Wo sind wir ?

10. Juli 2009 by rsk6400


Das Foto ist gestern Abend auf dem Weg zum Teatro Karl Marx (siehe vorigen Artikel) entstanden. Links unter dem “K” sieht man das Türmchen unserer Kirche, in der Mitte unter dem “R” das höchste Gebäude Havannas, der José Marti gewidmete Turm an der Plaza de la Revolution, weiter rechts unter dem “P” befindet sich der Turmstumpf der nie zu Ende gebauten Pfarrkirche, zu deren Bezirk wir gehören. Das blaue Gebäude im Vordergrund ist die Bäckerei, von der hier schon öfter die Rede war, und am rechten Bildrand ist deutlich die alte Festung zu erkennen, die zur Verteidigung der Mündung des Almendares diente. Die Mündung dieses
Flüsschens bildet eine kleine Bucht, von deren anderer Seite aus ich fotografiert habe.
Das heranziehende Gewitter brach freundlicherweise erst los, als ich nur noch wenige Meter von unserem rettenden Hauseingang entfernt war, ich bin also kaum nass geworden.

Basis und Überbau

10. Juli 2009 by rsk6400

Gestern Abend war ich am Teatro Karl Marx. Marx hat bekanntlich gesagt, dass die Kultur, die Religion, kurz, das ganze menschliche Verhalten (er nennt das “Überbau”) von den wirtschaftlichen Realitäten (er nennt sie “Basis”) abhängt.
Die Frau, die unsere Kirche putzt, hat mir das neulich verdeutlicht. Sie erklärte mit allem Nachdruck, dass sie dringend einen Trapeador brauche. (Hier habe ich ein Übersetzungsproblem, denn ich kenne das deutsche Wort nicht, heißt es “Wischmop” oder “Putzstab” ? Jedenfalls so ein Wisch-Ding.) Ich bat also unseren kubanischen Gast, “mal eben schnell” das Ding zu besorgen. Er kam spät, abgekämpft und erfolglos zurück, ich erklärte der Putzfrau, dass sie leider noch etwas warten müsse. In den folgenden Tagen sprachen mich alle möglichen Personen an, Mönche und Gottesdienstbesucher, “Robert, weißt du schon, dass die Putzfrau einen Trapeador braucht ?” Als dann ein junger Mann nach dem Gottesdienst auf mich zukam “wegen des Trapeadors”, war ich schon ziemlich genervt von so viel Aufdringlichkeit. Aber er sprach weiter: “Mein Onkel kennt einen, der kann so etwas herstellen.” Wenige Tage später stand ein älteres Ehepaar vor der Tür, in der Hand ein aus zwei Holzstäben selbst gebauter Trapeador, und zwar als Geschenk !
Fazit: Ein Verhalten (”Überbau”), das in Deutschland als aufdringlich gelten würde, passt hier genau zur Basis und führt zum gewünschten Erfolg.

Sport

7. Juli 2009 by rsk6400


Welchen Sport die Kubaner so treiben ? Vor allem Pelota. Das Wort hat mich zunächst verwirrt, weil ich wusste, dass Pelota der baskische Nationalsport ist. Inzwischen weiß ich aber, dass Pelota hier etwas ganz anderes bedeutet als in Spanien, nämlich: Baseball. Vermutlich ist dieser Sport hier so populär, weil man sich dabei nicht bewegen muss, was in der Hitze natürlich von Vorteil ist.
Angler sieht man hier auch viele, und am frühen Morgen ging der Volks-Marathon genau an meiner Bäckerei vorbei (siehe Foto).
Sonst: Basketball sieht man manchmal, auch Futbol (muss ich wohl nicht übersetzen) ist bekannt. Aber Pelota ist eindeutig der Renner. Auf jedem Fußweg sieht man Väter, die mit ihren Kindern Pelota trainieren.

“Entschuldigen Sie die Belästigung”

4. Juli 2009 by rsk6400

Hinweis für Erziehungsberechtigte: Minderjährige unter 18 Jahren sollten diesen Artikel nur im Beisein Erwachsener lesen, die sie über die Gefahren der beschriebenen Verhaltensweisen aufklären können.

In meiner Dortmunder Schulzeit habe ich mir leider einige Verhaltensweisen angewöhnt, die in Havanna nicht so gut ankommen.

Mit dem Fahrrad in der Fußgängerzone fahren:
Schon nach zwei Metern geben mir die Passanten sehr deutliche Zeichen, dass ich absteigen solle, was ich auch sofort tue. Das hindert einen von ihnen aber nicht, einem Bekannten, der 50 m weiter an einem Tisch sitzt, ein Zeichen zu geben. Der steht auf, als ich das Rad vorbeischiebe und erklärt mir, dass das nicht möglich sei, was ich da mache. “Aber schieben kann ich mein Fahrrad doch,” sage ich ihm. Er stimmt mir zu, bleibt aber dabei, dass ich “das” nicht machen könne. Da ich wirklich gleich am Anfang der Fußgängerzone abgestiegen bin, gehe ich weiter, während er weiterredet.

Mit dem Rad bei Rot über die Ampel fahren:
Kurz bevor ich die Haltelinie kreuze, springt die Ampel auf Rot. Da nur von links eine Straße einmündet, von meiner Seite also kein Verkehr kommen kann, fahre ich weiter. Sogleich hält mich ein Polizist an: “Das war Rot.” Ich sage wahrheitsgemäß: “Ich habe Grün gesehen”, und verschweige, welche andere Farbe ich danach auch noch gesehen habe. Er holt zu einer längeren Rede aus, die ich nicht verstehe. “Entschuldigung, ich bin Ausländer. Aber wenn Sie langsam sprechen, kann ich Sie verstehen.” Er darauf: “Entchuldigen Sie die Belätigung.” (Die Kubaner lassen ständig die S weg, ich habe versucht, das in der Übersetzung nachzumachen). Die kubanische Polizei gilt allgemein als ausländerfreundlich.

Vielleicht darf ich zu meiner Entschuldigung noch anfügen, dass man hier die Ampeln ständig suchen muss, sie befinden sich entweder hinter der Kreuzung oder sind in der Mitte aufgehängt. Jedenfalls sind sie nie da, wo ich sie vermute.

Der spezielle Gruß gilt heute allen Dortmundern, besonders im Windmühlenweg.

Guten dia together

4. Juli 2009 by rsk6400

Jürgen Habermas, der große deutsche Philosoph, der letzten Monat 80 Jahre alt wurde, meint, dass Sprache grundsätzlich das Ziel der Verständigung und der Wahrheit hat. Wenn man so will, ist die Sprache die Kraft, die die Welt verbessert.
Also beschäftigen wir uns hauptsächlich mit Sprachen: Mit Jacques (aus Togo) spreche ich (aus Deutschland) meistens Englisch, mit Emmanuel (aus Bayern) Deutsch, mit Cyrille (aus Togo) meistens Spanisch, wenn es schwieriger wird, Französisch. Mein Französisch ist deutlich besser geworden, seit unsere Brüder aus Togo eingetroffen sind, aber weder Französisch noch Spanisch fallen mir leicht. Mit Martin (aus Togo) spreche ich Französisch, mit unserem kubanischen Gast Spanisch. Zweimal die Woche bringe ich ihm Englisch bei. Wenn Martin und Cyrille unter sich sind, sprechen sie Kabié, ihre gemeinsame Muttersprache. Emmanuel ist der einzige von uns, der nicht mehr Spanisch lernen muss, er spricht mit Jacques Deutsch oder Spanisch, Jacques antwortet auf Englisch oder Spanisch. Jacques’ Muttersprache, das Ewé aus dem Süden Togos, wird von niemandem sonst gesprochen, aber er spricht alle erwähnten Sprachen, einschließlich Kabié, und lernt Spanisch mit einer Leichtigkeit, die sogar unseren Spanischlehrer überrascht, der wiederum perfekt Französisch und einigermaßen Deutsch spricht. Englisch und Italienisch kann er auch.
Neulich hatten wir zum ersten Mal eine gemeinsame Besprechung auf Spanisch, die aber dann irgendwo zwischen pfingstlichem Sprachwunder und babylonischem Chaos endete.

Das Foto stammt aus meiner Zeit in Peramiho, wo noch drei Sprachen (Deutsch, Englisch, Suaheli) ausreichten, um den Alltag zu bewältigen. Es zeigt den Turmbau zu Babel (Bild von P.Polykarp Ühlein in der Kathedrale von Songea).

Geht nicht gegen uns, stinkt aber

30. Juni 2009 by rsk6400

Immer mal wieder entfernen wir stinkende Plastiktüten aus unserem Vorgarten. Ich schaue normalerweise nicht hinein. Heute aber war die Tüte während ihres Fluges über den Zaun aufgegangen und hatte ihren Inhalt, einen großen, stinkenden Fisch freigegeben.
“Das geht nicht gegen uns, das liegt vor anderen Kirchen genauso,” sagt P.Emmanuel mir, als ich mit Ekel im Gesicht vom Fotografieren (siehe oben) zurückkomme.
Ich weiß, denn es handelt sich mal wieder um ein Tieropfer der Santeria. Über diese Religion mit sowohl afrikanischen als auch katholischen Wurzeln habe ich schon berichtet.
Die Tieropfer gelten afrikanischen Gottheiten, aber sie werden grundsätzlich vor katholischen Kirchen abgelegt. Dieselben Figuren in diesen Kirchen, die nach katholischer Interpretation Heilige darstellen, stellen nämlich im Verständnis der Santeria ihre Gottheiten dar.

Am Anfang habe ich eine Religion, die die Kirchen einer anderen Religion benutzt, für ziemlich dumm gehalten. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es sich um einen ganz genialen Trick handelt. Die Afrikaner, die als Sklaven nach Kuba verschleppt worden waren,
durften nur in katholischen Kirchen beten. Und durch die andere Interpretation der Heiligen-Statuen konnten sie trotzdem ihre eigene Religion ausüben und so ihre Identität bewahren.

Erst 1886, vor 123 Jahren, wurde die Sklaverei in der spanischen Kolonie Kuba abgeschafft. Noch heute trifft man auf ihre stinkenden Hinterlassenschaften.

“Ich brauche das Geld nicht”

27. Juni 2009 by rsk6400

Nachdem ich am Sonntag hier über José Martí geschrieben hatte, sah ich am Montag endlich in einem Antiquariat in der Innenstadt seine Versos Sencillos (”Schlichte Verse”) für 5 CUC, die mir unser Spanischlehrer empfohlen hatte, und griff auch gleich zu seinem “Edad de Oro” (”Goldenes Zeitalter”), der Geschichtensammlung, die unser kubanischer Gast empfohlen hatte. In letzterem stand ein Preis von 25 CUC, der mir doch ziemlich “golden” vorkam. Auf mein “Das ist aber teuer” ging der Händler gleich mit einer Preissenkung um 20 % ein, erklärte aber, das Buch sei kostbar, weil es sich um die dritte Auflage von 1940 handle. Ich öffnete mein Portemonnaie, gab ihm 22 CUC und
stellte dann fest, dass ich außer einem 100-CUC-Schein nur noch viele ganz kleine Münzen hatte. Als ich anfing, diese Münzen herauszusuchen, sagte der Händler, “Lassen Sie nur, ich brauche das Geld nicht.”
Die drei CUC, auf die er so schnell verzichtete, entsprechen immerhin knapp 3 Euro, oder 75 Peso der nationalen Währung oder 5 guten, ganzen Ananas, 50 Mangos, 12 Laiben Brot oder 187 Busfahrten.

Der Koch, der uns im Moment in der Küche hilft, wollte gar nicht bezahlt werden. Nur das Benzin für sein Auto für die Fahrten zu uns sollte ich ihm bezahlen. Ich habe also in der ersten Woche geschätzt, was er wohl an Benzin brauchen würde, und gebe ihm seitdem jede Woche diesen Betrag. In der ersten Woche war er zweimal täglich zu uns gefahren, seitdem nur noch einmal täglich für ungefähr eine Stunde am Nachmittag. Ich vermute also, dass ihm durchaus etwas übrigbleibt,
und zwar pro Monat ungefähr so viel, wie seine Frau verdient, die dafür den ganzen Tag als Chefköchin in der Küche des Bischofshauses steht.

Entschuldigung

27. Juni 2009 by rsk6400

Die Adresse www.koenigsmuenster.de/robert.htm, über die viele Leser/innen bisher mein Blog aufgerufen haben, ist am Montag einer Umstellung der Website meines deutschen Heimatklosters zum Opfer gefallen. Alle, die mein Blog erst nach längerem Suchen wiedergefunden haben, bitte ich um Entschuldigung. Allen, die immer noch suchen, wünsche ich viel Erfolg ;-)

Drei Generäle und zwei Rekorde

25. Juni 2009 by rsk6400

Maximo Gomez, der heute freundlich von den 10-Peso-Scheinen lächelt (auf dem oben zu sehenden Denkmal sieht er nicht ganz so freundlich aus), war einer der kubanischen Befehlshaber in den beiden Unabhängigkeitskriegen gegen die spanischen Kolonialherren (1868-78 und 1895-98).
Von ihm stammt der Spruch: “Meine drei besten Generäle: Juni, Juli und August.” Für die Leser/innen, die gerade nicht unter dem kubanischen Wetter leiden, muss ich das wahrscheinlich erklären: Die spanischen
Soldaten waren wegen der Hitze einfach zu erschöpft zum Kämpfen. Allerdings ist mir nicht ganz klar, wieso die kubanischen Soldaten von Maximo Gomez kämpfen konnten, denn die Kubaner vertragen die Hitze auch nicht besser als wir. Heute morgen um Acht war unser Spanischlehrer schon vor Unterrichtsbeginn offensichtlich erschöpft.
“General Juni” hat mir schon zu zwei persönlichen Rekorden verholfen: Ich saß ruhig an meinem Schreibtisch und war trotzdem völlig verschwitzt. Und: Ich habe dreimal an einem einzigen Tag geduscht.
Die Kubaner kündigen uns ständig an, dass es im August noch schlimmer würde, aber es gibt ja ein paar Hilfsmittel, die Dusche, körperliche Bewegung (auf dem Fahrrad). Außerdem kann man tropische Strände (das Foto unten stammt von unserer Fahrt nach Jaruco, als wir unterwegs am Strand angehalten haben) schlecht ohne tropisches Klima haben.

Der bekannteste unbekannte Kubaner

21. Juni 2009 by rsk6400

Das freundlich-nachdenkliche Gesicht von José Martí ziert nicht nur die 1-Peso-Scheine und 1-Peso-Münzen, ihm ist nicht nur das höchste Bauwerk Havannas, der Turm am Platz der Revolution (siehe Foto oben), gewidmet, sondern seine Büste ist auch an fast jeder Straßenecke zu finden (siehe Foto unten). Alle Kubaner, mit denen ich bisher gesprochen habe, scheinen seine Gedichte oder wenigstens seine Erzählungen für Kinder zu kennen und zu schätzen.
Auch außerhalb Kubas ist er sehr bekannt, das weiß nur keiner. Von ihm stammt nämlich der Text des Liedes “Guantanamera”, das mit der Melodie von José (”Joseíto”) Fernández Diáz weltberühmt wurde.
Der große Dichter ging in die Politik, er war führend an der Vorbereitung des großen Aufstandes von 1895 gegen die spanischen Kolonialherren beteiligt. Als General beteiligte er sich am Kampf und fiel noch im ersten Monat einer spanischen Kugel zum Opfer.
Ein Gemälde seines Todes hoch zu Ross ziert die Rückseite der 1-CUC-Scheine.