Archive for Juli 2010

Botschaften

28. Juli 2010

Heute Morgen habe ich per E-Mail den Flugplan für den Heimaturlaub meiner togolesischen Brüder erhalten. Der Flug geht über Paris, und das Reisebüro schrieb dazu: „Wir wissen nicht, ob sie für Paris ein Transitvisum benötigen. Air France konnte oder wollte am Telefon keine Auskunft dazu geben. Bitte wenden Sie sich an die französische Botschaft in Havanna.“
Anschließend habe ich meine Internetsitzung für zwei Stunden unterbrochen, um um 11 Uhr meinen Termin an der Botschaft von Benin wahrzunehmen (Togo, mein Reiseziel, hat keine Botschaft auf Kuba, aber das Visum für Benin gilt gleich für 5 westafrikanische Staaten). „Kommen Sie bitte um 2 wieder, der Botschafter hat Ihr Visum noch nicht unterschrieben,“ beschied man mir.
Alexis, ein kubanischer Freund unserer Gemeinschaft, hat ein Stipendium zum Studium in Italien bekommen. Er hat bei der italienischen Botschaft angerufen, dort hat man ihm gesagt, er finde die nötigen Informationen im Internet. Einige Kubaner, darunter Alexis, haben E-Mail, aber Zugang zum Web hat fast niemand. Also habe ich für ihn die schlecht organisierten Seiten der italienischen Botschaft durchsucht und herausgefunden, dass man sich online einen Termin für die Antragstellung geben lassen kann – der erste freie Termin fand sich Mitte Oktober. Sein Studium beginnt im September, verzweifelt schrieb er eine E-Mail an die Botschaft. Er erhielt tatsächlich eine Antwort: Visa für Studienzwecke werden ohne Termin, schnell und kostenlos erteilt. Davon stand im Internet nichts, aber immerhin hat er jetzt ein Visum. Das gilt aber nur für Italien, nicht für die anderen Schengen-Staaten. Erzabt Jeremias hat ihn nach St.Ottilien eingeladen, dafür muss er sich bei der deutschen Botschaft um ein Touristen-Visum bewerben. Das kostet einschließlich Versicherung 110 Euro, also ein knappes kubanisches Jahresgehalt. Aber: „Das braucht nur ein paar Tage, die deutsche Botschaft hat den besten Ruf unter den europäischen Botschaften in Havanna,“ so Alexis (Das hat er wirklich gesagt !, ich schreibe das nicht, um die Leser/innen zu trösten, die immer noch unter dem Spanien-Spiel leiden).
Kubaner mit Verwandten in den USA können ein Visum bei der US-Interessenvertretung (eine Botschaft der USA gibt es nicht) beantragen. „Jeder Antrag kostet 120 $, und wenn der abgelehnt wird, bekommt man das Geld nicht zurück. Meine Mutter hat das Visum erst beim dritten Antrag bekommen,“ erzählte mir ein Kubaner.
So, jetzt fahre ich zum zweiten Mal zur Botschaft von Benin, mal sehen, ob ich das Visum bekomme oder wenigstens meine 50 CUC (45 Euro) zurückerhalte. Morgen Abend soll der Flug gehen, so Gott und der Botschafter wollen.

Reisen

23. Juli 2010

Ein freundlicher Geschichtsdozent hat mich einmal gefragt, ob die „stabilitas loci“ der Benediktiner nicht bedeute, dass man immer an einem Ort bleibe. Er habe gefunden, dass die Äbte im Mittelalter durch ganz Europa gereist seien.
Letzte Woche waren Br.Ansgar und Br.Stephan bei uns. Br.Stephan ist Missionsprokurator der Abtei Münsterschwarzach, und Br.Ansgar ist in der Kongregationsleitung mein direkter Vorgesetzter in finanziellen Dingen. Vor 16 Jahren war er schon einmal für ein paar Wochen mein Chef, als ich im Krankenhaus von Peramiho ausgeholfen habe, wo er lange Jahre Chefarzt war. Wenn er damals nicht meine Begeisterung geweckt hätte und meinen Horizont nicht erweitert hätte, würde ich wahrscheinlich gerade in Meschede von meinem Schreibtisch auf die Hügel blicken, die das Ruhrtal begrenzen.
Am Sonntag hat Jacques den Kirchenbesuchern einige Abwesenheiten angekündigt: Im Herbst stehen die Heimaturlaube unserer Brüder Vianney (Philippinen), Martin und Cyrille (beide Togo) an. Beim anschließenden Mittagessen hat er sich von Ansgar mit den Worten, „Wir sehen uns dann in China“ verabschiedet, und ist zum Flughafen gefahren. Knappe drei Monate wird er unterwegs sein. Dennoch fiel mir der Abschied nicht besonders schwer, denn Ende nächste Woche will er mich in Lomé in Empfang nehmen, in Togo, wo es das 25-jährige Gründungsjubiläum des Klosters in Agbang zu feiern gilt.
Für mich bedeutet die Reise nach Togo vor allem die Gelegenheit, die Heimat meiner Brüder Jacques, Martin und Cyrille kennen zu lernen. Sie haben ihrerseits bereits letztes Jahr mein Kloster in Meschede und meine Eltern besucht.
Am 24.8. will ich wieder auf Kuba sein; wie das mit dem Bloggen in der Zwischenzeit geht, weiß ich nicht; es heißt, Agbang liege „wirklich im Busch“.
Um also die Frage vom Anfang zu beantworten: Im Prinzip ja, aber eine gute Zusammenarbeit innerhalb unserer internationalen Kongregation ist nur möglich, wenn man sich auch gegenseitig kennt.

Brautkleid bleibt Blaukraut, und …

23. Juli 2010

Liebe Andrea, da Du ja schon im letzten Jahr geheiratet hast, ist es leider zu spät, Dir diesen Vorschlag zu machen: Die kubanischen Bräute lassen sich gerne im prächtigen Oldtimer von der ganzen Stadt bestaunen.
Aber vielleicht ist es doch gut, dass Du meinen Vorschlag nicht mehr umsetzen kannst, denn gestern habe direkt vor unserem Haus das zweite Foto geschossen. Eine Frau am Straßenrand (in Alltagskleidung) hat mir erklärt, dass die Panne erst nach Abschluss der Vorführung der Braut passiert sei – immerhin.

„Das erste Haus auf der Linie“

20. Juli 2010

Freitag habe ich Teresa besucht, unsere kranke Köchin. Am Telefon hatte sie mir die Adresse gegeben: „Straße Lombillo, zwischen den Querstraßen Vistremoza und Mariano, ganz einfach zu finden, im Obergeschoss, das erste Haus auf der Linie“. Weil ich keine Ahnung habe, wo Lombillo ist, nehme ich das Taxi. Ob ich Franzose bin, fragt der Fahrer. Aha, Deutscher, was ich hier machen würde. Ach, für die Kirche arbeiten ? Die Kirche hat das ja sehr gut gemacht mit den Gefangenen, sagt er. Gemeint ist die erfolgreiche Vermittlung unseres Kardinals und des spanischen Außenministers mit dem Ergebnis der Freilassung von Gefangenen. Die kommunistische Zeitung „Granma“ brachte letzte Woche auf der Titelseite das Foto des Staatspräsidenten Raúl Castro mit Kardinal und Außenminister und auf Seite 2 die Presseerklärung des Kardinals.
Im Zielgebiet angekommen, frage ich den ersten Passanten nach Teresa Sanchez. Der ist nicht aus der Gegend, ich frage den nächsten. Der fragt für mich den dritten. Der wiederum nimmt mich mit zu einer älteren Dame, deren Haustür nach kubanischer Sitte weit offen steht (in den meisten Häusern führen die Haustüren direkt zum Wohnzimmer, meistens befindet sich noch ein Gitter vor der offenen Tür, das ungebetene Gäste abhält). „Teresa Sanchez ? Nie gehört.“ Mein freundlicher Helfer führt mich zu einem Haus auf der anderen Straßenseite, da wiederholt sich das Spiel. „Aber ich bin sicher, dass sie hier wohnt. Das erste Haus auf der Linie,“ sage ich, obwohl ich immer noch nicht verstanden habe, was damit gemeint sein soll. Das Gesicht meines Begleiters hellt sich auf, er führt mich zehn Meter weiter und dann sehe auch ich, dass ich besser auf den Boden geschaut hätte, statt nach einem Obergeschoss zu suchen: Alte Gleise einer Eisenbahn-Linie ! Und zwanzig Meter abseits der Straße steht ein Haus auf den Schienen. Mein Begleiter – freundlich und hilfsbereit wie fast alle Kubaner – hat keinerlei Zeichen von Ungeduld erkennen lassen. Dass Teresa in ihrer Straße so wenig bekannt ist, mag daran liegen, dass Kubaner fast nie die Nachnamen benutzen und auch die Vornamen erstaunlich oft nicht kennen.

Kubaner sind spontaner

13. Juli 2010

Abel, der „beste Koch von Kuba“, hatte uns eines Tages einfach mitgeteilt, dass er am nächsten Tag als Koch beim Apostolischen Nuntius anfangen würde. Da uns so viel Spontaneität in Schwierigkeiten brachte, vermittelte er uns gleich seine Frau Conchita als Nachfolgerin. Einen Monat später sagte sie uns dann am Donnerstag, die Arbeit sei ihr zu anstrengend, Freitag würde ihr letzter Arbeitstag.
Der Weihbischof persönlich empfahl uns Teresa. Nach genau einem Monat rief Teresa an – sie ist schwer erkrankt. Die Brüder Martin und Cyrille sprangen in der Küche ein, aber nach einer Woche waren wir mit unseren Kräften am Ende. Also rief ich an einem Samstagabend wieder bei Abel und seiner Frau an, um zu fragen, ob sie nicht für eine kurze Zeit aushelfen könnten. In der kommenden Woche gäbe es viel zu tun, meinten sie, in einem Ton, dass ich mich fragte, ob wir irgendetwas falsch gemacht hätten. Umso überraschter war ich, als sie am nächsten Morgen plötzlich beide in unserer Küche standen. Und – noch besser: Die Ursache von Conchitas Erschöpfung war eine Erkrankung gewesen, die inzwischen entdeckt und erfolgreich behandelt worden war. Am übernächsten Tag fing sie wieder bei uns an, so lange, bis Teresa wieder gesund wird.
Das Foto zeigt den Strand von Varadero, zu dem wir vorgestern einen Ausflug gemacht haben, mit Abel, Conchita und den Kindern. Der Ausflug war auch der Grund, warum ich die im vorigen Artikel „ganz aktuell“ erwähnte Einladung zum Mittagessen und Endspiel-Anschauen abschlagen musste. Am Abend vorher erst hatte ich angerufen, mit schlechtem Gewissen wegen der Kürze der Frist und in der Hoffnung, mein kubanischer Begleiter hätte schon abgesagt. Hatte er nicht, machte aber auch nichts, denn Kubaner sind halt spontaner. Die Einladung wird in zwei Wochen nachgeholt.

Mal ganz aktuell

7. Juli 2010

Gerade habe ich wieder die Karte für eine Stunde Internet gekauft. Der Hotelangestellte meinte, „Ich bin auch für Deutschland.“ Meine Antwort: „Aber Sie arbeiten doch für eine spanische Hotelkette.“ Er: „Na und ?“
Jetzt sitze ich hier am Tisch und höre im Hintergrund die Schreie der – meist spanischen – Hotelgäste, die sich das Spiel anschauen. Mir gegenüber sitzt Erzabt Jeremias, der mal wieder zu seinem halbjährlichen Besuch eingetroffen ist, und meint: „Ich kann nur sagen, ein Tor klingt anders.“ Die E-Mail einer Kubanerin trifft ein: „Dann lade ich Euch für Sonntag zum Mittagessen und zum Fußballgucken ein – wie es aussieht, wird Deutschland ja dabei sein.“
Damit mache ich Schluss, denn die Schreie im Hintergrund machen mich nervös.

Wasser !

5. Juli 2010

Normalerweise setzt die Regenzeit im April oder Mai ein. Dieses Jahr war es aber bis Ende Juni noch trocken, die Leute sagen uns, es sei die schlimmste Trockenheit seit vielen Jahren. Wir leben (leider !, siehe den Artikel Kloster bauen) in der Großstadt, da merkt man die Abhängigkeit vom Wasser nicht so sehr wie auf dem Land. Aber die Knappheit wirkt sich auch auf uns aus: Aus der städtischen Wasserleitung fließt das Trinkwasser in eine Zisterne hinter unserem Haus. Die Zisterne fasst 8000 Liter. Seit März kam es immer wieder vor, dass sie leer war. Nachfragen bei den Nachbarn brachten die Erklärung: Wegen der Trockenheit kommt nur alle zwei, manchmal nur alle drei Tage Wasser aus der städtischen Leitung, normalerweise einige Stunden lang ab nachmittags um Drei. Also hatten wir ein Problem, schließlich will man bei dieser Hitze ja gerne mal duschen. Wir bestellten eine „Pipa“ („Leitung“), d.h. einen Tankwagen mit Wasser für 25 CUC (20 Euro). Nach zwei Wochen war die Zisterne wieder leer, aber inzwischen war die Trockenheit schlimmer geworden – „Pipas“ gab es nur noch für Krankenhäuser und Kindergärten.
Wir erfuhren auch, wie die Kubaner mit dem Problem umgehen: Zum Beispiel tun sich die Parteien eines Mietshauses zusammen, um eine „Pipa“ zu bestellen. Da das wegen der Trockenheit im Moment aber nicht erlaubt ist, gibt man dem Fahrer noch 5 CUC Trinkgeld, damit er gegen seine Vorschriften verstößt.
Andere Methode: Eine Saugpumpe an die städtische Wasserleitung anschließen, so dass mehr Wasser aus der Leitung gesaugt wird. Beim Nachbarn kommt dann entsprechend weniger, bis der Nachbar „nachrüstet“ und ebenfalls eine Pumpe anschafft. Daher heißen diese Pumpen auch „ladrón“, „Dieb“.
Als Ausländer lassen wir uns natürlich nicht gerne auf illegale Methoden ein. Unser Klempner fand schließlich eine legale, einfache und billige Lösung: Er hat das Einlassventil zwischen städtischer Leitung und Zisterne durch eines mit größerem Durchmesser ersetzt. Jetzt kommt wieder genügend Wasser in die Zisterne.

Der DDR sei Dank

1. Juli 2010

Das Ding auf dem Foto erinnerte mich an ganz frühe Kindertage – ich glaube, seit meiner Einschulung habe ich keinen Kabinenroller mehr gesehen. Also hole ich schnell meine Kamera und frage, ob das Ding ein deutsches Produkt sei. Ja sagen sie, und einer der Herren, die untätig dabei sitzen, erklärt mir auf Deutsch, dass er in Weißwasser, Bezirk Cottbus (im allerhintersten Ostdeutschland, in der Gegend von Otfried Preußlers Krabat spielt), gelebt hat. Einer der Männer, die am Auto arbeiten, meint, Deutschland hätte keine Abwehr, die Argentinier würden gewinnen. Dazu macht er die international verständliche Handbewegung „Kehle durchschneiden“.
Es gibt viele Kubaner, die eine Ausbildung oder ein Studium in der DDR absolviert haben und sich aus dieser Zeit große Sympathie für Deutschland bewahrt haben.