Archive for April 2014

„Friedhof“ und der schwierige Frieden

14. April 2014

muslimische_gaeste Seit zwei Wochen taucht in den Gesprächen öfter das Wort „Makaburi“ auf. Ich verstand zunächst nur „Friedhof“, denn das ist die Übersetzung des Wortes, aber schnell werde ich aufgeklärt, dass Makaburi der Spitzname eines islamistischen Hasspredigers war, der ursprünglich als Totengräber gearbeitet hatte. Er wurde mit einer Reihe von Terroranschlägen in Kenia in Verbindung gebracht und ist von „Unbekannten“ erschossen worden. Kenia ist immer wieder das Ziel von islamistischen Terrorattacken. Mehrere Prediger, die als Hintermänner des Terrors gelten, sind in letzter Zeit erschossen worden, und alle meine Gesprächspartner sind sicher, dass die „unbekannten“ Todesschützen im Auftrag der Regierung gehandelt haben. Sie scheinen es sogar gut zu finden, dass die Regierung auf diese Art Terror mit Mord beantwortet. Das Verhältnis zwischen der christlichen Mehrheit (82 %) und der muslimischen Minderheit (11 %) in Kenia ist sehr gespannt.
Vor diesem Hintergrund war ich froh, dass einer der jungen Mönche, die neulich in Tigoni zu Priestern geweiht wurden, in Kairo Islamwissenschaften studiert. Drei seiner muslimischen Freunde waren zu seiner Weihe gekommen. Dies wurde in mehreren Reden als Beitrag zum christlich-islamischen Verhältnis gelobt (das Foto zeigt sie auf dem Ehrenplatz beim Gruppenfoto mit dem Nuntius, der die Weihe vorgenommen hatte). Mein guter Eindruck, „Endlich mal jemand, der sich um den Frieden zwischen Christen und Muslimen bemüht“, hielt genau sechs Tage. Dann ergab sich ein längeres Gespräch mit Prior Lawrence, dem Oberen von Tigoni. Ich lobe ihn dafür, dass ein Mitglied seiner Gemeinschaft sich besonders für das Verhältnis zum Islam einsetzt. Aber als Antwort bekomme ich eine längere Rede zu hören, in der er alle Muslime in einen Topf wirft, „die Muslime“ wollten die Christen durch Gewalt einschüchtern. Ich ahne, dass der junge Islamwissenschaftler es schwer haben wird, wenn er sich um einen echten Dialog bemühen will. Leider ist er gleich nach der Weihe nach Kairo zurückgekehrt; ich hätte mich gerne mit ihm unterhalten. Heute mal wieder ein spezieller Gruß, nämlich an P.Cosmas, den Mescheder Islamspezialisten, der es auch nicht immer leicht hat.

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Mit dem Krankenwagen zurück

13. April 2014

krankenwagen Für die Rückfahrt vom abgelegenen Chesongoch ins verkehrsgünstige Eldoret ergibt sich zum Glück eine Mitfahrgelegenheit. Sr.Luciana muss ebenfalls nach Eldoret, um Besorgungen für das Krankenhaus zu machen. Da der PKW des Krankenhauses kaputt ist, fahren wir mit dem Krankenwagen, Sr.Luciana und ich zwängen uns auf den Beifahrersitz, hinten werden mein Koffer und vier Getränkekästen mit leeren Cola- und Limonade-Flaschen (wenn man keine leeren Flaschen mitbringt, ist es sehr schwer, volle zu kaufen) verstaut. Dazu steigt noch eine Krankenschwester hinten ein, die irgendeinen privaten Grund hat, ein Stück weit mitzufahren. Kaum sind wir einen Kilometer weit gekommen, als der Fahrer erfährt, dass wir noch einen Schwerkranken mitnehmen müssen. Der Mann hat gestern in Endo einen Selbstmordversuch mit Gift unternommen, seine Verwandten haben ihn nach Chesongoch gebracht, und jetzt soll er ins nächstgrößere Krankenhaus gebracht werden, wo man ihm vielleicht helfen kann. Also zurück nach Chesongoch. Dort wird zunächst eine Matratze in den hinteren Teil des Wagens gelegt, dann sucht der Fahrer nach einer Schnur, mit der er umständlich die Getränkekästen und meinen Koffer so festbindet, dass sie nicht umfallen können. Während er noch damit beschäftigt ist, wird der bewusstlose Kranke auf einer rollbaren Liege hergefahren und dann auf die Matratze gelegt, besser gesagt, geschleift. Der Fahrer muss jetzt über ihn hinwegsteigen, was seine Arbeit nicht gerade beschleunigt (auf dem Foto sieht man ihn gerade mit meinem türkisfarbenen Koffer beschäftigt, rechts von ihm hält der Arzt, der nicht mitfährt, den Tropf in der Hand). Weil ich mir denke, dass der Kranke wohl Platz braucht, biete ich der Schwester an, mit dem Bus zu fahren. Aber davon will sie nichts wissen. Einer der Angehörigen muss mitfahren, um sich in dem anderen Krankenhaus um den Kranken zu kümmern, außerdem hält er während der Fahrt den Tropf mit der Infusion fest, die der Kranke weiterhin bekommt. Schließlich quetschen sich noch ein zweiter Angehöriger und die privat reisende Krankenschwester hinein. Nach einer halben Stunde Fahrt hören wir von hinten ein lautes Klopfen, offensichtlich das Signal, anzuhalten. Dann kommt ein eindeutiges Geräusch von hinten, das Sr.Luciana mir aber trotzdem erklärt: „Anatapika.“ Ich: „Das ist ein gutes Zeichen, dann kommt das Gift raus.“ Sie: „Nein, nicht der Kranke, der Angehörige übergibt sich.“ Nach einer Stunde kommen wir endlich beim Krankenhaus der Africa Inland Church (einer presbyterianischen Kirche mit amerikanischen Wurzeln) an, und ich bin froh, dass unser Kranker die Fahrt über die schlechte Straße überlebt hat. Das Kerio-Tal und seine Menschen scheinen von der Regierung völlig vergessen worden zu sein: Keine Straßen, nur Staubpisten, keine staatlichen Krankenhäuser. Nur die Kirchen zeigen Präsenz.
Der Rest der Fahrt über Teerstraßen und gute Staubpisten nach Eldoret vergeht ohne besondere Vorkommnisse, aber bei der Ankunft muss ich dem Fahrer helfen, die Knoten zu lösen, mit denen er das Gepäck befestigt hatte. An seine Fahrkünste, die er vor allem auf dem schlechten Bergweg zu Beginn der Fahrt beweisen konnte, reiche ich ganz und gar nicht heran, aber in Bereichen, die mir von Kindheit an vertraut sind (richtige Reihenfolge beim Beladen von Autos, Schnüre, Knoten, …), haben viele Afrikaner erschreckende Lücken. Das hängt zum Teil wohl mit überfüllten Grundschulklassen zusammen (Armut führt zu schlechter Bildung, die wiederum zu Armut führt), zum Teil damit, dass Autos, Getränkekästen und Krankenhäuser für die Eltern unseres Fahrers noch unbekannt waren.

Ist das Ende der Welt hier oder bei Reinhard ?

9. April 2014

endo2Am Montag (31.März) bringt P.Gabriel mich nach Eldoret, von wo ich ohne Probleme mit dem Bus nach Nairobi kommen werde. Eldoret ist eine moderne Großstadt, in der alles zu funktionieren scheint; innerhalb von nur einer halben Stunde lasse ich mir von einem Schuhputzer meine gerissene Sandale flicken (für 20 Schilling, weniger als 20 Euro-Cent), wechsle auf der Bank Geld und lade mein Handy-Guthaben auf. Statt aber gleich nach Nairobi zu fahren, entscheide ich mich für einen Abstecher ins Kerio-Tal nach Endo, dessen Kirche als das Meisterwerk des verstorbenen Br.Laurentius Kubetzko aus Meschede gilt. Ich übernachte bei den Benediktinerinnen, und am nächsten Tag nimmt Sr.Jacinta mich mit nach Chesongoch, das nur wenige Kilometer von Endo entfernt liegt. Als wir abfahren, sagt die freundliche Sr.Katrin mir, „Du fährst ans Ende der Welt“. Ich antworte, „Ich dachte, das Ende der Welt wäre bei P.Reinhard.“ Den deutschen Benediktiner P.Reinhard habe ich nämlich im Januar besucht; seine Pfarrei Kabichei liegt zwei Stunden von Eldoret entfernt in einer schwer zugänglichen Berggegend, wo viele Siedlungen nur zu Fuß zu erreichen sind. Bevor P.Reinhard dort Schulen gebaut hat, hatten viele Kinder keine Chance, lesen und schreiben zu lernen. „Nein, nein, Endo ist das Ende der Welt,“ widerspricht sie lachend auf Englisch, wo das Wortspiel „Endo – End of the world“ ja auch funktioniert. Das Kerio-Tal, in das man nur über seine sehr steile, unbefestigte Straße kommt, ist in der Tat abgelegen, und trotz Handy scheinen die Menschen hier in einer anderen Zeit zu leben: Sr.Jacinta zeigt mir die Ruinen der Hütten der Marakwet und die neuen Hütten am steilen Berghang: „Als 2000 der Krieg zwischen Marakwet und Pokot ausbrach, haben die Pokot die Hütten der Marakwet abgebrannt, und die Marakwet sind die Berghänge hinaufgezogen, um mehr Sicherheit zu haben.“ Immerhin, nach diesem Krieg zwischen den beiden Völkern hat man sich zusammengesetzt und einen Frieden ausgehandelt, der bis heute hält.
Am nächsten Tag bringt Sr.Jacinta mich dann nach Endo. Die Kirche (siehe Fotos) ist wirklich ein Meisterwerk, und ich erfahre auch endlich, wo das Ende der Welt wirklich liegt: Sr.Agata kommt gerade aus Illeret im äußersten Norden des Landes, wo P.Florian, auch er ein deutscher Benediktiner, bei den Nomaden die abgelegenste Pfarrei unserer Kongregation unterhält: Wegen der schlechten Straßen braucht er zwei Tage bis zum Sitz des Bischofs und vier Tage bis Nairobi. Außerdem ist es heiß dort, und es gibt wenig Komfort. Deshalb ist Illeret sozusagen der Prüfstein für die jungen Mönche von Tigoni: Einige, darunter P.Gabriel, haben es bei Florian ausgehalten, andere sind ziemlich schnell wieder weggelaufen. Sr.Agata möchte so schnell wie möglich wieder dorthin; ich komme nach je einer weiteren Übernachtung in Chesongoch und Eldoret am Freitag in Nairobi an, wo die sechsspurigen Stadtautobahnen beweisen, dass das Ende der Welt sicher nicht in Nairobi ist.
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Ein fauler Priester

3. April 2014

gabriel_kinoti Seit vorigem Mittwoch bin ich mal wieder „auf Achse“. Am ersten Tag brachte Fahrer Inocent Kayombo mich nach Dar es-Salaam, in nur 12 Stunden, was geradezu einen Rekord darstellt. Nach einem Ruhetag in der dortigen Hitze hatte ich dann wieder einmal das Vergnügen, mit dem Luxus-Bus von „Dar Express“ nach Nairobi zu fahren, gut 15 Stunden durch die schönsten Landschaften Tansanias, vorbei an Kilimandscharo (schon wieder hinter Wolken verborgen) und Mount Meru und durch die Massai-Steppe. Ob die Landschaft in Kenia auch schön ist, konnte ich nicht sehen, da es auf der kenianischen Seite der Grenze schon dunkel war. Mein erstes Reiseziel war unser Kloster in Tigoni, in den Bergen oberhalb von Nairobi. Ich war vor sechs Jahren schon einmal dort gewesen, und konnte mich eigentlich nur noch an die fürchterliche Kälte erinnern, die im März zum Glück nicht so extrem ist. Am Samstag fand in Tigoni eine Priesterweihe statt, und ich nutzte die Gelegenheit, P.Gabriel mit der Bitte zu überraschen, ihn in seine abgelegene Pfarrei in Kapkemich zu begleiten. Der machte ob des plötzlichen Besuchs keinen besonders begeisterten Eindruck, und ich hatte meinerseits nichts Gutes über Kapkemich gehört, aber ich habe schließlich den Auftrag, alle Pfarreien unserer Kongregation zu fotografieren. Die Pfarrei Kapkemich war vor ungefähr 20 Jahren von P.Matthias, einem deutschen Benediktiner, gegründet worden. Vor drei Jahren haben die afrikanischen Benediktiner von Tigoni die Pfarrei übernommen. Der deutsche Mönch, der mir davon erzählt hatte, vermittelte mir den Eindruck, Tigoni sei nur auf das Geld der Pfarrei aus, und P.Gabriel sei ziemlich faul.
Um 11 Uhr nachts kamen wir nach sechsstündiger Autofahrt ziemlich müde in Kapkemich an, aber viel Zeit zum Schlafen blieb nicht. Gabriel hatte mir für den nächsten Tag, Sonntag, gleich die Messe um 6:45 in der Pfarrkirche übergeben, während er selbst ins Auto stieg, um auf einem der gut 20 Außenposten die Messe zu feiern. Um 9 hielt er dann die zweite Messe in der Pfarrkirche, mit einer so fulminanten Predigt, unter Einsatz sämtlicher Muskeln von Gesicht, Armen und Händen, wie ich noch keine erlebt habe. Sie war zwar recht lang, aber bei so viel Abwechslung in Gestik und Mimik konnte keine Langeweile aufkommen (siehe Fotos). Danach dann die Messe auf einem anderen Außenposten. Da er vorher von vier Messen gesprochen hatte, dachte ich, jetzt sei endlich Schluss (ich war auch müde genug), aber dann kam noch ein weiterer Außenposten dran – meine Messe hatte er nicht mitgezählt. Im Anschluss an die Messe gab es dann noch die Wahl der Gemeindevertreter, um 17 Uhr waren wir in der Pfarrei zurück, wo er mich, seinen Gast, noch ein wenig herumführte, Kuhstall, Maisfeld, Schülerinnenwohnheim. Dann fuhr er mich in die eine Stunde entfernte Großstadt Kisumu und lud mich in die erste Pizzeria ein, die ich in Afrika gesehen habe.
Spätestens jetzt ist aus der anfänglichen Skepsis eine deutliche Sympathie geworden, wozu auch beiträgt, dass wir eine ganze Reihe gemeinsame Bekannte haben, und uns in unserer Einschätzung ziemlich einig sind. Als ich ihm von den Problemen in Peramiho und von deren Verursacher erzähle, meint er nur, „Das überrascht mich gar nicht, ich habe schließlich mit ihm studiert.“ Gabriels Spezialgebiet ist übrigens die Musik, er spielt wunderbar Klavier und liebt Taizé-Musik; beides eher ungewöhnlich für Afrikaner. Um 10 sind wir zurück; er hält am Montag um 6:45 die erste Messe, während ich bis zum Frühstück durchschlafe. Schade, dass ich schon wieder abreisen muss, aber schön, dass ich diesen netten Menschen kennengelernt habe.