Archive for Juli 2013

Omari, der Zolleinnehmer

21. Juli 2013

Der Ortseingang von Peramiho ist durch ein Seil markiert, das zwischen zwei Holzpfählen quer über die Straße läuft. Kommt ein Bus oder ein LKW, dann steht Omari von seinem Platz am Straßenrand auf, zieht das Seil straff oder gibt auch nur ein Zeichen mit der Hand, um das Fahrzeug anzuhalten. Dann wird der Zoll kassiert, es sei denn, der Fahrer hat schon an einer anderen Zollstelle bezahlt.
Wenn ich mit dem Fahrrad vorbeikomme, rufe ich ihm manchmal zu: “Ich zahle nichts.” Oder er ruft: “Machst du schon wieder Sport ?”.
Am Freitag vor einer Woche hat er unseren Lastwagen mit 30 Maissäcken für das Essen der Berufsschüler angehalten, pro Sack wollte er 2.000 Schilling (1 Euro) Zoll kassieren. Lehrer Fussi, der den Transport begleitete, rief Br.Augustin an. Der rief Br.Petro an, und der sagte mir: “Br.Augustin bittet, dass wir mal eben zur Zollstelle fahren.” Wir steigen also auf unsere Räder, Petro erklärt mir, dass er mit “wir” eigentlich nur Augustin und sich selbst meinte, und ich überlege kurz, ob der Anblick eines Europäers bei Omari wohl die Geldgier wecken wird, aber dann entscheide ich mich, dass ich keine Lust habe, den ganzen Vormittag im Büro zu sitzen. Omari nennt uns den Tarif von 60.000 Schilling und ist sofort bereit, auf 45.000 herunterzugehen. Wahrscheinlich “ohne Quittung.” Wir weisen darauf hin, dass die Schule von der Steuer befreit ist. Omari sagt, dass wir von seinem “Direktor” eine Bestätigung brauchen, in vierfacher Ausfertigung für jede der vier Zollstellen auf dem Weg, die nimmt er dann entgegen und heftet sie ab. Ich frage mich im Stillen, ob er in seiner Zollstelle, die außer dem Seil und den beiden Pfählen nur über eine Grashütte verfügt, wohl wirklich einen Ordner hat, in dem er etwas abheften kann. Ich verstehe ihn absichtlich falsch und sage, “Gut, ich bin der Direktor der Schule, ich fahre jetzt zurück und schreibe das Papier.” Petro und ich geben noch ein paar Erklärungen zu unserer Steuerfreiheit ab, dann gibt er endlich freie Fahrt. Petro verspricht, dass wir uns beim nächsten Mal eine Bestätigung von seinem “Direktor” besorgen, was Petro aber nicht ernst meint, und Omari wahrscheinlich auch nicht glaubt. Wir haben also 30 Euro gespart, aber dafür haben fünf gut ausgebildete Leute je eine halbe Stunde verschwendet (der Lastwagenfahrer, Lehrer Fussi, Augustin, Petro und ich).
Als ich heute Morgen bei ihm vorbeigekommen bin, rief er mir zu: “Direktor, hast du nicht etwas Geld für mich ?”

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Mit Afrikanern geht immer irgendetwas schief

7. Juli 2013

schwarzachJetzt habe ich aber wirklich lange nicht mehr gebloggt ! Von Ende Mai an war ich für einen Monat im schönen Deutschland, aber vor zwei Wochen bin ich wieder nach Peramiho zurückgekehrt.
P.Ludoviko Komba, unser Novizenmeister, war zu einem Kurs in Rom. Auf dem Rückflug hat er einen Umweg über Nürnberg gemacht, um zusammen mit mir Br.Dominik in Münsterschwarzach am Main zu besuchen. Weil er vor seiner Abreise von Peramiho einen ziemlich unsicheren Eindruck machte, – er war noch nie in Europa – hatte ich ihm versprochen, ihn in Nürnberg abzuholen. Ob wohl alles klappen würde, fragte ich mich, und stellte mich darauf ein, dass mit Afrikanern immer etwas schiefgehen kann. Ich spazierte also um 18 Uhr in die Ankunftshalle des Nürnberger Flughafens. Auf der ziemlich überschaubaren Ankunftstafel musste ich nicht lange suchen: “AB 6417 Ankunft 18:35 gestr./cancelled”. Ich finde einen geschlossenen Schalter, über dem “Air Berlin” steht, und an dem jemand sitzt. Wann denn der Herr Komba ankomme, frage ich, “der Mann ist Afrikaner und etwas hilflos”. Der freundliche Mann erklärt mir, dass er nicht wisse, was die in Berlin entscheiden, dann geht er zum Schalter auf der anderen Seite der Halle und kommt mit der Nummer der Hotline zurück. Ich rufe an, eine automatische Stimme sagt mir, dass sich die Nummer geändert hat. Der Anruf bei der neuen Nummer führt mich nur in eine Warteschleife, nach fünf Minuten gebe ich auf und frage wieder meinen freundlichen Helfer. “Ich habe gar nicht daran gedacht, aber die an der Hotline dürfen Ihnen das aus Datenschutzgründen gar nicht sagen,” empfängt er mich. Er schaut aber in seinen Computer, tatsächlich findet er heraus, dass Herr Komba von Rom aus in Berlin angekommen ist, aber heute in keiner Air-Berlin-Maschine mehr für Nürnberg gebucht ist. “Fragen Sie mal bei Lufthansa”. Auch seine Kollegin von der Lufthansa hat anscheinend keine Angst vor ihrem Datenschutzbeauftragten, und sagt mir, dass er nicht in der einzigen Lufthansa-Maschine ist, die heute Abend von Berlin kommt.
Wenn der Mensch ratlos ist, neigt er dazu, das zu tun, was alle tun. Vielleicht komme ich deshalb auf den Gedanken, mich in die lange Schlange an dem geöffneten Air-Berlin-Schalter neben Lufthansa zu stellen. Die Leute vor mir haben anscheinend das Problem, dass sie von Nürnberg wegwollen, aber der Abflug auch gestrichen worden ist. Soweit ich sehe, sind die meisten nicht zufrieden mit der Hilfe, die sie an dem Schalter bekommen. Nach einer guten halben Stunde bin ich an der Reihe und bekomme schnell die Auskunft: “Herr Komba ist über Düsseldorf gebucht. Er kommt um 22:20 mit Lufthansa an.” Wenn der Schalter nicht zwischen uns gestanden hätte, wäre ich der Frau wahrscheinlich um den Hals gefallen.
Als Ludoviko dann nach seiner Odyssee von Rom über Berlin und Düsseldorf knapp vor 23 Uhr tatsächlich auftaucht, wirkt er alles andere als hilflos, und weiß sofort, an wen er sich wegen seines Koffers wenden muss, der unterwegs verloren gegangen ist.
Das Foto zeigt Dominik und Ludoviko am nächsten Morgen. Ludoviko hat sich gefreut, seinen alten Lehrer wiederzusehen, der ihn vor einem Jahrzehnt ins Klosterleben eingeführt hat, ich habe mich gefreut, Dominik bei relativ guter Gesundheit anzutreffen (die Parkinson-Erkrankung hat im Januar seine Rückkehr nach Peramiho verhindert), und Dominik hat sich anscheinend auch gefreut. 24 Stunden nach diesem Foto saß Ludoviko dann schon wieder im Flugzeug nach Dar es-Salaam, darum hatten sich P.Christian aus Tansania und P.Romain aus Togo gekümmert, der alte und der neue Sekretär unserer Kongregation, auch so zwei Afrikaner, bei denen eigentlich nie etwas schiefgeht. Und am Abend erreichte mich dann noch eine SMS von Ludoviko aus Dar es-Salaam: “Gut angekommen, der Koffer ist auch da.” Letzteres war das Ergebnis von gefühlten hundert Anrufen bei der Lufthansa. Fazit: Mit deutschen Fluggesellschaften geht immer irgendetwas schief.