Archive for Februar 2012

… und „Heiler“

26. Februar 2012

Als „mganga“, „Heiler“ werden nicht nur die modernen, wissenschaftlich arbeitenden Mediziner bezeichnet, sondern auch die traditionellen Medizinmänner. Und von denen gibt es alle möglichen Typen, darunter auch den Spezialisten für Heilkräuter, der seine Patienten ins normale Krankenhaus schickt, wenn er an seine Grenzen stößt.
Als wir letzte Woche am Nyassa-See waren, sahen wir eine große Menschenmenge. Auf unsere Frage, was los sei, erfuhren wir nur, dass ein mganga gekommen sei, der „böse Dinge“ vertreibt. Solche Geisteraustreibungen haben sicherlich psychologische Effekte und so manche Krankheit mag über die Psychologie wirklich verschwinden. Aber fast immer ist damit die Verdächtigung eines anderen Menschen verbunden, der angeblich den Kranken verhext hat. Und manch ein mganga verbietet seinen Patienten ausdrücklich die Benutzung der modernen Medizin; auch über den mganga am Nyassa-See haben wir dies gehört.
Wenige Tage vor unserer Ankunft in Litembo war dort ein afrikanischer, katholischer Priester nach einem langen Krebsleiden gestorben. Die Krankenschwester zeigte uns ein Fläschchen (siehe Foto), das sie nach seinem Tod bei ihm gefunden hatte: Angebliche Medizin gegen Krebs von einem mganga ! So kann man die Verzweiflung eines Todkranken ausnutzen, um ihm noch ein bisschen Geld aus der Tasche zu ziehen.
Und dann gibt es auch wirkliche schwarze Magie: Menschen, die ermordet werden, um ihnen bestimmte Organe zu Zauberzwecken zu entnehmen. Am Mittwoch wurde in unserer Bezirksstadt Songea das dritte (nach anderen Berichten: das siebte) Mordopfer aufgefunden, dessen Leiche in entsprechender Weise verstümmelt worden war. Der nachvollziehbare Eindruck, dass die Polizei nichts tut, führte zu einer wütenden Demonstration, die Polizei schoss scharf, vier Demonstranten starben. Einige erzählen, dass auch ein Polizist getötet worden sei. Das Militär hat schließlich für Ruhe gesorgt.
Heute Morgen habe ich zum ersten Mal mit einem Augenzeugen gesprochen, dem deutschen KFZ-Mechaniker Erich, der zufällig mit seinem Auto durch Songea gefahren war. Er erzählte von den Schüssen der Polizei und den fliehenden Demonstranten, unter ihnen zahlreiche Motorradfahrer, die so schnell über die Bodenwellen rasten, dass die Motorräder ein Stück durch die Luft flogen.
Wie sagte doch der freundliche Polizist, der mich neulich wegen des Diebstahls von Martins Motorrad vernommen hat: „Unsere Arbeit dient dazu, den Frieden im Land zu bewahren.“
Einige der 400 Fotos, die ich am Nyassa-See und in Litembo gemacht habe, finden sich in Andreas‘ Blog.

Heiler

24. Februar 2012

Um zur Abwechslung mal nichts zu machen, sind der Abt, mein „Konkurrenzblogger“ Andreas und ich am Freitag vor einer Woche zum Nyassa-See gefahren, in die allerhinterste Ecke Tansanias. Auf dem Rückweg haben wir in Litembo Station gemacht, dem Krankenhaus in den Bergen oberhalb des Sees. Beim Abendessen bei der stets gastfreundlichen deutschen Krankenschwester Hildegard hatte ich die Gelegenheit, neben einer echten Legende zu sitzen, nämlich neben Maria Meiss, die 1961 zum Gründungsteam des Krankenhauses gehörte und trotz ihrer 85 Lebens- und 51 Dienstjahre immer noch jeden Vormittag ein paar Stunden als Krankenschwester arbeitet und nachmittags Briefe an die Spender in Deutschland schreibt. Dr.Irmel Weyer, die als einzige Ärztin damals die Führung innehatte, und als „Mama mganga“, „Mutter Heilerin“ bis heute eine Legende in der ganzen Gegend ist, ist dagegen „schon“ mit 68 Jahren nach Deutschland zurückgekehrt. Maria Meiss weiß einige Geschichten aus der Vergangenheit zu erzählen, zum Beispiel von dem Tag, als alle Mikroskope aus dem Labor gestohlen worden waren. Dr.Weyer hat das Krankenhaus daraufhin geschlossen („Aber Notfälle haben wir natürlich behandelt“). Nach kurzer Zeit wurden die Mikroskope am Rand einer Straße wiedergefunden; die Diebe hatten also offensichtlich ein Einsehen gehabt. Trotzdem hatte diese Geschichte noch ein schlimmes Ende: Ein einziger Zeuge des Diebstahls meldete sich, und der wurde wenig später tot aufgefunden.
Heute arbeiten tansanische Ärzte im Krankenhaus, der Verwalter ist ein tansanischer Priester, „Und der macht seine Sache sehr gut,“ wie die lebendige weißhaarige Dame ausdrücklich betont. Normalerweise hat die ältere Generation ja eine gewisse Neigung dazu, die Jüngeren kritisch zu sehen, besonders, wenn es sich bei den Älteren um Deutsche und bei den Jüngeren um Afrikaner handelt. Schön, dass das in diesem Fall nicht so ist; schön besonders für die Menschen, die in der Umgebung leben, denn zwischen Peramiho und Litembo liegen 120 km, aber kein einziges gutes Krankenhaus.
Andreas hat nach einer Krankenhausbesichtigung in seinem Blog ziemlich kritisch geschrieben, und auch ich möchte lieber in Deutschland (oder noch besser: gar nicht) krank werden, aber auch nach Litembo kommen die Menschen von weit her, und auch dort werden die allermeisten Patienten gesund, auch dort gibt es inzwischen dank deutscher und amerikanischer Hilfe die modernen Medikamente, die AIDS-Kranken das Überleben ermöglichen.
Zwischen den beiden kirchlichen Krankenhäusern von Peramiho und Litembo scheint es einen gewissen friedlichen Wettstreit zu geben. Als Dr.Weyer noch in Litembo war, und Br.Dr.Ansgar noch nicht in Peramiho, hatte Litembo eindeutig den besseren Ruf, und die Brüder von Peramiho fuhren zur Behandlung nach dort. Manche fuhren auch dorthin, um Fasching zu feiern, denn auch die Karnevalsfeiern von Dr.Weyer waren legendär. So passt es, dass ihr 85. Geburtstag dieses Jahr auf den Rosenmontag fiel, den sie bei recht guter Gesundheit in Deutschland feiern konnte.
Das Foto zeigt Andreas (rechts) und mich vor dem Gipfelkreuz des Litembo-Berges; der spezielle Gruß geht aus diesem Anlass natürlich an Andrea und Christian.

Was mache ich hier eigentlich ?

20. Februar 2012

Ich habe noch gar nicht erzählt, warum und zu welchem Zweck ich eigentlich hier in der hintersten Ecke Tansanias bin. Auf Kuba hatte ich ja die Aufgabe, mich um die Verwaltung der kleinen Gemeinschaft zu kümmern. Und noch vor meiner Abreise von dort erreichte mich eine E-Mail von Abt Anastasius mit der Frage, ob ich nicht hier in Peramiho in die Verwaltung einsteigen wolle. Ich bin jetzt zusammen mit fünf Mitarbeitern dafür zuständig, dass die Buchhaltung stimmt, dass genügend Geld im Haus ist, dass die Rechnungen rechtzeitig bezahlt werden, und dass die Kommunikation mit den einzelnen Betrieben der Abtei funktioniert.
Das sieht dann z.B. so aus: Unser Haus Kurasini in Dar es-Salaam (der größten Stadt Tansanias) braucht dringend Geld, 20 Millionen (Klingt viel, sind aber „nur“ 9000 Euro). Herr Elias ist also Mittwoch mit dem entsprechenden Scheck zur CRDB-Bank in Songea gefahren.
Am nächsten Morgen in unserer morgendlichen Zusammenkunft: Ich: „Hat das gestern geklappt mit dem Scheck ?“ Herr Elias: „Nein, der Bankangestellte hat mir empfohlen, in Dollar zu überweisen.“ Ich: „Aber dann müssen wir ja Gebühren für das Umwechseln in Dollar bezahlen.“ Herr Elias: „Eine Überweisung in tansanischen Schilling dauert sieben Tage, weil Kurasini kein Konto bei CRDB hat, sondern nur bei NBC.“ Ich: „Aber Herr Zenda hat doch gesagt, dass es nur einen Tag dauert.“ (Herr Zenda ist unser Mann für alle Bürokratie-Fragen. Aber er ist seit zwei Tagen in Urlaub, und Herr Elias war zum ersten Mal für uns auf der Bank). Br. Petro: „Du musst mit dem Scheck von der CRDB zur anderen Bank, der NBC, gehen, und dann dort den Scheck einlösen. Dann geht es in einem Tag.“ Also ist Herr Elias zum zweiten Mal die 25 km in die Bezirksstadt gefahren. Und weil es nicht schaden kann, wenn zwei Leute sich mit so komplizierten Dingen wie Überweisungen auskennen, habe ich Br.Petro gebeten, gleich mitzufahren.
Übrigens: Es gibt in Peramiho einen echten Geldautomaten, und wir machen bei der CRDB sogar Online-Banking, allerdings nur, wenn der Empfänger auch ein Konto bei der CRDB hat.
Das Foto zeigt von links nach rechts Br.Petro, Herrn Zenda, Herrn Elias, Martin, Br.Plasido und Herrn Kafupi.

Konkurrenz-Blog

11. Februar 2012

Andreas, ein deutscher Computerspezialist, hat in den letzten Jahren so viele Überstunden angesammelt, dass er jetzt eine Weltreise unternimmt, um sie abzubauen. Den ersten Teil davon verbringt er in Peramiho, und – arbeitet schon wieder am Computer. Sein Blog steht unter andreasauszeit.wordpress.com.

Wenn ein Kind plötzlich vors Auto läuft

11. Februar 2012

Eigentlich sollte ich endlich mal schreiben, was ich hier in Peramiho mache. Aber erst einmal muss ich die Ereignisse von gestern und vorgestern loswerden. Martin, mein Vorgänger, der mich in den letzten beiden Wochen hier eingearbeitet hatte, ist vorgestern, Donnerstag, früh um Fünf mit dem Auto nach Dar es-Salaam abgereist. Sein Drei-Jahres-Vertrag hier war abgelaufen, und er tritt eine neue Stelle in Deutschland an. Sein Motorrad hatte er der Abtei verkauft, aber als er kurz vor der Abreise zum ersten Mal seit einigen Tagen wieder in die Garage schaute, war es nicht mehr da. P.Fidelis rief also die Polizei, und ich staunte nicht schlecht, als am Donnerstag um 9 Uhr sechs Polizeibeamte in Zivil in unserem Besprechungsraum saßen. Um 11 kamen dann zwei davon in mein Büro. „Wenn Sie jetzt etwas sagen, was nicht der Wahrheit entspricht, können Sie vom Gericht bestraft werden,“ klärt der jüngere der beiden mich über meine Rechte auf. Dann schreibt er umständlich handschriftlich ein Protokoll, Name, Alter, Stammesangehörigkeit, Religion, „Ich nehme an, das Sie Christ sind“, vermutet er richtig. Ich gebe zu Protokoll, dass ich das Motorrad nie gesehen habe, und dass Martin alles ordentlich hinterlassen hat. Der ältere und dickere Polizist sitzt mit geschlossenen Augen daneben und hält offensichtlich ein Nickerchen. Nach einer guten halben Stunde darf ich zum ersten Mal in meinem Leben ein polizeiliches Vernehmungsprotokoll unterzeichnen. Die beiden gehen, dann kommt der jüngere noch einmal alleine zurück, weil er einen Zettel auf meinem Schreibtisch vergessen hat. Ob ich nicht einen Terminkalender für ihn hätte, fragt er, „aber das ist nicht notwendig.“ Offensichtlich erwartet er eine kleine „Belohnung“ für seine viele Schreibarbeit. Leider, sage ich ihm wahrheitsgemäß, habe ich keinen. Ich meine zu Br.Dominicus, der das Land schon seit 50 Jahren kennt, „Wenn die so ineffektiv sind, dann kann man ihnen alles zutrauen, auch, dass sie behaupten, Martin selbst habe das Motorrad beiseite geschafft, um es zweimal zu verkaufen.“ Dominicus meint, dass die gar nicht so ineffektiv seien, und dass es gut möglich sei, dass sie das Motorrad finden.

Martins Reise verläuft nicht glücklich: Gegen Mittag, auf halbem Weg, in der Nähe von Iringa, läuft ein Kind vor das Auto und stirbt. Martin hat es als Beifahrer mitansehen müssen. Den Fahrer, Romuald, trifft keine Schuld, wie Martin mir am Telefon sagt. Mit Romuald bin ich schon vor vier Jahren oft gefahren, er fuhr immer besonders vorsichtig und verantwortungsbewusst. Damals hatte er mir gesagt, er wolle 2009 in Rente gehen. Das hat er dann doch noch nicht getan, und jetzt ist ihm zum ersten Mal in seiner Karriere das passiert, was man keinem Autofahrer wünscht, dem Kind und den Eltern natürlich auch nicht.
Als ich Martin am Nachmittag anrufe, sind sie immer noch auf der Polizeiwache von Iringa, wollen aber noch am selben Tag weiterfahren. Der nächste Anruf am Abend ergibt, dass er nun doch in Iringa übernachtet, während Romuald ins Gefängnis gesteckt wurde. In der Zwischenzeit organisiert P.Fidelis hier in Peramiho die Hilfe: P.Laurenti und ein Ersatzfahrer fahren nach Iringa, zwei Mönche werden am Montag an der Beerdigung des Kindes teilnehmen. Beim letzten Telefonat gestern Abend saß Martin schon im Flughafen; er hatte zwischen der Ankunft in Dar es-Salaam und dem Abflug sogar noch Zeit zum Duschen; inzwischen dürfte er in Frankfurt angekommen sein. Gestern Morgen hieß es noch, Romuald müsse bis mindestens Montag im Gefängnis bleiben, P.Laurenti würde sich aber darum kümmern, dass er wenigstens etwas zu essen bekomme (!). Aber bis gestern Abend ist es Laurenti dann doch gelungen, ihn freizubekommen.
Das Foto zeigt eine typische, unübersichtliche Verkehrssituation; ich bin mir sicher, dass Romuald keine Schuld trifft.

Sprache und sprechen

4. Februar 2012

Als ich vor drei Jahren von Tansania nach Kuba aufgebrochen bin, konnte ich mich auf Suaheli verständigen. In den letzten Wochen habe ich ein paar Vokabeln wiederholt und zum Üben ein bisschen in der Suaheli-Wikipedia gelesen (die leider ziemlich bescheiden ist). Die erste Bewährungsprobe kam dann bei der Ankunft am Flughafen, ich musste nämlich einer der Beamtinnen dort erklären, dass ich nur die Kopie meiner Einreiseerlaubnis dabei habe, aber Abt Anastasius draußen mit dem Original wartet. Sie hört sich meine Erklärung an und geht zu einem Kollegen. Als der mich auf Englisch ansprechen will, sagt sie ihm gleich, „Der spricht Suaheli“, und ich habe mein erstes Erfolgserlebnis. Die Einreise klappt problemlos.
Dass ich doch eine Menge vergessen habe, merke ich dann sehr schnell. Ich brauche nämlich einen Sack, um meine Wäsche in der Wäscherei waschen lassen zu können. Also spreche ich einen der Hausdiener (dieser Ausdruck aus der Kolonialzeit wird hier tatsächlich noch verwendet !) an. Am nächsten Tag sagt er mir, er habe sich in der Wäscherei erkundigt, „Die sind nicht da“. Es dauert einige Zeit, bis wir die Sache geklärt haben. Er hatte überhaupt nichts von dem verstanden, was ich ihm gesagt hatte, nur, dass ich auf mein Hemd gezeigt hatte. Daraufhin hatte er in der Wäscherei nach meinen Kleidungsstücken gesucht, daher seine Antwort „Die sind nicht da“. Ich hätte statt nach „Begi“ (englisch bag, also Tasche) nach „mfuko“ (Sack, Tüte, Hosentasche) fragen müssen. Und dass „nguo“ Kleidung heißt, hätte ich auch besser gewusst.
Die gebildeten Tansanier können alle Englisch (im Gegensatz zu den Kubanern, auch den gebildeten), aber ich bemühe mich darum, möglichst nur Suaheli zu sprechen, denn eine Sprache lernt man logischerweise durchs Sprechen.

Fotos zur Schulfeier

4. Februar 2012

Endlich komme ich dazu, die Fotos zur Schulfeier von letzter Woche nachzureichen. Das Foto oben zeigt die Schülerinnen bei der Aufführung eines Mganda, eines traditionellen Tanzes. Der strahlte eine solche Kraft aus, dass ich geradezu die Krieger mit ihren Speeren vor Augen sehen konnte. Ich fragte die Schulleiterin neben mir, „War das ursprünglich ein Tanz für Frauen ?“ – „Nein, für Männer“. Die Männer- und Frauenrollen sind in Tansania auch heute noch ziemlich festgelegt, aber immerhin hat der (männliche, tansanische) Priester, der die Predigt in der Messe zu Beginn der Schulfeier gehalten hatte, die Unterdrückung der Frau angesprochen und die Schülerinnen aufgefordert, sich durch Bildung selbst zu erlösen. Schülerinnen, die so kraftvoll tanzen, sollten das eigentlich schaffen können.
Das Foto unten zeigt die beiden Schülerinnen, wie sie sich zum sechsten oder siebten Mal während ihrer Rede vor mir als dem „verehrten Ehrengast“ verbeugen.