Archive for Mai 2009

Aussichten

30. Mai 2009

Im Moment haben wir jede Woche morgens Spanisch-Unterricht und haben deshalb nach jemandem gesucht, der uns in der Küche helfen kann. Gefunden haben wir einen pensonierten Schiffskoch, dessen Frau die Küchenchefin im Bischofshaus ist. Der Kardinal, der am Dienstag zu Besuch war, meinte spontan, „Oh, der kocht gut.“ Das finden wir auch, er kommt ein- oder zweimal täglich, fegt wie ein Wirbelsturm durch die Küche und hinterlässt ein gutes Essen. Er spricht leider genauso schnell, wie er arbeitet. Und dann wirft er mir auch noch vor, dass ich nichts verstehen würde. Am Donnerstag, vorgestern, wollte er uns zum Mittagessen eine Pizza aus dem Bischofshaus mitbringen (er fährt ein eigenes Auto). Ein außergewöhnlich heftiger Regen brachte aber den Verkehr in weiten Teilen der Stadt zum Erliegen, er kam nicht, und die Pizza auch nicht. Jacques warf also unsere letzten drei Eier in die Pfanne, ich ging zum Bäcker um die Ecke, um noch etwas Brot zu kaufen. Die kleine Seitenstraße, die uns von der Bäckerei trennt, musste ich dabei förmlich durchwaten. Immerhin habe ich eine gute Regenjacke, im Gegensatz zu dem Reiter, der völlig unerwartet auf dem Bürgersteig gegenüber unserem Haus auftauchte, und von dem ich noch schnell ein Foto machte, bevor ich zur Bäckerei ging. Jedenfalls sind alle satt geworden, und wir haben uns dann zum Abendessen über die Pizza gefreut.

Reiter habe ich hier vorher noch nie gesehen, es gibt allerdings einige Pferdekutschen für Touristen.

Einblicke

27. Mai 2009

Am Sonntag hat P.Emmanuel in seiner Predigt den Gottesdienstbesuchern (sonntags kommen knapp 100, an den Wochentagen bis zu 20) ein paar Einblicke in unser Klosterleben gegeben. Ich tue es ihm nach und verrate ein paar Dinge aus unserem Alltag. Außer der Kirche spielt natürlich die Küche eine wichtige Rolle. In den ersten beiden Wochen hat Prior Jacques das Kochen übernommen. Das Foto zeigt Emmanuel und Martin mit den Ergebnissen seiner Kunst: Fisch, Soße, Nudeln und gebratenen Bananen. Cyrill und ich waren ziemlich stolz, dass es uns gelungen war, Fisch zu besorgen, denn wir sind für den Einkauf zuständig, ich zusätzlich für das Geld, ohne das auch im Kloster wenig funktioniert.
Während der vorigen habe ich Jacques abgelöst. Er hat mir bei der Gelegenheit gezeigt, wie man Omelett brät. „Der Koch, bei dem ich gelernt habe, gibt pro Ei einen Löffel Wasser hinzu.“ Für mich eine Neuigkeit: Jacques hat nicht nur Goldschmied gelernt und Theologie studiert, sondern hat auch bei dem französischen Chefkoch eines großen Hotels in Lome, der Hauptstadt Togos, gelernt. Wir hatten also echte französische Küche, und nicht die schlechteste !

„Hast du kein Fahrrad ?“

22. Mai 2009

Der Weg zum Markt führt an der Garage meines Vertrauens vorbei. Am Dienstag sah der Besitzer, dass ich zu Fuß gehe, und fragte: „Hast du kein Fahrrad ?“
Jetzt muss ich doch die Geschichte dazu erzählen. Ich habe damit bisher gezögert, weil sie der Geschichte „Fragend gelangt man nach Rom“ etwas ähnlich ist.
Alles begann am Ostermontag, als ich in La Epoca, dem großen Kaufhaus der Innenstadt, ein Fahrrad kaufte. Eine Woche lang hatte ich großes Vergnügen daran, die Stadt damit zu erkunden. Mich wunderte nur, dass es in einer flachen Stadt so wenige Fahrräder zu sehen sind. Nach genau einer beendete ein platter Reifen das Vergnügen. Kein Problem, ich hatte schon genug kleine Fahrradwerkstätten gesehen, und unser kubanischer Gast konnte mir beim Fragen helfen. Die Werkstatt an der nächsten Ecke kümmerte sich nicht um platte Reifen, der nächste Mechaniker, den uns alle Leute empfahlen, war nie da. Schließlich fanden wir die genannte Garage, in der der Besitzer Fahrrad- und Autoreifen repariert. Er schaute sich den Schlauch an, und meinte, da bräuchte ich wohl ein neues Ventil.
Der nächste Vormittag war komplett der Suche nach einem neuen Ventil oder als Alternative einem neuen Schlauch gewidmet. La Epoca führt zwar Schläuche, die passen aber nicht zu den Fahrrädern. Mein Spanischlehrer nahm schließlich den Schlauch mit und kam nach einiger Zeit mit dem reparierten Schlauch, für den er das neue Ventil bei einer Werkstatt in seiner Nachbarschaft besorgt hatte, zurück.
Ich ging sofort zu der genannten Garage meines Vertrauens, um den Reifen aufzupumpen. Ich zahlte einen Peso (3 Euro-Cent) für die Benutzung des Kompressors und fuhr auf dem Fahrrad zurück. Am nächsten Morgen war der Reifen platt – ein langer Riss im Schlauch. Der Spanischlehrer hatte mir schon gesagt, der Schlauch sei wohl ziemlich mürbe. Ich erspare mir hier die Geschichte der nächsten Reparatur und des nächsten Fahrradkaufes (wir sind zu fünft, daher brauchen wir mehr als ein Fahrrad). Jedenfalls haben wir inzwischen zwei Fahrräder mit insgesamt drei platten Reifen. Über die Garage meines Vertrauens, über den Spanischlehrer und über St.Ottilien sind Ersatzschläuche bestellt. Jedesmal, wenn ich an der Garage vorbeikomme, frage ich, ob die Schläuche eingetroffen sind, und muss dafür den gutmütigen Spott des Besitzers ertragen.

Manche Vorurteile stimmen

19. Mai 2009

Nämlich, dass in Havanna viele alte amerikanische Straßenschlitten unterwegs sind. Manche extra für Touristen, andere als Taxis für die Einwohner. Das Taxi kostet 10 Peso, also circa 30 Cent, unabhängig von der Entfernung. Dafür sitzen die Passagiere natürlich auch dicht gedrängt.
Man muss sich deutlich sichtbar an den Straßenrand stellen und dem Fahrer ein Zeichen geben. Wenn er hält, fragt man, ob der Taxifahrer ein bestimmtes Ziel anfährt. Das hängt dann natürlich von den anderen Passagieren ab und davon, ob das Ziel nicht allzu abgelegen ist. Für Touristen sind diese Taxis nicht gedacht, aber ich bin hatte schon zweimal die Gelegenheit, das Fahrgefühl zu genießen und den besorgten Ton in der Stimme des Fahrers zu hören, als er sagte, „Die Tür bitte ganz sanft schließen.“

Nicht alle Vorurteile stimmen

19. Mai 2009

Die Lebensmittel auf dem Markt, wo ich regelmäßig einkaufe, sind billig. Angeblich sagen manche Kubaner, die Ausländer hätten doch genug Geld und sollten deshalb lieber im (teuren) Supermarkt einkaufen, statt den Kubanern die billigen Lebensmittel vor der Nase wegzuschnappen.
Solch eine ausländerfeindliche Einstellung kenne ich aber nur vom Hörensagen, mein eigener Eindruck ist das genaue Gegenteil.
Sowohl die Händler als auch die Kunden auf dem Markt fragen schon mal, wo ich herkomme, aber immer freundlich. Einige Händler kennen mich inzwischen und sagen irgendwelche Scherzworte. Ich verstehe zwar nur ein Drittel, bin aber ziemlich sicher, dass alles freundlich gemeint ist. Ein Händler rief mir heute „Amigo“ zu. Das heißt laut Wörterbuch „Freund“, bei einem Händler heißt es aber natürlich „Gib mir dein Geld und nicht meinem Nachbarn !“ Ich habe dann wirklich bei ihm Tomaten für 30 Peso (1 Euro) gekauft, vor allem, weil ich noch einen Nachtrag zu unserem Gespräch von letzter Woche liefern wollte. Da hatte er nämlich einen Scherz gemacht, der mir gar nicht gefiel: „Ah, aus Deutschland. Ihr hattet doch den Hitler.“ Heute weise ich ihn daraufhin, dass es hier ganz in der Nähe ein „Centro Cultural Bertold Brecht“ gibt und auch ein „Teatro Karl Marx“. Der große Reisende Alexander von Humboldt gilt sogar als der „Zweite Entdecker Kubas“, weil er vor 200 Jahren die Insel gründlich erforscht hat. Mein „Amigo“ erinnert sich an unser Gespräch von letzter Woche und versteht meine Absicht.

Ein süßes Ministerium, aber …

16. Mai 2009

Wenn wir mit dem Bus in die Stadt fahren, kommen wir am Ministerio de Azúcar vorbei. Ich stelle mir gerne vor, das „Zuckerministerium“ würde Süßigkeiten an Kinder verteilen, aber ich weiß natürlich, dass Zucker für Kuba eines der wichtigsten Exportgüter ist, so wichtig, dass es dafür ein eigenes Ministerium gibt. Im 19.Jahrhundert kamen zeitweise drei Viertel der Exporteinnahmen Kubas aus dem Zuckerexport. Der Zucker war süß, aber der Hintergrund sehr bitter. Die harte Arbeit wurde nämlich von Sklaven verrichtet, die aus Westafrika verschleppt wurden. Ausgerechnet in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts, als die Briten schon überall für die Abschaffung der Sklaverei kämpften, ging es auf Kuba mit dieser grausamen Institution erst richtig los. Sechs bis acht Jahre hielten die Sklaven die schwere Arbeit durch, danach wurde „Nachschub“ gebraucht. Vor diesem Hintergrund muss man die Entstehung der afrikanisch-katholischen Mischreligionen wie der Santeria (siehe vorigen Artikel) verstehen.

Nächtlicher Besuch

14. Mai 2009

Vor ein paar Tagen hat jemand nachts vor unserer Haustür die Statue eines Flötenspielers abgestellt, siehe Foto. Ein paar Stunden später war sie wieder verschwunden. Heute morgen habe ich unseren Spanisch-Lehrer nach der seltsamen Erscheinung gefragt. Es handelt sich, so erklärte er, um eine Statue der Santeria-Religion. Sie wird vor einer Kirche abgestellt, um „gereinigt“ zu werden. Diese Religion hat eine etwas seltsame Beziehung zur katholischen Kirche: Um als Santeria-Anhänger akzeptiert zu werden, muss man nämlich katholisch getauft sein. Das hält er für „in sich widersprüchlich.“ Auch verströmen katholische Kirchen im Weltbild der Santeria magisch-reinigende Kräfte.

Es gebe auch Menschenopfer in den afrikanisch-katholischen Mischreligionen Kubas, sagt er. Letztes Jahr habe man zwei Kinder gefunden, die offensichtlich geopfert wurden. Ich habe schon über Santeria gelesen, allerdings stand nirgendwo etwas von Menschenopfern. Unser Spanisch-Lehrer macht allerdings nicht den Eindruck, auf dummes Gerede zu hören, und ich weiß auch, dass es in einigen Teilen Tansanias „Hexer“ gibt, die Albinos ermorden, um die Körperteile für magische Praktiken zu verwenden. Dass einige der afrikanischen Kulte in Kuba also alles andere als harmlos sind, mag sein. Dass die Hauptströmung der Santeria irgendetwas mit Menschenopfern zu tun hätte, ist aber ausgeschlossen.

Abgründe

12. Mai 2009

Am Sonntag habe ich mit den beiden neu angekommenen Brüdern Martin und Cyrille das Castillo de los Tres Reyes del Morro besichtigt, die imposante Festung an der Hafeneinfahrt. Von hier aus haben die Spanier 400 Jahre lang Havanna verteidigt, nur einmal, 1762, konnten die Engländer die Festung und anschließend auch die Stadt erobern.

Als ich das Foto oben machte (unten noch mal ein Ausschnitt aus demselben Foto), habe ich mir leider nicht viele Gedanken um den Mann in der Mitte gemacht. Deshalb habe ich dann auch den Moment verschlafen, in dem er vom Felsen ins Wasser sprang (er hat den Sprung überlebt).


Gestern, am Montag, stand mir das Bild vom Sprung in die Tiefe wieder vor Augen: In unserem Haus haben wir nämlich sehr praktische Schlösser: Man braucht innen nur einen Knopf zu drücken, die Tür zuzuziehen, und schon – hat man sich ausgesperrt. Genau das ist Br.Martin passiert. Allerdings stand sein Fenster offen – im zweiten Stock rechts, siehe Foto unten. Die folgende Aktion war ein Musterbeispiel für die Klischees, die man so von verschiedenen Völkern hat. Martin als Togolese (risikobereit, optimistisch, sportlich) klettert zunächst mit seinen Badelatschen auf dem Dach zwischen Haus und Kirche herum, um das Fenster vielleicht von dort zu erreichen; mir als Deutschem (sicherheitsbewusst, pessimistisch) bleibt dabei fast das Herz stehen. Martin (optimistisch) legt dann die ausfahrbare Leiter an die Wand an, viel zu steil wie ich (sicherheitsbewusst) finde. Auch habe ich (technisch begabt, pessimistisch) natürlich sofort gesehen, dass die Leiter nicht reichen wird. Also hole ich (technisch begabt) meinen Werkzeugkasten, um das Schloss aufzubrechen.
Cyrille als Togolese (technisch noch begabter) zerlegt das Schloss mit dem Werkzeug so geschickt, dass die Aktion kaum Spuren hinterlässt. Martin (risikobereit, sportlich, kreativ) hat in der Zwischenzeit ein Seil so an eine Eisenstange gebunden, dass er sich vom Dach aus hätte zum Fenster abseilen können. „Ich schaffe 10 m in 8 Sekunden,“ sagt er (sportlich, nicht bescheiden) über seine Leistungen im Seilklettern. Ich (sicherheitsbewusst, pessimistisch) bin froh, dass er seine Kunst nicht demonstrieren musste.

P.S. Beim Thema „Klischees“ wandelt man ja über Abgründen. Falls ihr also den Eindruck habt, diese Geschichte hätte die Klischees nur bestätigt, dann habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt.

Inatosha

8. Mai 2009

Am Montag sind unsere drei Brüder aus Togo endlich eingetroffen, wie schon geschrieben. Am Dienstag und am Mittwoch mussten wir dann erst einmal planen. Zwei lange Sitzungen, in denen P.Emmanuel (aus Bayern) meist Deutsch sprach, ich Englisch, Br.Martin und Br.Cyrill (beide aus Togo) Französisch. Br.Jacques (der Prior, ebenfalls aus Togo) hat alle drei Sprachen benutzt und übersetzt. Br.Martin kann ein wenig Englisch, Br.Cyrill hat sich ohne Lehrer in Togo schon etwas Spanisch beigebracht. Am Abend hat Emmanuel uns dann noch in das spanische Stundengebet eingeführt und dabei Spanisch gesprochen. Ich habe ins Französische übersetzt, obwohl ich das genauso schlecht kann wie Spanisch.
Als Jacques am Abend nicht auf ein einfaches französisches Wort kommt, sage ich: „Du hast heute in vier Sprachen kommuniziert. Inatosha.“ Er grinst, Suaheli haben wir nämlich noch nicht benutzt; in dieser Sprache heißt inatosha, „Das reicht“.
Unsere Aufgaben in den nächsten Wochen: Spanisch lernen und Spanisch lernen und Spanisch lernen.

Wenn es regnet in Havanna

6. Mai 2009

Die eigentliche Regenzeit steht noch bevor, aber zwischendurch kann es schon recht heftig regnen. Als ich am Sonntag noch schnell vor dem heraufziehenden Regen Wasser einkaufen (unser Supermarkt ist auch sonntags geöffnet) wollte, kam ich trocken bis zum Supermarkt, aber völlig durchässt zurück. Entschädigt wurde ich dann durch den Blick aus meinem Fenster auf die Straße. Hinten an einem Bus hielten sich drei junge Männer fest und schlitterten auf der mit Wasser bedeckten Straße hinter dem Bus her. Einer ließ los und rutschte auf seinem Hosenboden weiter. Kurz danach sah ich einen, der in der Hocke dasselbe Spiel an der Stoßstange eines PKW betrieb. Ich holte meine Kamera und musste nicht lange warten. Nach dem Typen auf dem Foto sah ich später noch einen, bei dem ich deutlich die nackten Füße sehen konnte, die als „Surfbretter“ dienten. Bitte, bitte, liebe junge Leser (an die Leserinnen muss ich diese Ermahnung vermutlich nicht richten), macht das nicht nach. Die Busse fahren in Deutschland schneller als hier und außerdem sieht man hier öfter mal junge Männer barfuß laufen, also haben die wahrscheinlich härtere Fußsohlen hier.