Archive for Juni 2009

Geht nicht gegen uns, stinkt aber

30. Juni 2009

Immer mal wieder entfernen wir stinkende Plastiktüten aus unserem Vorgarten. Ich schaue normalerweise nicht hinein. Heute aber war die Tüte während ihres Fluges über den Zaun aufgegangen und hatte ihren Inhalt, einen großen, stinkenden Fisch freigegeben.
„Das geht nicht gegen uns, das liegt vor anderen Kirchen genauso,“ sagt P.Emmanuel mir, als ich mit Ekel im Gesicht vom Fotografieren (siehe oben) zurückkomme.
Ich weiß, denn es handelt sich mal wieder um ein Tieropfer der Santeria. Über diese Religion mit sowohl afrikanischen als auch katholischen Wurzeln habe ich schon berichtet.
Die Tieropfer gelten afrikanischen Gottheiten, aber sie werden grundsätzlich vor katholischen Kirchen abgelegt. Dieselben Figuren in diesen Kirchen, die nach katholischer Interpretation Heilige darstellen, stellen nämlich im Verständnis der Santeria ihre Gottheiten dar.

Am Anfang habe ich eine Religion, die die Kirchen einer anderen Religion benutzt, für ziemlich dumm gehalten. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es sich um einen ganz genialen Trick handelt. Die Afrikaner, die als Sklaven nach Kuba verschleppt worden waren, durften nur in katholischen Kirchen beten. Und durch die andere Interpretation der Heiligen-Statuen konnten sie trotzdem ihre eigene Religion ausüben und so ihre Identität bewahren.

Erst 1886, vor 123 Jahren, wurde die Sklaverei in der spanischen Kolonie Kuba abgeschafft. Noch heute trifft man auf ihre stinkenden Hinterlassenschaften.

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„Ich brauche das Geld nicht“

27. Juni 2009

Nachdem ich am Sonntag hier über José Martí geschrieben hatte, sah ich am Montag endlich in einem Antiquariat in der Innenstadt seine Versos Sencillos („Schlichte Verse“) für 5 CUC, die mir unser Spanischlehrer empfohlen hatte, und griff auch gleich zu seinem „Edad de Oro“ („Goldenes Zeitalter“), der Geschichtensammlung, die unser kubanischer Gast empfohlen hatte. In letzterem stand ein Preis von 25 CUC, der mir doch ziemlich „golden“ vorkam. Auf mein „Das ist aber teuer“ ging der Händler gleich mit einer Preissenkung um 20 % ein, erklärte aber, das Buch sei kostbar, weil es sich um die dritte Auflage von 1940 handle. Ich öffnete mein Portemonnaie, gab ihm 22 CUC und
stellte dann fest, dass ich außer einem 100-CUC-Schein nur noch viele ganz kleine Münzen hatte. Als ich anfing, diese Münzen herauszusuchen, sagte der Händler, „Lassen Sie nur, ich brauche das Geld nicht.“
Die drei CUC, auf die er so schnell verzichtete, entsprechen immerhin knapp 3 Euro, oder 75 Peso der nationalen Währung oder 5 guten, ganzen Ananas, 50 Mangos, 12 Laiben Brot oder 187 Busfahrten.

Der Koch, der uns im Moment in der Küche hilft, wollte gar nicht bezahlt werden. Nur das Benzin für sein Auto für die Fahrten zu uns sollte ich ihm bezahlen. Ich habe also in der ersten Woche geschätzt, was er wohl an Benzin brauchen würde, und gebe ihm seitdem jede Woche diesen Betrag. In der ersten Woche war er zweimal täglich zu uns gefahren, seitdem nur noch einmal täglich für ungefähr eine Stunde am Nachmittag. Ich vermute also, dass ihm durchaus etwas übrigbleibt,
und zwar pro Monat ungefähr so viel, wie seine Frau verdient, die dafür den ganzen Tag als Chefköchin in der Küche des Bischofshauses steht.

Entschuldigung

27. Juni 2009

Die Adresse http://www.koenigsmuenster.de/robert.htm, über die viele Leser/innen bisher mein Blog aufgerufen haben, ist am Montag einer Umstellung der Website meines deutschen Heimatklosters zum Opfer gefallen. Alle, die mein Blog erst nach längerem Suchen wiedergefunden haben, bitte ich um Entschuldigung. Allen, die immer noch suchen, wünsche ich viel Erfolg 😉

Drei Generäle und zwei Rekorde

25. Juni 2009

Maximo Gomez, der heute freundlich von den 10-Peso-Scheinen lächelt (auf dem oben zu sehenden Denkmal sieht er nicht ganz so freundlich aus), war einer der kubanischen Befehlshaber in den beiden Unabhängigkeitskriegen gegen die spanischen Kolonialherren (1868-78 und 1895-98).
Von ihm stammt der Spruch: „Meine drei besten Generäle: Juni, Juli und August.“ Für die Leser/innen, die gerade nicht unter dem kubanischen Wetter leiden, muss ich das wahrscheinlich erklären: Die spanischen
Soldaten waren wegen der Hitze einfach zu erschöpft zum Kämpfen. Allerdings ist mir nicht ganz klar, wieso die kubanischen Soldaten von Maximo Gomez kämpfen konnten, denn die Kubaner vertragen die Hitze auch nicht besser als wir. Heute morgen um Acht war unser Spanischlehrer schon vor Unterrichtsbeginn offensichtlich erschöpft.
„General Juni“ hat mir schon zu zwei persönlichen Rekorden verholfen: Ich saß ruhig an meinem Schreibtisch und war trotzdem völlig verschwitzt. Und: Ich habe dreimal an einem einzigen Tag geduscht.
Die Kubaner kündigen uns ständig an, dass es im August noch schlimmer würde, aber es gibt ja ein paar Hilfsmittel, die Dusche, körperliche Bewegung (auf dem Fahrrad). Außerdem kann man tropische Strände (das Foto unten stammt von unserer Fahrt nach Jaruco, als wir unterwegs am Strand angehalten haben) schlecht ohne tropisches Klima haben.

Der bekannteste unbekannte Kubaner

21. Juni 2009

Das freundlich-nachdenkliche Gesicht von José Martí ziert nicht nur die 1-Peso-Scheine und 1-Peso-Münzen, ihm ist nicht nur das höchste Bauwerk Havannas, der Turm am Platz der Revolution (siehe Foto oben), gewidmet, sondern seine Büste ist auch an fast jeder Straßenecke zu finden (siehe Foto unten). Alle Kubaner, mit denen ich bisher gesprochen habe, scheinen seine Gedichte oder wenigstens seine Erzählungen für Kinder zu kennen und zu schätzen.
Auch außerhalb Kubas ist er sehr bekannt, das weiß nur keiner. Von ihm stammt nämlich der Text des Liedes „Guantanamera“, das mit der Melodie von José („Joseíto“) Fernández Diáz weltberühmt wurde.
Der große Dichter ging in die Politik, er war führend an der Vorbereitung des großen Aufstandes von 1895 gegen die spanischen Kolonialherren beteiligt. Als General beteiligte er sich am Kampf und fiel noch im ersten Monat einer spanischen Kugel zum Opfer.
Ein Gemälde seines Todes hoch zu Ross ziert die Rückseite der 1-CUC-Scheine.

Ortstermin

17. Juni 2009

Unser Haus an einer der Hauptstraßen Havannas ist nicht nur laut, sondern auch relativ klein.
Acht Zimmer reichen gerade für eine Gemeinschaft von sechs Mönchen und für zwei Gäste. An das, was Benediktiner so gerne tun, Einkehrtage, Bildungsarbeit, ist da nicht zu denken.
In Jaruco, etwa 40 km vor der Stadt, will die Regierung uns den Nießbrauch von zwei Caballerias („Rittergrundstücke“; dieses alte Maß für 13 ha ist hier noch gebräuchlich) überlassen.
Dort werden wir dann hoffentlich mehr Entfaltungsmöglichkeiten haben. Gestern haben wir das Grundstück zum ersten Mal besichtigen können. Die Erlaubnis der Behörden war per Telefon schnell erwirkt, der Fahrer des Kardinals war mal wieder so freundlich, uns zu fahren.
Das Gelände liegt seit Jahren brach, die Natur ist aber urig-schön, siehe Fotos.

Sch… Land

17. Juni 2009

Damit niemand denkt, ich würde nur Gutes über Kuba schreiben, muss ich heute einmal deutlich sagen, dass manche Dinge hier einfach Sch… sind.
Die ältere Dame mit Hund wäre mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, wenn sie weiß gewesen wäre. Aber sie war schwarz, und das war das Ungewohnte bei dem Anblick. In Tansania hatte ich nie einen Hund gesehen, der „Gassi geführt“ wurde. Wenn jemand einen Hund dabei hatte, dann war es ein Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, und Mann wie Hund machten den Eindruck, dass man ihnen besser nicht zu nahe kommen sollte.
Hunde als Schoßhunde waren für Tansanier unvorstellbar, mehrere haben mir gesagt, dass unsere europäische Tierliebe ja ziemlich übertrieben sei. Hier auf Kuba aber ist es ganz normal, dass Menschen jedes Geschlechts, jeden Alters und jeder Hautfarbe Hunde der allerverschiedensten Rassen und Mischungen mit sich führen. „Die Kubaner lieben die Sauberkeit,“ erklärte mir neulich der Fahrer des Kardinals. „Aber ihre Hunde leider nicht,“ ergänzte ich, denn die Hinterlassenschaften ihrer vierbeinigen Freunde finden sich bevorzugt in der Mitte der Bürgersteige. Bisher konnte ich zum Glück immer rechtzeitig ausweichen.

Das Foto habe ich vorgestern auf der Terasse eines geschlossenen Restaurants gemacht.

Reklamationen

17. Juni 2009

Für Sonntag plante ich mit unserem kubanischen Gast eine Radtour. Ob wir wohl vor dem Regen zurückkommen würden, fragte ich ihn angesichts der dunklen Wolken.  „Ja,“ sagte er, „der Regen beginnt um halb Vier.“ Die Genauigkeit der Zeitangabe war natürlich als Scherz gemeint.

Schon nach kurzer Zeit löste sich eines meiner Pedale in seine Plastik-Bestandteile auf, und wir mussten umkehren.  Fahren mit nur einem Fuß ist übrigens nicht so ganz einfach. Wir waren also, wie prophezeit, vor dem Regen zurück, und – der Regen begann genau zwei Minuten nach halb Vier.

Am Dienstag kaufte ich neue Pedale in einer Werkstatt hier in der Nähe. Das eine davon zerbrach am Donnerstag, gerade 200 m, bevor ich an der besagten Werkstatt vorbeikam. Der Inhaber machte mit seiner Zigarre, seinem dicken Bauch, nacktem Oberkörper, Ohrringen und der Sammlung von Santeria-Gottheiten an der Werkstattwand nicht gerade einen vertrauenswürdigen Eindruck, streckte mir aber sofort die 100 Pesos (gut 3 Euro) entgegen, die ich bezahlt hatte. „Nein, nein, ein Pedal funktioniert ja noch“, lehnte ich ab. „Dann komm morgen wieder, dann habe ich bessere Pedale.“ Also war ich heute Morgen wieder da, die neuen Pedale machen einen stabileren Eindruck, aber der Inhaber hat nicht den geringsten Versuch gemacht, einen Aufpreis zu verlangen.

Diesen Artikel wollte ich eigentlich schon letzten Freitag veröffentlichen, aber da funktionierte die Internet-Verbindung nicht. Inzwischen sind also wieder fünf Tage vergangen, und zwar ohne Fahrrad-Pannen (obwohl ich das Rad benutzt habe).

„Sind Sie der letzte Mensch ?“

10. Juni 2009

Unser Spanischlehrer hat mir gesagt, die Kubaner wären gar nicht förmlich. Es könne mir passieren, dass auf der Straße ein Wildfremder mich frage, „Onkel, wie spät ist es ?“
Meine eigenen Erfahrungen deuten eher darauf hin, dass die Kubaner doch recht förmlich sind. Beim Geldwechseln stand eine recht lange, sehr ordentliche Schlange vor dem Eingang zur Wechselstube. Ich stellte mich schön hinten an, kurz danach kam eine ältere Frau und sagte laut: „Guten Tag, sind Sie der letzte Mensch ?“ Gemeint war: Der letzte in der Schlange.
Am Freitag fuhr ich mit dem Fahrrad an einem parkenden Auto vorbei, als der Fahrer die Tür öffnete. Das war mir in Deutschland schon oft genug passiert, ich war daher darauf eingestellt und konnte problemlos ausweichen. Was mir in Deutschland aber noch nie passiert war: Der Fahrer entschuldigte sich.
Noch nicht klar geworden ist mir, wie das mit dem Duzen und Siezen funktioniert. Im Plural ist es einfach: Es gibt keine zweite Person Plural („Ihr“), sondern absolut alle werden gesiezt, Kinder, Freunde und Verwandte eingeschlossen. Aber im Singular gibt es Du (tú) und Sie (Usted). Der Spanischlehrer erklärte mir die Regeln und ich stellte fest: „Das ist genau so wie in Deutschland“. Nur halten sich die Kubaner anscheinend nicht an die Regeln, sondern wechseln nach für mich undurchschaubaren Prinzipien hin und her. Der Koch, der im Moment bei uns aushilft, ist schon im Rentenalter. Normalerweise duzt er mich. Gestern kommt er in mein Büro: „Como está Usted ? – Wie geht es Ihnen ?“ Heute: „Roberto – mi amigo !“

Göttinnen

6. Juni 2009


Am Ufer des Flüsschens Almendares befindet sich ein schöner Park. Am Montag Morgen beobachtete ich einen jungen Mann mit weißer Kleidung und dunkler Hautfarbe, der sich am Ufer erst eine Zigarre anzündete und dann mehrere Minuten lang ein kleines Glöckchen schwang.

Es klingelte in meinem Kopf: Weiße Kleidung ist doch das Zeichen der Santeros, der Anhänger der Santeria-Religion. Ich war also zum ersten Mal Zeuge eines Ritus einer traditionellen afrikanischen Religion geworden. Unser Spanisch-Lehrer erklärte, dass der Santero die Göttin des Wassers, Ochún, gerufen hatte. Weil die Santeria viele Elemente des spanischen Katholizismus aufgenommen hat (Kuba war eine spanische Kolonie), gibt es zu jeder Gottheit eine katholische Entsprechung. Ochún wird mit Nuestra Señora de la Caridad gleichgesetzt, der Heiligen Maria von der Liebe, bei den Katholiken die  Schutzpatronin Kubas. Ihr Bild im Wallfahrtsort Cobre wurde 1612 – passenderweise im Wasser treibend – aufgefunden, und schon heute ist die Vorbereitung des 400-jährigen Jubiläums ein großes Diskussionsthema.

Die Fotos zeigen das Reich Ochúns (in der Nähe unseres Hauses), oben in eher aggressiver, unten in sehr friedlicher Stimmung.

Am Dienstag rief übrigens der Mann von der Garage meines Vertrauens an: Die Schläuche waren da. Und seitdem funktionieren unsere beiden Fahrräder ! Da die Räder keine Klingeln haben, nehme ich nicht an, dass dieses Wunder auf die Hilfe Ochúns zurückgeht.