Archive for August 2008

Busreisen erster Klasse

30. August 2008

Die Busgesellschaften geben sich gerne schoene Beinamen. Sumry, mit denen ich morgen wieder fahren werde, nennt sich „High Class“. Andere „Royal Class“ oder „Princess Class“. Wer meine letzten Artikel zum Busfahren gelesen hat, denkt vielleicht, es sollte eher „Third Class“ heissen. Aber nein: Die Fahrt von Dar bis Songea kostet 35.000 Shilling, ungefaehr 20 Euro. Fuer den Arbeiter auf der Farm von Peramiho waeren das drei Wochenloehne. Die Reisenden sind also eher wohlhabend und gebildet. Im Juni habe ich waehrend der Mittagspause den Chefarzt von Peramiho getroffen. Mein Sitznachbar auf der Fahrt nach Kenia vor einem Monat erzaehlte mir, dass er am liebsten in Madrid Urlaub macht, das sei die schoenste Stadt, die er kenne. Er ist Rentner und war frueher Pilot. Mein freundlicher junger Nachbar von gestern arbeitet als Computerexperte fuer das UN-Gericht, das in Arusha die Verfahren gegen die Voelkermoerder von Ruanda durchfuehrt. Mit ihm habe ich auch ueber die Probleme gesprochen, die unsere Schuelerinnen mit der englischen Sprache haben. Diese Probleme hatte er frueher auch, und damit sein Kind es besser hat, hat er es auf eine „English Medium School“ geschickt, wo schon in den Grundschuljahren Englisch die Unterrichtssprache ist. Dafuer zahlt er 1.200.000 Shilling im Jahr, 800 Euro, Unterkunft und Verpflegung im Internat eingeschlossen. Das ist das Sechsfache von dem Preis unserer Schule in Peramiho oder zwei Monatsgehaelter eines Lehrers in Peramiho. Was sollen Eltern mit neun Kindern machen, wie z.B. die Eltern von P.Christian (siehe „Man muss doch aufpassen …“) ?

Gestern bei der letzten Pause vor Dar laufe ich etwas vor, um meine Beine zu bewegen. Ein Minibus steht vor uns im Stau, die Passagiere sitzen und stehen dicht gedraengt. Der Mann, der in der offenen Tuer stehen muss, gruesst mich freundlich, es ergibt sich ein kurzes Gespraech: Er kommt auch aus Nairobi. Verglichen damit habe ich keinen Zweifel mehr: Mein Bus ist wirklich „Full Luxury“, steht ja auch dran.

Eine interessante Reise

30. August 2008

Gestern bin ich von Nairobi wieder nach Dar es-Salaam gefahren, morgen geht es nach Peramiho zurueck. Im Bus sind viele Plaetze freigeblieben, auch der Sitz neben mir ist frei, das Reisen ist also richtig komfortabel. Aber das kann nach meinen bisherigen Afrika-Erfahrungen eigentlich nicht sein. Natuerlich nicht – in Arusha (das ist die erste Grossstadt in Tansania, nach einem Drittel der Strecke) muessen wir in einen anderen Bus umsteigen – in dem es zuwenig Sitzplaetze gibt. Ein Fahrgast sagt: „Wir alle sind Passagiere, wir werden das im Frieden loesen.“ „Friede – Amani“ ist ein Wort, das hier im Land oft zu hoeren ist, und das entspricht auch dem Selbstbild der Tansanier: „Wir Tansanier lieben die Harmonie. Andere Afrikaner sind anders,“ so habe ich es erst vor ein paar Tagen gehoert. Der Schaffner sagt auf Englisch, „You have to accept.“ und erklaert auf Suaheli, dass die ueberzaehligen Passagiere in Moshi, also nach einer knappen Stunde, aussteigen werden. Die Fahrgaeste akzeptieren die Situation ohne weiteres Murren, nur eine Ordensschwester sagt laut auf Englisch, „Ich habe mein Ticket in Nairobi geschnitten, ich kann nicht stehen.“ Daraufhin raeumt ein anderer Fahrgast seinen Sitzplatz fuer sie. Weil sie Englisch spricht, aber trotzdem den typischen Suaheli-Ausdruck „Ticket schneiden“ fuer „Ticket kaufen“ verwendet, vermute ich, dass sie Kenianerin ist. Ich denke mir, dass man bei Menschen mit dieser Mentalitaet wohl nicht befuerchten muss, dass es in Tansania je zu Gewaltausbruechen wie vor kurzem in Kenia kommen wird. Die Schattenseite ist natuerlich, dass sie sich alles gefallen lassen, waehrend die Busgesellschaft gut daran verdient. Mein Sitznachbar, ein junger Computerexperte, denkt allerdings, dass genau diese Gewalt auch in Tansania ausbrechen koennte, und zwar aufgrund der korrupten Regierungspolitik.

Ich selbst muss auch etwas „akzeptieren“: Beim „Ticket-Schneiden“ habe ich mir den Fensterplatz in der zweiten Reihe links ausgesucht, wegen der Aussicht (die erste Reihe war schon besetzt). Dieser Platz bleibt im zweiten Bus in Arusha zunaechst frei, weil in der ersten Reihe naemlich ein alter Mann mit Kruecken seine Lehne soweit nach hinten gestellt hat, dass kaum noch Platz bleibt. Ich quetsche mich schliesslich hinein, die Aussicht ist wegen der niedrigen Lehne vor mir noch besser als erhofft, aber ich bin doch froh, als wir puenktlich kurz vor Acht in Dar ankommen.

Eine langweilige Reise

27. August 2008

Am Sonntag um 5 fahren wir in Peramiho ab, mit mir reisen Br.Samuel, der nach Ndanda zu seinem wohlverdienten Urlaub aufbricht, und die letzten der vielen Gaeste, die wir dieser Tage hatten. Zum Abendessen um 18.30 kommen wir in Dar es-Salaam, in unserem Haus in Kurasini, an. Am naechsten Morgen, wieder um 5, bringt mich Kasti, der Fahrer von Kurasini, zum Busbahnhof in Ubungo, der Bus faehrt um 6 puenktlich ab, ich unterhalte mich unterwegs etwas mit den beiden Hollaenderinnen, die in meiner Naehe sitzen, und um 20:30 Uhr holen mich Br.Bakanja und Br.Jacques in Nairobi ab. Meine dritte Reise mit Dar Express und die zweite, bei der es keine besonderen Vorkommnisse gab, wenn man vielleicht von dem Massai absieht, der mit seinem Fahrrad zu schnell um die Kurve gefahren war, siehe Foto. Das erste Mal ueberhaupt, dass ich ohne groessere Verspaetung in Nairobi ankomme.

Mal wieder nach Nairobi

23. August 2008

Als ich Ende Juli von Australien zurückkam, ging ich davon aus, dass ich bis November hierbleiben würde. Aber wie das mit meinen Reisen nach Nairobi so ist: Sie kommen immer plötzlich und unerwartet.

Also: Nächste Woche kein Blog, übernächste Woche bin ich wieder da.

Nachtrag zum Ugali-Thema

22. August 2008

Das Essen von Ugali hat irgendwie eine stark symbolische Bedeutung. Im Mai war ich bei der Schwester von Br.Alfons eingeladen. Am Tag vorher bekam ich mit, wie sie ihn anrief: „Was isst denn dein Europäer-Bruder ?“ Alfons gab die Frage an mich weiter, ich antwortete: „Och, eigentlich alles.“ – „Auch Ugali ?“ – „Ja.“

Bei dem Essen gab es dann Reis und Ugali zur Auswahl. Die Ugali-Schüssel ging zunächst an mir vorbei. Ich signalisierte zur Verwunderung der Anwesenden, dass ich auch davon essen wollte. Meine Nachbarin sagte anerkennend: „Oh, er isst auch das Essen der Afrikaner.“ Ich hatte übrigens den Eindruck, dass der Ugali dort besser schmeckte als bei uns in Peramiho. Wonach Ugali schmeckt, will ich hier lieber nicht wiederholen.

Man muss doch aufpassen, was man so schreibt

22. August 2008

Zu den Festgästen (siehe vorletzten Artikel) gehört auch P.Christian aus Ndanda im Südosten Tansanias, also ein paar 100 km von hier entfernt. Er lebt seit einem Jahr in unserem Mutterkloster St.Ottilien. Ich frage ihn: „Kannst du denn noch Suaheli sprechen ?“ – „Nein, ich habe alles verlernt, und mein Deutsch wird auch immer schlechter, weil ich unter Bayern lebe.“ – „Und weißt du noch, wie man Ugali isst ?“ – „Ich schon, aber du hast keine Ahnung vom Ugali. Wie konntest du bloß schreiben, dass Ugali nach nichts schmeckt !“ Tja, das hatte ich in einem Artikel für unseren Mescheder „Gruß aus der Abtei Königsmünster“ geschrieben, und hatte natürlich nicht daran gedacht, dass dieser Artikel vielleicht einem überzeugten Ugali-Fan in die Hände fallen könnte.

Übrigens: Nicht alle Tansanier sind Ugali-Fans. P.Fidelis meinte neulich zu mir: „Ich bin eine Kartoffel.“ Er stammt aus der Umgebung von Uwemba, mehr als 2000 m über dem Meeresspiegel, wo schon seit Jahrzehnten Kartoffeln angebaut werden. Aber für den Fall, dass P.Christian diesen Artikel liest, möchte ich hinzufügen: Kartoffeln schmecken auch nach nichts.

Als ich gestern Nachmittag aus meinem Zimmer kam und Christian auf der Bank lesen sah, konnte ich nicht wiederstehen, dieses Foto zu machen. Und weil ich die Kamera gerade in der Hand hatte, habe ich sie mit zum Kaffeetrinken genommen. Ohne die Kamera hätte ich mich beim Kaffee nicht spontan entschieden, den Abtprimas bei seinem Krankenbesuch zu begleiten, und dann wäre mir einiges entgangen, mehr dazu morgen.

Schon wieder: Wasser

21. August 2008

In dem Artikel von vorgestern habe ich mich ein wenig über den Aushang von Br.Mukasa lustig gemacht. Mukasa war vorgestern nicht bei dem Festessen zu Ehren unserer Gäste und kam auch gestern Abend erst um Acht von der Arbeit zurück. Ich kenne seine Erfahrung, denn in Meschede sind dringende Computerprobleme, die ich lösen musste, meistens an Festtagen aufgetreten (naja, im Rückblick erscheint es mir zumindest so). Das sage ich ihm, und er erzählt mir daraufhin einiges über die Hintergründe unseres Wasserproblems. Das Loch im Tank war nicht die einzige Ursache. Vor allem ist unser Verbrauch einfach zu viel für die Pumpe. Eine neue Pumpe hat er im April in Dar es-Salaam bestellt. Er bekam es schriftlich: 6 bis 8 Wochen Lieferzeit. Nach 8 Wochen hat er bei dem Händler angerufen: „Ja, die Pumpe ist da, Sie können kommen.“ Er fuhr also die knapp 1000 km bis Dar. „Oh, das tut mir leid. Ich habe gedacht, die Pumpe wäre bei der Lieferung aus Südafrika dabei gewesen, aber sie war nicht in dem Container.“ Mukasa hat darauf bestanden, dass der Händler sofort Abt Anastasius anruft, damit nachher kein Zweifel an der Geschichte aufkommt (diesen Teil der Geschichte hatte mir der Abt schon erzählt). Wir warten immer noch auf die Pumpe. Zum Ende sagt  Mukasa: „Jetzt schlafe ich kräftig. Um 12 gehe ich wieder zur Pumpe.“ – „Um 12 Uhr nachts ?“ – „Ja“ – Ich frage noch ein zweites Mal nach: „Um Mitternacht ?“ – „Ja.“ Ich werde mich nie wieder über seine Aushänge lustig machen.

Das Foto zeigt ein Beispiel für unseren Wasserverbrauch: Alte Tische und Stühle wurden neulich in unserem Vorgarten mit dem Wasserschlauch gereinigt. Sie standen noch tagelang dort herum und wir haben uns schon gefragt, ob sie wohl wachsen würden.

Viele Gäste – und ein paar bestätigte Vorurteile

20. August 2008

Heute feiert die Abtei Hanga ihr 50-jähriges Jubiläum. Hanga liegt ungefähr 40 km von hier entfernt und ist damals von Peramiho aus gegründet worden. Ein großer Teil der Festgäste stieg in den letzten Tagen erst einmal hier ab, fast alles Mönche unserer Kongregation von St.Ottilien (das ist ein Verband von gut 20 Klöstern weltweit). So hatte ich die Gelegenheit, von Abt Gottfried aus Inkamana, Südafrika, die Neuigkeiten über seine Schüler, die mit in Australien waren, zu erfahren, mit Br.Johannes aus Togo konnte ich ausprobieren, ob ich wirklich mein Französisch verlernt habe (leider ja, aber er spricht auch Englisch). Und die beiden Koreaner gaben die Gelegenheit, Vorurteile zu bestätigen: Sie können fast kein Englisch („Can I sing the pipe organ – Kann ich die Orgel singen ?“) und haben grundsätzlich immer eine Kamera dabei. Allerdings haben sie auch ein Vorurteil widerlegt: Sie waren nicht nur höflich, sondern sogar herzlich-freundlich. Möglicherweise hat das gemeinsame Hobby Fotografieren zur Verständigung beigetragen. Vielleicht sind auch die Gäste mit einem Vorurteil gekommen, nämlich dass in Afrika die Infrastruktur nicht funktioniert. Auch dieses wurde leider bestätigt: Das Wasser ist gestern erneut ausgefallen, zum Glück erst, nachdem ich mit dem Duschen fertig war (siehe den Artikel von gestern).

Das Foto zeigt die beiden Koreaner zusammen mit Erzabt Jeremias, der die Aufgabe hat, unsere Kongregation zusammenzuhalten. Nicht ganz einfach, da er von den sechs Sprachen, die man dazu eigentlich braucht, mindestens zwei nicht beherrscht: Suaheli und Koreanisch. Wie er sich mit den beiden verständigt hat, weiß ich nicht.

Noch ein Nachtrag: Inzwischen weiß ich, dass er sich mit seinem koreanischen Nachbarn auf Italienisch unterhalten hat. Insofern muss ich mein Vorurteil gegenüber koreanischen Sprachkenntnissen wohl doch korrigieren.

„Das Wasser ist wieder da“

19. August 2008

Seit Wochen fällt fast jeden Vormittag irgendwann das Wasser aus (wenn ich Glück habe, habe ich dann schon geduscht) und kommt erst am Abend wieder. Gestern hing am Schwarzen Brett ein Aushang, der mir etwas überflüssig vorkam: „Wegen Reparaturarbeiten wird heute von 10 bis 18 Uhr das Wasser abgestellt.“ Kurz vor 20 Uhr traf ich unsere Brüder Mukasa und Damian, die mit Verspätung zum Abendessen kamen. Unsere beiden afrikanischen Klempner (Mukasa ist gleichzeitig Direktor der Berufsschule und Damian ist nebenbei Hausmeister und kümmert sich um die Gäste) sagten, dass sie endlich die Ursache der Wasserprobleme gefunden hatten: Ein großes Leck im Haupttank. Mukasa machte eine Bemerkung über Damians schmutzige Hände, ich meinte dazu, dass er sie ja nicht waschen könne, weil kein Wasser da sei. „Doch, das Wasser ist wieder da“. Das war leider etwas zu optimistisch, es war weder gestern  Abend da, noch heute Morgen. Während des Morgengebetes heute sah ich, wie Br.Mukasa verspätet kam, Br.Damian antippte und dann zusammen mit ihm wieder verschwand. Seit kurz vor 8 heute Morgen gibt es aber wieder Wasser – jetzt gehe ich erst einmal duschen.

Lüchow-Dannenberg

18. August 2008

„Was auf dem ’schwarzen‘ Erdteil außer Katastrophen geschieht, will man in Europa ohnehin nicht so genau wissen. Afrikas Anteil am Welthandel ist marginal, sein geopolitisches Gewicht wiegt nicht schwer. Das andere Afrika, das heitere, gelassene, erfinderische, ist uninteressant. Andernfalls würde man herausfinden, dass Hungersnöte nicht an der Tagesordnung sind. Oder dass es in weiten Regionen friedlicher zugeht als, sagen wir, in Lüchow-Dannenberg.“

Diese Aussage fand ich bei Bartholomäus Grill, dem früheren Afrika-Korresponten der „Zeit“ in seinem Buch „Ach, Afrika“. Manchmal kommt es mir wirklich so vor, als würden wir hier auf einer „Insel der Seligen“ leben, wo es keine Bürgerkriege gibt, wo die Schule und das Krankenhaus (einigermaßen) funktionieren, wo es sogar Strom und Internet-Anschluss gibt. Auch die Menschen, mit denen ich am meisten zu tun habe, Schülerinnen, Lehrer, Mönche, sind natürlich nicht gerade die Problemgruppen. Diese Gruppen gibt es durchaus: Arbeitslose Jugendliche, Kranke, Jugendliche ohne Chance auf den Besuch einer weiterführenden Schule. Vermutlich würde manches in meinem Blog nicht ganz so positiv klingen, wenn ich auf einer Krankenstation irgendwo im Dorf arbeiten würde, oder gar irgendwo in der DRK (Demokratische Republik Kongo – der Staat ist ungefähr so demokratisch wie früher die DDR, aber nicht ganz so erfolgreich). Aber ein Ziel meines Blogs ist es ja auch, das negative Afrika-Bild aus den Medien etwas zu korrigieren.

Das Foto zeigt friedliche Wesen, die zu unserer Farm gehören.