Flüchtlinge – aus unterschiedlichen Perspektiven

Sechs Wochen war ich in Deutschland, vor ein paar Tagen bin ich wieder in Dar es-Salaam angekommen. Schön war’s. Ein Thema hat viele Gespräche bestimmt, natürlich: Flüchtlinge. In Meschede hatten wir zwei Besucher aus Tansania, junge Mönche, die zur Ausbildung in Deutschland sind. Auch sie hatten Flüchtlinge getroffen, „sogar drei aus Tansania. Dabei gibt es wirklich keinen Grund, aus Tansania zu fliehen.“ Sie meinen, wir sollten nicht so viele Flüchtlinge aufnehmen, sondern lieber unsere Kultiviertheit wahren. Ich wende ein, dass man Flüchtlinge, die aus Syrien vor dem Bürgerkrieg fliehen, schlecht zurückweisen kann. Ja, das sehen sie ein, aber die anderen sollte man nicht aufnehmen. Ich bin überrascht, denn ich hätte von Afrikanern mehr Verständnis für afrikanische Flüchtlinge erwartet. Aber das Gespräch ist auch typisch für die Mentalität der Tansanier: Ihr Land gehört zu den glücklichen, die weder Bürgerkrieg noch schwere staatliche Unterdrückung kennen. Der durchschnittliche Tansanier kommt gar nicht auf den Gedanken, irgendwo anders leben zu wollen (abgesehen von jungen Männern, die für einige Zeit in den afrikanischen Nachbarländern Geld verdienen), und wenn jemand im Ausland sagt, dass er nicht in Tansania leben konnte, sieht man ihn eher als jemanden, der Schande über das eigene Land bringt.
Beim Priesterjubiläum meines alten Heimatpfarrers sitze ich neben dem freundlichen SPD-Bürgermeister einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt. „Das ist schon eine Herausforderung, wenn man den Anruf kriegt, ‚In ein paar Stunden kriegen Sie 3 Busse mit Flüchtlingen, bringen Sie die unter‘. Aber ich weiß, dass ich mich auf die Beamten verlassen kann. Deutsche Beamte sind gut ausgebildet, wir haben genug Ressourcen, wir kriegen das hin.“ Der Mann vermittelt den Eindruck, dass er schon schlimmere Herausforderungen gemeistert hat – wenn ich in seiner Stadt wohnte, würde ich ihn wählen.
Auf dem Rückflug las ich in der New York Times anerkennende Worte über die österreichische und deutsche Flüchtlingspolitik. Schön, wenn man so etwas über sein eigenes Land lesen kann.
Jetzt bin ich in Kurasini, unserem Gästehaus in Dar es-Salaam, wo praktisch jeder Europäer, der in Tansania irgendetwas mit den Benediktinern zu tun hat, absteigt. Beim Frühstück sitze ich mit einer ungarischen Wissenschaftlerin und einem ungarischen Bischof zusammen. Mir zuliebe unterhalten sie sich auf Deutsch. Die Wissenschaftlerin fängt an, wenn sie zeichnen könnte, würde sie eine Karikatur zeichnen, wie die Ungarn sich streiten und dazu noch von christlichen Werten reden. Ich befürchte zunächst, die beiden würden jetzt anfangen, die Abschottungspolitik ihrer Regierung zu verteidigen, und weiß gar nicht, wo ich hinschauen soll. Aber weit gefehlt: Sie erzählt, wie sie als junge Frau nicht studieren durfte, weil ihr Vater drei Angestellte hatte und deshalb von der kommunistischen Regierung als „Ausbeuter“ und „Klassenfeind“ bezeichnet wurde. Wie sie deshalb eine Ausbildung machte und in ihrem Betrieb gedrängt wurde, in die Kommunistische Partei einzutreten. „Wenn ich in die Partei eingetreten wäre, hätten sich alle meine Freunde von mir zurückgezogen.“ 1956 floh sie in den Westen, kam in Österreich in der Turnhalle einer Klosterschule unter, viele Betten in einem Raum, „aber sauber“. Der Bischof sagt, dass er beinahe in Deutschland geboren worden wäre, weil seine Eltern bei Kriegsende dorthin geflohen waren. Heute engagiert er sich bei der Hilfe für Flüchtlinge. Wieder ein Vorurteil weniger, diesmal war es eines gegen Ungarn.

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