Archive for Oktober 2008

Vorsitzender

30. Oktober 2008

Schon vor ungefähr einem halben Jahren waren die Ausschüsse für die Vorbereitung unseres Schuljubiläums festgelegt worden. Ich fand mich als Vorsitzender des „kamati ya picha“ (committee of pictures, also Foto-Ausschuss) wieder. Ich dachte mir nichts weiter dabei, wie man Fotos macht, weiß ich ja ungefähr, und die beiden Kollegen, die mit mir im Ausschuss waren, würden es ja wohl auch wissen. Eine Woche vorher meinten die Kollegen dann aber, wir sollten doch mal eine Sitzung halten. Wir verabredeten uns also für Freitag um 10. Nur ein Kollege war da, der andere unauffindbar. Nicht weiter schlimm, dachte ich, es gibt ja sowieso nichts zu besprechen. Der Kollege, der gefehlt hatte, suchte mich dann am Montag Nachmittag auf: Er brauche zwei Filme und eine Batterie. Ich solle zur Schulleiterin gehen, das Geld besorgen, er würde dann die Sachen kaufen. Als ich am nächsten Morgen, am Tag vor dem großen Fest also, die Schulleiterin um das Geld bitten will, ist sie nicht da. Aber, oh Wunder, sie weiß schon von dem Problem und kauft die Filme persönlich ein, so sagt mir die Sekretärin. Als am nächsten Tag der Festzug gerade losgeht, steht der Kollege wieder vor mir: Die Filme passen nicht zu seiner Kamera. Ob ich von Sr.Frideswida eine andere Kamera ausleihen könnte. Ja, kann ich. Gegen Mittag ist endlich eine passende Kamera da, er bittet mich, den Film einzulegen, und kann dann endlich loslegen. Am nächsten Tag fragt er mich, was er denn wohl mit den zehn Fotos machen solle, die noch übrig geblieben sind. Bin ich noch nicht lange genug hier, habe ich mich noch nicht daran gewöhnt, dass der Vorsitzende für alles zuständig ist ? Oder ist er noch nicht lange genug auf der Welt, um selbst Verantwortung zu übernehmen ?

Das Foto zeigt, dass es bei der Feier noch genug andere Fotograf/innen gab. Ich habe es vor allem wegen der Kleidung gemacht.

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Preisverleihung

29. Oktober 2008

Wahrscheinlich geht es den meisten Lehrern so: Wenn die Schüler die Schule verlassen haben, vergisst man sie noch lange nicht, und irgendwo vermisst man sie auch. Also noch ein Wort zu ihrer Abschlussfeier:

Die besten Abgängerinnen bekommen einen Preis. Es gibt den Preis für die Schülerin mit dem besten Notendurchschnitt, dann je einen Preis pro Hauptfach (Physik gehört nicht dazu). Regina hatte den besten Durchschnitt und bekam natürlich auch noch einige Preise für die Fächer, insgesamt fünf. Die Mitschülerinnen schienen sich mit ihr zu freuen, von Neid konnte ich nichts merken. In Physik saß Regina immer ganz still in der ersten Reihe, und wenn ich sie angesprochen habe, haben die Mitschülerinnen ihr nochmal erklären müssen, was ich gesagt hatte.

Sie ist schwerhörig, aber ihre schriftlichen Leistungen waren auch in Physik immer hervorragend. Außerdem gibt es noch Preise, die wir in Deutschland den Kopfnoten zuordnen würden – einen Preis für Führungsqualitäten, einen für Disziplin usw. Felister (das Mädchen im Vordergrund auf dem Foto von gestern), die eindeutig zu den tonangebenden Schülerinnen gehört, erhielt den Preis für „Service“. Sie hatte immer die Schülerinnen angeführt, die bei den diversen Schulfeierlichkeiten bedient haben. Und Beatrice, die aufgeweckte Schülerin, die sich als einzige traute, mir zu widersprechen, die Anführerin des Physikkurses, bekam auch einen Preis. Ich hoffe nur, dass er ihr nicht so peinlich war, wie er mir damals gewesen wäre – den Preis für usafi (Sauberkeit, Ordentlichkeit).

Das Foto oben zeigt, wie eine Absolventin gerade einen Festkranz aus Plastikblumen bekommt, das Foto unten zeigt die Übergabe des Preises für die besten Leistungen in Englisch an Rhoda (auch um ihren Hals hängen schon einige Festkränze). Die Übergabe der Preise und der Abgangszertifikate gehört zu den Aufgaben des Ehrengastes, also diesmal des Bischofs.

Abschied

28. Oktober 2008

Nachdem wir letzten Mittwoch schon den Schulabschluss gefeiert hatten, war es gestern endlich so weit: Die Schülerinnen schrieben bis kurz nach 11 Uhr die letzte Examens-Arbeit (in Mathe), dann reisten sie sofort ab (das Foto ist um 11:42 entstanden; beachte die extrem kurzen Schatten).

Auch für mich naht der Abschied schneller als ursprünglich geplant; Kuba ruft.

Wie feiert man hier eigentlich Feste ?

27. Oktober 2008

Drei Eindrücke von unserem Jubiläum am Mittwoch: Ordentlich, selbstbewusst und gemeinsam.

Ordentlich: Eigentlich läuft jedes Fest hier nach demselben Schema ab, einzelne Elemente können allerdings wegfallen, wenn es nur ein kleines Fest ist. Festzug – Gottesdienst – Essen (es gibt eigentlich immer das Gleiche) – Anschneiden des Kuchens (mit viel „Brimborium“) – Sketche und Tänze – Reden (am Schluss die Rede des Ehrengastes). Bei kleinen Festen kann es auch einfacher sein: Essen – Anschneiden des Kuchens – Rede des Ehrengastes. Das Foto zeigt den hinteren Teil des Festzuges, damit klar ist, was ich mit „ordentlich“ meine. Steif war es aber nicht, es hat Spaß gemacht.

Selbstbewusst: Wahrscheinlich überall auf der Welt dienen Feste auch dazu, zu zeigen, wer man ist, und was man hat. Zwei Tage vorher gab es keinen Unterricht, alle Schülerinnen und Lehrer/innen waren nur damit beschäftigt, die Schule schön „herauszuputzen“. Die Gäste zeigen auch den Einfluss der Schule an: Der Erzbischof von Songea ist als Ehrengast geladen worden. Und derjenige Vater, der als Vertreter der Elternschaft eine Rede hält, ist auch nicht irgendwer, sondern Parlamentsabgeordneter (deshalb reicht ein Mikrofon nicht, zusätzlich muss die Wichtigkeit seiner Rede noch durch einen Recorder betont werden, siehe Foto).

Gemeinsam: Bei einem deutschen Schulfest würde es die Gelegenheit geben, zwischendurch in kleinen Gruppen oder alleine durch das Schulgebäude zu gehen, verschiedene Räume und Stände zu besichtigen. Hier sind alle immer am selben Ort (auf dem Foto rechts die Abgängerinnen, an ihrer Stoff-Rose zu erkennen, im Hintergrund die anderen Schülerinnen), nur nach dem offiziellen Festschluss gibt es die Gelegenheit, einen Klassenraum mit einer Ausstellung von Schulbüchern, Unterrichtsmaterialien und Schülerbildern zu besichtigen.

Schul-Tradition

24. Oktober 2008

Vor ein paar Tagen habe ich Beatrice gefragt, warum sie in Peramiho zur Schule geht, obwohl sie doch in Dar es-Salaam wohnt. „Meine Großmutter ist hier zur Schule gegangen, die ältere Schwester meiner Mutter auch. Und meine kleine Schwester kommt vielleicht auch hierher.“ Wir feiern ja gerade das 40-jährige Bestehen, deshalb wundere ich mich über die Großmutter, aber Beatrice klärt mich auf: Sie ist auf die „Middle School“ gegangen, die von den Benediktinern vorher an der gleichen Stelle geführt wurde. Beim Mittagessen am Festtag (vorgestern) sitze ich dann neben einer Ehemaligen der „Middle School“. Im Laufe des Nachmittags überrascht sie wohl nicht nur mich, als sie bei einer Tanzvorführung der Schülerinnen aufsteht und mittanzt (siehe Foto). Weil sie so uralt aussieht, vermute ich, dass sie in ihrem Leben etwas härter hat arbeiten müssen als die Klempner aus dem vorigen Artikel. Auch für sie gibt es eine Überraschung, nämlich als ich ihr sage, dass ihre ehemalige Lehrerin, Sr.Sigwina, noch hier in Peramiho lebt und in zwei Wochen 100 Jahre alt wird.

„Da arbeitet ja nur einer“

23. Oktober 2008

Für das gestrige Schulfest wurde der größte Teil des Schulhofes mit Zeltplanen überdacht. So konnten alle, Schülerinnen, Lehrer und Gäste im Schatten sitzen. Angesichts der „jua kali“ (wörtlich: „scharfe Sonne“) gestern war das auch nötig. Vorigen Donnerstag kamen die Klempner, um die Zeltdächer aufzubauen. Die Arbeit war nicht einfach (siehe Foto), aber dass sechs (zweitweise auch mehr) Leute dafür vier Arbeitstage brauchen würden, hätte ich dann doch nicht gedacht. Als wir in Australien waren, sagte einer der tansanischen Schüler: „Da arbeitet ja nur einer auf einer Baustelle, wo bei uns vier arbeiten würden.“ – „Ja,“ habe ich gesagt, „dafür bekommt er auch den vierfachen Lohn.“ Fazit: Arbeitskraft ist hier sehr billig, und die Produktivität gering.

40 Jahre Girls‘ Secondary School

22. Oktober 2008

Heute haben wir die Abschlussprüfungen der Form IV (11.Klasse) gefeiert, obwohl die Prüfungsergebnisse noch lange nicht vorliegen und die Prüfungen noch nicht einmal zu Ende sind. Gleichzeitig haben wir das 40-jährige Bestehen unserer Schule so kräftig gefeiert, dass für das Goldene Schuljubiläum kaum noch eine Steigerung denkbar ist. Ich habe 375 Fotos gemacht, jetzt bin ich recht müde und verschiebe daher weitere Berichte auf morgen. Aber schön war’s.

Reisen ohne Radio

21. Oktober 2008

Auf der Rückfahrt von Likingo (siehe Artikel von gestern) bitten mich die Schülerinnen, das Radio anzustellen. Da es nicht funktioniert, sage ich ihnen: „Dann müsst ihr selbst singen.“ Die Fahrt dauert eine knappe Stunde (was nicht an mir liegt, sondern an der Qualität der 26 km langen Straße), und während der ganzen Zeit singen sie ohne Unterbrechung. Sie haben ein unglaubliches Gedächtnis für Lieder; das Repertoir reicht von den aktuellen Hits (Die Stilrichtung nennt sich „Bongo Flavour“, eine Art Suaheli-Pop mit Rap-Elementen, benannt nach dem Spitznamen Dar es-Salaams, der sich ungefähr mit „Cleverness“ übersetzen lässt) bis zu Kirchen- und Volksliedern. Hinten auf den Notsitzen (siehe Foto) werden die Essens-Eimer als Trommeln benutzt. Die Stimmung ist so gut, dass ich mehrmals mit meiner Nase die Luft auf Alkoholgeruch überprüfe. Aber sie haben wirklich nur Cola und Limonade getrunken, der Spaß ist ohne Radio und Alkohol selbst produziert. Der modernere Landrover von Br.Samuel hat einen funktionierenden CD-Spieler, dort laufen die mitgebrachten Bongo-Flavour-CDs (ich habe hier noch keine gekaufte CD gesehen, nur gebrannte), und es ist dort wohl etwas langweiliger als bei uns.

Zivilisation und Wildnis

20. Oktober 2008

Schon vor Monaten hatten mich die Schülerinnen gefragt, ob ich auch mit ihnen nach dem Abschlussexamen nach Likingo fahren würde. Diese Tradition stammt von meinem Vorgänger, und daher konnte ich gar nicht anders, als zuzustimmen. Die Reaktion war genauso, wie ich das von Deutschland her kannte: Freudestrahlende Gesichter und lauter Jubel. Likingo ist ein ziemlich abgelegener Ort, 26 km von hier. Dort steht unser Wasserkraftwerk, und es gibt einen Picknick-Platz. Br.Samuel und ich fahren je einen Landrover, vollgepackt mit Schülerinnen, Lebensmitteln und – Kleidern. Die Schülerinnen suchen offensichtlich Anschluss an die westliche Zivilisation, bei der Ankunft werden gleich die Schuluniformen gegen schickere Kleidung ausgetauscht. Es müssen natürlich Jeans sein, obwohl die für das Klima hier eigentlich viel zu dick sind. Und bitte, liebe Leser (besonders: liebe Leserinnen), erzählt der Schulleiterin nicht, dass fast alle Hosen getragen haben (Foto oben; muss ich extra erwähnen, dass das rechte von den drei am Boden hockenden Mädchen die Anführerin der Gruppe ist ?).

Br. Samuel und ich versuchen dagegen, uns von derselben Zivilisation zu entfernen, wir lassen die Schülerinnen einige Zeit allein und steigen in die ziemlich wilde und sehr schöne Schlucht hinab (Foto unten).

Examen überstanden

17. Oktober 2008

Gestern Nachmittag zogen unsere Schülerinnen laut singend Richtung Berufsschule – kein Wunder, nach 13 Prüfungen innerhalb von zwei Wochen (an einigen Tagen gab es Vor- und Nachmittags je eine zweieinhalbstündige Prüfung) musste der aufgestaute Druck herausgelassen werden. Jetzt fehlt nur noch die Matheprüfung, die verschoben wurde, weil die Aufgaben vorzeitig bekannt geworden waren.

Vor einer Prüfung nehmen sie nicht an der Morgenversammlung der Schülerinnen teil, sondern treffen sich etwas abseits, sprechen zusammen ein Gebet und singen ein Kirchenlied. Auf dem Foto (unmittelbar nach dem Lied vor der Physikprüfung letzten Donnerstag) sehen sie eigentlich ganz entspannt aus, aber ich vermute, dass der Eindruck trügt, und sie in Wirklichkeit ziemlich nervös waren. Der Rosenkranz, den viele um den Hals hängen haben (bei Margarete vorne rechts ist er deutlich sichtbar), erfüllt wohl auch eine ähnliche Funktion wie der Talisman oder Fetisch-Beutel in früheren Zeiten bzw. wie der Teddy-Bär bei manchen deutschen Schülerinnen.

Mittwoch wird erst einmal gefeiert, dann gibt es vier Monate Ferien, im Februar erst kommen die Ergebnisse, mit denen sich unsere Schülerinnen dann für die Aufnahme in die „High School“ bewerben werden, das heißt für die Aufnahme in Form 5 (12. Klasse). Dafür werden die allermeisten auf eine andere Schule wechseln, nur ganz wenige werden Form 5 bei uns machen. Am Ende von Form 6, also in gut zwei Jahren, werden sie mit dem „A-Level“ ihre Schulzeit beenden.