Archive for März 2011

Familienalben

28. März 2011

Samstag vor acht Tagen nahm mich ein Freund mit zu einer alten Dame, die bald ihren 100. Geburtstag feiern kann. Sie saß in ihrem Schaukelstuhl auf der Terasse vor dem Haus. Typisch für Havanna: Die Terasse war von einem festen Gitter umgeben, die Gittertür abgeschlossen. Sie reichte – ohne aufzustehen, denn das fällt ihr anscheinend schwer – meinem Begleiter den Schlüssel durch das Gitter, er schloss auf, so dass wir den Terassen-Käfig betreten konnten. „Kann ich Robert das Fotoalbum zeigen ?“ fragte mein Freund höflich. „Du weißt doch, wo es steht. Warum fragst du ?“ war die etwas brummige Antwort.
Schwarzweiß-Fotos aus den 1930er bis 1950er Jahren. Ich bin fasziniert, denn die Fotos zeigen genau denselben Lebensstil, dieselbe Mode und dieselben Möbel (Nierentische in den 50ern), den ich auch von meinen Großeltern oder von anderen alten Fotos auf der europäischen Seite des Atlantischen Ozeans kenne. Ein paar Unterschiede fallen mir immerhin auf: Jeden Sommer drei Monate Ferien (in Matanzas am Strand, 50 km von hier) hätten meine Großeltern sich nicht leisten können. Und auf dem Brautfoto (der Bräutigam fehlt seltsamerweise, obwohl die Ehe über 50 Jahre lang bis zu seinem Tod gehalten hat) sieht sie so überirdisch-kitschig aus, dass ich an eine Fatima-Madonna denken muss. Und fünf Männer in weißen Anzügen mit breiten Hüten zu Pferd wird man auch nicht in vielen deutschen Alben finden.

Panettone verliert 1:0

24. März 2011

Montag, zum Festtag des heiligen Benedikt, war der Nuntius bei uns zu Besuch. Als Gastgeschenk hatte er einen echten italienischen Panettone mitgebracht. Sein Koch, der voriges Jahr von uns zu ihm gewechselt war, hatte uns netterweise bei der Vorbereitung des Essens geholfen. Nachher meinte er zu mir: „Der Nuntius meint ja, Panettone sei leckerer als …“ Ich brauche einige Zeit, bis ich das letzte Wort verstehe: „Christstollen“ wollte er sagen, aber mit den beiden unterschiedlichen st-Lauten hat er als Kubaner so seine Probleme. Den hat er vor Weihnachten bei uns kennen gelernt, und gibt jetzt von seinem Standpunkt als neutraler Fachmann das endgültige Urteil ab: „Aber ich finde, dass der Christstollen ganz klar leckerer ist.“ Ich meine: „Klar, der Nuntius ist Italiener, der ist parteiisch.“

Nach zwei Jahren

20. März 2011

Gestern vor zwei Jahren bin ich hier angekommen. Dass ich das Land mit all seinen Widersprüchen schon verstanden hätte, kann ich nicht wirklich behaupten (Es gibt Leute, die verbringen drei Wochen hier und erzählen danach in Deutschland, „Wie Kuba wirklich ist“). Immerhin habe ich inzwischen einiges von der spanischen Sprache verstanden. Was ich sagen will, kann ich eigentlich immer ausdrücken, auch wenn ich mit den acht Zeiten der Vergangenheit (4 Zeiten im Indikativ, 2 im Konjunktiv und 2 „Vergangenheiten des Futurs“), manchmal durcheinander komme. Wenn ein Wort fehlt, kann man sich eigentlich immer irgendwie helfen, so wie neulich in der Fahrradwerkstatt: „Können Sie mir bitte dieses Pedal anschrauben, ich habe nicht den richtigen … “ – Was heißt denn eigentlich „Schraubenschlüssel“ auf Spanisch ?, frage ich mich in Gedanken und fahre fort: “ … nicht das richtige Werkzeug.“ Ich habe gelesen, dass Demenzkranke das auch so machen, wenn ihnen ein Wort nicht einfällt. Schwieriger ist es mit dem Verstehen. Meinen Spanischlehrer verstehe ich meistens ziemlich gut, aber der spricht natürlich langsam und deutlich. Franqui, der Architekt des Erzbistums, hetzt ständig von Baustelle und Baustelle, und spricht mit einer Geschwindigkeit, die dieser Gehetztheit angemessen ist. Trotzdem verstehe ich ihn recht gut. Mein größtes Problem bleibt der Fahrer, der normalerweise unseren Minibus fährt. Bei ihm habe ich denselben Eindruck wie bei manchem US-Amerikaner – seine Aussprache klingt, als wäre der Mund voller Kaugummi. Nach dem dritten Nachfragen gebe ich meistens auf und hoffe, dass es nicht wichtig war, was er gesagt hat.

Wechselstube

15. März 2011

Samstag Abend war ich mal wieder in der Altstadt. Als ich durch Obispo ging, die Geschäfts- und Touristenstraße, fiel mein Blick auf das Schild an einem Restaurant, „Wegen Wassermangels geschlossen.“ Naja, dachte ich, geschieht ihnen recht. Ich hatte nämlich einmal den Fehler begangen, dort zu essen, und dann auf der Rechnung 30 % Aufschlag für den Service entdeckt – was auf Kuba weder allgemein üblich ist noch auf der Speisekarte vermerkt war. Als ich dann die staatliche Wechselstube betreten wollte, hielt mich der Wachmann auf: „Geschlossen.“ Wieso, fragte ich, diese Wechselstube hat doch immer bis 21 Uhr geöffnet (sonntags bis 20 Uhr). „Wir haben kein Wasser.“ Wieso braucht man Wasser, um Geld zu wechseln ? Waschen die das Geld, oder stinkt das Geld so sehr, dass sich die Angestellten ständig die Hände waschen müssen ? Ich nutze den Abend, um noch ein paar Fotos zu machen (oben: Kathedrale in der Dämmerung).
Gestern war ich wieder da, und wieder war geschlossen. Diesmal allerdings, weil der CUC um 10 % gegenüber dem Dollar abgewertet worden war, jetzt ist ein kubanischer CUC genau einen US-Dollar wert. Das hatte am Morgen in der Zeitung gestanden; warum die Wechselstube einen ganzen Tag brauchte, um die neuen Wechselkurse auszurechnen, ist mir nicht klar. Heute Morgen jedenfalls konnte ich endlich Geld wechseln. Kubaner mit Familienangehörigen im Ausland sind begeistert, weil sie jetzt mehr CUC für ihre Dollars oder Euros erhalten. Wahrscheinlich ist nicht vielen bewusst, dass die Preise für importierte Waren wohl steigen werden.

Es gibt hier doch nicht zwei Währungen

8. März 2011

Vor einiger Zeit brachte ein Chauffeur des Bistums (wir haben immer noch keinen kubanischen Führerschein) unseren Kleinbus zum Waschen. Erst am Abend kam er sichtlich geschockt zurück, der Wagen hatte Beulen in der Kühlerhaube und das Nummernschild war abgefallen: Ein „choque“, zu Deutsch „Schock“, bzw. „Unfall“. Der Schockpartner, ein Motorradfahrer, lag im Krankenhaus. Die menschlichen Folgen ließen sich zum Glück schnell regeln: Der Kranke ist inzwischen wieder gesund und hat sich nebenbei als Freund des Cousins des Chauffeurs entpuppt. Blieben die finanziellen Folgen. Wir bezahlten schnell die ausstehenden Versicherungsprämien nach, dann ließen wir den Schaden offiziell schätzen. Die Versicherung – die freundliche Dame hat sinnigerweise denselben Namen wie die in Schwaben beheimatete Marke unseres Kleinbusses – ist ohne weitere Diskussion zur Zahlung von gut 1500 Euro bereit. Aber wie kommt das Geld zu uns ? Ein Bankkonto hat auf Kuba nicht jeder, wir zum Beispiel haben keins. Ich will zu einer längeren Erklärung ansetzen, dass wir zur Kirche gehören, da unterbricht sie mich schon, „Ich darf keine Schecks in US-Dollar ausstellen, aber José hat mir gerade noch geschrieben, dass er nur Schecks in US-Dollar annimmt.“ Ach ja, auf Kuba kennt jeder jeden, und sie nennt José, den Verwalter des Bistums, mit seinem Vornamen. Wir lösen das Problem schließlich. Eine Überweisung darf sie in US-Dollar tätigen und daher wird sie den Betrag auf das Konto des Bistums überweisen. Diese Woche werde ich es bei José in der Bistumsverwaltung abholen. Dann werde ich also US-Dollar in der Hand halten. Deren Umtausch ist hier mit einer 10-prozentigen Zusatzsteuer belegt, daher werde ich sie wohl im Sommer nach Deutschland mitnehmen, dort in Euro tauschen, die ich dann später auf Kuba in kubanische CUC tauschen kann, denn der Umtausch von Euro ist ohne Zusatzsteuer möglich.
Bisher dachte ich, es gäbe auf Kuba nur zwei Währungen, den CUC und die „Nationale Währung“. Jetzt lerne ich, dass es drei gibt, weil bestimmte Transaktionen nur mit US-Dollar möglich sind.
Das Foto habe ich auf dem Weg zur Versicherung aufgenommen; ich war zum Glück nicht beteiligt.