Archive for Juni 2010

Fußballfeinde

28. Juni 2010

„Und du, bist du für Ghana ?“, frage ich Br. Cyrille. „Klar doch, Ghana beginnt nur 100 km von meinem Heimatort entfernt.“ (Cyrilles Heimat Togo liegt zwischen Ghana und Benin) „Vom Haus meiner Eltern bis Holland sind es auch nur 100 km, und trotzdem würde ein deutscher Fußballfan nie für Holland sein“, sage ich, und denke dazu, „zumindest kein Sauerländer.“ – „Zwischen Togo und Ghana war das früher auch anders. Damals hat Ghana die Guerilla bei uns unterstützt, aber inzwischen haben sich die Präsidenten versöhnt.“ Das macht mich doch nachdenklich – stammt die Fußballfeindschaft zwischen uns und unseren orangen Nachbarn vielleicht noch aus den Tagen des deutschen Überfalls 1940 ?
Ein paar Tage später kommt unser Gespräch zufällig auf die Reise meiner togolesischen Brüder von Togo nach Kuba. Der erste Versuch im vorigen März war an dem fehlenden Transit-Visum für Paris gescheitert. „Die Franzosen mussten von der WM schon nach Hause fahren. Geschieht ihnen recht. – Malos.“ sagt Cyrille. Das spanische Wort malo kann „böse“ oder auch „schlecht“ bedeuten. Also frage ich nach: „Arrogant ?“ Mit Nachdruck bestätigt er: „Arrogant ! Dieser Sarkozy !“ Die französische Botschaft in Togo hat die Gebühren für das Transit-Visum kassiert, dann aber das Visum nicht erteilt. Sie sind dann schließlich über Deutschland nach Kuba gereist; die deutsche Botschaft war fair: Bei den Deutschen werden Visa-Gebühren nur fällig, wenn das Visum auch wirklich erteilt wird. Und außerdem sind die Franzosen ja die ehemaligen Kolonialherren Togos.
Mal sehen, was passiert, wenn Ghana und Deutschland im Endspiel aufeinander treffen.

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Baseball ist out

24. Juni 2010

Auf den Straßen und Plätzen Havannas sieht man – vor allem abends – ständig Jungen und junge Männer Baseball spielen – so hätte ich vor zwei Wochen noch schreiben können. Aber jetzt ist das plötzlich vorbei: Die Basebälle, die Schläger und die Handschuhe sind aus dem Straßenbild verschwunden – die kubanischen Jungs sind auf eine vernünftige Sportart umgestiegen, siehe Foto. Bei meinen beiden letzten abendlichen Radtouren habe ich knapp zehn Gruppen beim Fußball, eine beim Handball, eine beim Inline-Skating (dabei ein einziges Mädchen) und eine beim Judo beobachtet, keine einzige beim Baseball.
Auch sonst bewirkt Südafrika Veränderungen: Der kubanische Priester, der diese Woche als Urlaubsvertretung für unseren P.Vianney bei uns die Messe feiert, sagte gestern beim Friedensgruß am Altar leise zu mir, „Deutschland hat gewonnen.“ Laut Messbuch hätte er sagen sollen: „Der Friede sei mit dir“.

Grausiger Nachtrag zu Kolumbien

21. Juni 2010

Nach der Rückkehr aus Kolumbien hatte ich im letzten Dezember geschrieben, „Ob die Geschichte wahr ist, dass das Militär schon mal arbeitslose junge Männer aus abgelegenen Dörfern zwingt, sich Guerilla-Uniform anzuziehen ? Dann werden die angeblichen Guerillas erschossen und das Militär führt die Leichen als Beweis für einen Sieg über die Guerilla vor.“ Was ich damals für ein Gerücht gehalten habe, ist laut der ARD-Sendung „Weltspiegel“ vom 30.5. grausame Wahrheit. Der „Weltspiegel“ spricht von 3000 Menschen, die – völlig unschuldig und weitab vom Kampfgeschehen – ermordet wurden. Als Motiv gibt der „Weltspiegel“ die Kopfprämie an, die die Regierung auf tote Guerillas ausgesetzt hat. Da fällt mir doch wieder das Plakat ein, das ich in Guatapé fotografiert habe: „Reise ohne Sorgen – das Heer ist mit dir.“ Der verantwortliche Verteidigungsminister Juan Manuel Santos ist gestern mit knapp 69 % der Stimmen in der Stichwahl zum neuen Präsidenten Kolumbiens gewählt worden.

Vom Bezahlen

21. Juni 2010

Franqui und Roberto sind die beiden Architekten des Erzbistums. Eigentlich haben sie genug damit zu tun, das neue Priesterseminar zu bauen (das Foto zeigt die Baustelle, links P.Vianney, hinter der Kamera versteckt Architekt Maxwell Espina, rechts Franqui; beachte den Hund, der auf der Baustelle zwar eigentlich nichts zu suchen hat, aber trotzdem überall rumläuft und hinpinkelt), aber nebenbei bauen sie auch noch unsere Garage (bitte frage mich keiner, warum der Bau einer Garage 6 Monate dauert – das ist einfach so auf Kuba). Franqui kommt vorbei: „Ich habe hier die Rechung für den vierten Bauabschnitt. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten Sie die vielleicht am Freitag bezahlen. Ich meine, nur wenn es möglich ist. Es geht sonst auch nächste Woche. Oder auch übernächste. Ich meine, nur wenn es möglich ist.“ Sonst wirkt er gar nicht schüchtern, und bescheiden sind seine Rechnungen auch nicht.
Letzte Woche war es aber anders. Er ruft an: „Können Sie bis morgen 1000 CUC von der fünften Rate bezahlen ?“ Dann bringt er die Rechnung vorbei. Darauf steht: „Ich brauche das Geld dringend“ (in Großbuchstaben). Am nächsten Morgen spricht mich der Vorarbeiter an: „Franqui bittet um Ihren Anruf, ob er heute kommen kann.“ Ich rufe sein Handy an; die Verbindung kommt nicht zustande. Warum müssen die Kubaner auch so kompliziert sein; ich habe ihm doch zugesagt, wie gewünscht zu bezahlen.
Der junge Zeitungsbote ist ein anderer Typ. Letzte Woche brachte er mal wieder die Rechnung für das Quartal. „Wie viel ist es ?“, frage ich. – „18“ (Etwas weniger als ein Euro). Ich hole das Geld, dann fällt mein Blick auf die Rechnung: 16,20. Also steige ich nochmals die Treppe hoch, hole 20 Centavos und gebe ihm den Betrag genau abgezählt. Wir unterhalten uns freundlich noch ein bisschen, er zeigt mir seine Brotzeit, die unter anderem zwei Getränkedosen enthält. Die beiden Dosen kosten zusammen 1 Euro, wer nur den offiziellen Monatslohn von knapp 15 Euro erhält, kann sich die nicht leisten. Ich habe also kein schlechtes Gewissen, dass ich den Betrag nicht aufgerundet habe. Am nächsten Tag steht mit Kugelschreiber auf der Zeitung: „Robert, lies in der Bibel 1.Tim 6,10“. Die Stelle lautet: „Die Wurzel aller Übel ist der Geiz.“

Zwei Schritte zurück, einer vor

16. Juni 2010

Nachdem es in den letzten Wochen eher rückwärts ging (der Ausfall von P.Emmanuel, die Erkenntnis, dass unser Grundstück kein Grundwasser hat), sind wir letzte Woche ein Stück voran gekommen: Maxwell Espina hatte den 36-stündigen Flug über Hongkong und Madrid auf sich genommen und war von vergangenem Mittwoch bis gestern (Dienstag) bei uns. Er ist Architekt (wie sein Vater, seine Mutter, sein Bruder und sein Neffe) und hat das Kloster unserer Kongregation in Digos auf den Philippinen gebaut. Nebenbei ist der Dekan des Architektur-Departments an der Universität und gehört der philippinischen Leitung von SOS-Kinderdorf an („Wenn die Deutschen so viel für die Waisenkinder in unserem Land spenden – so habe ich mir gedacht – dann muss ich auch was geben.“)
Was er mag: Architektur, der man ansieht, in welchem Land sie steht („Viele kopieren auf den Philippinen einfach amerikanische Vorbilder, ohne zu verstehen, was dahintersteckt. Architektur muss zum Klima, zum Licht, zur Kultur des Landes passen.“) und die guten Straßen von Havanna. Was er nicht mag: Wegwerfen von Lebensmitteln („Seit die Amerikaner alles supergesized haben, bleibt so viel übrig“) und amerikanischen Imperialismus (Die Philippinen waren ein halbes Jahrhundert lang US-Kolonie. Im Zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner Manila von den Japanern befreit. Aber vorher haben sie es vollständig zerstört.)
Das Foto zeigt ihn (vorne rechts, daneben im gelben T-Shirt Br.Jacques) beim Besuch unseres wasserlosen Grundstücks mit frisch gepflückten Mangos.

Brieftäschner

9. Juni 2010

„Ich habe meine Brieftasche mit dem Personalausweis und etwas Geld unterwegs verloren,“ so gestern Morgen mein Spanischlehrer. „Gestohlen ?“, frage ich sofort, denn ich denke an ein Erlebnis aus dem Bus: In meiner linken vorderen Tasche befand sich mein Portemonnaie und ein Blatt Notizpapier samt Kugelschreiber. Plötzlich stellte ich fest, dass sich das Portemonnaie ziemlich weit nach oben verschoben hatte, aber gerade noch in der Tasche steckte. Das wertlose Notizpapier und der schöne, kurze Kugelschreiber fehlten aber, genauso wie der Schlüsselbund samt USB-Stick aus der rechten vorderen Hosentasche. Ich hatte gestanden, die Sachen können also nicht herausgerutscht sein.
Mitfühlend frage ich meinen Lehrer, ob es sehr kompliziert sei, einen neuen Ausweis zu bekommen. Schließlich ist die kubanische Bürokratie noch komplizierter als die deutsche. „Nein, das ist eine Sache von zwei, drei Tagen. Ich habe Erfahrung damit, schließlich bin ich schon oft Bus gefahren. Der Polizist, der die Ausweise ausstellt, wird 10 Peso (ein knapper halber Euro) Strafe fordern und mich ermahnen, besser auf meinen Ausweis aufzupassen. Ich werde ihm sagen, dass die Polizei besser auf die carteristas aufpassen soll.“ (Das Wort „carterista“ steht nicht im Wörterbuch. Es wird auf Kuba aber von jedem verstanden und bedeutet ungefähr „jemand, der professionell mit Brieftaschen (cartera) zu tun hat“)
Gerade eben rief mein Lehrer an – er kann heute nicht kommen, weil er seinen neuen Ausweis abholen muss. Es hat also nur einen Tag gedauert. Übrigens vermutet er, dass er diesmal den Ausweis durch eigene Schuld verloren hat – ich habe da noch Zweifel.
Das Foto zeigt den Zustand meines Fahrradschlosses, in dem ich es am Freitag vorfand. Offensichtlich hatte sich ein bicicletista daran versucht. (Das Wort „bicicletista“ ist eine Erfindung von mir: „Jemand, der mit Fahrrädern zu tun hat“ – den Zusatz „professionell“ lassen wir angesichts seiner stümperhaften Arbeit mal weg.)

Spanisch

4. Juni 2010

In der Gemeinschaft haben wir mit Spanisch eigentlich keine Verständigungsprobleme mehr (auch wenn niemand weiß, wie das Gummiding mit dem Stiel heißt, mit dem man verstopfte Abflüsse wieder freimachen kann; aber das weiß ja auch auf Deutsch keiner), und auf Spanisch predigen kann ich im Prinzip auch – die höflichen Kubaner behaupten zumindest, sie hätten mich verstanden.
Heute Morgen während des Spanischunterrichts schellte ein kleiner Junge an der Tür: „Meine Oma fragt, ob Sie uns wohl etwas tierra leihen können.“ Normalerweise fragen Leute bei uns nach Geld, Milch, Medikamenten oder Weihwasser. Aber das Wort „tierra“ (Erde) verwirrt mich genauso wie das Wort „leihen“. Also frage ich zurück: „Suelo ?“ (Boden ?) Er: „Sie verstehen mich nicht ?“ Ich rufe meinen Spanischlehrer. Der hört sich die Frage nochmal an, fragt, „Suelo ?“ und wird sofort verstanden. Es geht um Erde aus dem Loch, das wir im Vorgarten ausschachten mussten, um das Hauptabflussrohr freizubekommen. Frustriert sage ich meinem Lehrer: „Ich glaube, ich habe das Examen nicht bestanden.“