El presidente

4. November 2009 von rsk6400

Zur Begrüßung gibt man sich hier die Hand, man stellt sich vor oder wird vorgestellt, dann sagt man „Mucho gusto“ (ungefähr: Sehr erfreut) und zwei Sätze später gibt man zu erkennen, dass man nichts, aber auch gar nichts vom Staatspräsidenten Hugo Chavez hält. Er ist schuld an den Ausfällen der Strom- und Wasserversorgung, er hat die Wirtschaft und das Bildungswesen des Landes ruiniert, er ist ein egozentrisches Großmaul und macht die allerdümmsten Sachen und so weiter und so fort.
„Der Staatspräsident gehört zur Santeria (der Religion, die ich schon öfter hier erwähnt habe).“ Ich frage nach: „Sagt er das öffentlich ?“ – „Nein, aber die Parlamentspräsidentin hat bei ihrer Wahl nicht Gott gedankt, sondern Obbatalá.“ Aha, eine Parteifreundin des Präsidenten hat in der Öffentlichkeit eine Santeria-Gottheit erwähnt, und deshalb gehört natürlich auch der Präsident im Geheimen zu dieser Religionsgemeinschaft. Ich schweige angesichts von so viel Logik.

Es gibt aber auch Venezolaner, die – nicht im dritten Satz, sondern erst wenn sich eine gewisse Vertrautheit eingestellt hat – die nicht über den Präsidenten schimpfen, sondern über den Zustand Venezuelas vor 1998, dem Jahr, in dem Chavez gewählt wurde. Damals gab es Bildung nur für die Reichen, das Volk konnte weder lesen noch schreiben lernen, der Reichtum des Landes floss an die multinationalen Konzerne aus den USA und so weiter.

Natürlich sind beide Versionen stark vereinfacht, und die beiden Parteien scheinen nicht miteinander zu sprechen. Zum Glück hat mir P.Marco Antonio vor einigen Tagen ein deutlich klügeres, differenzierteres Bild von der Politik Venezuelas vermittelt.

Das Foto zeigt den Präsidenten rechts mit einem lokalen Kandidaten. Dazu der Text: „Wir arbeiten mit Verantwortung und revolutionärer Mystik. Wir werden es erreichen, effizient zu sein. Sozialismus ist Effizienz.“ Bei dem Wort „Sozialismus“ fällt mir natürlich ein gewisser Staat in Ostdeutschland ein.

Bewacht

2. November 2009 von rsk6400

Vorgestern hatte eine mit P.Beda befreundete Familie in Valencia uns zum Kaffee eingeladen. Schon die Einfahrt zum ganzen Wohnviertel war durch ein Gittertor verschlossen. Wir mussten anhalten, das Fenster herunterlassen und dem Wächter, der müde auf seinem Stuhl im Schatten saß, zurufen: „Familie Suarez.“ Er drückte auf die Fernsteuerung in seiner Hand, das Tor ging auf und wir konnten weiterfahren. Die Häuser selbst waren nochmals gut befestigt (das Foto zeigt ein Nachbarhaus, das mich besonders beeindruckt hat). Nachdem das Schimpfen über den Präsidenten erledigt war, und bevor sich das Gespräch religiösen Fragen zuwendete, sprach man über die Sicherheitslage. „Im Nachbarhaus dort sind Leute entführt worden (Herr Suarez zeigt nach vorne), dort auch (zeigt nach hinten), und dort auch (zeigt schräg zur Seite). Der Wächter nutzt gar nichts.“
Die meisten Entführten kommen nach Zahlung eines Lösegeldes wieder frei, aber das ist angesichts der hohen Mordrate in Venezuela auch nicht so richtig beruhigend.

Venezuela ist nicht das einzige Land auf diesem Kontinent, das ein massives Gewaltproblem hat. Genau vier Jahre vorher war ich zu einem Kongress von benediktinischen Lehrern (nein, wir sind kein Reiseveranstalter !) in Newark, New Jersey (Nachbarstadt von New York). Dort sagte mir ein Schüler: „Heute ist Halloween. Da lässt uns der Direktor schon am Mittag statt am Abend nach Hause gehen.“ – „Aha, damit ihr feiern könnt,“ vermutete ich. „Nein. Viele Gangs haben heute Nacht ihre Aufnahmeriten. Und da müssen die Kandidaten etwas wirklich Schlimmes machen (something really bad), damit sie aufgenommen werden. Der Direktor will, dass wir sicher nach Hause kommen.“

Schlimmer als Nairobi

28. Oktober 2009 von rsk6400

So viel wie in diesem Jahr bin ich noch nie gereist. Da stumpft man etwas ab, oder zumindest lässt die Faszination des Neuen etwas nach. Wahrscheinlich hat es deshalb bis heute gedauert, bis mein Interesse am Land so richtig erwacht ist.

P.Marco Antonio hat uns heute mit nach Valencia genommen, der nächsten Großstadt, eine gute Autostunde von der Abtei Güigüe entfernt. Nach dem Besuch im etwas heruntergekommenen Zoo wollte ich gerne noch die Kathedrale sehen. Beim Aussteigen sah Marco, wie ich die Kamera in die Tasche steckte, und meinte: „Gut, dass du eine Tasche hast. Lass die Kamera besser darin, man muss die Diebe ja nicht unbedingt anlocken.“ Als wir dann aus der Kathedrale wieder herausgingen, fragte er noch die freundliche Pfarrsekretärin: „Hier auf dem Platz kann er doch wohl die Kamera benutzen, oder ?“. Ihre Antwort: „Besser vorsichtig sein.“ Und dabei waren wir zu viert, mitten in einer belebten Innenstadt mit vielen Geschäften und Polizisten an fast jeder Ecke. In Nairobi, der Hauptstadt Kenias, hatte ich die Kamera nicht mitgenommen, wenn ich alleine unterwegs war, aber wenn wir zu zweit waren, hatte niemand ein Problem dabei gesehen.

Vor ein paar Tagen hatte uns Br.Hugo das Klostergelände gezeigt: „Hier sind wir vor einiger Zeit ausgeraubt worden.“ Ich frage: „Nachts ?“ – „Nein, Sonntag nach der Messe. Wir waren zu dritt.“ Gegenüber vom Eingangstor befindet sich ein Hügel mit einem schönen Ausblick. Auch dort hat es schon Raubüberfälle gegeben. Das Kloster liegt nicht etwa mitten in einem Slum, sondern auf einem sonst unbewohnten Hügel oberhalb der Kleinstadt Güigüe, die Art von Gegend, wo man in Deutschland sein Fahrrad unabgeschlossen abstellen kann (ich schließe es allerdings trotzdem lieber ab).

Das Foto ist im Zoo entstanden, passt aber zum Thema.

Oh, wie schön ist …

25. Oktober 2009 von rsk6400

Nein, wir sind kein Reiseveranstalter, wir sind ein Benediktinerkloster ! Und Kuba ist auch nicht der ideale Ort, um von dort aus die ganze Welt zu bereisen. Wenn man – wie wir – eine Aufenthaltsgenehmigung hat, braucht man nämlich für jede Ausreise eine Genehmigung. Wenn kein Notfall vorliegt, muss sie 70 Tage vorher beantragt werden.

Schon im August hatte ich den Antrag gestellt, und gleich nach meiner Rückkehr aus Europa hatte ich den Pass in der Nuntiatur an Sr.Mercedes übergeben, die sich freundlicherweise immer um solche Fragen kümmert. Mittwoch früh war ich wieder da. „Ihr Pass ist noch nicht zurückgekommen,“ sagte sie mir. „Aber wir fliegen morgen früh !“ – „Dann mache ich das dringend. Kommen Sie bitte um 15:30 Uhr wieder.“ Kurz nach halb Vier kommt sie von ihren Behördengängen zurück, macht zunächst einen nichts sagenden Gesichtsausdruck, dann lächelt sie und zieht meinen Pass aus ihrer Handtasche. Ich schaue mir die eingeklebte Ausreiseerlaubnis an und lächle nicht. 40 Tage stehen diesmal darin, die Reise soll aber 42 Tage dauern. Bei der Europa-Reise waren es 80 Tage gewesen, Martin und Cyrille haben 70 Tage erhalten. Da ich nicht weiß, wie es unterwegs mit der E-Mail-Verbindung sein wird, schreibe ich gleich eine E-Mail nach Deutschland, um den Rückflug 3 Tage vorzuverlegen.

Am Donnerstag steht pünktlich um halb Sieben morgens das Taxi vor der Tür, Martin, Cyrille und ich fahren zum Flughafen und landen knappe fünf Stunden später schon in Panama, wo wir umsteigen müssen. Netterweise fliegen wir vorher noch eine Schleife mit Blick auf den pazifischen Eingang des Panama-Kanals, siehe Foto.

Am Flughafen in Panama gibt es drahtlosen Internet-Anschluss kostenlos, und unsere Prokura in Deutschland ist auch auf Zack: So habe ich schon in dort die elektronischen Tickets mit dem um drei Tage vorverlegten Rückflug auf dem Rechner.

Und plötzlich ist die Tasche weg

20. Oktober 2009 von rsk6400

Gestern beim Einsteigen in den Bus: Vorne passte wirklich niemand mehr herein. Br.Jacques und ich gaben daher einem Passagier, der aus der Vordertür heraushing, das Fahrgeld, damit er es zum Fahrer weiterreichte. Der Fahrer öffnet die Hintertür, ich balanciere meine Baumwolltasche mit der linken Hand auf dem Kopf, während ich mich hinter Jacques ins Gedränge stürze, oder besser: drücke. Irgendwann gelingt es mir tatsächlich, einen Fuß auf die unterste Stufe zu stellen und mich mit der rechten Hand an der Haltestange der Tür festzuhalten (was etwas unpraktisch ist, da sich die Tür links von mir befindet). Jetzt versuche ich, mit der linken Hand die Haltestange zu erreichen, die sich – wie in jedem deutschen Linienbus auch – über den Köpfen der Passagiere befindet. Dafür stelle ich die Tasche erst einmal auf dem Kopf von Jacques ab. Praktischerweise drückt der Fahrgast, der hinter mir einsteigen will, mich kräftig die Treppe hoch. Mir ist nicht ganz klar, wo er eigentlich den Halt findet, den er dafür braucht. Aber egal, so lange er von hinten drückt, kann ich schlecht herausfallen (der Bus fährt jetzt langsam an, das tat auch der Bus vor meinem Fenster genau in dem Moment, wo ich das Foto oben gemacht habe). Während ich versuche, mit der einzigen freien Hand die Bänder meiner Tasche so zu ordnen, dass sie an meinem Handgelenkt bleibt, wird sie mir abgenommen und wandert von Hand zu Hand bis auf den Schoß einer Frau in der zweiten Reihe hinter der Tür. Sie lächelt mir freundlich zu, was besagen will, „Ich pass schon auf deine Tasche auf.“
Wenn wir ein Auto hätten, wäre das Leben natürlich bequemer, aber auch langweiliger.

Übeltäter

17. Oktober 2009 von rsk6400

Das Gebäude befindet sich in der Altstadt Havannas an der Calle San Ignacio, also auf dem Weg von der Kathedrale zur Plaza Vieja, dem schönen, alten Platz mitten im Zentrum.
Die große Tafel sagt: „Hinweis an die Gemeinschaft der Nachbarn. Dieses Gebäude ist dabei, von einer Gruppe von Übeltätern zerstört zu werden, die in es eindringen, um alles zu stehlen, was sie können. Das Schlimme sind nicht nur die Schäden, die sie schon an einer Immobilie verursacht haben, die zu Wohnungen für die, die sie nötig haben, bestimmt sein wird, gemäß den Planungen, die Sie kennen. Das wirklich Schlimme ist, dass sie dabei sind, die Mauern zu schwächen, die Wände zu zerstören, so dass sehr bald das Gebäude eine Ruine sein wird, so dass sogar Unglücke mit Personen auftreten können, die niemand vermeiden kann.
Lassen Sie das nicht zu. Organisieren Sie sich. Statuieren Sie ein abschreckendes Beispiel und retten Sie Ihre eigenen Häuser.
Büro des städtischen Denkmalpflegers.“
Fazit: Nicht nur wir Deutsche, auch die Kubaner haben eine Vorliebe für lange, komplizierte Sätze. Im ersten Satz kommt sogar eine Verlaufsform im Passiv vor (Spanisch: está siendo destruido, Englisch: is being destroyed, Deutsch: ist dabei, zerstört zu werden).

„Die Franzosen waren schlimmer“

15. Oktober 2009 von rsk6400

Gestern hatte ich endlich mal wieder das Vergnügen, in die Altstadt zu kommen. Die gehört (abgesehen von der immer noch großen Hitze) zu den schönsten Städten, die ich kenne (mit Paris, Sansibar, Jerusalem und Dortmund). Insofern würde ich eigentlich gerne etwas hier bleiben, aber wir sind auf Unterstützung angewiesen und müssen deshalb die Kontakte zu unseren Nachbarklöstern pflegen.
Nächsten Donnerstag fliege ich daher mit den beiden jungen Brüdern aus Togo, Martin und Cyrille, nach Venezuela und später von dort weiter nach Kolumbien. Unser Besuch gilt den Klöstern in Güigüe, El Rosal und Guatapé. Mit meinem europäischen Pass kann ich ohne weitere Probleme in diese Länder einreisen, aber meine Brüder haben das Pech, einen togolesischen Pass zu besitzen. Dass man für ein Visum ein Einladungsschreiben aus dem Zielland benötigt, ist weltweit üblich. Aber es ist hier gar nicht so leicht, an ein solches zu kommen. Per E-Mail ? Wird an der kolumbianischen Botschaft nicht akzeptiert. Per Post ? Dauert sehr lange und kommt nicht immer hier an. Also per Fax. Wir haben kein Fax, ich bitte unsere Brüder in Kolumbien, an den Sekretär des Erzbischofs zu faxen. Anfang September, einige Tage vor meiner Abreise nach Europa, ruft der an: „Das Fax ist da.“ Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Am Morgen meines Abreisetages bringe ich zusammen mit Cyrille die vollständigen Unterlagen zum Sekretariat der kubanischen Bischofskonferenz. Das will sich freundlichweise um alles weitere kümmern. Kaum bin ich in Europa, kommt eine SMS: „Die Bischofskonferenz braucht das Einladungsschreiben im Original.“ Wir schalten Raulito ein, den Fahrer des Kardinals und Nothelfer für alle Probleme jeder Art. Der überzeugt das Sekretariat der Bischofskonferenz davon, dass die Kolumbianer auch ein Fax akzeptieren.
Gestern waren Martin und Cyrille dann an der Botschaft, um ihre Pässe abzuholen – mit Visa. Ich bemerke: „Dafür, dass das Visum 100 Dollar kostet, haben die Kolumbianer wenig Service geboten.“ Cyrille erwidert, „Die Franzosen waren schlimmer.“ Für den Flug von Togo über Paris nach Kuba hatten unsere Brüder ein Transitvisum für Frankreich beantragt. Der Antrag kostete per Person 100 Dollar, aber das Visum wurde dann ohne Angabe von Gründen verweigert. Für das kolumbianische Visum zahlt man dagegen nur, wenn man es auch tatsächlich erhält.

Jagdglück

13. Oktober 2009 von rsk6400

Gestern Morgen war ich mal wieder zur Apostolischen Nuntiatur unterwegs, unserer großen Helferin in allen Fragen von Ein-, Ausreise- und Aufenthaltsgenehmigungen. Ich hatte meine Kamera dabei, aber unterwegs fand ich kein lohnendes Fotoobjekt, schließlich hatte ich den kurzen Weg schon dutzende Male zurückgelegt und abfotografiert. Erst als ich auf dem Rückweg schon wieder in unsere Straße einbog, hatte ich endlich die Fotogelegenheit, auf die ich schon Monate gewartet hatte: Das Auto eines Nachbarn. Ich hatte es schon oft gesehen, aber nie die Kamera dabei gehabt. Und wenn ich die Kamera dabei hatte, war der Käfer gerade unterwegs. Die Form kommt einem doch irgendwie bekannt vor, und dann auch wieder fremd. Jedenfalls habe ich neulich in einem Buch gelesen, die kubanischen Automechaniker seien die besten der Welt.

Seuchengebiet

11. Oktober 2009 von rsk6400

Seit vorgestern bin ich wieder in Havanna. Bei der Ankunft am Flughafen überraschten mich die Gesichtsmasken, mit denen das gesamte Flughafenpersonal ausgestattet war. Ach klar, dachte ich mir, ich komme ja aus dem Gebiet, das von der neuen H1N1-Grippe verseucht ist. Immerhin, ganz ernst nehmen Kubaner solche Vorsichtsmaßnahmen nicht. Als ich Schwierigkeiten hatte, die Zöllnerin zu verstehen, die für meinen Computerbildschirm 60 Peso Zoll forderte, nahm sie freundlicherweise ihren Gesichtsschutz ab. Leider sprechen Kubaner auch ohne Nase-Mund-Schutz undeutlich genug.
Außerhalb des Flughafens habe ich hier noch niemanden mit Maske gesehen, doch hat die Angst vor der neuen Grippe inzwischen auch Kuba erreicht. Gestern gab mir eine Bekannte die Hand mit der Bemerkung: „Wegen der Pandemie machen wir das jetzt ohne Küssen.“ Und nach der Messe heute gab P.Emmanuel extra den Hinweis der Gesundheitsbehörde an die versammelte Gemeinde weiter, man solle das Küssen zur Begrüßung unterlassen. Für Leser / innen, die mit der spanischen Tradition, die auch auf Kuba herrscht, nicht vertraut sind: Hiers geben sich auch gänzlich unbekannte Personen zur Begrüßung einen Wangenkuss, wenn mindestens eine der Beteiligten eine Frau ist.

Nach einiger Diskussion mit der maskenlosen Zöllnerin und ihrer Chefin konnte ich es übrigens vermeiden, die 60 Peso (knapp 50 Euro) für meinen vier Jahre alten Bildschirm zu bezahlen.

In einem langweiligen Land

11. September 2009 von rsk6400

Vorgestern bin ich in Deutschland gelandet. Es gibt einiges zu besorgen und zu organisieren, und außerdem heiratet mein künftiger Schwager ;-) .
Ich möchte Deutschland nicht als „langweilig“ bezeichnen, aber ganz so spannend wie auf Kuba ist es hier doch nicht; daher setze ich das Blog erst fort, wenn ich am 11.10. wieder dort bin.