Archive for November 2008

Mal wieder unterwegs

28. November 2008

Morgen früh geht es mal wieder auf Reisen, morgen Abend wollen wir in Dar es-Salaam ankommen. Am Dienstag erwarte ich meine Eltern, freue mich riesig, und blogge bis Weihnachten wohl recht unregelmäßig.

Das Foto zeigt den Hafen von Dar von der Dachterasse eines Hotels aus, ich habe es 1994 bei meinem ersten kurzen Aufenthalt in Tansania gemacht.

„Rassendiskriminierung“

27. November 2008

Letzte Woche ist Br.Bakanja aus der Abtei Ndanda hier angekommen. Ich arbeite mit ihm an einer neuen Homepage für seine Abtei. Als wir gestern über verschiedene Farben diskutieren, scherzt er, „Das ist ubaguzi (Diskriminierung).“ Ich: „Ubaguzi wa rangi (Farbendiskriminierung)“ Er schaut mich an, und sein Blick sagt: „Ach, du weißt, was dieses Wort bedeutet ?“ Ja, ich weiß es, es bedeutet „Diskriminierung nach Hautfarbe“, wir würden „Rassendiskriminierung“ sagen. Offensichtlich kann man in Tansania Scherze über dieses Thema machen. Das Land ist vor Bakanjas oder meiner Geburt unabhängig geworden. Und auch davor gab es in Tansania (damals hieß es noch Tanganjika) so wenige von den englischen Kolonialherren, dass die Erfahrungen mit Rassendiskriminierung hier sicherlich weniger schlimm waren als etwa in Kenia. Trotzdem ist die Hautfarbe hier durchaus ein Thema, manche Schönheitssalons bieten Hautaufhellungen an.

Ich habe eine neue Theorie

26. November 2008

In den ersten Monaten kamen mir die Tansanier hier ziemlich gleich vor – nicht nur die Hautfarbe war bei allen relativ ungewohnt, auch die Gesichter konnte ich nicht so leicht unterscheiden, alle verhielten sich recht ähnlich und sprachen in einer ziemlich unverständlichen Sprache. Meine Idee war, zuerst die Sprache zu lernen und dann „die Afrikaner“ zu verstehen. Nein, keine Angst, liebe/r Leser/in, jetzt kommt nicht der Gemeinplatz, dass es „die Afrikaner“ genauso wenig gibt wie „die Deutschen“.

Meine neue Theorie begann mit dem Straßenhändler auf dem Foto. Er wollte den Buspassagieren Erdnüsse verkaufen. Als ich ihm durchs Fenster aber freundlich sagte, dass ich nichts brauche, wollte er einfach nur fotografiert werden. Neulich in Songea hatte ich ein ähnliches Erlebnis: Ich saß im Minibus-Taxi und wartete auf die Abfahrt nach Peramiho. Ein junger Händler saß vor der Hauswand, machte sich gar nicht die Mühe, zum Bus zu gehen, zeigte nur auf seine Ware und lächelte freundlich. Ich machte eine ablehnende Handbewegung und lächelte genauso freundlich zurück. Er wiederholte das Spiel ein paar Mal, aber es war klar, dass es ihm einfach um den Spaß an dieser Art stummen Gesprächs ging und nicht um das Verkaufen. Erst als der Bus sich in Bewegung setzte, kam er ans Fenster, und sagte „Gute Reise, Rafiki.“ Rafiki heißt „Freund“, und wenn ein Straßenhändler diese Anrede gebraucht, sollte man normalerweise sehr vorsichtig sein, weil sie halt bedeutet, „Ich bin hinter deinem Geld her.“ Diese beiden Straßenhändler waren aber offensichtlich Ausnahmen von der Regel, und so kam ich zu einer neuen Theorie: Zwei „normale“ Tansanier sind untereinander stärker verschieden als zwei „normale“ Deutsche. Regeln im Sinne von „Das tut man so“ gibt es hier natürlich auch, aber nicht so viele davon. Kaum hatte ich mir diese Theorie zurechtgelegt, hat Irene sie mir unfreiwillig bestätigt. Irene stand ohne erkennbaren Anlass mitten im Physikunterricht auf, ging zu meinem Pult und legte mir 500 Shilling darauf, um die Foto-CD zu erwerben, die ich ein paar Tage zuvor angeboten hatte. Solche Spontaneität kenne ich von 10-jährigen deutschen Schülern. Irene aber ist 15 oder 16.

Afrikanische Nacht

25. November 2008

Straßenbeleuchtung gehört zu den Dingen, die in Deutschland so selbstverständlich sind, dass man sie gar nicht mehr wahrnimmt. Auch in Peramiho gibt es Straßenbeleuchtung, das macht das Leben einfacher, und vor allem dient es dem Schutz vor Dieben. An einem Abend der letzten Woche um 9 hatte ich gerade mein Fahrrad in die Hand genommen und mich auf den Weg von „unserem Bauernhof“ zur Abtei gemacht, als es mit einem Schlag richtig finster wurde: Stromausfall. Kein Mond am Himmel und wirklich nirgendwo irgendeine Lampe zu sehen. Ich kenne den Weg inzwischen sehr gut, und die Häuser waren wenigstens als schwarze Schatten erkennbar. Ich habe also mein Fahrrad geschoben, so dass ich eventuelle Hindernisse an den Bewegungen des Vorderrades erkennen würde (Dass Fahrräder kein Licht haben, gehört zu den selbstverständlichen Dingen hierzulande), und habe es genossen, einmal so richtig die Sterne sehen zu können. Als das Licht nach ein paar Minuten wieder anging, habe ich das fast bedauert.

Seit einigen Wochen steht unser Wasserkraftwerk still, wie jedes Jahr, bevor genug Regen gefallen ist, um den Stausee zu füllen (das Foto oben ist im August entstanden, da war er noch randvoll). In dieser Zeit kommt der Strom aus den beiden Dieselgeneratoren in unserer Elektrowerkstatt. Die sind etwas älter und fallen ein- oder zweimal pro Tag aus, gerne auch nach Feierabend. Dann muss Br.Wolfram, der gelernte Elektriker, oder Br.Martin, der Lehrling, in die Werkstatt laufen, das Problem feststellen und den Generator neu starten. „Wenn das nachts passiert, rufen die Wächter mich an,“ sagte Wolfram mir. Da unangenehme Aufgaben hier gerne an die Untergebenen abgetreten werden, war ich überrascht, dass er diese Aufgabe nicht an den Lehrling weitergegeben hatte. Seine Begründung: „Martin ist in der Ausbildung. Es wäre nicht gut, wenn er im Unterricht einschlafen würde.“ Respekt.

Der lustigste Stromausfall ereignete sich neulich während des Gottesdienstes abends. Br.Anselm las gerade aus dem Buch der Offenbarung vor: „Es wird keine  Nacht mehr geben,“ Es wurde finster, und er stoppte exakt bei dem Komma. Als der Strom wieder da war, fuhr er mit dem Rest des Satzes fort: „und sie brauchen weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne.“

Während ich dies schreibe, ist gerade wieder Stromausfall, aber mein Computer hat eine Unterbrechungsfreie Stromversorgung, kann also einige Minuten von der Batterie zehren.

Das Foto unten stammt ebenfalls aus Likingo und zeigt eine Liane von unten.

Abschied vom Bauernhof

24. November 2008

Am Samstag Abend habe Br.Mauro, der aus den Ferien zurückgekommen ist, seine Aufgabe auf dem „Bauernhof“ der Kandidaten und Postulaten wieder übergeben. Für mich war es eine anstrengende Zeit (letzte Woche Montag bin ich nicht einmal zum Bloggen gekommen), aber auch eine sehr schöne und spannende. Während meine Physikschülerinnen nur ganz selten mal eine kurze Frage stellen, gelang es mir im Unterricht bei den angehenden Mönchen tatsächlich, eine lebendige Diskussion über die Deutung der biblischen Paradiesesgeschichte zu verursachen. Da kam ein geradezu „italienisches“ Diskussionstemperament zum Vorschein, begleitet von einem höchst lebendigen Mienenspiel und Gesten. Leider habe ich Norbert nicht fotografiert, als er seine Hände ausstreckte und mit „Ngoja kwanza !“ („Warte erstmal !“) versuchte, sich Gehör zu verschaffen.

„Hast du gekocht ?“

22. November 2008

Medizinische Untersuchungen von Knochenfunden haben ergeben, dass unsere germanische Vorfahren keineswegs die gesunden Naturburschen waren, die wir uns vielleicht vorstellen. Die Alten Germanen hatten meistens schlechte Zähne, wurden von chronischen Krankheiten geplagt, und starben so früh, dass Alzheimer praktisch unbekannt war.

Als ich hier ankam, hatte ich eine naive Vorstellung, dass die Afrikaner im Wesentlichen gesund wären und das Klima gut vertragen würden. Diese Vorstellung brach schon zusammen, als mein junger Suaheli-Lehrer letztes Jahr an einem der drückenden Tage vor der Regenzeit zu erschöpft war, um unseren Unterricht fortzusetzen. Von den 10 jungen Männern (alle unter 30), für die ich im Moment auf dem „Bauernhof“ zuständig bin, hat sich einer vorgestern auf Malaria testen lassen (zum Glück negativ), bei einem besteht der Verdacht auf Magengeschwüre, die möglicherweise psychosomatisch sind, zwei waren Anfang der Woche für mehrere Tage arbeitsunfähig, und von dem fünften Kranken habe ich in den beiden letzten Artikeln schon berichtet. Die Hälfte krank in nur drei Wochen, wobei die Erkältung von P. nicht eingerechnet ist ! Ich als Europäer, der das Klima hier nicht gewohnt ist, fühle mich dagegen vollständig fit.

Als ich vorgestern Br.Samuel (an dieser Stelle ein spezieller Gruß an ihn !) von diesem Krankenstand erzählte, fragte er: „Hast du gekocht ?“ Bevor Gerüchte entstehen: Ich habe nicht gekocht, und auch die beiden Fotos zeigen nicht die Art, wie auf unserem „Bauernhof“ gekocht wird, sondern sie sind schon vor längerer Zeit entstanden, bei der Vorbereitung für ein größeres Festessen. Mangelnde Hygiene ist aber natürlich eine Hauptursache für viele Krankheiten hier.

Patienten

20. November 2008

Br.Ansgar, der Ärztliche Direktor unseres Krankenhauses, erzählte mir vor Jahren von Patienten, die ihre Kopfschmerz-Tabletten klein mahlen und dann auf die Stirn schmieren. Ich konnte damals nicht wirklich glauben, dass diese Geschichte sich in unserer realen Welt ereignet hat.

Unser kranker Kandidat (siehe Artikel von gestern) war also beim Arzt, bekam erst einmal ein Schmerzmittel und sah gestern Nachmittag gleich viel besser aus. Er zeigt mir zwei Tütchen mit jeweils mehreren Dutzend Tabletten: „Ich soll diese Tabletten morgens, mittags und abends nehmen. Wenn es nicht besser wird, soll ich noch diese Nacht hingelegt werden“ („Hingelegt werden“ bedeutet „stationär aufgenommen werden“). – „Hast du die Tabletten denn schon genommen ?“, frage ich. – „Nein, ich fange heute Abend damit an.“ Ich wundere mich: „Aber es kann doch nicht besser werden, wenn du die Tabletten nicht nimmst.“ – „Ich soll die Tabletten dreimal täglich nehmen.“ Die Antwort verwirrt mich etwas, aber schließlich ist er erwachsen, und außerdem hat er mit dem Arzt gesprochen, nicht ich. Abends um halb Neun klopft P. (der mit dem Autounfall, siehe vorgestern) an meine Tür: „Der Kranke klagt. Sollen wir ihn zum Krankenhaus bringen ?“ Ich gehe rüber: „Hast du deine Tabletten genommen ?“ – „Nein, ich fange morgen früh damit an, weil sie gesagt haben, ich soll die Tabletten dreimal täglich nehmen.“ Ich merke, dass ich jetzt besser mit Autorität und nicht mit Logik argumentiere: „Der Doktor hat gesagt, du sollst die Tabletten nehmen. Also nimm sie jetzt.“ Immerhin weiß er, wie man Tabletten schluckt. Heute morgen will er schon wieder zur Schule zurück, um die Jahresabschlussprüfungen nicht zu verpassen. Eine Sorge hat er noch: Ob er hier in Peramiho sein müsste, um die Tabletten zu schlucken.

Medizin heißt „dawa“, und dasselbe Wort wird auch für das Zaubermittel eines traditionellen Hexers verwendet. Der junge Mann scheint den Unterschied zwischen diesen beiden Dingen noch nicht recht kapiert zu haben.

Unser Krankenhaus

19. November 2008

Heute Morgen fiel mir mal wieder auf, dass manche Dinge hier in Peramiho genauso selbstverständlich sind wie in Deutschland, die anderswo überhaupt nicht selbstverständlich sind: Wenn man krank ist, geht man zum Arzt. Ich brauchte eine Bescheinigung meiner Sehkraft für den tansanischen Führerschein (sollte ich den jemals bekommen, werde ich hier demnächst von einer unendlich langen Warterei berichten), und als ich gerade auf dem Weg zum Augenarzt war, rief von hinten jemand meinen Namen. Es war der stellvertretende Schulleiter von Hanga, gut 50 km von hier entfernt. Einer unserer Klosterkandidaten, der dort zur Schule geht, saß krank bei ihm im Auto. Er hatte schon zwei Tage in der Dispensary in Hanga verbracht. Eine Dispensary ist eine Art Krankenhaus, wo es aber keinen Arzt gibt, sondern nur eine mehr oder weniger gut ausgebildete Krankenschwester Medikamente verteilt. In Hanga gibt es zwar keinen Arzt, aber immerhin einige Autos und einen Schulleiter, der sich für seine Schüler verantwortlich fühlt. Auch das ist leider keine Selbstverständlichkeit.

Die beiden Bilder zeigen den Haupteingang und die Frauenstation des Krankenhauses.

„Fahr schon mal den Wagen vor“

18. November 2008

Am Freitag habe ich mit den angehenden Mönchen einen Ausflug nach Songea gemacht. Als wir zu den Garagen gingen, fragte Kandidat P., ob ich einen Akku für seine Kamera hätte. Da meine Kamera die gleichen Akkus verwendet, wollte ich schnell meinen Reserverakku holen und fragte, wer in der Zwischenzeit das Auto aus der Garage fahren könnte. Die anderen meinten, P.  könne das. Er ist 28 Jahre alt, also denke ich nicht weiter nach und gebe ihm den Schlüssel. Als ich mit den Akkus zurückkomme, verstehe ich zunächst nicht, was sich vor meinen Augen abspielt: Das Auto steht vor der Garage, die jungen Leute stehen drumherum, P.Fidelis, unser Subprior, hält gerade den abgebrochenen Teil der Stoßstange in der Hand. Auch der Außenspiegel hat gelitten. Die Garagentore sind ziemlich eng, und P. ist mit solcher Geschwindigkeit rückwärts rausgefahren, dass nicht nur der Außenspiegel abgebrochen ist, sondern auch der überstehende Teil der Stoßstange. Fidelis, der zufällig auf seinem Fahrrad vorbeigekommen war, scheint der einzige Afrikaner zu sein, der sich ärgert. Die anderen meinen nur, „Bahati mbaya“, „Pech“. Ich ärgere mich auch, wie kann man rückwärts so schnell fahren, und vor allem: Wie konnte ich auf den Gedanken kommen, ein 28-jähriger Tansanier hätte so viel Erfahrung mit Autos wie ein 18-jähriger Deutscher ? Jetzt sind wir beide um eine Erfahrung reicher. Zum Glück ist die Autowerkstatt ja direkt gegenüber, und auch ein Ersatzauto war vorhanden, mit dem wir dann doch noch nach Songea fahren konnten.

Beerdigung

14. November 2008

Am Dienstag ist Br.Edgar gestorben, gestern war die Beerdigung. Die Kirche war voll, unter anderem waren sämtliche Studenten des Priesterseminars gekommen, auch der Bischof von Tunduru-Masasi war da. Das liegt ziemlich weit weg, und er kannte Br.Edgar genauso wenig wie die Seminaristen, er war nur zufällig zu Besuch im Priesterseminar. Es heißt, wer nicht zur Beerdigung komme, zeige dadurch sein schlechtes Gewissen, weil er durch irgendeine Hexerei den Tod verursacht habe. Diese Furcht, als Hexer verdächtigt zu werden, wenn man fehlt, ist einer der Gründe, warum Beerdigungen hier eine Nummer größer gefeiert werden als in Deutschland.

Die makellos in Schwarz gekleideten, jungen Sargträger (Bild oben) setzten mich ebenfalls in Erstaunen, bis mir ihr Chef auffiel, den ich bereits als Vater der besten Schülerin des diesjährigen Abschlussjahrgangs kannte, vor allem aber als Leiter der Ausbildungsschneiderei an der Berufsschule. Die Sargträger waren die Schneiderlehrlinge, und da Br.Edgar jahrzehntelang ihre Schneiderei geleitet hatte, war es für sie wohl Ehrensache, den Sarg zu tragen.

Der dritte starke Eindruck von der Beerdigung geht wie der erste auf alte afrikanische Tradition zurück: Sofort nachdem der Sarg hinabgelassen wurde, wird das Grab vollständig zugeschaufelt, die Erde wird festgetrampelt. Dahinter, so sagt man, steckt die Furcht, der Verstorbene könne zurückkehren. Die Leute, die auf dem Bild unten schaufeln und im Grab stehend die Erde festtrampeln (mit bloßen Füßen), sind allerdings enge Freunde, Schüler und Kollegen von Br.Edgar. Besonders in Erinnerung wird er wohl dafür bleiben, dass er über Jahrzehnte hinweg den Abgängern der Berufsschule (nicht nur den Schneidern) mit einer Grundausstattung (d.h. mit einer Nähmaschine oder mit einem Werkzeugkasten) den Start ins selbständige Berufsleben ermöglicht hat.