Ramadan auf Sansibar

4. Juli 2016


Forodhani
 Wieder einmal begehen die Muslime auf der ganzen Welt den Fastenmonat Ramadan. Vor einem Jahr habe ich eine Woche lang den Ramadan auf Sansibar mitbekommen. Sansibar ist traditionell islamisch geprägt, die Altstadt ist voll von kleinen oder größeren Moscheen, gefühlt befindet sich an jeder Ecke eine. Ich liebe es, bei und nach Sonnenuntergang durch die Straßen zu gehen.
Zur Abendzeit ertönt eine laute Sirene, Signal dafür, dass ab jetzt Essen und Trinken wieder erlaubt sind. Zwischen altem Sultanspalast und Meer befindet sich der Forodhani-Park (Bild oben), wo die Einheimischen und die Touristen den Schatten der Bäume und die kühle Meeresbrise genießen. Es gibt einen Kinderspielplatz, viele Sitzbänke und eine riesige Gruppe von Tischen, auf denen alle möglichen Gerichte angeboten werden (Bild unten, vom Meer aus fotografiert): Nyama choma (eine Art Schaschlik, bei dem oft alte Fahrradspeichen als Spieße benutzt werden), Sambusa (dreieckige Fleischtaschen aus Teig, in der deutschen Wikipedia als Samosa bezeichnet), Chapati (eine Art Crêpe) und so weiter. Alles sieht sehr farbenprächtig aus, es duftet gut, aber ich habe diese Gerichte alle schon so oft gegessen, dass der Reiz ein wenig verflogen ist. Die Sambusas sind eine Versuchung, aber ich möchte mir die wenigen Urlaubstage nicht unbedingt vom Durchfall verderben lassen.
Der Forodhani-Park ist übrigens der einzige Ort in ganz Tansania, an dem ich diese Atmosphäre kenne. Den typischen Park, in dem die Leute bummeln, essen, spielen, gibt es in Europa überall, gerade in den sonnigen Teilen, aber der afrikanischen Kultur ist so etwas eigentlich fremd. Der Park von Sansibar ist einem der früheren arabischen Sultane zu verdanken.

forodhani_nachts Wenn ich danach noch durch das schummrig beleuchtete Gewirr der Altstadt-Gassen gehe (noch etwas verwirrender als die Altstadt von Jerusalem !), kommen überall die Männer aus den Moscheen, die Stimmung auf den Straßen ist wunderbar ruhig und friedlich.
Das ist die schöne Seite des Ramadan, aber es gibt auch eine andere Seite. In einer Ecke der Hotelrezeption bemerke ich ein offizielles Schreiben der Sansibarischen Revolutionsregierung (die unter dem Dach des gemeinsamen Staates Tansania eine gewisse Autonomie hat) an alle Hotels und Gaststätten: Während des Ramadans dürfen Speisen und Getränke vor Sonnenuntergang nur in den Innenräumen verzehrt werden, die Terasse darf erst am Abend geöffnet werden. Br.Julian, mit dem zusammen ich nach Sansibar gereist bin, meint, wenn man irgendwo zu Gast sei, müsse man halt die örtlichen Sitten respektieren. Ich halte dagegen, dass das zwar für uns gilt, aber nicht für die Bürger Sansibars, die Christen oder Hindus sind. Laut Reiseführer gibt es auf Sansibar 99 % Muslime, aber das glaube ich nicht, denn in den letzten Jahrzehnten sind viele Christen vom Festland nach Sansibar gezogen, und schon seit Jahrhunderten lebt eine kleine indische Gemeinschaft hier. Als ich mittags einen kleinen indischen Laden betrete, löffelt die Besitzerin gerade ihre Suppe – hinter der Ladentheke. Noch weiter hinten sind Bilder von Hindu-Gottheiten zu sehen. Wer auf der Straße vorbeigeht, wird weder die Bilder noch die essende Frau bemerken, wer aber stehen bleibt und genauer hinschaut, kann beides durch die offene Tür sehen. Allzu streng sehen die Muslime auf Sansibar das anscheinend nicht, aber es bleibt die seltsame Tatsache, dass ein Hindu oder eine Christin, die auf Sansibar geboren sind und genauso tansanische Staatsbürger sind wie die anderen, mit Rücksicht auf die muslimische Mehrheit tagsüber draußen weder essen noch trinken dürfen.
In diesem Jahr hat ein hoher Vertreter des ägyptischen Islam gesagt, im Ramadan tagsüber in der Öffentlichkeit zu essen oder zu trinken, sei untersagt, weil es gegen die „Heiligkeit der Gesellschaft“ verstoße. Die koptischen Christen, deren Vorfahren schon vor der islamischen Eroberung in Ägypten lebten, haben sich nicht gefreut.

Ein schönes Erlebnis

8. Juni 2016

Ludoviko Seit dem Tod von P. Ludoviko im Dezember 2014 habe ich hier kaum noch etwas geschrieben, also wird es Zeit, mal etwas über diesen wunderbaren Menschen zu schreiben. Das obere Foto zeigt ihn mit roter Kappe zwischen den anderen Mitarbeitern der Klosterverwaltung beim Fischkauf während eines gemeinsamen Ausflugs.
Das schönste Erlebnis, das ich mit Ludoviko hatte, war im Herbst 2013. Ich war damals noch Cellerar (Leiter der Klosterverwaltung) und musste einen Arbeiter des Klostercafés entlassen, der seinem Chef einigen Ärger machte, ohne dass man ihm etwas nachweisen konnte. Ich zahlte ihm die gesetzlich vorgeschriebene Abfindung und stellte ihm die Kündigung aus. Kurz danach kam P.Fidelis zu mir, der afrikanische Prior (Stellvertreter des Abtes, der Abt war zu dieser Zeit auf einer längeren Dienstreise): „Das geht nicht. Bei einer betriebsbdingten Kündigung musst du immer die Gewerkschaft beteiligen und die zuerst entlassen, die zuletzt eingestellt worden sind.“ Hätte er mir ja etwas eher sagen können, schließlich war er einer der Leute gewesen, die darauf gedrängt hatten, den Mitarbeiter zu entlassen.
Also sprach ich nochmals mit dem Arbeiter und bot ihm eine höhere Abfindung an, wenn er freiwillig kündige. Es gab einiges Hin und Her, er stimmte zu, nahm das Geld, dann zog er seine Zustimmung zurück, schaltete die Gewerkschaft ein, die sich aber auf meine Seite stellte. Schließlich kam ein Brief vom Arbeitsgericht in Songea (das untere Foto zeigt die Stadt Songea aus der Luft, in der Mitte ist die kreuzförmige Kathedrale zu erkennen, das Arbeitsgericht liegt ungefähr auf halbem Weg zwischen der Kathedrale und dem rechten Bildrand, ist aber nicht zu erkennen): Der Arbeiter hat geklagt, die Verhandlung findet nächsten Montag statt.
Prior Fidelis ist offiziell für Gerichtssachen zuständig, normalerweise aber lässt er sich durch einen jüngeren Bruder vertreten, den ich hier einfach X nennen möchte. Ich rufe direkt X an, mit dem ich mich gut verstehe. Keine Antwort. Kein Rückruf. Am nächsten Tag dasselbe. Die Sache kommt mir komisch vor, aber dann erfahre ich, dass X dringend zu seiner Familie nach Hause fahren musste. Ich bin beruhigt, obwohl mir eine Stimme im Hinterkopf sagt, „Auch zuhause hätte er den Anruf annehmen können.“ Fidelis sagt mir, ich solle selbst zum Gericht gehen, schließlich hätte ich ja den Arbeiter entlassen. Ich war noch nie beim Gericht, weiß aber, dass für einen Ausländer dort alles schwieriger ist. Also bitte ich den Leiter des Klostercafés, mich zu begleiten, und er sagt ohne Zögern zu.
Am Montag Morgen dann kommt endlich Ludoviko ins Spiel. Er geht zuerst zu einem seiner Freunde, der mir später Ludovikos Worte berichtet: „Sie lassen Robert ganz allein. Ich muss mit ihm zum Gericht gehen.“ Dann kommt er zu mir: „Darf ich mitkommen ?“
Wir fahren also zu dritt. Das Arbeitsgericht sitzt in einer kleinen Villa aus der Kolonialzeit, der Sitzungssaal enthält ein paar Tische und Stühle, er wirkt wie ein besseres Schulzimmer. Auf der einen Seite sitzt der Arbeiter mit seinem Rechtsanwalt, wir sitzen ohne Rechtsanwalt gegenüber. Der Richter, ein junger sympathischer Mann in Zivil, sitzt an der Stirnseite. Der Rechtsanwalt der Gegenseite will zunächst erreichen, dass nur einer von uns an der Verhandlung teilnehmen darf, da ja nur einer der Arbeitgeber sein könne. Ich sage, „Wir haben alles gemeinsam, wir sind wie eine Person.“ Nachdem wir unsere Standpunkte ausgetauscht haben, gibt es eine Verhandlungspause. Wir gehen vor die Tür. Zwei Männer kommen auf mich zu, sagen, sie seien Journalisten, halten mir aggressiv eine Videokamera vor die Nase: „Wir haben gehört, ihr entlasst aus Rassismus unrechtmäßig Arbeiter“. Sofort geht Ludovikos Hand zwischen die Kamera und mein Gesicht: „Wenn ihr Fragen habt, kommt doch übermorgen nach Peramiho.“ Bis heute muss ich lachen, wenn ich an diese Szene denke, denn das Suaheli-Wort für „Rassismus“ ist „Farbendiskriminierung“, und dieses Wort war schon durch die Farbe von Ludovikos Hand und von meinem Gesicht völlig ad absurdum geführt.
Songea
Jetzt rät Ludoviko mir, nachzugeben und den Arbeiter wieder einzustellen. Ich verstehe immer noch nicht, was eigentlich los ist, weiß aber, dass ich Ludoviko vertrauen kann. Also bitte ich den Richter, uns eine Woche Bedenkzeit zu gewähren. In Peramiho erklärt Ludoviko mir dann, dass einer der beiden Journalisten auch für den Verlag von Peramiho (der Prior Fidelis untersteht) schreibt, dass der Arbeiter oft gesehen wurde, wie er in den Verlag ging (wo Fidelis sein Büro hat), und dass er sich ohne finanzielle Unterstützung (von Fidelis) den Anwalt wohl kaum hätte leisten können. Das ganze war eine Falle, damit die Journalisten mich in der Zeitung oder sogar im Lokalsender als Rassisten darstellen könnten. Aus diesem Plan ist dank Ludovikos Wachsamkeit nichts geworden. Aber sonst ist das Ergebnis des Tages nicht besonders gut: Beim nächsten Gerichtstermin einigen wir uns darauf, den Arbeiter wiedereinzustellen, seine Abfindung muss er in Raten zurückzahlen. Sechs Wochen danach setzt der Prior meine Entlassung als Cellerar durch, noch einmal zwei Monate später ist auch der Leiter des Cafés abgesetzt. Br. X wird mir einige Zeit später gestehen, dass er nicht freiwillig in Urlaub gefahren war, sondern dass Fidelis ihn extra in Urlaub geschickt hatte.
Zum Glück gibt es seit alters her die Einrichtung der gegenseitigen Kontrolle der Klöster, Visitation genannt. Bei der ersten Visitation nach dem geschilderten Vorfall, im vergangenen Dezember, ist Prior Fidelis abgesetzt worden. Unmittelbar danach hat er das Kloster verlassen und gesagt, er glaube sowieso nicht an Gott.

Wo die netten Islamisten wohnen

28. April 2016

Jaws Corner Vor der Rückkehr nach Deutschland habe ich noch 6 Tage Urlaub auf der Insel Sansibar gemacht. Ich hatte vorher etwas Bedenken, ob ich fahren sollte. Auf der Insel gibt es nämlich eine handfeste politische Krise. Sansibar gehört zu Tansania, hat aber eine gewisse Autonomie unter einem eigenen Präsidenten. Im Oktober wurden sowohl der Präsident von Tansania, als auch der von Sansibar neu gewählt. Bevor alle Stimmen ausgezählt waren, verkündete der Vorsitzende der Wahlkommission, dass die Wahlen für Sansibar wegen grober Unregelmäßigkeiten ungültig seien. Bei den Wahlen für den tansanischen Präsidenten – am selben Tag, in denselben Wahllokalen – gab es dagegen angeblich kein Problem, auch nicht auf Sansibar.

Dafür gibt es nur eine Erklärung: Der Kandidat der Opposition, Maalim Seif, hat die Wahlen gewonnen, und die Regierung möchte das nicht zugeben. Die Opposition steht im Ruf, islamistisch zu sein, also einen Staat auf der Grundlage des Islam anzustreben. Ein tansanischer Katholik, der schon lange auf Sansibar lebt, sagte mir sogar, Maalim Seif stecke hinter den Terroristen, die vor drei Jahren auf Sansibar drei katholische Priester ermordet haben.

Islamistische Opposition, Verbindung zu Terror, und dann noch Verdacht auf Wahlbetrug – das kann ja eigentlich nicht gutgehen. Doch seit Oktober sind von Sansibar keine schlechten Nachrichten gekommen, also fahre ich hin. In der Altstadt (Weltkulturerbe, nach meiner persönlichen Überzeugung der schönste Ort in Tansania), finden sich an ein paar Ecken Farben der Regierungspartei, aber viel häufiger, und vor allem an den zentralen Stellen, sieht man Weiß-Rot-Blau, die Farben der Opposition. Jaws Corner ist ein Platz, wo sich vor allem Abends die Männer treffen, Kaffee trinken, ein Schwätzchen halten, und dem im Freien aufgestellten Fernseher lauschen. Er ist ganz und gar Weiß-Rot-Blau, siehe Foto.

Alles ist ganz friedlich, keine Demonstrationen, keine Unruhen. „Die Opposition ist schon in Ordnung“, sagt die Managerin des Shangani Hotels in der Altstadt, wo ich für 20 Euro ein großes Zimmer mit Veranda gemietet habe (sehr gutes Frühstück inbegriffen). In der Tat gibt sich Maalim Seif staatsmännisch: Auf den Wahlplakaten, die immer noch überall herumhängen, ist er zusammen mit Karume zu sehen, der vor 52 Jahren die heutige Ordnung auf Sansibar begründet hat.

Als ich danach wieder in Dar es-Salaaam ankomme, fällt mein Blick auf die Titelseiten der Zeitungen: Bei zweien ist der Aufmacher die neue Maßnahme von Maalim Seif, eine Maßnahme, die man von einem Islamisten nicht unbedingt erwartet: „Maalim Seif schreibt Brief an Papst Franziskus.“ – „Maalim Seif beklagt sich beim Papst über Wahlbetrug.“

Seif mit Karume

Wieder in Europa

28. April 2016

Im Januar bin ich nach Deutschland zurückgekehrt. Mehr als acht Jahre war ich in Tansania und Kuba und habe die ganze Zeit über mein Blog geschrieben, seit Dezember 2014 allerdings nur noch sehr wenig. Manche Erlebnisse sind in mein privates Tagebuch gewandert, und daraus will ich in der nächsten Zeit noch ein bisschen veröffentlichen. Dann wird wahrscheinlich auch etwas klarer werden, warum ich jetzt zurückgekommen bin.

Den stärksten Eindruck in den ersten drei Monaten zuhause hatte ich übrigens in der Klosterverwaltung: Ich nahm Geld für einen Einkauf in Empfang, aber zuständige Bruder schob mir keinen Quittungsblock herüber, auf dem ich hätte unterschreiben sollen. In sechs Jahren als Leiter der Klosterverwaltung in Havanna, Peramiho und Uwemba war mir das in Fleisch und Blut übergegangen: Kein Geld auszahlen ohne Unterschrift des Empfängers. Also frage ich nach: „Soll ich nicht irgendwo unterschreiben ?“ Antwort: „Wieso ? Wir vertrauen dir.“ Diese Antwort wäre in Tansania völlig unmöglich gewesen.

Ich erzähle meinem früheren Stellvertreter aus Peramiho am Telefon von dieser kleinen Begebenheit. Er meint, „Geld auszahlen ohne Unterschrift ist nicht gut.“

Gestern wurde verkündet

30. Oktober 2015

Seit gestern Abend ist es amtlich: Der Kandidat der Dauer-Regierungspartei, John Magufuli, hat mit knapp 60 % die Präsidentenwahl gewonnen. Sein Gegner, Edward Lowassa, hat 40 % erhalten, weigert sich aber, die Niederlage anzuerkennen, und spricht von Wahlbetrug.
Dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, zeigt sich auf der Insel Sansibar: Die Insel hat eine gewisse Autonomie und hat auch einen eigenen Präsidenten. Der wurde ebenfalls am Sonntag gewählt. Und am Mittwoch hat die Wahlkommission von Sansibar die Wahl für ungültig erklärt und angeordnet, dass sie wiederholt werden muss, „wegen schwerer Unregelmäßigkeiten“. Jetzt fragen sich die Tansanier natürlich, warum die Stimmen aus Sansibar für die Wahl des tansanischen Präsidenten gültig sein sollen. Die tansanische Wahlkommission sagt, dass die Wahlen für die beiden Präsidenten ja nach unterschiedlichen Wahlordnungen durchgeführt wurden. Am selben Tag, in denselben Wahllokalen bei einer Wahl Unregelmäßigkeiten, und bei der anderen nicht ?
Es gibt also Fragen, aber andererseits hat man schon vor der Wahl von vielen Leuten gehört, dass sie Magufuli wählen würden. Ich vermute, dass das Ergebnis im großen und ganzen korrekt ist.

Es bleibt spannend

27. Oktober 2015

Sonntag wurde gewählt. In der Abtei Ndanda im Südosten Tansanias, wo ich im Moment zu Besuch bin, fiel die Nachmittagsandacht aus, „damit die Leute wählen können, und aus Gründen der Sicherheit.“ Die Bischöfe hatten schon lange vor der Wahl die Leute immer wieder aufgerufen, friedlich zu bleiben.
Bisher aber verläuft alles sehr friedlich, seit Montag morgen verliest eine monotone Stimme im Fernsehen praktisch ununterbrochen die Ergebnisse der einzelnen Wahlkreise: „Wahlkreis soundso, Bezirk soundso, 8945 abgegebene Stimmen, davon 34 ungültig“, und so weiter. Von den 8 Kandidaten für das Präsidentenamt erhalten 6 regelmäßig nur ein Prozent oder noch weniger. Aber die anderen beiden machen die Sache spannend. Ich traue meinen Augen und Ohren nicht: Als ich in den Fernsehraum komme, heißt es gerade, Lowassa 83 %. Dann, im nächsten Wahlkreis: Lowassa 92 %. Lowassa ist der Kandidat der Opposition. Das Rätsel löst sich schnell: Die Ergebnisse stammen aus kleinen Wahlkreisen im Norden der Insel Pemba, wo die Opposition immer schon stark war. Die Ergebnisse aus den größeren Wahlkreisen vom Festland korrigieren das schnell: Magufuli 60 %, Magufuli 70 %. Im Norden des Landes, dem es wirtschaftlich gut geht, aber sieht es wieder anders aus: Lowassa 65 %. Hochrechnungen gibt es nicht, bis Donnerstag soll alles ausgezählt sein. Die jungen Leute, auch die jungen Brüder im Kloster, zeigen deutlich ihre Sympathie für die Opposition, die älteren neigen der Regierungspartei zu.
Hier in Ndanda liegt Magufuli vorne, aber in das Parlament wird Ndanda einen Mann von der Opposition schicken – die Wähler und Wählerinnen machen also durchaus Gebrauch von der Möglichkeit, bei der Präsidentenwahl so zu stimmen, und bei der Parlamentswahl anders. Sieben Minister haben bereits ihre Parlamentssitze verloren.
Ich finde es faszinierend, mit wie viel Interesse die Leute dabei sind, wie sie alle stolz die blaue Tinte an ihren kleinen Fingern zeigen (eine Markierung, die verhindern soll, dass jemand mehrfach wählt), und wie eine Stimmung in der Luft liegt, die deutlich sagt, „Bisher haben wir uns alles von der Regierungspartei gefallen lassen. Aber jetzt nehmen wir die Sache selbst in die Hand.“

Morgen wird gewählt

24. Oktober 2015

wahlkampf Jetzt muss ich meinen Reisebericht aus Mosambik mal eben unterbrechen, um noch rechtzeitig das Thema aufzugreifen, von dem hier wirklich alle sprechen: Die Wahlen am morgigen Sonntag. Seit der Unabhängigkeit vor über 50 Jahren wird Tansania von ein und derselben Partei regiert, der CCM. Es gab vier Präsidenten, der erste hat als Diktator geherrscht, dann aber seine Macht freiwillig abgegeben, die drei folgenden haben jeweils die zwei Wahlperioden, die die Verfassung vorsieht, im Amt verbracht, und sind dann abgetreten, ohne den Versuch zu machen, mit irgendwelchen Tricks noch länger im Amt zu bleiben. Auch ist es der CCM gelungen, beide große Religionsgruppen im Land an der Macht zu beteiligen – die Präsidenten waren immer abwechselnd Christen und Muslime. Das ist für afrikanische Verhältnisse eine beinahe unglaubliche Leistung.
Im Juni hat die CCM ihren Kandidaten benannt. Wochen vorher wurden die Anwärter in den Zeitungen vorgestellt, alle Wetten lauteten auf Edward Lowassa, einen früheren Ministerpräsidenten. Doch am Schluss nominierte die CCM den deutlich unbekannteren John Magufuli.
Drei Wochen später führte ich folgendes Gespräch mit einem der Angestellten in Peramiho: „Heute Nachmittag habe ich Herrn Zenda gesucht, aber er war nicht in seinem Büro.“ – „Nein, er war im Fernsehraum der Mönche.“ – „Was hat er im Fernsehraum der Mönche zu suchen ?“ – „Er hat sich angesehen, wie die Opposition Mgombea aufgestellt hat.“ Ich verstehe Mgombea als Namen und frage nach: „Aha, und wer ist dieser Mgombea ?“ – „Edward Lowassa.“ Wieder etwas gelernt: Mgombea ist kein Name, sondern heißt „der Kandidat“. – „Wie bitte, Lowassa war doch eben noch bei der CCM !“ – „Ja,“ klärt er mich auf, „er hat aus Wut die Partei gewechselt. Und er bringt viele Anhänger mit zur Opposition.“
Jetzt gibt es zum ersten Mal eine ernstzunehmende Alternative, zumal alle wichtigen Oppositionsparteien hinter Lowassa stehen. Auf den Straßen sieht man überall Fahnen der CCM (grün-gelb, auf dem Foto ziemlich in der Mitte, links daneben die Kandidatin für die Vizepräsidentschaft und noch weiter links Magufuli) und der Chadema (weiß – blass-rot – blass-blau mit einer Hand, die das Victory-Zeichen zeigt, auf dem Foto oben sind mehrere davon zu sehen). Einige sagen, „Ich mag die CCM nicht, aber Magufuli ist ein Arbeitstier, der wird mit der Korruption in der CCM schon aufräumen, deshalb wähle ich ihn.“ Als ich am Montag jemanden am Busbahnhof (wo das Foto entstanden ist) abholte, kamen gleich einige Motarradtaxifahrer auf mich zu, um mich als Kunden zu gewinnen. Nachdem das gescheitert war, erzählten sie mir dann, dass sie alle Lowassa unterstützen, denn die CCM habe keinen Fortschritt gebracht, keine Häuser. „Wir wollen den Wechsel (Mabadiliko)“
Ich finde es lustig, dass ein früherer Ministerpräsident jetzt den „Wechsel“ bringen will – das hätte er früher machen können. Er wird allerdings von seinem Konkurrenten von der Dauer-Regierungspartei übertroffen, der allen Ernstes mit „Mabadiliko ya kweli“ – „Echter Wechsel“ wirbt. Das Wort ist übrigens eine Übersetzung von Obamas Erfolgsslogan „Change“.
Morgen wird es spannend, vor allem, ob der Verlierer – wahrscheinlich wird er Lowassa heißen – seine Niederlage akzeptiert. Immerhin – religiöse Spannungen, die andere Staaten in Afrika und im Nahen Osten belasten, sind nicht zu befürchten. Die CUF, die Kontakte zu radikalen Muslimen hat, hat sich mit der christlich dominierten Chadema auf den Lutheraner Lowassa geeinigt, dem gemäßigten Nationalen Islam-Rat wird seit langem eine Nähe zur CCM mit ihrem Kandidaten Magufuli, einem Katholiken, nachgesagt.

Wo Grenzen noch Grenzen sind

21. Oktober 2015

grenzfluss Die Abtei Ndanda liegt im Süden von Tansania, nahe der Grenze zu Mosambik. Sie hat voriges Jahr ein neues Projekt in Mosambik gestartet. Irgendein Besserwisser hat mir mal gesagt, Ndanda hätte sich vor einer echten Herausforderung gedrückt, denn das neue Projekt sei gleich hinter der Grenze, bei denselben Stämmen, die auch in der Umgebung von Ndanda leben. Dann wird es wohl ganz leicht sein, dort hinzukommen.
Der Weg von Dar es-Salaam nach Mtwara, der letzten Großstadt auf tansanischer Seite, ist tatsächlich problemlos mit dem Linienbus zu bewältigen. In Mtwara nimmt mich P.Tuzinde sehr freundlich auf, informiert die Brüder in Mosambik, was wegen der unterschiedlichen Telefonnetze nicht so einfach ist, und stellt mir am nächsten Morgen sein Auto zur Verfügung. Fahrer Ben bringt mich die 50 km bis zur Grenze. Der tansanische Grenzposten befindet einen guten Kilometer davor, ein paar Fragen nach Dingen, die ich schon deutlich lesbar ins Ausreiseformular geschrieben habe (Beruf, Reiseziel), ein Stempel, das war’s.
kivuko Die Grenze wird vom Fluss Ruvuma (oberes Foto) gebildet, der hier in den Indischen Ozean mündet. Die Autofähre (zweites Foto) kann nur bei Flut fahren, also erst am Nachmittag. Daher heißt es umsteigen vom bequemen Auto in ein kleines Boot mit Außenbordmotor. Die anderen vier oder fünf Passagiere sind schon an Bord, los geht’s. Zu meiner Überraschung geht es aber nur über einen schmalen Flussarm, dann kommen wir an einer großen Sandfläche an, und wir müssen erst einmal ein Stück über den Sand laufen. Ein Teil des Trupps geht nach rechts, der andere Teil nach links. Ich folge den Leuten, die nach links gehen, weil uns gesagt wurde, dass dort das nächste Boot liegt. Warum die anderen nach rechts gegangen sind, wird mir erst klar, als ich den Priel (für Nicht-Norddeutsche: Wasserlauf) sehe, der auf unserem Weg liegt. Knietief, aber machbar. Meine letzte Wattwanderung war vor 30 Jahren. Damals ging es von Amrum nach Föhr. Bald kommen wir an den Hauptarm des Flusses, wo das nächste Boot schon bereit liegt, fehlt nur noch der Motor, der dann schließlich per Träger (unteres Foto) ankommt.
Am anderen Ufer geht es dann mit dem Taxi zum Grenzposten. Im Gebäude selbst geht es schnell: Reisepass vorzeigen, Stempel rein, fertig. Dann will aber auch der Grenzwächter, der gemütlich auf der Bank vor dem Gebäude sitzt, meinen Pass nochmal kontrollieren. Diesmal dauert es etwas länger, aber irgendwann hat auch er meinen ganzen Pass durchgelesen. Jetzt hatte ich eigentlich gehofft, dass P.Valentino mich abholt, aber weit und breit ist niemand zu sehen. Ich setze mich also vor dem Grenzposten in den Schatten, da kommt noch ein Grenzwächter zu mir: „Sorry, mein Boss sagt, Sie hätten Ihren Pass noch nicht vorgezeigt.“ Also die dritte Passkontrolle und die hochintelligente Frage, ob ich aus Tansania komme. Ich widerstehe der Versuchung, „Nein, aus Indien“, zu antworten, und bin positiv überrascht, als er um Entschuldigung für die „Unannehmlichkeit“ bittet. Mein Telefon zeigt mit tansanischer SIM-Karte „Roaming“ und „Sehr schwaches Signal“ an, also lege ich die mosambikanische SIM-Karte ein, die man mir in Ndanda mitgegeben hat. Aber auch mit dieser Karte ist das Signal sehr schwach, und in keinem der beiden Läden gibt es Handy-Guthaben zu kaufen. Jetzt fange ich langsam an, mich nach Tansania zurückzuwünschen. Irgendwann kommt dann aber doch eine SMS von Valentino: „Wir sind unterwegs.“ Auch für die Information mit meiner genauen Ankunftszeit war es anscheinend schwierig, die Grenze zu überwinden.
Allen Leuten in Europa, die von Grenzen mit viel Kontrollen und wenig Verkehr träumen, wünsche ich die Erfahrung, mal von Tansania nach Mosambik zu reisen. Den Leuten von Pegida wünsche ich, dass sie danach gleich in Mosambik bleiben müssen.
aussenborder

Plötzlich auftretende Feiertage

19. Oktober 2015

Die letzten Tage habe ich in Mosambik, Tansanias südlichem Nachbarland verbracht. Hier folgt der erste Teil des Reiseberichtes:
Mittwoch komme ich in Dar es-Salaam in unserem Haus in Kurasini bei Br.Bakanja und P.Titus an, Donnerstag soll Ruhetag sein, Freitag will ich dann Richtung Mosambik aufbrechen. „Halt, für Mosambik kriegst du das Visum nicht an der Grenze, sondern nur hier in Dar es-Salaam“, warnt Bakanja mich am Donnerstag Nachmittag.
Also gehe ich am Freitag erst einmal zur Botschaft von Mosambik, ein Touristenvisum bekommt man für die meisten Länder ja ziemlich leicht, zumindest, wenn man einen deutschen Pass hat. An der Botschaft erfahre ich, was ich alles brauche: Einen formlosen Antrag – wird sich wohl machen lassen; Nachweis der Gelbfieberimpfung – meinen Impfpass habe ich dabei. Eine Buchung in einem Hotel in Mosambik und ein Kontoauszug, der nachweist, dass ich genug Geld für den Aufenthalt dort habe – oh Schreck, vielleicht gehört Mosambik nicht zu den „meisten Ländern“, von denen ich oben geschrieben habe.
Also erst einmal zurück. Titus hat schon Erfahrung mit Visa für Mosambik, er ist ohne Weiteres bereit, mir den Kontoauszug von Kurasini zu geben, allerdings muss er den erst von der Bank holen – als ich ihn dann in der Hand halte, ist es schon Freitag Abend, das Wochenende ist also verloren.
Am Montag bin ich um 9 frohgemut erneut bei der Botschaft. Der freundliche Herr hinter der schwarzen Glasscheibe, der meine Unterlagen entgegennimmt, lehnt meinen handgeschriebenen Antrag ab – der formlose Antrag muss mit Computer getippt sein. Außerdem stört ihn, dass ich zwar die Adresse eines Hotels angegeben habe, aber keine Reservierung vorweisen kann. Nachdem wir einige Zeit über das Hotel diskutiert haben, rät er mir, in einem Schreibwarengeschäft in der Nähe den Antrag in den Computer zu tippen und dann wiederzukommen. Um 10 bin ich wieder da, der freundliche Herr ist inzwischen in seine Zeitung vertieft, dafür nimmt seine Kollegin sich meiner an: „Sie müssen morgen wiederkommen, heute ist Feiertag. Wir haben es gerade per Telefon erfahren. Unser Chef ist schon weggegangen. Ohne Reservierung bekommen Sie kein Visum, da hätten Sie sich den Aushang mal besser durchlesen sollen.“ Ich weise den zeitunglesenden Herrn darauf hin, dass er mich nicht besonders gut beraten hat, dann kehre ich frustriert zurück. Bakanja und Titus lachen herzlich über die Sache mit dem Feiertag und erklären mir, dass die Mosambikaner sehr kompliziert sind, bei Tansaniern machen sie genauso viele Schwierigkeiten wie bei Europäern.
Am Dienstag winkt mich die Wache am Tor der Botschaft einfach durch, ohne dass ich mich – wie sonst – ins Besucherbuch eintragen muss. Offensichtlich kennt man mich inzwischen. Oh Wunder, diesmal wird alles akzeptiert. Ich darf mich auf den Fußweg zur Bank machen, 95 Dollar einzahlen, und mit dem Einzahlungsbeleg zurückkehren. Morgen um Drei, so verspricht man mir, ist das Visum fertig. Bakanja und Titus lachen wiederum, als sie erfahren, dass es bei booking.com einige Hotels gibt, die man auch ohne Kreditkarte oder sonstige Bezahlung reservieren kann. Am nächsten Tag – es ist mein sechster Besuch – übergibt mir der Herr sehr freundlich meinen Pass mit Visum, und als ordentlicher Deutscher storniere ich auch gleich die Hotelbuchung.

Flüchtlinge – aus unterschiedlichen Perspektiven

6. Oktober 2015

Sechs Wochen war ich in Deutschland, vor ein paar Tagen bin ich wieder in Dar es-Salaam angekommen. Schön war’s. Ein Thema hat viele Gespräche bestimmt, natürlich: Flüchtlinge. In Meschede hatten wir zwei Besucher aus Tansania, junge Mönche, die zur Ausbildung in Deutschland sind. Auch sie hatten Flüchtlinge getroffen, „sogar drei aus Tansania. Dabei gibt es wirklich keinen Grund, aus Tansania zu fliehen.“ Sie meinen, wir sollten nicht so viele Flüchtlinge aufnehmen, sondern lieber unsere Kultiviertheit wahren. Ich wende ein, dass man Flüchtlinge, die aus Syrien vor dem Bürgerkrieg fliehen, schlecht zurückweisen kann. Ja, das sehen sie ein, aber die anderen sollte man nicht aufnehmen. Ich bin überrascht, denn ich hätte von Afrikanern mehr Verständnis für afrikanische Flüchtlinge erwartet. Aber das Gespräch ist auch typisch für die Mentalität der Tansanier: Ihr Land gehört zu den glücklichen, die weder Bürgerkrieg noch schwere staatliche Unterdrückung kennen. Der durchschnittliche Tansanier kommt gar nicht auf den Gedanken, irgendwo anders leben zu wollen (abgesehen von jungen Männern, die für einige Zeit in den afrikanischen Nachbarländern Geld verdienen), und wenn jemand im Ausland sagt, dass er nicht in Tansania leben konnte, sieht man ihn eher als jemanden, der Schande über das eigene Land bringt.
Beim Priesterjubiläum meines alten Heimatpfarrers sitze ich neben dem freundlichen SPD-Bürgermeister einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt. „Das ist schon eine Herausforderung, wenn man den Anruf kriegt, ‚In ein paar Stunden kriegen Sie 3 Busse mit Flüchtlingen, bringen Sie die unter‘. Aber ich weiß, dass ich mich auf die Beamten verlassen kann. Deutsche Beamte sind gut ausgebildet, wir haben genug Ressourcen, wir kriegen das hin.“ Der Mann vermittelt den Eindruck, dass er schon schlimmere Herausforderungen gemeistert hat – wenn ich in seiner Stadt wohnte, würde ich ihn wählen.
Auf dem Rückflug las ich in der New York Times anerkennende Worte über die österreichische und deutsche Flüchtlingspolitik. Schön, wenn man so etwas über sein eigenes Land lesen kann.
Jetzt bin ich in Kurasini, unserem Gästehaus in Dar es-Salaam, wo praktisch jeder Europäer, der in Tansania irgendetwas mit den Benediktinern zu tun hat, absteigt. Beim Frühstück sitze ich mit einer ungarischen Wissenschaftlerin und einem ungarischen Bischof zusammen. Mir zuliebe unterhalten sie sich auf Deutsch. Die Wissenschaftlerin fängt an, wenn sie zeichnen könnte, würde sie eine Karikatur zeichnen, wie die Ungarn sich streiten und dazu noch von christlichen Werten reden. Ich befürchte zunächst, die beiden würden jetzt anfangen, die Abschottungspolitik ihrer Regierung zu verteidigen, und weiß gar nicht, wo ich hinschauen soll. Aber weit gefehlt: Sie erzählt, wie sie als junge Frau nicht studieren durfte, weil ihr Vater drei Angestellte hatte und deshalb von der kommunistischen Regierung als „Ausbeuter“ und „Klassenfeind“ bezeichnet wurde. Wie sie deshalb eine Ausbildung machte und in ihrem Betrieb gedrängt wurde, in die Kommunistische Partei einzutreten. „Wenn ich in die Partei eingetreten wäre, hätten sich alle meine Freunde von mir zurückgezogen.“ 1956 floh sie in den Westen, kam in Österreich in der Turnhalle einer Klosterschule unter, viele Betten in einem Raum, „aber sauber“. Der Bischof sagt, dass er beinahe in Deutschland geboren worden wäre, weil seine Eltern bei Kriegsende dorthin geflohen waren. Heute engagiert er sich bei der Hilfe für Flüchtlinge. Wieder ein Vorurteil weniger, diesmal war es eines gegen Ungarn.


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