Mitten im Ramadan gelandet

6. Juli 2015

sansibar Am Samstag bin ich mit Br.Julian aus Münsterschwarzach, dessen anderthalbjähriger Tansania-Einsatz seinem Ende entgegenging, nach Sansibar gefahren. Die Insel mit dem griechischen Flair (strahlender Sonnenschein, weiße Häuser, blaues Meer, Touristenziel, nicht besonders reich) wird angeblich zu 99 % von Muslimen bewohnt. Für die Muslime ist Ramadan, der Monat, in dem von Sonnenaufgang bis -untergang nicht gegessen und getrunken wird.
Wir kaufen eine frische Kokosnuss. Statt – wie üblich – uns die Nuss mit dem großen Messer zu öffnen, drückt der Händler sie uns in die Hand und sagt, wir sollten sie zu Hause aufmachen, „Wir erlauben nicht, dass ihr sie hier esst.“ Am nächsten Tag packt ein anderer Händler mir eine Wasserflasche in eine Papiertüte mit den Worten, „Im Ramadan trinken die Leute nicht einfach so.“ Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht zu fragen, ob die Leute vielleicht heimlich trinken. In den islamwissenschaftlichen Vorlesungen habe ich gelernt, dass man durchaus Muslime treffen kann, die offen zugeben, dass sie nicht beten. Aber es sei praktisch unmöglich, dass jemand zugibt, dass er im Ramadan nicht fastet.
Wir essen in einem malerischen Restaurant zu Mittag, das auf dem Dach eines der höchsten Häuser der Altstadt (5.Stockwerk, das Foto zeigt die Aussicht) liegt. Ich trinke zwei Cola, Julian eine, auf der Rechnung finden wir zwei. Ich sage dem freundlichen Kellner Bescheid, dass er eine Cola vergessen hat. Weil es so schön ist, essen wir am Sonntag wieder dort. Julian trinkt zwei Gläser Wein, ich eines, auf der Rechnung finden wir zwei. Ich habe den Verdacht, dass der Kellner wirklich seit Sonnenaufgang nichts gegessen und getrunken hat, daher wohl die Konzentrationsschwierigkeiten, denn ansonsten wirkt er kompetent und intelligent. Er nimmt die Nachricht etwas mürrisch auf, dass er sich schon wieder verrechnet hat, ich sage ihm, „Ich wollte dich nicht betrügen, schließlich soll man im Ramadan nichts Schlechtes tun.“ Da hellt sich sein Gesicht auf, er reicht mir dankbar die Hand.
Der Ramadan ist für Muslime eine Zeit, Gutes zu tun, Almosen zu geben und vermehrt zu beten. Abends sind die Straßen voll mit Männern, alten und jungen, die meisten in langen, weißen arabischen Gewändern, die gerade auf dem Weg zur Moschee oder zurück von ihr sind. Es herrscht – zumindest in der Nähe der zahlreichen kleinen Moscheen – eine sehr ruhige, konzentrierte, dichte Athmosphäre, und es geht auch friedlich zu – Sansibar ist zum Glück nicht Tunesien.

Namen sind Schall und Rauch

21. März 2015

Meine Mitarbeiterin Elvira Nyika fragt, “Auf welches Konto soll ich die Schulgebühren für Lionel buchen ?” Ich stutze kurz, dann merke ich, dass sie den Namen Rainery so ausgesprochen hat, dass ich “Lionel” verstanden habe – L und R werden in vielen Mundarten hier verwechselt. Ich sage, “Rainery Mwanyika ist doch ein Vetter von dir, oder ?” Sie: “Ich kenn ihn nicht.” Ich: “Der Messdiener, der in Hanga zur Schule geht und sich in den Ferien hier oft um die Hunde kümmert.” Sie: “Ach der, das ist mein Vetter.”
Namen sind hier schwierig, zum einen werden die Vornamen fast immer anders ausgesprochen, als ich das erwarte (“Lionel” statt “Rainer”), dann haben viele in der Taufe einen anderen Vornamen bekommen, als sie ursprünglich hatten. Der Chef unseres Gästehauses z.B. ist auf den Namen Ladislaus getauft worden, vor der Taufe aber hieß er Thomas. Den meisten Gästen stellt er sich als Thomas vor, weil das leichter auszusprechen ist. Ich kannte ihn aber als Ladislaus und brauchte einige Zeit, bis ich merkte, wer gemeint war, wenn die Gäste von “Thomas” sprachen.
Nachnamen sind auch nicht so einfach. Bei Männern steht in unserer Gegend oft ein “Mwa-” vor dem Nachnamen, bei Frauen ein “Sa-”. Aber in offiziellen Urkunden werden diese Vorsilben manchmal weggelassen. Deshalb wird Elvira manchmal “Sanyika”, und manchmal “Nyika” genannt. Ihr Cousin Rainer heißt “Mwanyika”.
Am Sonntag war ich auf unserem Außenposten Yakobi (wie der Name schon verrät, ist der Ort vor über 100 Jahren von deutschen, evangelischen Missionaren gegründet worden) zur Messe. Ich fragte die beiden Messdiener, Schüler der sechsten Klasse, nach ihrem Namen. “Flans Mwanyika”, sagt der eine. Ich frage gleich, ob er mit Elvira verwandt ist. Ja, sie ist seine Cousine. “Dann hast du auch einen Cousin, der in Hanga zur Schule geht”, sage ich, aber er behauptet, niemanden zu kennen, der dort zur Schule geht. Nach der Messe gibt es wie immer Mittagessen beim Katechisten. Eine junge Frau ist auch da, sie stellt sich als Frau Nyika vor. Sie kennt die Familienverhältnisse der Nyika / Mwanyika ziemlich gut, weiß sofort, dass ihr Großvater und Rainers Großvater Brüder waren, dass der junge Flans (natürlich derselbe Name wie Franz) ihr Vetter ist. “Der ist noch jung, der weiß noch nicht, wer alles zur Familie gehört”, sagt sie.

Drei Kinder sind uns geboren

28. Dezember 2014

Zweiter Weihnachtstag, nachmittags um 5. Es regnet. Sr.Hildegard ruft an, die Verwalterin des Krankenhauses. Sie hat diese Woche schon zweimal angerufen, weil sie schlecht geplant hatte und deshalb eines unserer Autos brauchte. “Unser Auto hat einen Platten. Wir müssen eine Frau nach Kibena (dem nächstgrößeren Krankenhaus) bringen. Ihr Zustand ist wirklich schlecht.”
Ihr Fahrer kommt mit dem Fahrrad vorbei, gerade als der Regen am heftigsten ist. Ich gebe ihm den Zündschlüssel und zeige ihm das Auto. Danach bin ich klitschnass, der Fahrer noch nässer.
Am nächsten Morgen erklärt sie mir, was passiert ist: Die Wehen hatten eingesetzt, es schien alles gut zu verlaufen, aber dann bekam die Frau unerwartet einen epileptischen Anfall. Mit zwei Krankenschwestern und dem Fahrer ging es also zum Kibena-Krankenhaus in der Bezirksstadt Njombe. Dort war abends am Feiertag kein Arzt mehr anzutreffen, nur inkompetente Krankenschwestern. “Regierungskrankenhaus,” kommentiert Sr.Hildegard, und damit ist – leider ! – alles gesagt. Unsere beiden Krankenschwestern wissen sich aber zu helfen: “Wir warten, bis der Arzt kommt.” Wenn sie zu uns zurückgefahren wären und die Patientin in Kibena gelassen hätten, wäre sie wohl gestorben. Aber unter dem Druck der Kolleginnen bemüht man sich doch, den Arzt herbeizuholen. Nach über zwei Stunden kommt der tatsächlich, der Kaiserschnitt wird gemacht, Mutter und Zwillinge sind wohlauf.
Ach ja, das Kibena-Krankenhaus. Neulich musste die Frau eines Freundes von mir dorthin. Am Freitag kam seine SMS, “Sie ist jetzt im Krankenhaus. Ich bitte um dein Gebet für eine gute Geburt.” Am Samstag, “Noch nicht. Aber es lässt sich gut an.” Am Montag Morgen, “Der Service in Kibena ist nicht gut (Tansanier drücken sich gerne zurückhaltend aus, ein Deutscher würde wahrscheinlich schreiben, “ist katastrophal”). Ich halte es für besser, sie nach Ikonda zu schicken.” Am Nachmittag, “Wir sind gut in Ikonda angekommen, und sehr gut aufgenommen worden. Man hat sich sofort um uns gekümmert.” Letzteres ist wohl der Unterschied zwischen dem katholischen Krankenhaus von Ikonda und dem Regierungskrankenhaus von Kibena. Auch in dem Fall war ein Kaiserschnitt nötig, es ist alles gut gegangen.

Hygienestandards

2. Dezember 2014

umzug Die Anreise nach Illeret hatte mich schon in gewisser Weise auf die Nacht in der Fora (siehe vorigen Artikel) eingestimmt: Ich lernte nämlich Victor kennen. Der sympathische junge Mann hat Landwirtschaft studiert, als er noch Bruder in Peramiho war. Jetzt arbeitet er für den staatlichen Veterinärdienst bei den Massai, dem berühmten Nomadenvolk im Grenzgebiet zwischen Tansania und Kenia. Deren Respekt hat er sich erst erarbeiten müssen. Dazu gehörte auch, bei den Massai draußen unter einer ungezieferverseuchten Lederdecke zu schlafen und mit ihnen Tee zu trinken, ohne sich um den Schmutz darin zu kümmern. Meine Gedanken dazu waren: “Hoffentlich gibt es in Illeret keine solchen Decken”, und: “Ein europäischer Tierarzt bei den Massai würde genauso reden.”
Besonders nett fand ich ein Erlebnis aus Victors Anfangszeit bei den Massai: Man rief ihn zu einer Kuh, die sich nicht auf den Beinen halten konnte. Er fand aber keine Symptome irgendeiner bekannten Krankheit, und sagte daher, “Wenn Kühe Alkohol trinken würden, würde ich sagen, die ist betrunken.” Eine Woche später klärte man ihn dann auf: Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, die Massai hatten der Kuh Bier vorgesetzt, um ihn auszutesten.
Das Ungeziefer ist mir bei den Nomaden zum Glück erspart geblieben, und ob das Essen oder der Tee schmutzig waren, konnte ich in der Dunkelheit nicht sehen. Nach der Rückkehr wurde ich in Illeret etwas spöttisch gefragt, ob ich den Ausflug genossen hätte. Vin, der als Helfer des Lastwagenfahrers nicht gerade ein bequemes Leben hat, ist überrascht, dass ich bejahe. Er lebt schon ein paar Jahre in Illeret und war nur zweimal “draußen”. Gefallen hat es ihm nicht – “nicht hygienisch genug”, sagt er.
Die Gespräche mit Vin und Victor führen mir vor Augen, dass ihr Lebensstil und ihre Vorstellungen deutlich näher an europäischen Vorstellungen liegen, als an denen ihrer nomadischen Landsleute.
Das Foto zeigt eine Nomadenfamilie beim Umzug – der ganze Hausrat passt auf drei Esel.

Ich belüge P. Florian und schlafe neben einem Gewehr

27. November 2014

homeguard Am Montag kommt Florian zu mir: Er wolle zu einer Fora, einem Nomadenlager, hinausfahren, und werde dort übernachten. Ob ich mitkommen wolle. Es ist heiß, ich bin müde, und die Blende der Kamera verhakt sich immer wieder, so dass das Fotografieren auch keinen wirklichen Spaß mehr macht. Kurzum, ich habe keine Lust. Doch bin ich zu feige, einem solchen Naturburschen (“Ein harter Bursche”, sagt der Chief respektvoll über ihn) wie ihm zu sagen, dass ich lieber bequem in Illeret bleibe, daher lüge ich, dass ich mit Vergnügen mitkomme.
Mit nur wenigen Minuten Verspätung fahren wir um Drei ab, das Auto voller Nomaden mit Gepäck und – Gewehren. Einige der Reisenden tragen die Uniform der Homeguards. Aus irgendeinem Grund hat die Regierung zahlreiche Nomaden zu Homeguards (Hilfspolizisten) erklärt und ihnen damit die Erlaubnis gegeben, Uniform zu tragen und ein Gewehr zu besitzen, ohne dass diese “Polizisten” dadurch auf die staatliche Ordnung verpflichtet wären. Ob allerdings alle Gewehre legal sind, darf bezweifelt werden – Legal, illegal, sch…egal, sagte man zu meiner Schulzeit.
Zwei Stunden lang geht es über eine gute Piste in die Wüste hinein, dann sagt der Chief (Häuptling), irgendwo hier müsse das Lager sein. Er steigt mit Florian und anderen aufs Autodach, um nach dem Lager Ausschau zu halten.
wo_sind_sie_denn In der Zwischenzeit posieren einige Nomaden mit Gewehr für meine Kamera (siehe Foto ganz oben). Ein Junge, den ich auf Zwölf schätze, steht so professionell da, dass ich vermute, dass er auch damit schießen könnte, wenn er wollte. Die Nomaden sind wohl der Meinung, jeder “echte Mann” müsse ein Gewehr haben. Komischer Gegensatz dazu: Die meisten tragen Röcke und Zöpfchen, so dass ich zuerst denke, sie wären Mädchen. Leider habe ich meine Kamera nicht so schussbereit wie die Nomaden ihre Gewehre, denn ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben einen Leoparden in freier Wildbahn. Er läuft einer kleinen Gazelle hinterher, die läuft nach rechts in ein Gebüsch, der Leopard läuft geradeaus weiter, sie springt nach links auf einen kleinen Felsen und schaut unser Auto an. Der Blick scheint zu sagen, “Ist der dumm !”
Die Fahrt geht weiter, jetzt einfach querfeldein. Ziemlich genau bei Sonnenuntergang erreichen wir das Lager. Damit ist auch geklärt, warum die Abfahrt so ungewöhnlich pünktlich war – alle wussten, dass wir bei Verspätung in die Dunkelheit geraten würden und das Lager womöglich nicht finden würden.
Das Lager besteht aus vielleicht zehn Hütten, aus Zweigen gebaut und mit schwarzer Plastikplane bedeckt. Früher waren die Hütten aus Gras gebaut, bemerkt Florian. Der Chief antwortet, dass das Plastik ein Problem darstellt, weil es in der Sonne glänzt und deshalb von weitem sichtbar ist – auch für Feinde, von denen ich in einem der nächsten Artikel schreiben muss. Aber es gibt heutzutage nicht mehr genug Gras, um die Hütten zu decken. Die Hütten sind von einem Zaun umgeben, der einfach aus Zweigen von Dornbüschen besteht. Darum herum werden die Tiere für die Nacht untergebracht, Schafe, Ziegen, Kühe und ein paar Esel, die einzelnen Herden wieder durch Dornbusch-Zaun getrennt, und auch gegen die Außenwelt nochmals mit einem solchen Zaun geschützt. Rauch von Feuern steigt auf, die Hirten kehren mit ihren Herden zurück. Warum macht das Ganze auf mich einen so einladenden Eindruck ? Wahrscheinlich werde ich nicht viel Schlaf finden können, und viel von dem Essen, das mich hier erwartet, werde ich auch nicht hinunterwürgen können. Dennoch kommt mir der Ort spontan sympathisch vor. Liegt das daran, dass wir seit drei Stunden keine anderen Menschen gesehen haben ? Oder liegt es an Genen, die noch aus der Zeit der Völkerwanderung in mir schlummern ?
hammelbeine Nachdem wir einige Zeit draußen herumgestanden haben, führt der Chief uns durch die äußere Hecke zwischen den Schafen hindurch ins Innere. Dort wird auf einem freien Platz die große Zeltplane ausgebreitet, die wir von Illeret mitgebracht haben. Florian besucht einen der Nomaden, dessen chronische Nierenkrankheit sich kürzlich verschlimmert hat, in seinem Zelt, während eine Frau mir eine Plastikkanne voller Tee mit Milch reicht, den ich aus der dazugehörigen Plastiktasse trinke. Nicht gerade mein Lieblingstee, aber trinkbar. Dann lädt der Chief den inzwischen zurückgekehrten Florian und mich zur Vorspeise ein. Vor einem der Zelte gibt es Leberstückchen. Nicht meine Leibspeise, aber essbar. Inzwischen ist es dunkel, ein Nomade kommt mit seiner Taschenlampe vorbei, ich hoffe, dass das Licht nicht in die Schüssel fällt, damit der Anblick mir nicht den Appetit verdirbt. Nach dieser Vorspeise geht es wieder zurück zu unserer Zeltplane, wo wir auf den zweiten Gang warten. Nach einiger Zeit werden wir dann wieder gerufen, es gibt diesmal irgendein Fleisch, geanueres ist nicht zu sehen, es wird wohl Ziege sein. Das erste Stück, das ich erwische, ist nicht besonders gut, danach tue ich nur noch so, als ob ich mir etwas aus der Schüssel nehme. Zu Florian sage ich, “Meine Strategie ist nicht, satt zu werden, meine Strategie ist, nicht aufzufallen.” Der Chief meint am nächsten Morgen zu mir, ich hätte wohl abgenommen – ob er doch etwas gemerkt hat ?
zahnbuersten Dann setzen sich immer mehr Männer auf die Zeltplane, der Chief ermahnt uns, uns andersherum zu setzen, so dass alle in dieselbe Richtung schauen, und nun beginnt die Versammlung, um derentwillen Florian hergekommen ist. Ein Mann reicht einem anderen einen Speer, der dann viele kurze Rufe ausstößt, auf die alle mit etwas antworten, was wie “Haya” klingt. Florian erklärt mir später, es seien Segenswünsche gewesen, ungefähr “Unser Vieh möge gedeihen”, und ähnliches. Danach werden einige Reden gehalten, der Sprecher geht vor den Versammelten auf und ab und hält den Speer in der Hand. Da gar kein Licht vorhanden ist, sehe ich den Sprecher nur als Schatten vor den tausend Sternen, die am wolkenlosen Himmel stehen. Eindrucksvoll, aber ich bin zu müde, so lehne ich mich zurück und schließe die Augen. Im Halbschlaf habe ich den Eindruck, alles zu verstehen – der Sprecher erzählt vom Auszug Israels aus Ägypten. Als Florian aufgerufen wird, werde ich wieder wach. Florian spricht Suaheli, der Chief übersetzt in die Dassanach-Sprache. Er schlägt den Nomaden vor, an einer bestimmten Stelle eine neue Siedlung zu gründen, um der Regierung klarzumachen, dass diese Stelle zum Gebiet der Dassanach gehört und von der Regierung nicht für andere Zwecke verwendet werden darf. Es gibt einige Nachfragen von den Zuhörern, dann kommt der nächste Sprecher. Nach dem Ende der Versammlung legen wir uns an Ort und Stelle aufs Ohr bzw. auf das Handtuch, das ich als Kopfkissenersatz mitgenommen habe. Florian liegt links von mir, daneben der Chief, daneben die Kalaschnikow des Chiefs. Rechts von mir liegt Otieno, ein Jugendlicher aus Illeret, der keine Eltern mehr hat, bei Verwandten wohnt, aber tagsüber meist im Pfarrhaus rumhängt oder sich nützlich macht (das Foto oben zeigt ihn hinter Florian beim Zähneputzen mit Hilfe eines Holzstücks, das hier als Bürstenersatz dient, noch weiter oben bringt er eine Ziege zu unserem Auto). Heute ist er einfach mitgefahren, er ist erst im letzten Moment auf das Auto geklettert, als Florian schon am Steuer saß und nichts davon merken konnte, jetzt sitzt er überall dabei, wo der Chief, Florian und ich sind. Er hat kein Kopfkissen, und um sich gegen den Wind zu schützen, zieht er nur sein T-Shirt halb über den Kopf. Ich habe meine warme Jacke mit Kapuze, so bin ich gut geschützt. Die Unterlage ist etwas hart, das Kopfkissen etwas klein, und alles ist vom Blöken der Schafe untermalt. Trotz allem schlafe ich hervorragend.
Am Morgen entfällt alles, was sonst das Aufstehen verzögert: Noch ein bisschen liegenbleiben, weil es im Bett so bequem ist, Waschen, Rasieren, Anziehen. Ich stehe einfach auf, als es hell wird, nehme die Kamera, und mache die ersten Fotos (siehe unten).
morgen Es gibt wieder Tee mit Milch, dann folge ich Florian in eine der Hütten, wo es Sauermilch aus einer Plastikkanne gibt. “Cook it, peel it, or forget it,” heißt die Regel für Essen in Ländern mit anderen Hygienestandards, sinngemäß, “Iss nur Gekochtes oder Obst, das du schälen kannst.” Da Florian aber keine Bedenken hat, trinke ich mit. Danach geht es zurück. Da das Essen in Illeret gut und reichlich ist, macht es nichts, dass ich etwas hungrig bin, jedenfalls bin ich um eine wunderschöne Erfahrung reicher.

Ich mache Nacktfotos und schlage kleine Kinder

25. November 2014

dassanach2 Das Bistum Marsabit feiert sein 50-jähriges Bestehen. Als Festgeschenk wollen die Katholiken von Illeret ein paar Ziegen nach Marsabit bringen. Deshalb hat sich am Dienstag, an demselben Tag, an dem ich mit P.Florian die letzte Etappe nach Illeret gefahren bin, eine Gruppe junger Leute in den Busch aufgemacht, um dort von den Hirten Ziegen zu erbetteln. Florian mag solche Aktionen nicht, weil er schon weiß, was dabei herauskommt. Aber an jenem Dienstag war er halt noch nicht da, und außerdem gehen die jungen Leute aus Abenteuerlust, da ist es schwer, sie zurückzuhalten. Abenteuer haben sie bekommen, nämlich in Form von Hunger. Die Hirten haben ihnen innerhalb von drei Tagen drei Ziegen geschenkt, und außerdem haben sie ihnen Tee angeboten, sonst nichts. Sie gehören zwar zum gleichen Stamm wie die jungen Leute, aber sie sind nicht mit ihnen verwandt. Einer der jungen Leute marschiert also zurück nach Illeret und bittet, die ausgehungerte und erschöpfte Gruppe mit dem Auto abzuholen. Das übernimmt P.Winfried, der junge afrikanische Priester, der Florian während seines Urlaubs vertreten hatte. Ich begleite ihn und komme so zum ersten Mal zu den Nomaden hinaus.
Gleich, als wir ankommen, greifen viele Hände nach dem Außenspiegel, der völlig verstellt wird. Auch meine Kamera zieht neugierige Hände in Massen an, so dass ich eine Methode anwende, die ich in Illeret schon mehrfach beobachtet habe: Zuschlagen. Allerdings benutze ich dazu keinen Stock, wie das so manche Frau in Illeret tut, und ich deute den Schlag auch nur an.
Winfried fordert mich auf, ein Foto von ihm mit “this lady” zu machen. Andere kommen hinzu, die meisten tragen die traditionelle Kleidung oder Nicht-Kleidung der Dassanach. In der “Stadt” (“town”), wie Illeret hier genannt wird, sieht man mehr Kleidung (das untere Foto habe ich dort gemacht), aber auch dort laufen viele Menschen noch traditionell, nackt oder halbnackt herum. Die abgebildeten Menschen haben wahrscheinlich eine ungefähre Vorstellung davon, was ein Fotoapparat ist, aber gar keine Vorstellung, was das Internet ist. Deshalb stelle ich nur eine ganz kleine Version des Fotos ins Netz.
Nach dem Foto von Winfrieds “lady” wollen auch andere, Kinder und Erwachsene, fotografiert werden. Anschließend zeige ich ihnen jedesmal ihr Bild auf dem Display, was ziemliche Begeisterung auslöst. Die alte Frau rechts auf dem oberen Bild umfasst das Objektiv mit der ganzen Hand, bevor ich sie daran hindern kann. Ich bin nicht begeistert, kann aber angesichts ihres Alters schlecht zuschlagen.
dassanach

Ausflug ans Ende der Welt

19. November 2014

vor_isiolo Zu Schulzeiten las ich in irgendeinem Buch vom Rudolf-See irgendwo in den innersten Tiefen Afrikas. An diesem See, der heute Turkana-See heißt, liegt die Pfarrei von P.Florian. Sie hat gewisse Ähnlichkeit mit dem Ende der Welt. Am Samstag bin ich mit ihm, Fahrer Vinzenz und dessen Helfer Vinzenz, der zur Unterscheidung “Vin” genannt wird, in das Führerhaus von Florians Lastwagen gestiegen. Der transportierte 9.000 Liter Benzin und Diesel und andere Dinge, die man im äußersten Norden Kenias nicht bekommen kann. Unterwegs auf den diversen Bauernmärkten kauft Florian noch Obst und Gemüse ein, ausreichend für eine dreimonatige “Überwinterung” in der Wüste. Der erste Reisetag verläuft aber ziemlich gemütlich, es geht nur bis Nanyuki, wo die Benediktiner direkt am Äquator ein Haus haben, keine vier Fahrtstunden von Nairobi entfernt. Am Sonntag geht es dann nach dem Mittagessen durch die wunderschöne Landschaft des kenianischen Hochlandes Richtung Norden. Für die grandiose Abfahrt (oberes Foto) in die Tiefebene schaltet Vinzenz in den zweiten Gang runter, dann erreichen wir Isiolo, wo das Ende der Teerstraße, der Beginn der Wüste, die ersten Kamele und der Sonnenuntergang zusammentreffen.
Wenn es trocken ist, durchquert Florian die Wüste lieber bei Nacht, tagsüber ist wegen der Hitze die Belastung der Reifen sehr groß. Aber es hat geregnet, und 20 km vor Marsabit geraten wir gegen Mitternacht in ein Matschstück. Am linken Straßenrand sind mehrere große LKWs abgestellt, deren Fahrer anscheinend den Morgen abwarten wollen. Florian hat inzwischen Vinzenz am Steuer abgelöst und fährt rechts vorbei – zu nahe ! Ein lautes “Gong” zeigt an, dass unser Laster gegen den stehenden gerutscht ist – Matsch ist die hiesige Entsprechung zu Glatteis. Noch ein “Gong”, dann sind wir vorbei, und die Seitenwand hat zwei Dellen mehr, wie wir am Morgen sehen. Kurz danach kommen wir an einem Kleinbus vorbei, der mit seinen zehn oder 15 Passagieren im Matsch steckengeblieben ist. Auch der Geländewagen, der im Straßengraben steckt, macht nicht gerade Mut zum Weiterfahren. Wir halten an, Vinzenz und Florian gehen ein Stück voraus, um die Lage zu erkunden. Dann beschließen sie, es zu versuchen. Gegen 2 Uhr sind wir in Marsabit und schlafen die paar Stunden, die von der Nacht noch übrig sind, im Lastwagen. Marsabit ist die Bezirksstadt, hier gibt es die letzte Tankstelle und die letzte Autowerkstatt. Außerdem gibt es ein paar Gaststätten, der Bischof hat hier seinen Sitz, aber alles ist sehr ländlich und dörflich. Nach dem Besuch beim Bischof und ein paar Einkäufen geht es am frühen Nachmittag weiter in die Wüste. Florian und ich steigen in den Geländewagen um, den er gerade in der Autowerkstatt abgeholt hat – ein altes russisches Modell, bei dem nur Dieselmotor, Fahrgestell, Lenkung, Getriebe und Bremsen funktionieren. Das reicht für Florian, schließlich hat er das Autofahren von seinem Onkel, einem Ralleyfahrer, gelernt. Zum Vorglühen hält Florian einen losen Draht an einen Knopf auf dem Armaturenbrett. Um Sechs trennen wir uns von Vinzenz und seinem LKW, weil wir einen Umweg über Maikona machen, um eine Schülerin mitzunehmen, die zum Ferienbeginn nach Hause fährt. Die beiden rumänischen Priester dort, sympathische Menschen, bei denen man sich sofort wohlfühlt, zwingen uns geradezu, an ihrem Abendessen teilzunehmen. Dann fahren wir weiter in die Salzwüste Tschalbi hinein. Nach einer halben Stunde – Wasser ! Der Regen hat die Piste überschwemmt, wir müssen umkehren. Insgesamt haben wir durch den Umweg zwei Stunden verloren. Florian zeigt jetzt, was er von seinem Onkel gelernt hat, und als wir um halb Elf in North Horr ankommen, ist der LKW uns nur 10 Minuten voraus. Die Pfarrei in North Horr wird von drei Augsburger und einem kenianischen Priester geleitet, es gibt eine Dusche, ein sauberes Bett und eine saubere Toilette. So gestärkt, stellt der vierte Reisetag dann kein Problem mehr da, die einzigen Ereignisse der gemütlichen Fahrt von morgens 11 bis abends um Acht sind eine große Straußenherde, viele Kamele und mehrmaliges Nachfüllen von Kühlwasser.
kamele Florian war drei Monate in Europa, jetzt fährt er laut hupend in den Ort ein, die Kinder haben schon den ganzen Tag nach ihm Ausschau gehalten und bereiten ihm jetzt einen fröhlich-lauten Empfang.
Ich bin also in Illeret, mit Blick auf den Turkana-See. Es gibt auch hier ein sauberes Bett, Dusche und Toilette. Außerdem gibt es regen Straßenverkehr – gestern habe ich zwei PKWs, einen LKW und ein Motorrad gezählt, und sogar Internet über Handy funktioniert. Und dann gibt es noch etwas, von dem ich schon zu Schulzeiten gelesen habe, das Turkana Basin Institute von Richard Leakey, dem berühmten Paläontologen (Fossilienforscher). Die heutigen Forscher gehen davon aus, dass irgendwo hier die Gegend war, von der aus sich die Menschheit in alle Himmelsrichtungen ausgebreitet hat, also die Mitte der Welt.
Das untere Foto zeigt die Wüste einige Stunden vor Illeret.
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Ausflug in ein modernes Land

14. November 2014

centre Diese Zeilen schreibe ich mal wieder in Nairobi, wo ich Zwischenstation auf dem Weg ans Ende der Welt mache. Sechs Tage lang habe ich Fotos in unserem Studienhaus hier gemacht. Dabei hatte ich die Gelegenheit, P.Isaiah zu seiner Vorlesung im Fach Moraltheologie zu begleiten. Er sagt mir nachher, “Es ist die Pflicht der Studenten, den Professor zu kritisieren.” In Tansania würde man eher hören, “Es ist die Pflicht der Studenten, alles auswendig zu lernen, was der Professor sagt.” Auch sonst gibt es in Nairobi viele moderne Dinge, die man in Tansania vergeblich sucht: Die Catholic University of Eastern Africa ist eine eindrucksvolle Institution mit einer hypermodernen Bibliothek. Für die Buchrückgabe ist ein Automat zuständig, der so ähnlich funktioniert wie moderne Automaten zur Rücknahme von Pfandflaschen in Deutschland. Das Konferenzzentrum der Uni (oberes Foto) ist ebenso modern, es hat sogar einen Preis für Umweltfreundlichkeit gewonnen, weil die frische Kühle im Raum ganz ohne Klimaanlage erzeugt wird. In unserem Studienhaus gibt es eine funktionierende Trennung von Trink- und Brauchwasser, auf den Straßen sieht man (allerdings wenige) Radfahrer mit Fahrradhelm, und die Straße, auf der ich inzwischen in unsere Pfarrei St.Benedict weitergefahren bin, hat 12 Spuren – 6 für jede Fahrtrichtung.
Die Pfarrei liegt direkt an dieser Autobahn, und am Freitag gehe ich in Begleitung einiger Mitarbeiter der Pfarrei auf die andere Seite der Autobahn, wo Mathare Valley liegt, der größte Slum Nairobis. Wir besuchen die Klinik der German Doctors, wo sechs deutsche Ärzte im Monat 6300 Patienten behandeln. Der Patient zahlt für die Behandlung 200 Shilling (2 Euro) und bekommt dafür alles, was er braucht, einschließlich der Medikamente. Wenn er stationär behandelt werden muss, dann bringen die German Doctors ihn zum Kenyatta Hospital und bezahlen ihm die Aufnahmegebühr dort von 660 Schilling. Chronisch Kranke, z.B. Diabetiker, erhalten für 300 Schilling im Monat die notwendigen Medikamente, HIV-Positive werden sogar kostenlos behandelt. Der Schock kommt, als das Wort “malnutrition” fällt, Unterernährung. Ich frage nach, ob Unterernährung nur vorkommt, wenn die Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Katechist Anton antwortet, dass es Eltern gibt, die sich um ihre Kinder kümmern, aber einfach zu arm sind, um sie zu ernähren. “Ich könnte dich zu Familien führen, da würdest du weinen.” Und das nur einen kurzen Fußweg von der 12-spurigen Stadtautobahn entfernt !
lasten Die Atmosphäre ist sehr entspannt: Ein Mann mit einem Handkarren kommt vorbei, er möchte gerne fotografiert werden. Ich tue ihm – natürlich sehr gerne – den Gefallen und zeige ihm dann das Foto auf dem Display mit den Worten: “Ein Foto von einem kräftigen Mann.” Daraufhin posiert er für weitere Fotos als Mann, der seine letzte Kraft einsetzt, und hat offensichtlich eine Riesenspaß dabei (siehe Foto).
Doch die Leute können auch anders: An einer Querstraße sagen Katechist Anton und Br.Dominik mir: Hier stand das Schild, “No Raila, no peace.” Das war nach den Präsidentschaftswahlen 2007. Raila Odinga hatte die Wahl verloren, höchstwahrscheinlich durch Wahlbetrug. Damit begann eine Welle der Gewalt zwischen Raila Odingas Volk, den Luo, und dem Volk des Wahlsiegers, den Kikuyu. Das Schild markierte den Eingang zum Wohnviertel der Luos. Wer trotz der Warnung weiterging und zum Volk der Kikuyu gehörte oder nur so aussah, wurde umgebracht. Die Wunden von damals sind noch lange nicht verheilt. Der heutige Präsident ist vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt, damals für die Kikuyu-Seite die Gewalt organisiert zu haben. Gestern hieß es auf Seite 1 der Tageszeitung, dass er seine Umfragewerte verbessert hat, indem er wirklich zu einem Gerichtstermin in Den Haag erschienen ist.

Ausflug in die Kolonialzeit

4. November 2014

pferdetransporter Br.Wendelin hat Uwemba etwas hinterlassen, das in Tansania fast einzig dasteht: Eine Pferdezucht. Als er vor ziemlich genau einem Jahr in seine Schweizer Heimat zurückkehren musste, ließ er Zuchthengst Simba (der Name bedeutet “Löwe”) und drei Pferdepfleger zurück. Kurz vor seiner Abreise hatte er noch eine Stute an ein Ehepaar in Mbeya verkauft. Weil die Stute noch ein Fohlen säugte, blieb das Fohlen bei ihr, mit der Vereinbarung, dass es zu uns zurückkehren solle, sobald es nicht mehr saugen würde. Diese Zeit ist jetzt abgelaufen. Die neuen Besitzer der Stute haben keine Anstalten gemacht, mit Br.Robert, meinem jungen Namensvetter, dem neuen Leiter der Farm, in Kontakt zu treten. Da die neuen Besitzer einen unserer Pferdepfleger abgeworben haben, liegt der Verdacht nahe, dass er ihnen geraten hat, darauf zu spekulieren, dass Br.Robert nichts von dem Fohlen wüsste. Von dem Wechsel des Pferdepflegers haben wir übrigens nur dadurch erfahren, dass er nach seinem Urlaub nicht wieder bei uns zur Arbeit erschien.
Nachdem Br.Robert von den anderen beiden Pferdepflegern über das Fohlen informiert worden war, nahm er Kontakt auf, die Antwort lautete, sie würden das Fohlen uns gerne für 250.000 Schilling abkaufen. 100 Euro für ein Reitpferd ! Der junge Hund, Promenadenmischung, den er neulich einem örtlichen Lehrer abgekauft hat, hat 100.000 Schilling gekostet.
Br.Robert antwortete, er würde kommen und das Fohlen abholen. Da die neuen Besitzer Europäer sind, bat er mich, ihn zu begleiten. Um 12 Uhr mittags fahren wir mit dem Lieferwagen, der auch als Pferdetransporter dient, los – das Foto zeigt einen anderen Pferdetransport an unserer Tankstelle, mit Br.Robert, einem Pferdepfleger und Frau Clementina. Bei der Abfahrt frage ich, ob die neuen Besitzer eigentlich wissen, dass wir heute kommen. Br.Robert antwortet, es sei besser, wenn sie das nicht wüssten. Es ist in Tansania ziemlich üblich, auch in geschäftlichen Angelegenheiten unangemeldet bei jemandem vorbeizukommen, insbesondere, wenn es darum geht, Schulden einzutreiben.
Ich habe nicht bedacht, dass der Lieferwagen ziemlich langsam ist, und dass “in Mbeya” nach hiesigem Sprachgebrauch meistens bedeutet, “irgendwo im Bezirk Mbeya”, in diesem Fall konkret, anderthalb Stunden hinter Mbeya. Wir kommen gerade bei Sonnenuntergang an, siehe das Foto mit dem Blick auf das malerisch gelegene Gutshaus. Das Ehepaar wohnt inmitten der riesigen Avocado-Plantage, die es betreibt.
plantage Der Empfang passt allerdings nicht zu der malerischen Abendstimmung. Der Hausherr ist nicht da, nur seine Frau und ein deutscher Medizinprofessor, der gerade zu Besuch ist. Wir bekommen zu hören, dass wir keine Kinderstube (“no manners”) hätten, und dass wir das Pferd auf keinen Fall heute mitnehmen können. Der Professor fragt zunächst freundlich, ob er als neutrale Person mit dazukommen dürfe. Er sagt mir dann, dass alle Weißen mich schneiden würden, wenn sie erführen, dass ich hier tansanisches Recht durchsetzen wolle (typisches Phänomen aus der Kolonialzeit: ein Weißer, der sich für Schwarze einsetzte, wurde aus der Gemeinschaft ausgestoßen). Dadurch, dass die Familie das Pferd gepflegt und geimpft hätte, erwürbe sie ja schließlich auch Eigentumsrechte. Das geht der Frau dann anscheinend doch etwas zu weit, sie sagt, dass sie keine Gauner (“crooks”) seien, und dass ihr Mann das Pferd nach Uwemba zurückbringen werde, wenn wir uns nicht einigen könnten. Ich lege sie auf einen Termin sechs Wochen später fest. Br.Robert ist damit nicht zufrieden, aber ich kann ihn davon überzeugen, dass wir ohne körperliche Gewaltanwendung nicht weiterkommen. Ich versichere der Frau, wenn ihr Mann nach Uwemba komme, werden wir ihn freundlich und zivlisiert empfangen. Das meine ich durchaus ernst, aber ich hoffe auch, dass sie die Spitze gegen ihren barbarischen Empfang versteht.
Br.Robert fordert am nächsten Tag per SMS von dem Ehemann unserer “freundlichen Gastgeberin” 2,3 Millionen Shilling (1000 Euro) statt wie bisher 2 Millionen, der Aufschlag als Entschädigung für unsere Fahrtkosten. Der bittet um eine ordentliche Rechnung und schreibt, er werde auch uns eine Rechnung für die Pflege der Pferdes zustellen. Ich antworte, dass von Anfang an vereinbart war, dass sie das Fohlen kostenlos pflegen, solange es saugt. Wenn er das anders sehe, könnten wir gerne bei einer Tasse Tee und der guten Wurst von Sr.Marciana in Uwemba darüber sprechen, nur solle er bitte das Fohlen mitbringen. Daraufhin bezahlt er.
Als wir von der Plantage abfuhren, hatte ich das Gefühl, alle Probleme zu verstehen, die es zwischen Afrikanern und Europäern gibt, und die vor allem in Simbabwe und Südafrika zu einer Menge Hass geführt haben. Ich verstehe beide Seiten: Natürlich ist es nicht “die feine englische Art”, unangekündigt bei Sonnenuntergang anzukommen. Auch kann ich eine gewisse Sympathie für die Frau empfinden, Mutter von zwei Töchtern, die in Tränen ausgebrochen wären, wenn ihr geliebtes Fohlen weggefahren wäre.
Andererseits hat das Ehepaar so ziemlich alle Fehler gemacht, die Europäer im Umgang mit Afrikanern machen können, angefangen damit, einen unrealistischen Preis zu bieten. In Tansania ist es üblich, dass man über den Preis verhandelt, aber das erste Angebot liegt oft nur 10 bis 20 Prozent von dem endgültigen Preis entfernt. 250,000 Schilling zu bieten für ein Pferd, das Millionen wert ist, muss ein Tansanier als Verstoß gegen die guten Geschäftssitten empfinden, oder als Zeichen dafür, dass die arroganten Europäer denken, mit dem Afrikaner könnten “sie’s ja machen”. Und gerade das mit der Arroganz ist seit der Kolonialzeit ein sehr wunder Punkt, denn viele Europäer haben auf die Afrikaner herabgeblickt, und manche tun das noch heute.

Ausflug nach Afrika

3. Oktober 2014

lupingu2Vor ein paar Monaten bat Br.Kizito mich, seinen jüngeren Bruder, der im Krankenhaus von Peramiho behandelt worden war, zu seinem Haus in der Nähe von Uwemba mitzunehmen. Der vielleicht 40-jährige Mann erschreckte mich, weil er so schwach wirkte. Später erfuhr ich dann von Kizito, dass sein Bruder gestorben war. Bis zuletzt hatte er als Elektriker gearbeitet, zum Schluss war er so schwach, dass er nur noch im Sitzen und mit vielen Pausen arbeiten konnte, aber besonders beim Reparieren von Fernsehern war er immer noch sehr geschickt. Kizito bat mich, die Messe zum Abschluss der Trauerzeit zu halten. Schon vor einem Jahr hatte er mich zum 65-jährigen (!) Ehejubiläum seiner Eltern eingeladen. Da ich damals nicht hatte kommen können, sagte ich jetzt gerne zu, umso mehr als Kizito mir schon Fotos von seinem malerischen Heimatort am Nyassa-See gezeigt hatte. Kaum hatte er die Einladung ausgesprochen, kamen ihm anscheinend Bedenken: “Aber du musst wissen, dass wir kein Telefonnetz haben.” Ich sehe kein Problem, denn zwei Tage werde ich wohl ohne Handy und Internet auskommen können. Ein paar Tage später ruft er mich an: “Der Pfarrer wird nicht zuhause sein, und er sagt, dass du deshalb nicht im Pfarrhaus übernachten kannst. Du müsstest also bei uns schlafen.” Offensichtlich ist es ihm peinlich, dass er mir in seinem Elternhaus keinen europäischen Standard bieten kann. Ich frage, ob es ein Moskitonetz gibt – gibt es – und sage, dann hätte ich kein Problem. Ich überlege kurz, ob das Bettzeug wohl sauber sein wird, aber eigentlich zweifle ich nicht daran.
lupingu4Prior Laurenti rät mir, mit unserem Auto nur bis Ludewa zu fahren, der letzten Stadt vor Kizitos Heimatdorf. Dort will Kizito mich abholen. Er verspätet sich ein wenig und schickt seinen Neffen, um mich zu informieren. Der junge Mann meint, ich könne ruhig bis zum Dorf weiterfahren, aber ich warte doch lieber auf Kizito. Als er mich dann in einem der besten Geländewagen (Vierradantrieb, Differentialsperre), den die Abtei Peramiho zu bieten hat, den Berg zum See hinabsteuert, bin ich sehr froh, dass ein erfahrener, ortskundiger Fahrer am Steuer sitzt, denn es handelt sich nicht um eine Straße, sondern um den steilsten Bergpfad, den ich gesehen habe, seit ich vor 28 Jahren die Schnapsidee hatte, den Hirschbichl mit dem Fahrrad zu überqueren.
lupingu3Unten angekommen, setzt er mich in der malerischen Pfarrei ab (auf dem Foto erkennt man Turm und Dach der Kirche), denn inzwischen hat der Pfarrer eingesehen, dass es doch einen schlechten Eindruck machen würde, wenn er mich abweisen würde. Ich darf sogar im alten Zimmer von P.Thaddei schlafen, einem der legendären Benediktiner-Missionare, der ein ganzes Volk zum Christentum bekehrt hat, allerdings ein ziemlich kleines, das Volk der Kisi.
Am nächsten Tag stellt Kizito mich dann seinen Eltern und den Verwandten, die zum Teil extra von Dar es-Salaam angereist sind, vor. Der 90-jährige Vater erzählt, dass er als junger Mann Diener bei P.Thaddei war und mit ihm zu Fuß die fünf Tagesmärsche bis zur Bezirksstadt Njombe zurückgelegt hat. Der 85-jährige P.Thiemo hatte mir vor der Abfahrt in Uwemba noch erzählt: “Du fährst nach Lupingu zum Volk der Kisi ? Da gibt es sogar ein populäres Lied: ‚Ein Kisi geriet in Seenot. Da betete er zum Gott von P.Thaddei, er wurde gerettet und ließ sich taufen.‘ “ Kizito klärt mich auf, dass dieses Lied schon lange nicht mehr “populär” ist – P.Thaddei muss wohl vor meiner Geburt gestorben sein.
lupingu5Der Tag vergeht mit Zeitunglesen (die afrikanischen Männer), Kochen (die Frauen – siehe Foto), Fotografieren (ich) und Schwimmen im See (alle Männer). Beim Mittagessen merke ich dann, dass ich in Afrika angekommen bin: Alle, auch Kizitos Neffe, der in Dar es-Salaam als Arzt arbeitet, essen ihren Ugali (den landestypischen Maisbrei) mit – vorher gewaschenen – Händen. Mein Wunsch nach einem Löffel löst einige Verwunderung aus. Als der nach einiger Zeit eintrifft, frisch gespült und noch voller Wassertropfen, überlege ich mir, dass gekochte Speisen im Gegensatz zu Wasser praktisch immer unbedenklich sind, und entscheide mich doch für die Hände. Das Foto zeigt den Sohn des Verstorbenen vor unserem Esstisch.
lupingu6Die Messe am nächsten Morgen findet unter einem Baum direkt vor dem Elternhaus statt, gleich danach bringt Kizito mich wieder in die Stadt, und ich fahre zurück mit vielen schönen Fotos und Erinnerungen im Gepäck und dem Wunsch, bald wiederzukommen.
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