Archive for Oktober 2011

Wettervorhersage und Zeitvorhersage

31. Oktober 2011

Gestern wollten die Katechisten unserer Gemeinde (Auf Kuba gibt es keinen Religionsunterricht in der Schule, daher kommen die Kinder am Samstag Nachmittag zu uns zur Katechese) den Sonntag zu einem Ausflug nutzen. Weil es im Moment aber ständig regnet, haben sie den Ausflug dann am Samstag Nachmittag doch noch abgesagt. Der Sonntag begann mit strahlendem Sonnenschein, erst gegen halb Vier nachmittags setzte regelrechtes Aprilwetter mit schnellem Wechsel von Regen und Sonnenschein ein. Es wäre ein wunderbarer Tag für den Ausflug gewesen und um halb Vier hätten sie schon längst wieder im Kleinbus für die Rückfahrt gesessen. Aber mit der Wettervorhersage ist das bekanntlich nie so einfach.
Das spanische Wort „tiempo“ bedeutet nicht nur „Wetter“, sondern auch „Zeit“. Mit der Zeitvorhersage für den Sonntag war es ebenfalls nicht so einfach. Auch hier endet nämlich Ende Oktober die Sommerzeit, so versicherten uns die Kubaner. „Aber 2004 ist die Sommerzeit gar nicht beendet worden,“ sage ich. „Das war nur wegen der damaligen Energieknappheit,“ antworten sie. In der Tageszeitung am Samstag Morgen steht nichts von einer Zeitumstellung. „Das bringen sie heute Abend um 8 in den Fernsehnachrichten,“ meinen die Kubaner. Die Sakristanin sagt mir am Samstag Nachmittag, „Josefa hat gehört, dass heute Nacht umgestellt wird.“ Beim Abendessen sagt einer unserer kubanischen Eintrittskandidaten, „Eine Frau aus der Gemeinde sagt, es wird am 15.November umgestellt.“ Wir beschließen, unsere Uhren nicht umzustellen. Am Sonntag Morgen waren alle in der Messe, die sonst auch kommen, und zwar zur selben Zeit wie sonst auch. Insofern haben wir diesmal richtig gelegen. Nächstes Wochenende dürfen wir wieder raten.
Das Foto zeigt den Himmel über den Stadtzentrum am Sonntag Abend.

„Doch, ein paar Touristen kommen schon vorbei“

23. Oktober 2011

In meinem Reiseführer steht, „Zwar ist Remedios nicht ganz so malerisch wie Trinidad, dafür gibt es hier fast keine Touristen.“ Grund genug also für Br.Cyrille, die beiden Kandidaten und mich, den vorgestrigen Freitag zu einem Tagesausflug zu nutzen. In Santa Clara, einer Großstadt auf dem Weg, machen wir Halt. Als wir eine Kirche besichtigen, trifft unser Chauffeur den Chauffeur des Bischofs. „Ich schau mal, ob der Bischof Zeit hat,“ sagt der, und kurz darauf trinken wir einen „Cafecito“ mit Bischof Arturo. Das Bistum ist klein, 34 Pfarreien, scheint aber recht lebendig zu sein. Auf dem Land unterhält das Bistum 500 „Missionshäuser“, ist also auch in abgelegenen Ecken präsent. Im Bischofshaus selbst gibt es die größte öffentliche Bibliothek der Provinz, eine wichtige Einrichtung für den Dialog mit den Intellektuellen. Da es vier Bibliothekare gibt, kann der Bischof einen von ihnen bitten, uns die Stadt zu zeigen, den schönen Hauptplatz (mit Musikpavillon), die Kathedrale und den Stolz des Bischofs, das einzige Papstdenkmal Kubas außerhalb der Kirchenmauern, 2008 mühsam der Regierung abgerungen. Unser Führer hat übrigens Kunstgeschichte studiert, anscheinend auch in Kuba kein Beruf, von dem leben kann. Dann gibt es Mittagessen beim Bischof, und ein Pfarrer begleitet uns nach Remedios. Dank dieser Begleitung brauchen wir uns um das Fotografierverbot in der Kirche dort keine Sorgen zu machen, es wäre auch zu schade gewesen, wenn ich diesen wunderschönen vergoldeten Holzaltar aus der Kolonialzeit nicht hätte fotografieren dürfen. Man sagt uns, dass doch von Zeit zu Zeit Touristen vorbeikommen.
Mitten in der folgenden Nacht weckt mich mein Darm. War der Salat beim Bischof vielleicht mit dem falschen Wasser gewaschen worden ? Oder hatte der Ortsname („Remedios“ heißt „Heilmittel“) die falsche Wirkung ? Die anderen haben allerdings dasselbe gegessen wie ich und keinen Durchfall bekommen. Mir geht es inzwischen jedenfalls wieder besser.

„Der Meertanz wurde zuletzt 1944 gefeiert“

12. Oktober 2011

Bei einem der Orishas im Museum (siehe vorigen Artikel) findet sich die Bemerkung, dass der Meertanz seit 1944 nicht mehr gefeiert wird. Keine weitere Erklärung dazu. Also habe ich die Wärterin gefragt, warum der „Meertanz“ nicht mehr gefeiert wird. „Dabei wurde immer jemand ertränkt,“ lautete die grausige Antwort. Auf das Gerücht, es gäbe im Zusammenhang der afro-kubanischen Religionen Menschenopfer, stoßen wir immer wieder. Ich bin skeptisch, weiß ich doch, dass man im Altertum den Christen und im Mittelalter den Juden fälschlich unterstellt hat, sie würden Menschenopfer darbringen.
Heute frage ich einen kubanischen Freund, dessen Bruder und Tante der Santería anhängen, wie es damit steht. Er überhört die Frage. Ich wiederhole sie später noch einmal. Diesmal beantwortet er sie: Es gibt drei unterschiedliche Richtungen oder „reglas“ (Regeln) innerhalb der afro-kubanischen Religiosität. Die Santería (Regla de osha) praktiziert keinen Schadenzauber und kennt keine Menschenopfer. Es gibt Tieropfer und Liebeszauber (Die Frau badet unter Verrichtung bestimmter Gebete und muss anschließend dafür sorgen, dass der Mann, der verzaubert werden soll, von dem Badewasser trinkt), Heilungszauber, Verteidigungszauber und Orakel, um die Zukunft zu deuten. Also das, was wir als „weiße Magie“ bezeichnen würden. Ein Freund seiner Tante aber ist palero, das heißt Priester einer anderen Richtung, der Regla de palo. Von dieser Richtung ist bekannt, dass sie auch Zauber mit der Absicht, anderen Menschen zu schaden, durchführt. Dieser palero habe ihm einmal bei sich zuhause Leichenteile gezeigt, die er für seine Zeremonien benötigt. Die hatte er sich über Beziehungen zum Personal des Friedhofs besorgt. Das ist auch auf Kuba natürlich strafbar. „Ich habe ihn nicht angezeigt, weil er ein Freund meiner Tante ist,“ sagt mein Gesprächspartner. Mit Menschenopfern hat das nichts zu tun, denn besagter palero hatte sich erst nach der Beerdigung an die Leichen herangemacht. Vor ein paar Jahren, so erzählt mein Freund weiter, seien in der Altstadt von Havanna zwei Kinder, Zwillinge, ermordet aufgefunden worden, und zwar am 4.Dezember, dem Tag der hl. Barbara, die mit Changó, der Gottheit von Blitz und Donner, einer sehr aggressiven Gottheit, identifiziert wird. „Als Kind durfte ich am 3.12. abends nie raus, weil meine Eltern Angst hatten wegen des Vorabends von St.Barbara.“ Mir fiel ein, dass in bestimmten Städten der USA die Eltern am Vorabend von Allerheiligen Angst um ihre Kinder haben, weil die neuen Gangmitglieder sich durch ein Verbrechen an Halloween beweisen müssen.

Zu Besuch bei noch mehr Orishas

5. Oktober 2011

In Havanna gibt es ein Museum der Orishas, der Gottheiten der Santería (siehe dazu den vorigen Artikel). Als ich es zum ersten Mal besuchen wollte, war es gerade 4 Uhr nachmittags, Ende der Öffnungszeit. Vor zwei Wochen machte ich einen erneuten Versuch. Die Kassiererin wollte 10 CUC (8 Euro) Eintritt von mir. Ich zeigte meinen kubanischen Personalausweis, mit dem man normalerweise nur ein paar Cent Eintrittsgeld zahlen muss. Die Kassiererin bot mir daraufhin den Studentenpreis von 3 CUC an und verwies auf einen Aushang, dass Ausländer nur dann denselben billigen Eintritt wie Kubaner erhalten, wenn sie ein Schreiben ihres Arbeitgebers vorweisen. Da ich mich erstens diskriminiert fühlte und zweitens erfuhr, dass man im Museum keine Fotos machen darf, verabschiedete ich mich.
Eine Woche später ein neuer Versuch. Ich habe diesmal das Schreiben des Kanzlers des Erzbistums dabei, das meine Zugehörigkeit zu unserem Kloster bestätigt. Die Kassiererin sagt, das Schreiben müsse ausdrücklich an das Museum adressiert sein und direkt um den ermäßigten Eintritt bitten, lässt mich dann aber trotzdem für 5 Peso (15 Euro-Cent) hinein. Das Museum erweist sich als interessant, so dass ich gestern zusammen mit Br.Cyrille noch einmal da war. Diesmal habe ich ein vom Cellerar unseres Klosters unterzeichnetes Schreiben dabei, das allen Anforderungen genügt. Die Kassiererin lächelt mich an, „Heute ist alles richtig. Sehen Sie, ich kann mich noch an Sie erinnern.“ Dass ich selbst der Cellerar bin und das Schreiben also von mir selbst ist, stört sie anscheinend nicht, oder sie merkt es nicht. Ich will ihr die 10 Peso für uns beide geben, aber sie sagt, „Moment“ und greift zum Telefon. Niemand meldet sich. Sie verlässt ihr Kassenhäuschen, ruft „Maria Antonia !“, kommt zurück, greift wieder zum Telefon, verlässt wieder das Häuschen und ruft wieder nach Maria Antonia. Als sie wieder zum Hörer greift, kommt endlich Maria Antonia von der anderen Seite. Jetzt erst bekommen wir die Erklärung für die Verzögerung: „Heute ist der 4.Oktober. Das ist der Tag von Orula. Da nehmen wir von den Kubanern keinen Eintritt. Und Maria Antonia hat entschieden, dass auch Sie umsonst hinein dürfen.“
Maria Antonia führt uns durch das Museum, in dem lebensgroße Statuen der 29 wichtigsten Orishas (darunter Orula, dem wir den freien Eintritt verdanken) aufgestellt sind. Das Museum gehört nicht dem Staat, sondern der „Yoruba-Kulturvereinigung von Kuba“. Die Yoruba sind das Volk aus dem Südwesten Nigerias, bei dem die Santería ihre afrikanischen Wurzeln hat.
Maria Antonia gehört selbst dieser Religion an und ist gut informiert. Ich frage sie, ob es eigentlich Bestrebungen gebe, die kubanische Santería von den katholischen Einflüssen zu reinigen, und die ursprüngliche, afrikanische Form der Yoruba-Religion wiederherzustellen. Sie sagt, „Davon weiß ich nichts“, aber in einem Tonfall, der eher nach, „Davon darf ich nichts wissen.“ klingt. Ich gebe ihr 20 Pesos für die Führung (knapp ein Euro). Wie nehmen noch eine Informationsbroschüre der Yoruba-Kulturvereinigung mit. Die halbe Broschüre ist dem Kampf gewidmet gegen „gewisse Leute, die die kubanische Tradition unserer Väter nicht akzeptieren, die zu den angeblichen afrikanischen Wurzeln zurückwollen“. Deshalb also darf Maria Antonia nichts davon wissen – ihr Arbeitgeber hat was dagegen.
Wir waren fast eine Stunde in dem Museum, und die ganze Zeit über waren wir die einzigen Besucher. Stell‘ dir vor, es ist freier Eintritt, und keiner geht hin.