Archive for the ‘Zauberei’ Category

„Sie hat die Rechnung nicht bezahlt“

2. Dezember 2008

Hier in Kurasini trifft man immer wieder sehr interessante Leute, gestern habe ich mich mit P.Damian unterhalten, der in den Usambara-Bergen (wo die Veilchen herkommen) drei benediktinische Schulen managt. Er erzaehlte mir die Geschichte von dem Schwein, das an einer der Schulen gestohlen wurde (wie unsere Schule auch, ist sie ein Internat, und ein grosser Teil der Lebensmittel stammt aus eigener Produktion). Nachdem die Diebin ermittelt worden war, stellte sich heraus, dass sie das Schwein einem Hexenmeister gegeben hatte. Der hatte ausdruecklich ein gestohlenes Schwein verlangt, um einige Ordensschwestern zu verfluchen. Diese Schwestern, mit denen die Diebin offensichtlich verfeindet war, waren gerade zur Ausbildung in den USA und konnten wegen eines Autounfalls und anschliessender Krankenhausbehandlung nur mit Verspaetung zurueckkehren. P.Damian weiss, dass der Autounfall reiner Zufall war, aber die Schwestern glaubten, er sei die Folge des Fluches. Auf sein Argument, dass die Schwestern aber doch geheilt entlassen und mit nur geringer Verspaetung zurueckgekehrt seien, antwortete die Oberin: „Ja, die Diebin hat die Rechnung des Hexenmeisters nicht bezahlt.“

Die Diebin, selbst eine Ordensschwester, wurde unehrenhaft aus dem Orden entlassen.

Fazit: Selbst gut ausgebildete Ordensschwestern glauben hier oft noch ganz selbstverstaendlich an die Wirksamkeit von Fluechen. Aber auch in Europa soll es ja noch gebildete Menschen geben, die sich mit Horoskopen und aehnlichem Aberglauben laecherlich machen.

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Nachtrag zu „Noch ein Regenmacher“

10. September 2008

Heute habe ich nochmal nachgefragt, wie das genau war: Bei dem Priester im vorletzten Artikel handelte es sich um den ganz normalen katholischen Pfarrer, der meinen Gesprächspartner getauft hatte. Er verließ später die Gemeinde, um in den Orden der Kapuziner einzutreten. Angesichts der langen Trockenheit und des beginnenden Hungers kehrte er zu seiner früheren Gemeinde zurück und rief zu einer Bußprozession auf. Die Leute zogen einige Stunden lang zu einem Platz „im Busch“, wobei der frühere Pfarrer barfuß ging und seine Füße auf dem ausgetrockneten, harten Boden aufplatzten. „Wir anderen hatten aber Schuhe an,“ sagt mein Gesprächspartner, der damals – 1974 – 15 Jahre alt war. Dann wurde die Messe gefeiert, nach der Kommunion kündigte der Priester an, dass es noch am selben Tag regnen werde. „Wir sind dann als Prozession zurückgezogen, und als wir ankamen, waren unsere Schuhe voller Schlamm.“ (Weil nämlich der Regen den Staub in Schlamm verwandelt hatte)

Bei seinem Schlusssatz kann ich in meinem Hinterkopf fast die Stimme von Dr.Hamm (der an der Uni Bonn damals für „Einführung in das Neue Testament“ zuständig war) hören: „So, jetzt vergleichen Sie doch mal die beiden Geschichten !“ In beiden Regenmacher-Geschichten (der von gestern und der von vorgestern) ist der Retter zunächst weit weg, dann kommt er und feiert einen öffentlichen Gottesdienst, und der Regen setzt ein, während die Leute nach Hause gehen. Diese Ähnlichkeit ließe darauf schließen, dass es sich schlicht um Märchen handelt. Nur, so einfach liegen die Dinge nicht: Mein Gesprächspartner ist Br.Edmund, an dessen Glaubwürdigkeit ich keinen Zweifel habe. Das ließe darauf schließen, dass bestimmte Afrikaner (Priester, Stammeskönige) wirklich die Fähigkeit zum Regenmachen haben. Edmund ist aber auch der Mann, ohne den hier das Internet nicht funktionieren würde. Und: Eine Welt, in der es Regenzauber gibt, passt einfach nicht zu einer Welt, in der es Internet gibt. Internet setzt nämlich voraus, dass die Naturgesetze gelten. Ich vermute mal vorläufig, dass sich beide Regenmacher-Geschichten so zugetragen haben, wie ich sie gehört habe. Dass es aber mindestens 100 andere Fälle gibt, in denen es nicht regnete. Aber davon zu erzählen, wäre peinlich oder langweilig.

Noch ein Regenmacher

9. September 2008

Gerade eben beim Abendessen: Mein deutscher Tischnachbar gießt seine Milch durch ein Sieb: „Als Kinder haben wir uns um den Schmand gestritten, damals war Krieg und Hunger.“ Mein tansanischer Tischnachbar: „Ich habe nie gehungert, nur 1974 ein bisschen.“ Er kommt vom Kilimandscharo, da waren die Menschen immer etwas besser dran als im Rest von Tansania. „1974 ?“, frage ich nach. „Ja, es hatte drei Jahre nicht geregnet. Dann haben die Leute Buße getan. Ich kann mich noch an den Priester erinnern, der barfuß durch die Gegend zog, dass sogar seine Füße aufplatzten. Der hat bei uns die Messe gefeiert, um 12 Uhr mittags. Um 1 begann es zu regnen.“ Das Problem bei solchen Geschichten ist, dass man so schwer dagegen argumentieren kann.

Ein Verwandter des Zauberers ?

14. März 2008

Gestern war ich in der Kathedrale von Songea zur Ölweihmesse. Das ist ein Gottesdienst, der nur in der Bischofskirche stattfindet und nur einmal im Jahr (normalerweise am Gründonnerstag morgens, hier aber aus irgendeinem Grund eine Woche früher). In Deutschland gibt es das auch, aber ich hatte noch nie eine Gelegenheit, daran teilzunehmen. Das Foto zeigt Erzischof Norbert Mtega, wie er das Chrisam-Öl aus den verschiedenen Zutaten zusammenmischt. Der Ritus ist nicht afrikanisch, sondern vor vielen Jahrhunderten irgendwo in Europa (ich vermute in Rom) entstanden. Ob bei der Entstehung dieses Ritus damals auch magische Vorstellungen eine Rolle gespielt haben ? Er scheint mir ganz gut nach Afrika zu passen, und ich stelle es mir irgendwie ähnlich vor, wenn ein hiesiger Zauberer seine „dawa“ (Medizin) herstellt. Langweilig war der über dreistündige Gottesdienst jedenfalls nicht.

Noch mehr Zauberinnen

14. März 2008

In Songea sitzen in Abständen von vielleicht hundert Metern Massai-Frauen an der Hauptstraße. Die Massai sind ein Stamm, der eigentlich im Norden des Landes lebt. Sie sind noch Nomaden, ziehen also mit ihren Rindern durch die Gegend, und sind manchmal auch bei uns im Süden zu sehen. Mit ihren traditionellen Gewändern ziehen sie nicht nur die Blicke der Touristen, sondern auch die der anderen Afrikaner auf sich. Die Frauen in Songea haben vor sich ein kleines Tischchen, darauf liegen ein paar Armbänder und Halsketten. Ich denke zuerst, dass sie Andenken für Touristen verkaufen. Allerdings: Es gibt in Songea keine Touristen. Ich schaue genauer hin: Neben den Armbändern gibt es auch Pülverchen und eine handgeschriebene Preisliste liegt auch dabei: „Dawa ya Malaria 3000 Sh.“ lese ich da unter anderem – Die Medizin für Malaria kostet also 3000 Shilling, das ist 1,50 Euro. Damit ist auch klar, was die Armbänder bedeuten: Magischer Schutz gegen irgendwelche Übel. Ich weiß nicht genau, wie viel Prozent der Malariakranken ohne Behandlung überleben. Mit dieser „Medizin“ werden es genauso viele sein.

Noch ein bisschen Aberglaube

22. Februar 2008

Neulich waren wir nach der Pause noch zu dritt im Lehrerzimmer. Das Gespräch kommt auf die Schülerin, die die Panik wegen Hexerei ausgelöst hat (siehe „Andere Länder, andere Strafen“). Mama Haule (Erwachsene Frauen werden hier alle mit „Mama“ angeredet) erzählt, wie ihr Kind vor einiger Zeit im Krankenhaus war und die Ärzte die Ursache des hohen Fiebers nicht finden konnten. Sr.Frideswida, eine Philippina und die älteste Lehrerin im Kollegium, nickt in ihrer verständnisvollen Art, während ich angestrengt zuhöre. Da hätte sie das Kind auch fast zum „Heiler“ gebracht, also zum traditionellen Geister-Beschwörer. Aber dann hat sie doch lieber ein Gebet am Grab von Sr.Bernadette gesprochen. Ob das Gebet geholfen hat, lässt sie offen, jedenfalls ist ihr Kind gesund geworden. Sr.Frideswida klärt mich auf: Sr.Bernadette war eine afrikanische Ordensschwester, zu deren Grab auch die Schülerinnen gehen, wenn ein Examen ansteht. Eine junge Schwester, frühere Schülerin der Schule, kommt herein, und Sr.Frideswida fragt sie gleich: „Stimmt doch, ihr seid auch zu dem Grab gegangen ?“. Die Schwester bejaht.

Das Foto zeigt die Segnung der Schulgebäude (am 2.2.). Als ich es machte, wusste ich nicht so recht, ob ich nicht vielleicht doch Zeuge einer traditionellen Geisteraustreibung war, oder ob die Schülerinnen einfach nur ihren Spaß hatten. Die Schülerin im Vordergrund hält in ihrer linken Hand den Eimer mit Weihwasser, in der rechten hat sie den Weihwasserwedel. Die beiden in Rot-Weiß sind Messdienerinnen.

Aberglaube ganz finster

1. Februar 2008

Ich habe versprochen, diese Woche noch etwas zum Thema Hexerei zu schreiben. Also hebe ich mir den lustigen Beitrag für Rosenmontag auf. Bei dem Thema muss man etwas vorsichtig sein, weil da auch viel Unsinn erzählt wird. Aber so viel kann man wohl sagen: Die Heiler, Heilerinnen, Hexer, Hexen sind eine Gruppe von Menschen, die mit der Geisterwelt (d.h. den Verstorbenen) in besonderer Verbindung stehen. Deshalb können sie nicht nur heilen, sondern auch schaden. Da geht also jemand zu seinem Vorgesetzten, er will irgendetwas, der Vorgesetzte aber lehnt ab. Also geht derjenige jetzt zum Heiler, der führt einen Zauber durch, um dem Vorgesetzten zu schaden. Der Vorgesetzte erfährt davon und dummerweise glaubt er – wie die allermeisten Menschen hier – an Zauberei. Spätestens wenn ihm der dritte Bekannte mit schreckensbleicher Miene erzählt, „Du bist verhext.“, bekommt er so viel Angst, dass ihm schon deswegen irgendetwas passiert (psychosomatisch oder irgendein Unglück wegen seiner Nervosität).

Manchmal besorgen die Hexer Gift, und das wirkt auch, wenn man nicht an Hexerei glaubt. Aber wieder Vorsicht: Ein Arzt hat mir mal erzählt, dass bei den Menschen hier gewisse Darmwindungen etwas lockerer aufgehängt sind als bei Europäern. Das kann mit viel Pech dazu führen, dass jemand, der gerade Bohnen gegessen hat, fürchterliche Darmkrämpfe kriegt, und sogar stirbt. Wenn jemand nach dem Essen stirbt, denken viele Menschen natürlich, es wäre Gift im Spiel gewesen. Das heißt: Es gibt wirklich Giftmorde, aber deutlich weniger, als so erzählt wird.

Übrigens: Bitte das Ganze nicht mit Voodoo verwechseln, das gehört an die Westküste Afrikas, also ganz woanders hin !

Wem das noch nicht reicht: In meinem Artikel vom 5.12.2007 habe ich auch etwas dazu geschrieben.

Hexerei

25. Januar 2008

Rupi hat nach der Hexerei hier gefragt. Ich habe den Film auf Arte nicht sehen können, und kann auch nur wiedergeben, was ich von anderen gehört habe. In der traditionellen afrikanischen Vorstellung sind die Ahnen sehr wichtig, d.h. die Geister der Verstorbenen. Die können sowohl schaden als auch nützen und sind etwas schwer zu durchschauen. Also fragt man am besten jemanden, der sich damit auskennt, also einen mganga („Heiler“). Aufgrund seiner Beziehung zur Geisterwelt kann der Heiler ebenfalls nützen oder schaden. Er kann z.B. Krankheiten heilen. Bei einer solchen Heilung nimmt man gerne Heilkräuter, der Heiler tanzt und singt sich gerne in Trance, auch viel Blut (von Hühnern) kann nicht schaden. Als gebildete Menschen wissen wir natürlich, dass viele der Heilkräuter tatsächlich sehr wirksam sind. Wir kennen auch den Placebo-Effekt, wenn einem auf die richtige Art und Weise gesagt wird, dass es einem besser geht, dann geht es einem tatsächlich besser. Also – soweit ist gegen einen mganga nichts zu sagen. Auch der moderne Arzt im Krankenhaus lässt sich deshalb mganga nennen, oft allerdings auch daktari (das stammt vom englischen doctor, vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an die Fernsehserie Daktari). So weit, so gut. Es gibt aber auch ein paar ziemlich finstere Seiten, mehr dazu nächste Woche. Da ich leider bei so einer echt afrikanischen Hexen-Heilung noch nicht dabei war, heute kein Foto.

Reise ins frühe Mittelalter

5. Dezember 2007

Am Abend in Mlangali kommt das Gespräch auf die Sitten und Gebräuche des örtlichen Stammes, der Wapangwa. Wenn jemand stirbt, suchen die Angehörigen grundsätzlich einen mganga, einen Heiler, Medizinmann, Wahrsager, auf. Der nimmt dann ein Zauberbrett, fährt mit einer kleinen Schale auf diesem Brett auf und ab und spricht mit der Familie über mögliche Feinde. Irgendwann bleibt die Schale auf dem Brett stehen und die Position gibt dann den Feind an, der den Tod verursacht hat. Für jeden Tod muss also ein Schuldiger gefunden werden, der den Tod durch irgendeine Hexerei bewirkt hat.

Obwohl die Bewohner der Pfarrei heute zur Hälfte katholische, zur Hälfte anglikanische Christen sind, obwohl es auch hier gebildete Leute gibt, ist diese Tradition ungebrochen, zu groß ist die Angst vor Flüchen und Hexereien und den „Heilern“, die diese Zauberei kontrollieren. P.Volker hofft, dass das Christentum die Leute von diesen Ängsten befreien kann. Das Zauberbrett hat ihm ein „Heiler“ auf dem Sterbebett übergeben. Der wollte vor seinem Tod von P.Volker die Sterbesakramente empfangen. Die Bedingung dafür war, dass er seine Zauber-Utensilien an P.Volker übergibt und sie nicht seinem Sohn vererbt, der dann den „Beruf“ des Vaters fortgesetzt hätte. Dieser „Heiler“ hat P.Volker dann auch noch anvertraut, dass seine Wahrsagetätigkeit nur auf Betrug beruhte. Ähnliche Zauberei-Geschichten muss es auch bei den alten Germanen vor 1500 Jahren gegeben haben; ich habe das Gefühl, bei meiner Zeitreise im Frühmittelalter angekommen zu sein.

Das Bild zeigt P.Volker mit dem Zauberbrett und dem Buch eines Völkerkundlers, der um 1970 die Wapangwa erforscht hat.