Archive for Dezember 2014

Drei Kinder sind uns geboren

28. Dezember 2014

Zweiter Weihnachtstag, nachmittags um 5. Es regnet. Sr.Hildegard ruft an, die Verwalterin des Krankenhauses. Sie hat diese Woche schon zweimal angerufen, weil sie schlecht geplant hatte und deshalb eines unserer Autos brauchte. “Unser Auto hat einen Platten. Wir müssen eine Frau nach Kibena (dem nächstgrößeren Krankenhaus) bringen. Ihr Zustand ist wirklich schlecht.”
Ihr Fahrer kommt mit dem Fahrrad vorbei, gerade als der Regen am heftigsten ist. Ich gebe ihm den Zündschlüssel und zeige ihm das Auto. Danach bin ich klitschnass, der Fahrer noch nässer.
Am nächsten Morgen erklärt sie mir, was passiert ist: Die Wehen hatten eingesetzt, es schien alles gut zu verlaufen, aber dann bekam die Frau unerwartet einen epileptischen Anfall. Mit zwei Krankenschwestern und dem Fahrer ging es also zum Kibena-Krankenhaus in der Bezirksstadt Njombe. Dort war abends am Feiertag kein Arzt mehr anzutreffen, nur inkompetente Krankenschwestern. “Regierungskrankenhaus,” kommentiert Sr.Hildegard, und damit ist – leider ! – alles gesagt. Unsere beiden Krankenschwestern wissen sich aber zu helfen: “Wir warten, bis der Arzt kommt.” Wenn sie zu uns zurückgefahren wären und die Patientin in Kibena gelassen hätten, wäre sie wohl gestorben. Aber unter dem Druck der Kolleginnen bemüht man sich doch, den Arzt herbeizuholen. Nach über zwei Stunden kommt der tatsächlich, der Kaiserschnitt wird gemacht, Mutter und Zwillinge sind wohlauf.
Ach ja, das Kibena-Krankenhaus. Neulich musste die Frau eines Freundes von mir dorthin. Am Freitag kam seine SMS, “Sie ist jetzt im Krankenhaus. Ich bitte um dein Gebet für eine gute Geburt.” Am Samstag, “Noch nicht. Aber es lässt sich gut an.” Am Montag Morgen, “Der Service in Kibena ist nicht gut (Tansanier drücken sich gerne zurückhaltend aus, ein Deutscher würde wahrscheinlich schreiben, “ist katastrophal”). Ich halte es für besser, sie nach Ikonda zu schicken.” Am Nachmittag, “Wir sind gut in Ikonda angekommen, und sehr gut aufgenommen worden. Man hat sich sofort um uns gekümmert.” Letzteres ist wohl der Unterschied zwischen dem katholischen Krankenhaus von Ikonda und dem Regierungskrankenhaus von Kibena. Auch in dem Fall war ein Kaiserschnitt nötig, es ist alles gut gegangen.

Hygienestandards

2. Dezember 2014

umzug Die Anreise nach Illeret hatte mich schon in gewisser Weise auf die Nacht in der Fora (siehe vorigen Artikel) eingestimmt: Ich lernte nämlich Victor kennen. Der sympathische junge Mann hat Landwirtschaft studiert, als er noch Bruder in Peramiho war. Jetzt arbeitet er für den staatlichen Veterinärdienst bei den Massai, dem berühmten Nomadenvolk im Grenzgebiet zwischen Tansania und Kenia. Deren Respekt hat er sich erst erarbeiten müssen. Dazu gehörte auch, bei den Massai draußen unter einer ungezieferverseuchten Lederdecke zu schlafen und mit ihnen Tee zu trinken, ohne sich um den Schmutz darin zu kümmern. Meine Gedanken dazu waren: “Hoffentlich gibt es in Illeret keine solchen Decken”, und: “Ein europäischer Tierarzt bei den Massai würde genauso reden.”
Besonders nett fand ich ein Erlebnis aus Victors Anfangszeit bei den Massai: Man rief ihn zu einer Kuh, die sich nicht auf den Beinen halten konnte. Er fand aber keine Symptome irgendeiner bekannten Krankheit, und sagte daher, “Wenn Kühe Alkohol trinken würden, würde ich sagen, die ist betrunken.” Eine Woche später klärte man ihn dann auf: Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, die Massai hatten der Kuh Bier vorgesetzt, um ihn auszutesten.
Das Ungeziefer ist mir bei den Nomaden zum Glück erspart geblieben, und ob das Essen oder der Tee schmutzig waren, konnte ich in der Dunkelheit nicht sehen. Nach der Rückkehr wurde ich in Illeret etwas spöttisch gefragt, ob ich den Ausflug genossen hätte. Vin, der als Helfer des Lastwagenfahrers nicht gerade ein bequemes Leben hat, ist überrascht, dass ich bejahe. Er lebt schon ein paar Jahre in Illeret und war nur zweimal “draußen”. Gefallen hat es ihm nicht – “nicht hygienisch genug”, sagt er.
Die Gespräche mit Vin und Victor führen mir vor Augen, dass ihr Lebensstil und ihre Vorstellungen deutlich näher an europäischen Vorstellungen liegen, als an denen ihrer nomadischen Landsleute.
Das Foto zeigt eine Nomadenfamilie beim Umzug – der ganze Hausrat passt auf drei Esel.