die sich aus dem unterschiedlichen kulturellen Hintergrund ergeben, hatten alle Beteiligten, auch ich, zu Anfang völlig unterschätzt. Allerdings werden mir nicht nur die Probleme in Erinnerung bleiben. Mit Br.Martin und insbesondere mit Br.Cyrille habe ich mich nach einigen Anfangsschwierigkeiten nämlich richtig gut verstanden, und auch sonst gab es sehr viele spannende, bereichernde Erfahrungen. Die letzten beiden Wochen auf Kuba habe ich mit einer Reise in den Osten des Landes (Foto: Morro-Festung bei Santiago) verbracht, dazu kommen in den nächsten Tagen noch ein paar Blog-Artikel, und auch noch ein paar Artikel, deren Entwurf schon steht, die ich aber noch nicht veröffentlichen konnte.
Der deutsche Architekt hat übrigens aus den negativen Erfahrungen gelernt; er ist immer noch in China tätig, inzwischen erfolgreich.

Und sie stechen mich doch

9. November 2011

In Afrika übertragen die Moskitos Malaria, sind aber so freundlich, nur nachts zuzustechen. Deshalb kann man sich mit einem Moskitonetz über dem Bett ziemlich gut schützen. Die kubanischen Moskitos sind nicht so rücksichtsvoll; sie stechen zu jeder Tageszeit. Malaria übertragen sie zwar nicht, aber das Dengue-Fieber. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Stich Dengue zu bekommen, ist viel geringer, als die entsprechende Wahrscheinlichkeit für Malaria. Ich schätze mal, dass ich in den ungefähr 30 Monaten auf Kuba 2000 mal gestochen worden bin. Dengue war zum Glück noch nicht dabei.
Regelmäßig gehen die Mitarbeiter der salud pública („Öffentliche Gesundheit“) durch die Häuser, versprühen ein Gas, um die Moskitos auszuräuchern, und schauen in die Gärten, ob irgendwo Wasserlachen zu finden sind, in denen die Moskitos brüten können. Wer seinen Garten nicht in Ordnung hat, muss Strafe zahlen. Vor einer guten Woche gab es eine besonders große Aktion: Innerhalb von drei Tagen wurde das Gift mehrfach von einem Fahrzeug (mit Polizeiwagen vorneweg) in der Straße versprüht (siehe Foto), gleichzeitig kamen die Salud-pública-Leute zweimal in die Häuser. Auf dem gemeinsamen Weg von unserer Kirche bis zur Pfarrkirche (drei Häuserblocks) machte mich unser Pfarrer in den Tagen danach mehrfach auf Wasserlachen auf der Straße und hohe Grasbüschel aufmerksam: „Das können die doch gar nicht alles wegmachen.“ Leider hat er Recht. Spätestens gestern war die Mückenpopulation nach meiner persönlichen Einschätzung wieder auf dem Stand von vor der Gift-Aktion. Mückenspray ist seit Monaten nicht erhältlich. Ein Trost bleibt: Oft spüre ich den Stich schon während die Mücke noch auf meinem Fuß sitzt. Dann kann ich zuschlagen. Und die Mücke ist im Moment ihres Todes wahrscheinlich so glücklich wie ein Baby, das gerade an der Brust seiner Mutter saugt. Sie stirbt einen schönen Tod, und ich habe Ruhe und Frieden – für ein paar Stunden, bis die nächste kommt.

Wettervorhersage und Zeitvorhersage

31. Oktober 2011

Gestern wollten die Katechisten unserer Gemeinde (Auf Kuba gibt es keinen Religionsunterricht in der Schule, daher kommen die Kinder am Samstag Nachmittag zu uns zur Katechese) den Sonntag zu einem Ausflug nutzen. Weil es im Moment aber ständig regnet, haben sie den Ausflug dann am Samstag Nachmittag doch noch abgesagt. Der Sonntag begann mit strahlendem Sonnenschein, erst gegen halb Vier nachmittags setzte regelrechtes Aprilwetter mit schnellem Wechsel von Regen und Sonnenschein ein. Es wäre ein wunderbarer Tag für den Ausflug gewesen und um halb Vier hätten sie schon längst wieder im Kleinbus für die Rückfahrt gesessen. Aber mit der Wettervorhersage ist das bekanntlich nie so einfach.
Das spanische Wort „tiempo“ bedeutet nicht nur „Wetter“, sondern auch „Zeit“. Mit der Zeitvorhersage für den Sonntag war es ebenfalls nicht so einfach. Auch hier endet nämlich Ende Oktober die Sommerzeit, so versicherten uns die Kubaner. „Aber 2004 ist die Sommerzeit gar nicht beendet worden,“ sage ich. „Das war nur wegen der damaligen Energieknappheit,“ antworten sie. In der Tageszeitung am Samstag Morgen steht nichts von einer Zeitumstellung. „Das bringen sie heute Abend um 8 in den Fernsehnachrichten,“ meinen die Kubaner. Die Sakristanin sagt mir am Samstag Nachmittag, „Josefa hat gehört, dass heute Nacht umgestellt wird.“ Beim Abendessen sagt einer unserer kubanischen Eintrittskandidaten, „Eine Frau aus der Gemeinde sagt, es wird am 15.November umgestellt.“ Wir beschließen, unsere Uhren nicht umzustellen. Am Sonntag Morgen waren alle in der Messe, die sonst auch kommen, und zwar zur selben Zeit wie sonst auch. Insofern haben wir diesmal richtig gelegen. Nächstes Wochenende dürfen wir wieder raten.
Das Foto zeigt den Himmel über den Stadtzentrum am Sonntag Abend.

„Doch, ein paar Touristen kommen schon vorbei“

23. Oktober 2011

In meinem Reiseführer steht, „Zwar ist Remedios nicht ganz so malerisch wie Trinidad, dafür gibt es hier fast keine Touristen.“ Grund genug also für Br.Cyrille, die beiden Kandidaten und mich, den vorgestrigen Freitag zu einem Tagesausflug zu nutzen. In Santa Clara, einer Großstadt auf dem Weg, machen wir Halt. Als wir eine Kirche besichtigen, trifft unser Chauffeur den Chauffeur des Bischofs. „Ich schau mal, ob der Bischof Zeit hat,“ sagt der, und kurz darauf trinken wir einen „Cafecito“ mit Bischof Arturo. Das Bistum ist klein, 34 Pfarreien, scheint aber recht lebendig zu sein. Auf dem Land unterhält das Bistum 500 „Missionshäuser“, ist also auch in abgelegenen Ecken präsent. Im Bischofshaus selbst gibt es die größte öffentliche Bibliothek der Provinz, eine wichtige Einrichtung für den Dialog mit den Intellektuellen. Da es vier Bibliothekare gibt, kann der Bischof einen von ihnen bitten, uns die Stadt zu zeigen, den schönen Hauptplatz (mit Musikpavillon), die Kathedrale und den Stolz des Bischofs, das einzige Papstdenkmal Kubas außerhalb der Kirchenmauern, 2008 mühsam der Regierung abgerungen. Unser Führer hat übrigens Kunstgeschichte studiert, anscheinend auch in Kuba kein Beruf, von dem leben kann. Dann gibt es Mittagessen beim Bischof, und ein Pfarrer begleitet uns nach Remedios. Dank dieser Begleitung brauchen wir uns um das Fotografierverbot in der Kirche dort keine Sorgen zu machen, es wäre auch zu schade gewesen, wenn ich diesen wunderschönen vergoldeten Holzaltar aus der Kolonialzeit nicht hätte fotografieren dürfen. Man sagt uns, dass doch von Zeit zu Zeit Touristen vorbeikommen.
Mitten in der folgenden Nacht weckt mich mein Darm. War der Salat beim Bischof vielleicht mit dem falschen Wasser gewaschen worden ? Oder hatte der Ortsname („Remedios“ heißt „Heilmittel“) die falsche Wirkung ? Die anderen haben allerdings dasselbe gegessen wie ich und keinen Durchfall bekommen. Mir geht es inzwischen jedenfalls wieder besser.

„Der Meertanz wurde zuletzt 1944 gefeiert“

12. Oktober 2011

Bei einem der Orishas im Museum (siehe vorigen Artikel) findet sich die Bemerkung, dass der Meertanz seit 1944 nicht mehr gefeiert wird. Keine weitere Erklärung dazu. Also habe ich die Wärterin gefragt, warum der „Meertanz“ nicht mehr gefeiert wird. „Dabei wurde immer jemand ertränkt,“ lautete die grausige Antwort. Auf das Gerücht, es gäbe im Zusammenhang der afro-kubanischen Religionen Menschenopfer, stoßen wir immer wieder. Ich bin skeptisch, weiß ich doch, dass man im Altertum den Christen und im Mittelalter den Juden fälschlich unterstellt hat, sie würden Menschenopfer darbringen.
Heute frage ich einen kubanischen Freund, dessen Bruder und Tante der Santería anhängen, wie es damit steht. Er überhört die Frage. Ich wiederhole sie später noch einmal. Diesmal beantwortet er sie: Es gibt drei unterschiedliche Richtungen oder „reglas“ (Regeln) innerhalb der afro-kubanischen Religiosität. Die Santería (Regla de osha) praktiziert keinen Schadenzauber und kennt keine Menschenopfer. Es gibt Tieropfer und Liebeszauber (Die Frau badet unter Verrichtung bestimmter Gebete und muss anschließend dafür sorgen, dass der Mann, der verzaubert werden soll, von dem Badewasser trinkt), Heilungszauber, Verteidigungszauber und Orakel, um die Zukunft zu deuten. Also das, was wir als „weiße Magie“ bezeichnen würden. Ein Freund seiner Tante aber ist palero, das heißt Priester einer anderen Richtung, der Regla de palo. Von dieser Richtung ist bekannt, dass sie auch Zauber mit der Absicht, anderen Menschen zu schaden, durchführt. Dieser palero habe ihm einmal bei sich zuhause Leichenteile gezeigt, die er für seine Zeremonien benötigt. Die hatte er sich über Beziehungen zum Personal des Friedhofs besorgt. Das ist auch auf Kuba natürlich strafbar. „Ich habe ihn nicht angezeigt, weil er ein Freund meiner Tante ist,“ sagt mein Gesprächspartner. Mit Menschenopfern hat das nichts zu tun, denn besagter palero hatte sich erst nach der Beerdigung an die Leichen herangemacht. Vor ein paar Jahren, so erzählt mein Freund weiter, seien in der Altstadt von Havanna zwei Kinder, Zwillinge, ermordet aufgefunden worden, und zwar am 4.Dezember, dem Tag der hl. Barbara, die mit Changó, der Gottheit von Blitz und Donner, einer sehr aggressiven Gottheit, identifiziert wird. „Als Kind durfte ich am 3.12. abends nie raus, weil meine Eltern Angst hatten wegen des Vorabends von St.Barbara.“ Mir fiel ein, dass in bestimmten Städten der USA die Eltern am Vorabend von Allerheiligen Angst um ihre Kinder haben, weil die neuen Gangmitglieder sich durch ein Verbrechen an Halloween beweisen müssen.


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