Archive for Februar 2013

Ein Kloster ist ein seltsames …

28. Februar 2013

Ein Kloster ist ein seltsames Mittelding zwischen Demokratie und Monarchie. An der Spitze steht der Abt, der von der Gemeinschaft gewählt wird und spätestens mit 75 Jahren sein Amt aufgeben muss. Dann gibt es seine beiden Stellvertreter, den Prior und den Subprior. Für die wirtschaftlichen Fragen ist der Cellerar zuständig, für den Nachwuchs der Novizenmeister. Alle diese Ämter werden nach Beratung mit der Gemeinschaft vom Abt besetzt, und dazu gibt es noch die von der Gemeinschaft gewählten Senioren – in Peramiho sind es zehn – die beratende Funktion haben. Da ich auf Kuba schon Cellerar war (in einer Gemeinschaft von sechs Mönchen gab es allerdings nicht viele wirtschaftliche Fragen), hat Abt Anastasius mich gebeten, dieses Amt auch hier zu übernehmen.
Ich war etwas blauäugig, als ich auf meine fünf Jahre Erfahrung im Zusammenleben mit Afrikanern vertraute und meinte, es würde reichen, immer wieder das Gespräch zu suchen und den Rat meiner afrikanischen Brüder und Mitarbeiter zu suchen. Plötzlich merkte ich, dass mich gerade dieser Rat mitten in ein ziemlich schwieriges Feld von Konflikten hineingeführt hatte, die schon lange vor meiner Ankunft schwelten. Br.Dominik hat mich gewarnt, “Das kann heftig werden”, ein anderer deutscher Missionar dagegen versicherte mir, es gäbe diesen Konflikt gar nicht. Es wurde heftig, und ich fing an, meine Koffer zu packen, entschied mich dann aber doch fürs Abwarten. Nach den sechs Wochen, die ich für die Priesterweihe in Deutschland war, sah dann plötzlich alles ganz anders aus, die Wogen hatten sich geglättet, und vor einer Woche hat der Abt mich nach Beratung mit den Senioren zum Cellerar ernannt. Auf meine Frage, wofür ich zuständig sei, hat Br.Dominik mir bei seinem Abschied gesagt, “Für alles, was anfällt.” Das heißt im Moment, für den Wassertank auf dem Dachboden, aus dem immer wieder Wasser ausläuft und das Gewölbe aus Lehmziegeln darunter aufweicht. Für den Mais der Hühnerfarm, von dem jeden Monat doppelt so viel verschwindet, wie die Hühner fressen. Für die Zusammenstellung des Finanzberichtes für das Jahr 2012. Für den Leiter des Caritas-Büros, der mir ausführlich die Probleme einer alten, kranken Frau schildert und dann erklärt, dass diese Frau 1000 Shilling braucht. Das sind 50 Euro-Cent, die ich ihm natürlich sofort gebe, in der Hoffnung, dass er beim nächsten Mal wenigstens 20.000 braucht, damit sich der Zeitaufwand lohnt.
Will ich jetzt klagen ? Nein, überhaupt nicht ! Peramiho mit seiner Berufsschule, den zahlreichen Werkstätten und all den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ist ein hoch spannender Organismus, und meine Aufgabe darin ist ziemlich reizvoll. Und dann gibt es da noch die wunderbaren Menschen. Ohne den Konflikt des vergangenen Jahres hätte ich Br.Petro, Br.Augustino und P.Ludoviko nie so gut kennengelernt, wie ich sie heute kenne. Tansanier, so las ich in einer Handreichung für Entwicklungshelfer, können sehr loyal sein. Und die Loyalität meiner Mitarbeiter (gegenüber mir, einem Fremden, der gerade erst angekommen ist) war einfach großartig. Also: Es wird spannend, aber es könnte gut werden.

Hoffentlich sieht mich jetzt kein Deutscher

17. Februar 2013

personenkult Vor ein paar Tagen kam eine Sekretärin vom Krankenhaus mit irgendeinem Brief in mein Büro. Weil hier ein kleiner Scherz immer gut ankommt, sagte ich ihr in scherzhaft-vorwurfsvollem Ton, “Und mir habt ihr dieses T-Shirt nicht gegeben.” Sie trug nämlich das Hemd, das vor ein paar Monaten extra zum 25-jährigen Jubiläum von Br.Ansgar, dem ärztlichen Direktor, angefertigt worden war. Kurz danach konnte ich für das Krankenhaus eine Angelegenheit mit der Bank klären, und am folgenden Tag lag ein Umschlag auf meinem Schreibtisch, der eines dieser besagten Hemden enthielt. Das war mir etwas peinlich, denn deshalb hatte ich es nicht erwähnt. Ich bedankte mich per SMS bei Joshua, dem Krankenhausverwalter. Seine Antwort: “Ich habe es dir geschickt, damit du es am Samstag tragen kannst, wenn wir Ansgar am Flughafen abholen.”
Am Samstag treffen wir uns, um gemeinsam zum Flughafen zu fahren, ich trage das T-Shirt, aber Joshua nicht. Seine SMS war also auch ein Scherz gewesen. Ich bin anscheinend inzwischen überangepasst: In der Annahme, dass die Afrikaner gerne Personenkult machen, habe ich mir das Hemd mit dem Porträt des Chefs angezogen, während Joshua, der Afrikaner, in der Annahme, dass die Europäer solchen Personenkult ablehnen, ein ganz normales, kariertes Hemd trägt. Ich sage, “Jetzt habe ich extra die Kamera mitgenommen, damit wir ein Foto von uns beiden mit dem Hemd machen können. Und du trägst es nicht.” Wieder einmal hatte ich weder beabsichtigt, noch erwartet, was dann kam: Er lässt den Fahrer zu sich nach Hause fahren, holt dort seinen Büroschlüssel, dann fahren wir zum Krankenhaus, wo er in sein Büro geht, und mit dem besagten Hemd wieder herauskommt. Wir kommen gerade noch rechtzeitig zum Flughafen. Solange wir (außer Joshua und mir sind noch Ansgars langjährige Sekretärin und sein langjähriger Fahrer dabei, also in der Mehrheit Afrikaner) im Auto sind, kommt mir alles völlig normal vor. Aber als wir dann in der Abtei Kaffee trinken, hoffe ich inständig, dass jetzt kein Deutscher vorbeikommt und denkt, “Was ist denn das für ein Schleimer ?” Das Porträt von Br.Ansgar prangt nämlich unübersehbar auf meiner Hemdbrust. (Wenigstens die Blumen, die Br.Ansgar auf dem Foto hält, sind nicht von mir, sondern von der Sekretärin.)

Ein echter Prinz und zwei zerstörte Gräber

9. Februar 2013

dominik Am Montag kam Dietrick Gama direkt vom polizeilichen Verhör zu mir. Bei dem Namen „Gama“ spitzen die Leute hier ungefähr so die Ohren wie in Regensburg beim Namen „Thurn und Taxis“. Alle nennen ihn „Zulu“, denn seine Vorfahren haben das Volk der Wangoni vor über 150 Jahren aus dem Zululand in Südafrika hierhergeführt. Sein Vater war noch bis 1962 der Nkosi, was man auf Deutsch mit „König“, „Sultan“ oder „Häuptling“ übersetzt hat. In der Zulu-Strophe der südafrikanischen Nationalhymne wird sogar Gott so angeredet. Tansania hat gleich nach der Unabhängigkeit alle traditionellen Stammesführer entmachtet, sonst wäre sein älterer Bruder heute Herr über einige Hunderttausend Menschen.
Zulu arbeitet in der Autowerkstatt der Abtei, und vor ein paar Monaten beauftragte Br.Dominik ihn, einen Weg mit einem kleinen Bulldozer zu verbreitern. Bei dieser Arbeit sind zwei jahrzehntealte Gräber zerstört worden, die nur mit Mühe zu erkennen waren. Das gab große Aufregung, auch, weil es hier die Furcht gibt, dass die Toten ihre Gräber verlassen und den Lebenden schaden könnten. Nach der ersten Aufregung schien die Sache im Sande zu verlaufen, aber am Freitag wurde Zulu dann für Montag zum „Regional Crime Officer“ vorgeladen. Und am Dienstag flatterte eine weitere Vorladung, diesmal für Br.Dominik, auf meinen Schreibtisch. Darin ist der Vorwurf erwähnt: „knowingly and deliberately paying and ordering the destruction of locals‘ cemetery“ – er soll „wissentlich und absichtlich die Zerstörung des Friedhofes der örtlichen Bevölkerung bezahlt und angeordnet“ haben. Dominik ist zum Glück zur Zeit in Deutschland.
Bis hier hatte ich diesen Blog-Artikel schon vor einer Woche geschrieben, aber dann gab es zwei Entwicklungen, die mir den Spaß an diesem Artikel ziemlich verdorben haben. Zum einen erfuhr ich von den alten Missionaren hier, dass dieses Verfahren durchaus sehr ernst zu nehmen sei. Sogar von einer möglichen Gefängnisstrafe war die Rede. Zum anderen hat Br.Dominik in Deutschland mit Rücksicht auf seine Gesundheit entscheiden müssen, nicht wieder nach Afrika zu gehen. Da ich weiß, dass ihm diese Entscheidung nicht leichtgefallen ist, und weil ich ihn vermisse, bin ich erst einmal traurig.
Das Foto zeigt ihn in dem Café, das er mit viel Liebe und Einsatz ausgebaut hat. Ich habe es vor über vier Jahren aufgenommen; damals steckte er noch voller Energie, und die Parkinson-Krankheit schien ihm nichts anhaben zu können.