Archive for September 2013

Erste Übung in Polizistenbestechung

29. September 2013

zoll Neulich saß Omari, der Zolleinnehmer vom Dorfeingang, vor meinem Büro (siehe den Artikel vom Juli). Da ich vermute, dass er Geld haben will, sage ich ihm, er solle am Nachmittag wiederkommen. Am Nachmittag erklärt mir dann, dass er nicht nur Zolleinnehmer, sondern auch Dorfpolizist ist. Er hat ein Formular dabei, das ich unterschreiben soll. Auf meine Frage, worum es geht, sagt er mir: “Keine Ahnung, das ist auf Englisch.” Ich schaue mir die Sache an, es handelt sich um die Beschwerde eines entlassenen Arbeiters. Ein Platz für meine Unterschrift ist auf dem Formular gar nicht vorgesehen, ich erkläre ihm das und weigere mich, zu unterschreiben. Da er weiterhin meint, ich solle unterschreiben, hole ich Herrn Elias zu Hilfe, den Buchhalter, der meine Ansicht bestätigt. Jetzt fängt der Herr Wachtmeister (warum bloß muss ich an seinen Kollegen aus “Räuber Hotzenplotz” denken ? Wie hieß der überhaupt ? Und wie lange ist es her, dass ich das Buch gelesen habe ? Habe ich es überhaupt gelesen ?) damit an, mir zu erklären, dass ich ihn am Vormittag nicht anständig behandelt hätte, er sei schließlich in offiziellem Auftrag hier. Aha, er will Geld von mir, und ich habe am Vormittag wirklich einen Fehler gemacht, als ich ihn so kurz angebunden abgewiesen habe. Aber jetzt einfach so zahlen will ich auch nicht. Daher lade ich ihn auf ein Bier in unsere Gaststätte ein. Bier ist gerade ausgegangen, aber er nimmt auch mit einer Cola Vorlieb.
Das Foto zeigt die Grashütte mit der blauen Plastikplane als Regenschutz, in der die Zolleinnehmer während ihrer Dienstzeiten wohnen.

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Nicht alle sind Brüder und Brüderinnen

1. September 2013

waechter Unter vielen Afroamerikanern ist es üblich, sich gegenseitig als “brother” oder “sister” anzureden. In Tansania lautet die entsprechende Anrede für beide Geschlechter “ndugu”, aber im wirklichen Leben möchte man doch nicht immer allzuviel mit seinen “Brüdern” zu tun haben.
Neulich sprach ich mit Herrn Chaula, dem Leiter der Berufsschule, über die Aufsicht für die Schülerinnen. Er braucht eine zusätzliche Lehrerin dafür, denn, “Frau Mwanahamisi ist Muslimin und die kann die Schülerinnen ja schlecht ermahnen, morgens zum Gottesdienst in die Kirche zu kommen.” Es gibt unter den Christen hier (zwei Drittel der Bewohner von Peramiho sind katholisch) starke Vorbehalte gegen Muslime. Weil ich befürchte, dass auch hinter seiner Äußerung ein solcher Vorbehalt steckt, sage ich ihm: “Die Muslime bewachen uns.” Er versteht das nicht sofort, daher erkläre ich: “Die meisten unserer Wächter sind Muslime.”
Kurz nach diesem Gespräch wird in der Installationswerkstatt zum zweiten Mal nachts eingebrochen. Die Diebe nehmen teure Maschinen mit. Wir beschließen, zwei zusätzliche Wächter einzustellen. Schon zwei Tage später kommt der Chef-Wächter mit dem Kandidaten und der Kandidatin zu mir. Ich frage ihn, “Und du siehst kein Problem, dass jetzt auch eine Frau den Wachtdienst übernimmt ?” Er ist Muslim, alle neun Wächter sind Männer, aber er sieht kein Problem. Umso besser, denke ich. Am nächsten Tag aber kommen zwei andere Wächter zu mir. Früher sei es üblich gewesen, dass alle Wächter zusammen über Neueinstellungen entscheiden, nicht nur der Chef-Wächter. Und mit dem einen, Peter, hätten sie auch kein Problem. Aber … Man brauche doch Kraft für diesen Job, und unten an der Farm ist ja die ganze Nacht über nur ein einziger Wächter, und außerdem würden sie ja Gewehre tragen (siehe Foto). Die logischen Fortsetzungen seiner Gedanken spricht er nicht aus, aber mir ist klar, dass er meint, “Das alles ist nichts für Frauen.”
Ich rufe also für den übernächsten Tag alle Wächter zusammen. Um die frauenfeindlichen Argumente von vornherein zu entkräften, weise ich darauf hin, dass ab jetzt zwei Wächter an der Farm patroullieren können, und erzähle, dass es noch in meiner Jugend nicht möglich war, dass Frauen zur deutschen Armee gingen, während das heute ganz normal sei. Keine Chance, Frauen sind schwach, sie können nicht mit dem Gewehr umgehen, und überhaupt, so bekomme ich zu hören. Wahrscheinlich hat die ganz hervorragende Leiterin unserer Elektrowerkstatt, Sr.Deo, Ähnliches zu hören bekommen, als sie anfing. Der Chef-Wächter macht keine Anstalten, seine Kandidatin zu verteidigen, und ich versuche nicht, der Gruppe ein neues Mitglied aufzudrängen, für das sie nicht bereit ist.
Bitte sage jetzt niemand, Katholiken und Muslime seien halt frauenfeindlich. Heute Morgen kam Dr.Mwapinga mit ihrem Mann zu mir. Sie ist Kinderärztin am Krankenhaus, und er ist ihr nach Peramiho gefolgt, wo er jetzt verzweifelt eine Stelle als Buchhalter sucht. Zumindest in einigen Familien hat die Emanzipation der Frauen also begonnen. Vielleicht ist die Gesellschaft hier ja in vierzig Jahren so weit wie die deutsche heute.