Archive for April 2011

Traurig

30. April 2011

Vorgestern haben wir Br.Martin zum Flughafen gebracht, über Nacht flog er nach Paris und von dort am Freitag weiter nach Lomé, der Hauptstadt Togos. Heute müsste er im Bus nach Agbang sitzen und kommt dort hoffentlich am frühen Abend an. Mitte Januar hatte er unserer Gemeinschaft mitgeteilt, dass er in sein togolesisches Heimatkloster zurückkehren möchte. Sehr schade, denn ich habe mich gut mit ihm verstanden, und als ich zum Jahresbeginn schrieb, dass wir nach einigen Konflikten gut zusammengefunden hatten, habe ich vor allem an ihn gedacht.
Das Foto zeigt ihn ein paar Tage vor seiner Abreise, als er stolz den Fang präsentiert, den er einem Angler abgekauft hat.
P.Vianney hatte uns im November aus dem Urlaub in seiner philippinischen Heimat geschrieben, dass er nicht zurückkommen würde. Ende Januar kam er dann doch noch, aber schon nächsten Samstag wird er uns endgültig verlassen. Damit sind wir zu dritt: Br.Jacques, Br.Cyrille und ich.
Nachtrag: Gerade erhalte ich die Mail von Martin, dass er gut in Agbang angekommen ist.

Gartenzwerge statt Rindfleisch

28. April 2011

Vor über einem Jahr ist er von uns zur Nuntiatur gewechselt, aber bei festlichen Gelegenheiten hilft Abel immer noch in unserer Küche aus. Leider hat er eine Eigenschaft, mit der man sich auf Kuba eigentlich nur Schwierigkeiten einhandeln kann: Er ist Perfektionist. Und für den Ostersonntag wollte er Rindfleisch zubereiten – ausgerechnet Rindfleisch, den running gag des kubanischen Einzelhandels ! Ich fuhr also am Samstagmorgen zu den Galerias Paseo. Nach meiner fleischlosen Rückkehr telefonierte seine Frau eine knappe halbe Stunde lang mit verschiedenen Geschäften. Ergebnis: „Im Einkaufszentrum an der Ecke Fünfte und 42.Straße haben sie Rindfleisch.“ Von uns bis zum Fluss sind es 5 Häuserblöcke, auf der anderen Flussseite dann nochmal 21 Blöcke (die Parallelstraßen zum Fluss sind von 2 an mit geraden Nummern durchnummeriert, man kann also die Entfernung bis zur 42.Straße leicht ausrechnen). Dort angekommen: „Haben Sie Rindfleisch ?“ – „No hay (Gibt es nicht).“ – „Wir haben angerufen, und man hat uns gesagt, Sie hätten welches.“ – „Ich schaue mal im Lager.“ Der Kollege kommt aus dem Lager: „Wir müssen das Fleisch erst portionieren und abpacken. In einer halben Stunde.“ Ich schaue mich also ein wenig um, frage mich, wieso die so überflüssige Dinge wie Gartenzwerge (siehe Foto) haben, und erfahre nach einer halben Stunde, dass es am Nachmittag um Drei so weit sei. 42 plus 10 Häuserblöcke und ein paar Stunden später, um Punkt Drei, bin ich wieder da. „Rindfleisch ? Ich schau mal. Nein, hier in der Auslage ist keins.“ – „Heute morgen haben wir angerufen, … “ Ich komme gar nicht mit meiner Geschichte zuende, da ist er schon im Lager verschwunden und kommt mit der Nachricht zurück: „Wir machen Ihnen ein Stück fertig. Dauert nur ein paar Minuten.“ Und tatsächlich – zehn Minuten später kann ich mich mit dem Rindfleisch im Rucksack wieder auf mein Fahrrad schwingen. Nächstes Jahr bestehe ich auf Huhn, das kann man fast immer bekommen, und es schmeckt auch besser.

Meine Schwierigkeiten mit „Auferstehung“

26. April 2011

Vor der Osternacht kommt eine Deutschschülerin in die Sakristei und grüßt: „Gutenabend.“ Ich korrigiere: „Guten Abend. Immer eine klitzekleine Pause zwischen zwei Wörtern machen.“ Dann setze ich das unterbrochene Gespräch mit der Sakristanin fort: „Auferstehung (resurrección) ist besonders schwer auszusprechen.“ Die Kantorin hat zugehört und meint: „Die Betonung liegt auf der letzten Silbe !“ Und meine Schülerin legt nach: „Wenn du resurrección so aussprichst, dann darf ich auch Gutenabend sagen.“
Die Schwierigkeit ist das spanische „Zungen-R“. In meiner Grammatik steht so schön, „das R wird mit der Zungenspitze geschlagen.“ Ein R, das am Wortanfang steht, muss sogar mehrfach vibrieren. Dasselbe gilt für ein Doppel-R. „Auferstehung“ hat ein R am Wortanfang und ein Doppel-R, und wenn man sich auf beide konzentriert hat, dann soll man auch noch die letzte Silbe betonen ! Das weckt traumatische Kindheitserinnerungen an jenen Nachmittag, als meine Eltern mir die korrekte Aussprache des englischen „with“ beibrachten, damit ich am Abend ein englisches Gedicht aufsagen konnte. Also, liebe Eltern, herzlichen Dank für die damalige Quälerei, denn Fremdsprachenkenntnisse haben mein Leben seitdem doch ziemlich bereichert, und das Gedicht kann ich auch noch: „There was a lady of Riga, who rode with …“

„Havanna ist wie Sevilla“

23. April 2011

P.Abraham, der Spanier, der leider nur für kurze Zeit bei uns war, meinte, Havanna sei wie Sevilla. Ich kenne Sevilla nicht, aber ich weiß, dass in längst vergangenen Jahrhunderten Havanna und Sevilla die Achse des spanischen Kolonialreiches bildeten, es also sehr viel kulturellen Austausch zwischen den beiden Städten gab.
Gestern war ich beim Kreuzweg in der Altstadt (Foto oben). Im letzten Jahr war ich einigermeißen beeindruckt gewesen, aber gestern hatte ich dummerweise gerade vorher auf der Internetseite der Tagesschau die Fotos von den Karprozessionen in Sevilla (Foto unten) gesehen. Da kann Havanna einfach nicht mithalten. Aber es geht ja um den Inhalt, nicht um die Form …

Strom 2

17. April 2011

Vor einigen Tagen war es mal wieder so weit: Dunkle Wolken zogen auf, irgendwo in der Stadt gab es einen tropischen Wolkenbruch, in unserer Gegend allerdings fielen nur ein paar Tropfen. Kaum hatten sich die Wolken verzogen, ging das Licht aus, abends um Sechs. Normalerweise dauern Stromausfälle nur ein paar Stunden, aber am nächsten Morgen war immer noch kein Strom da. Die Köchin meinte, ich solle doch mal 18888 anrufen, die Servicenummer der Elektrizitätsgesellschaft. Und wenn die Ansage komme, „Legen Sie auf, im Moment herrscht Verstopfung in der Leitung (hay congestión en la línea), bitte rufen Sie in einigen Minuten wieder an“, dann – so sagte sie mir ausdrücklich – solle ich mich nicht daran halten, sondern sofort auf Wahlwiederholung drücken. Ich denke mir, dass die im Moment anderes zu tun haben, als Fragen zu beantworten, und rufe erst einmal nicht an. Aber dann denke ich an unseren Gefrierschrank und werde doch langsam unruhig. Schon nach viermaliger Wahlwiederholung höre ich eine menschliche Stimme, und sage schnell: „Wir wohnen in Vedado, zwischen Calle Línea und 7.Straße“. Und schon ist die Leitung unterbrochen: „Tüüt, tüüt, tüüt“. Einige Wahlwiederholungen später: „Können Sie mir bitte sagen, wann wir wieder Strom haben ?“ Die menschliche Stimme: „Wo wohnen Sie denn ?“ Ich wiederhole mein Sprüchlein und erhalte die Antwort: „Der Service wird heute wiederhergestellt, aber … tüüt, tüüt, tüüt“ Kommentar unserer Köchin: „Die hat absichtlich aufgelegt, damit sie nicht sagen muss, dass der Strom erst heute nacht wieder kommt.“ Aber Irrtum: Um drei Uhr sitze ich an meinem Computer und bin so sehr von der Sorge um den Akkustand in Anspruch genommen, dass ich den leichten Lufthauch zunächst gar nicht bemerke – der Ventilator hinter mir läuft wieder !.
Das Foto zeigt Wartungsarbeiten an dem Trafo, der vor unserem Haus an einem Strommast hängt – das ganze Stromnetz ist veraltet.

Strom 1

13. April 2011

Mein Deutschkurs am Montagmorgen ist inzwischen auf vier Teilnehmer geschrumpft. Vorgestern hatte eine Teilnehmerin ein Vorstellungsgespräch, eine andere wartete eine Stunde lang auf ihren Bus und kam erst kurz vor Ende der Doppelstunde an, und der einzige männliche Teilnehmer ist sowieso recht unzuverlässig. Also war nur Caridad da, eine schon etwas ältere Dame, die Deutsch lernt, um sich mit ihren Enkeln unterhalten zu können. Während wir warteten, nutzten wir die Gelegenheit, um uns etwas über ihre Familie zu unterhalten. Dass die Tochter in Köln wohnt, wusste ich schon, denn die Übungen aus dem Lehrbuch, an denen wir gerade sind, spielen in Köln. Aber von ihrem Sohn hatte sie noch nicht erzählt. Er hat hier in Kuba Kernkraft-Ingenieur studiert, jetzt arbeitet er in Deutschland – bei E.on. „Aber er will dort aufhören, weil er es nicht gut findet, dass das Unternehmen politisch so viel Einfluss nimmt.“ Auf Kuba gibt es zum Glück weder Erdbeben, noch Tsunamis noch Kernkraftwerke. Trotzdem lässt mich das Thema in den letzten Wochen nicht los, schließlich bin ich auch Physiklehrer. Werden mich ehemalige Schüler irgendwann fragen, warum ich sie nicht ausreichend vor den Gefahren der Kernkraft gewarnt habe ? Über Tschernobyl haben wir immerhin im Unterricht gesprochen, aber damals glaubte ich noch, dass deutsche Atomkraftwerke grundsätzlich sicherer wären als sowjetische. Heute bin ich überzeugt, dass deutsche Atomkraftwerke nicht sicherer sind als japanische – Tsunamis gibt es in Deutschland zwar nicht, aber Situationen, mit denen deutsche Ingenieure vorher nicht gerechnet haben, kommen auch in Deutschland von Zeit zu Zeit vor.

Übermotiviert

11. April 2011

Heute Nachmittag im Supermarkt: Eine Verkäuferin sitzt auf einem Hocker vor einem Regal, sie sieht völlig unmotiviert aus, die Körperhaltung drückt aus: „Bitte sprechen Sie mich auf keinen Fall an !“ Dabei ist es jetzt im April noch gar nicht so heiß, und im übrigen ist der Supermarkt klimatisiert. Ich störe sie also aus ihrer Ruhe auf: „Wo finde ich bitte sazón completo (Komplett-Gewürzmischung) ?“ – „Wir haben nur Sazón Amor, da ist kein Kümmel drin,“ sagt sie mir, steht auf und führt mich persönlich zu dem Regal mit dem „Liebesgewürz“. Ich frage noch nach Oregano und dann ergänzt sie von sich aus: „Essig und Speiseöl finden Sie in dem Regal dort drüben.“ Ich bin überrascht, aber schnell wird mir klar, dass sie den Einkaufszettel in meiner Hand gelesen hat, auf Kuba ist man halt nicht besonders disket in solchen Dingen. Sie hätte besser in meinen Einkaufskorb geschaut, der ist nämlich schon gut gefüllt mit Essig und Speiseöl.

„Spanisch machen“

5. April 2011

Der Anrufer sagt, „Ich will mich spanisch machen“. Den Ausdruck habe ich noch nie gehört, aber die Sache ist mir gut bekannt. Da er schon dazu ansetzt, mir seine ganze Familiengeschichte zu erzählen, unterbreche ich ihn schnell: „Alle Urkunden befinden sich im Archiv der Pfarrei. Bitte rufen Sie dort an, 8303958.“ Es geht mal wieder um den Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft. Dazu benötigt man ein spanisches Großelternteil.
Letzte Woche sagte mir unsere Köchin ganz begeistert: „Mein Urgroßvater ist im Bischofshaus aufgetaucht.“ Nach langer Suche war endlich die Heiratsurkunde von 1882 im bischöflichen Archiv gefunden worden. Und die bezeugt klar, dass der längst verstobene Herr in Granada in Spanien geboren wurde. Ich verstehe nicht ganz und frage nach: „Aber Sie sind doch schon Spanierin. Wozu brauchen Sie noch weitere Urkunden ?“ Sie: „Ich bin Spanierin durch meinen Großvater väterlichseits. Aber meine Mutter will auch Spanierin werden. Und dafür braucht sie halt ihren Großvater.“ Die 84-jährige Mutter braucht die spanische Staatsbürgerschaft, um ihre Schwester in den USA besuchen zu können. Die Ausreise aus Kuba stellt kein großes Problem dar, ein Visum für die USA bekommen Kubaner aber höchstens nach jahrelanger Wartezeit. Mit einem spanischen Pass können sie natürlich ohne Probleme in die USA reisen. Und die kleine Zusatzrente, die Spanien zahlen wird, ist hier auf Kuba auch eine große Hilfe. Ich gönne es der alten Dame von Herzen, aber etwas komisch kommt es mir schon vor. Der Urgroßvater ist also als junger Mann von Spanien nach Kuba ausgewandert und hat 1882 hier eine Kubanerin geheiratet. Damals war Kuba noch spanische Kolonie, und es gab noch die Sklaverei. 1895 bis 98 haben die Kubaner dann heftig um ihre Unabhängigkeit von Spanien gekämpft. Fast hätte ich geschrieben: „Und heute werfen die Spanier ihre Staatsbürgerschaft ausgerechnet denen hinterher, die sich damals unbedingt von ihnen befreien wollten !“ Aber ganz so erwünscht scheinen die Neubürger denn doch nicht zu sein. Bevor man sich nämlich „Spanisch machen“ kann, braucht man einen Termin in der Konsularabteilung der spanischen Botschaft. Und den muss man sich über das Internet besorgen. Aber als Kubaner kommt man nicht so einfach an einen Internetzugang. Es sei denn, man kennt einen Ausländer – wie zum Beispiel mich – der einen hat. Heute Mittag saß ich also gemeinsam mit unserer Köchin vor meinem Computer. Name, Telefonnummer, E-Mail-Adresse eingeben, auf „Weiter“ klicken, und schon kommt die Botschaft: „Zur Zeit sind keine Termine frei. Bitte versuchen Sie es später noch einmal“. Wenn Spanien seine eigenen Staatsbürgerinnen (unsere Köchin ist ja bereits Spanierin !) so behandelt, dann bin ich doch froh, dass ich kein Spanier bin.