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„Mit Schwestern muss man immer Geduld haben“

30. September 2010

Und noch ein Togo-Artikel:
Vorsicht, lieber Leser und liebe Leserin, ich werde mich in diesem Artikel über eine Eigenschaft der Togolesen beschweren. Da ich aber vermutlich der erste Nordeuropäer bin, der sich darüber beschwert, werdet ihr mir hoffentlich nicht unterstellen, ich würde alte Vorurteile wiederholen. Es handelt sich um den togolesischen Sauberkeitsfimmel.
„Um sechs Uhr ist Aufstehen, dann gleich Messe, schnelles Frühstück, damit wir früh abfahren können,“ so lautet in Lomé die Ansage für den 1.8., den Tag der Fahrt nach Agbang. Erzabt Jeremias spottet, „Das kenne ich schon.“ Und er hat Recht: Nach dem Frühstück wird das Auto erst noch für eine Besorgung in der Stadt gebraucht, bevor es dann kurz nach Neun losgeht.
Am 4.8. findet die Wahl des neuen Priors statt. Um 15 Uhr sind fast alle Mönche versammelt.Der scheidende Prior Boniface spricht in sein Handy: „Das ist nicht akzeptabel. Wir hatten 15 Uhr gesagt.“ Eine halbe Stunde später kommt völlig abgehetzt Br.Ezechiel, der Cellerar (Verwaltungschef) an. Der Grund für die Verzögerung war nicht eigentlich er, sondern die kleine, aber wichtige Sache, die er mitbringt: Der Stempel für die Wahlurkunde.
Am 5.8. ist für morgens 10 Uhr ein Konzert angekündigt. Erzabt Jeremias spottet, „Gehen wir mal um 11 Uhr hin, dann sind wir sicher immer noch zu früh.“ Beim Mittagessen sagt der neue Prior, P.Bernard an: „Das Konzert findet dann um 14.30 Uhr statt.“ Als ich um 15.30 Uhr mich auf den Weg mache, kommt der Erzabt mir entgegen, denn noch hat nichts angefangen. Am nächsten Abend sind wir bei einem früheren Minister eingeladen, der sich die Bemerkung nicht verkneifen kann: „Gestern hat man mir gesagt, das Konzert (siehe den Artikel über die „Löwen“) würde um 14 Uhr anfangen, und dabei hat es erst zwei Stunden später angefangen. Das ist nicht in Ordnung.“ Erzabt Jeremias: „Das freut mich aber sehr, dass Sie das auch nicht in Ordnung finden.“
Am Morgen nach der Jubiläumsfeier, Samstag, 7.8., soll Erzabt Jeremias um 8 Uhr abfahren. Am Abend um Elf geht sein Flugzeug nach Deutschland. Die Fahrtzeit bis zum Flughafen beträgt gut 5 Stunden, es ist also genug Zeit. Leider befindet sich das Auto noch in der Werkstatt. Um Neun geht es dann wirklich los, der Erzabt wird erst einmal in einem anderen Auto zur Werkstatt gefahren und soll dann dort in das frisch reparierte Auto umsteigen. 14 Stunden bis zum Abflug: Das reicht dicke. Da ich noch eine Woche in Agbang bleibe, erfahre ich die Fortsetzung der Geschichte erst später in Lomé von Br.Jo Columban, der das Auto gefahren hat: Es gab unterwegs eine Panne, und man kam 15 Minuten vor Abflug am Flughafen an (Laut Abt Dominicus in Meschede waren es immerhin 20 Minuten.) „Und wie ist der Erzabt noch ins Flugzeug gekommen ?“, frage ich. „Boniface kennt den Flughafenchef.“
Am Abend vor der Abreise nach Burkina Faso klopft es kurz vom Schlafengehen an meine Tür: „P.Boniface sagt, dass ihr morgen um 5:30 Uhr abfahrt.“ Tatsächlich geht es kurz vor 6 los. Der Minibus des Klosters ist am Vorabend noch bei Dunkelheit gründlich gewaschen worden, aber nach der Fahrt über die Lehmpiste bis zur Bezirksstadt Kara sieht man nichts mehr davon. In Kara werden einige Leute abgesetzt, die wir mitgenommen hatten, dann geht es zur Werkstatt, Luftdruck kontrollieren, dann zu einem Jugendclub, den Boniface gestiftet hat. Dort lässt er erst einmal eine halbe Stunde lang das Auto waschen (siehe Foto), „Damit es für die Reise sauber ist.“
Abends vor der Rückfahrt sagt er mir: „Morgen fahren wir nach dem Frühstück los.“ Das Frühstück ist um 8 fertig, um 9:30 Uhr warten wir immer noch auf eine der beiden Ordensschwestern, die mit uns reisen. Auf Deutsch, damit niemand sonst es versteht, sagt er mir: „Mit Schwestern muss man immer Geduld haben.“

Ein weites, flaches Land mit Regen und Joghurt

24. September 2010

In Ouagadougou (sprich „Wagadugu“), der Hauptstadt Burkina Faso’s (früher: Obervolta) sind Jacques, Martin und Cyrille im letzten März hängen geblieben, weil ihnen für den Flug nach Kuba das französische Transit-Visum fehlte. Die Nonnen von Koubri hatten sie aufgenommen, und so wollte Jacques nach afrikanischer Sitte den Nonnen mit mir gemeinsam einen Dankesbesuch abstatten. Für die Erneuerung seines Reisepasses (er ist voll !) musste er aber eher als geplant nach Lomé (Hauptstadt Togos) fahren, und so hat er Br.Nicolas, der aus Burkina Faso stammt, gebeten, mit mir nach Koubri zu fahren. Zuerst hieß es, wir würden den Linienbus nehmen, dann, wir würden im Auto von zwei Ordensschwestern mitfahren. Das Auto musste in die Werkstatt, und Br.Nicolas kann gar nicht reisen, weil seine Papiere einem Brand in seinem Zimmer zum Opfer gefallen sind. Also fährt P.Boniface mich und die beiden Schwestern im Minibus nach Koubri. Der Süden von Burkina Faso, durch den unsere Reise führt, ist sehr flach („weites Land, hoher Himmel“, oberes Foto), man sieht viele Schaf- und Rinderherden mit ihren Hirten, Eselskarren, Motorroller, Fahrräder (Foto unten) und völlig überladene Lastwagen und Minibusse prägen das Straßenbild. Eigentlich ist das Land trocken, schon am Übergang zur Sahel-Zone gelegen, aber während unserer Fahrt regnet es kräftig.

Als wir in Koubri ankommen, ist es schon dunkel, die Benediktinerinnen begrüßen uns und besonders unsere beiden Begleiterinnen, die ihre dreijährige Ausbildung dort verbracht haben, herzlich. Gierig verschlinge ich den selbst gemachten Joghurt, für den das Kloster bekannt ist. Er wird meinem Magen sicher besser bekommen als Fledermäuse. Der nächste Vormittag vergeht mit dem vergeblichen Versuch, den Abt des benachbarten Mönchsklosters zu grüßen („Die Mönche sind gerade in einer Sitzung“, sagt uns der Junge an der Pforte), und den Nachmittag würde ich am liebsten vergessen. „Mach dir keine Sorgen, ich schlafe lange, und dann bin ich morgen fit für die Rückfahrt,“ sage ich vor dem Abendessen, bei dem ich nur vorsichtig etwas Brot und ein paar Nudeln zu mir nehme, zu Boniface. Als ich eine Stunde später von der Toilette komme, sage ich ihm, „Ich glaube, ich habe doch ein Problem.“ Am nächsten Tag aber fühle ich mich wirklich fit. „Das war der Joghurt,“ meinen unsere Begleiterinnen, „als wir damals hier waren, haben wir eine Woche gebraucht, um uns daran zu gewöhnen, aber danach hörten die Magen-Probleme auf.“ Als wir auf der schlechten Piste wieder Richtung Ouagadougou schaukeln, kommt von der Rückbank, wo eine Mutter mit Kleinkind sitzen, die wir ein Stück weit mitnehmen, ein sehr „flüssiges“ Geräusch. Boniface fragt sofort, „Was war das ?“ Es war der Mageninhalt des Kleinen, der sich nun auf auf dem Fußboden des Autos befindet, was der Mutter nicht besonders peinlich zu sein scheint. War’s das Schaukeln des Autos oder auch der Joghurt ?

Diesen Anblick hatten wir noch öfter; beachte das „Sicherheitsschuhwerk“ des stehenden Mannes.

Das Foto zeigt den modernen Teil Ouagadougous mit dem „Denkmal der Volkshelden“.

Raststätte für Lastwagenfahrer an der Hauptstraße nach Togo: Rechts auf dem Tisch ganze Hammel, die mit Stöcken zwischen den Beinen gestreckt werden. Beachte den hungrigen Blick bei dem Wesen links auf dem Dach.

Der Name „Burkina Faso“ bedeutet übrigens „Land der Aufrechten“. Ich glaube, ich habe etwas Spott in der Stimme der Togolesen gehört, die mir das erklärt haben.

Minister

20. September 2010

Die aufmerksame Leserin und der aufmerksame Leser haben schon gemerkt, dass ich bisher nur von den ersten vier Tagen in Agbang berichtet habe: Montag, 2.8., Besuch bei den Häuptlingen der Umgebung, Mittwoch, 4.8., Wahl des neuen Priors, Donnerstag, 5.8., Konzert. Der Jubiläumstag, der 6.8., der eigentliche Anlass meiner Reise, brachte einen Festgottesdienst und ein Festessen, aber nur der Abend war interessant genug, um etwas ins Notebook zu tippen:

„Um Viertel nach 6 fahren wir,“ sagt Père Bernard, der neue Prior, zu mir. Um Viertel vor 7 schallt dann wirklich seine Stimme über den Flur: „Frère Robert !“ Er rennt mit mir über den dunklen und unebenen Platz zum Kleinbus. Der Erzabt hat mir inzwischen verraten, dass wir bei einem Minister eingeladen sind, und den sollte man vielleicht besser nicht warten lassen. Wir – das sind der alte und der neue Prior, ein Priester des Bistums, dessen gewichtiges Auftreten seinem Körpergewicht entspricht, der Erzabt, die Sängerin Finiki und ich.
Als wir die Bezirksstadt Kara erreicht haben, telefoniert der gewichtige Priester mit „Monsieur le ministre“, und kurz danach halten wir vor einem Haus, das sich hinter einer hohen Mauer versteckt. Der Erzabt, der (im Gegensatz zu mir) perfekt Französisch versteht, erklärt mir, dass wir vor dem Besuch beim Minister erst noch einen ehemaligen Minister besuchen, der jetzt Chef der landesweiten Sozialversicherung ist. Der vielleicht 50-jährige Ex-Minister empfängt uns in seinem fürchterlich kahlen Wohnzimmer, das nur eine Sitzgruppe mit gemütlichen Sesseln, einen Esstisch mit ein paar Stühlen und einen riesigen LCD-Fernseher enthält. Finiki setzt sich abseits an den Esstisch und verlässt nach kurzer Zeit den Raum. „Sie verträgt die Klimaanlage nicht“, meint einer der Anwesenden. Der Hausherr bringt eine Flasche Champagner, nach einiger Zeit kommt ein älterer Herr, der für den Hausdiener eigentlich etwas zu würdig aussieht, mit einem Tablett ausgesuchter Fleischstücke herein. Kurz darauf kommt der wirkliche Hausdiener: „Elle vomit“ (Sie übergibt sich). Der alte und der neue Prior eilen in den Vorgarten, um unserem Star beizustehen. Der erste „Hausdiener“ hat sich inzwischen als der Regionalchef der Sozialversicherung herausgestellt. Auf die Frage, ob man jetzt essen solle oder gleich zum Minister fahren, meint unser Gastgeber mit Wichtigkeit in der Stimme, er könne ja mal eben den Minister anrufen. Es braucht etwas, bis der Anruf klappt, dann wird sofort das unberührte Tablett vom Tisch genommen, man drückt uns zwei Salatplatten unter Klarsichtfolie in die Hand und schnell geht es zum Auto, wo Finiki elend auf der Rückbank sitzt. Der Ex-Minister und sein Regionalchef kommen im eigenen Auto nach.
An der Einfahrt zum Minister-Grundstück kommt ein Soldat auf uns zu. „Der Minister erwartet uns,“ sagt P.Boniface. Während sich langsam das Tor öffnet, meint er, „Wir steigen hier aus.“ Der Erzabt tut es und der Soldat läuft wütend auf ihn zu: „Steigen Sie wieder ein, wieder einsteigen, sofort !“ Er wirkt völlig überfordert mit der Situation, dass jemand schon vor dem Tor aussteigt, aber Boniface erklärt ihm ruhig: „Das Auto fährt noch woanders hin.“ Wir gehen zu Fuß durch das Eingangstor, das Auto bringt Finiki nach Hause, Boniface begleitet sie. Auf der anderen Seite der Mauer Musik und eine Gruppe von jungen, gerade initiierten Männern, die zum selben eintönigen Rhythmus denselben Tanz tanzen, den wir schon gestern gesehen haben. Von dem gepflasterten Platz, auf dem sie tanzen, geht eine steile Treppe zum Haus, das schroff wie eine mittelalterliche Burg den Platz überragt, aber in kargem, modernem Stil gehalten ist. Die Haustür führt direkt ins Wohnzimmer, in dem eine riesige Polstergarnitur (Erzabt: „Dubaier Barock“) und der LCD-Fernseher den Reichtum des Besitzers verkünden. An den Wänden stehen Bilder (Ich meine später zum Erzabt, wir sollten als Entwicklungshilfe mal Nägel nach Togo schicken, und er versteht sofort: „Um die Bilder aufzuhängen ?“), eines zeigt den Hausherrn beim Kniefall vor Johannes Paul II., ein anderes beim Händeschütteln mit Benedikt XVI.
Nachdem man einige Zeit gesessen hat, fragt der Erzabt nach den Tänzern vor der Tür (siehe Foto). „Die sind extra für euch da,“ sagt der. „Dann sollten wir uns die doch mal ansehen,“ meint der Erzabt. Der Minister hält eine kurze Ansprache auf Kabiyé, von der ich aber die Namen „Agbang“, „P.Boniface“ und „P.Bernard“ verstehe und auch „25 Jahre“, weil er das auf Französisch sagt. Dann gehen die Tänzer nach Hause, wir tun uns am anspruchslosen Buffet gütlich und versuchen herauszufinden, welche beiden Fußballmannschaften auf dem LCD-Schirm gegeneinander spielen. Der Erzabt bemüht sich tapfer, die Konversation in Gang zu bringen, aber wegen des laufenden Fernsehers, der durch die riesigen Möbel bedingten Entfernungen und des Halbschlafes, in den die erschöpften Mönche von Agbang inzwischen verfallen sind (nur P.Boniface, der noch eingetroffen ist, wirkt hellwach), gelingt das nicht so recht.
Finiki hatte übrigens Malaria, wie ich erst später erfahren. Sie hatte schon am Nachmittag Chinin erhalten, das älteste und stärkste Malariamedikament, das man eigentlich nur noch einsetzt, wenn nichts anderes mehr hilft. Bei meiner Abreise hat sie mir ihre DVD geschenkt, seitdem gehöre ich zu ihren Fans.
Erst nachher erfahre ich, dass auch der „Minister“ aus diesem Artikel nur ein ehemaliger Minister ist, allerdings einer, der nach wie vor zum Beraterstab des Präsidenten gehört. Beide stammen aus demselben Dorf wie Boniface, der sie deshalb mit „Grand-frère“ anredet, „Großer Bruder“.

Andere Sitten, andere Kinder

16. September 2010

Als ich aus dem Kloster von Agbang herausgehe, passe ich nicht richtig auf. Ich merke erst, was los ist, als die Tasche mit meiner Kamera meine Schulter schon fast verlassen hat. Der Fünftklässler, der sie sich mit einem strahlenden Lächeln über die eigene Schulter hängt, stellt sich als Jean-Marie Vianney vor. Ich hatte ihn vor einer Stunde fotografiert, sonst ist er mir noch nicht begegnet. Dass Jüngere einem immer die Lasten abnehmen, bin ich schon aus Tansania gewohnt, aber irgendetwas stimmt hier nicht. In den nächsten Tagen finde ich heraus, was hier nicht stimmt: Ein Mönch neigt sich zu einem Kleinkind runter, das auf dem Boden sitzt, ein anderer fährt einem Kind auf dem Arm seiner Mutter freundlich über das Haar, ein Junge kommt nach dem Essen an unseren Tisch und unterhält sich mit P.Boniface: Lauter Szenen, die in Deutschland völlig normal wären, die ich aber aus Tansania gar nicht kenne. In Tansania beachten Erwachsene die Kinder viel weniger als in Deutschland, und die Kinder sind entsprechend viel scheuer. Aber hier in Togo, beim Volk der Kabiyé, wirken die Kinder fast „deutsch“.
Das Foto zeigt die Zuschauer bei dem schon erwähnten Konzert. Man hatte mir – einem der beiden einzigen Gäste aus Europa – einen Platz in der ersten Reihe freigehalten, vor den Häuptlingen. Ein Stuhl blieb frei, und schon saß mein junger Begleiter darauf (der schwarze Gurt auf seiner Brust gehört zu meiner Kameratasche). Später kam dann noch eine Schwester und reklamierte den Stuhl für sich. Jean-Marie organisierte sich einen weiteren Stuhl und stellte ihn in den Gang auf meiner anderen Seite. So dreist war ich in dem Alter nicht.

Initiation

13. September 2010

Wahrscheinlich hat jedes Volk seine Riten für die Übergangszeit vom Kind zum Erwachsenen. Starke Emotionen (Angst, Schmerz, Gewalt, Lust) sind bei unserer Firmung oder Konfirmation eher nicht zu erwarten, bei Abitur oder Führerscheinprüfung wird immerhin Angst geboten.
Bei vielen Völkern Afrikas werden die Jugendlichen durch die traditionelle Initiation zum Erwachsenen, bei der ihnen ein charakteristisches Muster in die Backen geschnitten wird, dessen Narben sie ihr ganzes Leben lang als Angehörige ihres Volkes ausweisen. Für Schmerz ist also gesorgt, bei manchen Völkern kommt die Beschneidung hinzu. Wer nicht initiiert worden ist, bleibt in den Augen seiner Mitmenschen sein Leben lang ein Kind.
Bei den Kabiyé in Togo wird ein Junge durch die Initiation zum Krieger und darf an den Beratungen der Erwachsenen teilnehmen. Vor der Initiation, die nur alle fünf Jahre stattfindet (die nächsten Gruppen werden also erst 2015 initiiert), müssen die Jungen 3 Jahre lang den traditionellen Ringkampf praktizieren. Manche, so auch unser Br.Martin, betreiben ihn anschließend als Sport, für den es sogar internationale Wettkämpfe in verschiedenen Staaten Westafrikas gibt, weiter (Ein – vermutlich etwas konservativer – Mönch in Agbang sagte mir, dass Martin damit gegen die Tradition verstoßen hat.)
Bei den Kabiyé werden auch die Mädchen initiiert, auch die Frauen tragen die Narben in ihrem Gesicht. Meine Nachbarin im Bus nach Lomé, eine junge Holländerin, die an einem Projekt in einem Dorf mitgearbeitet hat, erzählte mir davon: „Die Mädchen tanzen nackt.“ Ich frage: „Ganz nackt ?“ – „Ja, und alle schauen zu.“ – „Auch die Männer ?“ – „Ja.“ Ich werde neidisch. „Aber es war ausdrücklich verboten, Fotos zu machen.“
Die Kirche hatte lange Zeit Probleme mit der Initiation. Abt Siegfried von Ndanda (in Tansania) hat mir erzählt, wie die Missionare dort gemeinsam mit den tradtionellen Autoritäten an einer Form der Initiation gearbeitet haben, die mit christlichen Vorstellungen vereinbar war. Als junger Dorfpfarrer war er vor 40 Jahren der erste Priester, der in seinem Dorf an der Zeremonie teilnahm. Zwischen zwei Beschneidungen kümmerte er sich um die Desinfektion des Messers. Der Erfolg war durchschlagend, zum ersten Mal erkrankte keiner der Jungen am Wundfieber, und P.Siegfried gehörte mit einem Schlag zu den angesehensten Männern im Dorf.
Allerdings: Das sind alte Geschichten. In weiten Teilen Tansanias stirbt diese Tradition inzwischen aus. In Togo scheint man etwas konservativer zu sein als in Tansania, aber auch da ändern sich die Traditionen. Als ich einen 12-Jährigen frage: „Und – bist du in fünf Jahren dabei ?“, sagt er nur: „Nein.“ In Agbang sind die meisten Mönche, auch die jungen, initiiert worden. P.Bernard ist eine der wenigen Ausnahmen, laut Tradition dürfte er also gar nicht an den Beratungen teilnehmen. Aber daran hat sich niemand gestört, als man ihn zum Prior gewählt hat. Hier auf Kuba haben wir einige Studenten und Studentinnen aus Togo kennen gelernt. Wenn ich sie mit ihren Initiationsnarben sehe, denke ich manchmal, dass diese archaischen Rituale nicht so recht in die Zeit von Auslandsstudium, Handy und Digitalkamera passen. Vermutlich empfinden viele Afrikaner ähnlich. Andererseits denke ich manchmal, dass es dem einen oder anderen pubertierenden deutschen Schüler guttun würde, mal in die Rolle eines Löwen (siehe den vorletzten Artikel) zu schlüpfen.
Das Foto zeigt zwei Ringkämpfer während des Konzerts. Mein ganzer Stolz, endlich den Evala, den Ringkampf, von dem Martin so oft erzählt hatte, gesehen zu haben, schwand dahin, als ich ihm das Foto zeigte: „Die machen doch nur Show. Niemand würde ernsthaft in Plastiklatschen ringen,“ sagte er.

Warum hat mir keiner gesagt, dass Löwen gefährlich sind ?

3. September 2010

Am Abend des Wahltages kommt Finiki. Pater Bernard, der frisch gewählte Prior, sagt mit einem Leuchten in seinen Augen, das gar nicht so recht zu seinem zurückhaltenden Wesen passen will, „Die ist aus meinem Dorf.“ Finiki lässt wohl jedes Männer-Herz im Kabiyé-Volk höher schlagen – sie ist eine bekannnte Sängerin. Er kündigt das Konzert für 10 Uhr am folgenden Tag an. Erzabt Jeremias kommentiert: „Na, gehen wir mal um 11 Uhr hin, vorher ist sicher keiner da.“ Beim Mittagessen sagt Prior Bernard, „Das Konzert beginnt um halb Drei“. Als ich gegen halb Vier an der Schule ankomme, wo das Konzert stattfinden soll, wird meine Aufmerksamkeit sofort von einer Gruppe junger Männer, die gerade ihre Initiation vollzogen haben, angezogen. Sie tanzen; ich hole gleich die Kamera heraus. Nach den ersten Fotos sagt mir ein älterer Mann, „Das ist nicht gut, du musst erst zahlen, bevor du fotografierst.“
Ich kenne ähnliche Situationen aus Peramiho (Tansania), da hat immer ein freundlicher Scherz ausgereicht, um die Situation zu entspannen. Außerdem bin ich Gast des Klosters, auf dessen Gelände wir uns befinden. Aber diesmal klappt das mit dem Entspannen nicht, die Stimmung kippt, die Situation wird heikel. Zum Glück ist Br.Eugène in der Nähe; ich gebe ihm ein Zeichen, dass ich ihn dringend brauche. Eugène kommt, spricht mit den Leuten. Auch der Chef-village („Dorf-Häuptling“) kommt dazu. Man diskutiert ein wenig, dann sagt Eugène mir: „Du kannst fotografieren. Der Chef erteilt dir die Erlaubnis. Aber vielleicht willst du dir ja erst einmal die Schule anschauen.“ Ich begreife, dass es wohl besser ist, wenn ich mich erst einmal etwas entferne. Eugène erklärt mir: „Die jungen Männer sind Löwen. Die haben besondere Rechte. Wenn zum Beispiel jemand unangemeldet ihr Elternhaus besucht, dann können sie ihn festhalten, bis er ein Lösegeld bezahlt.“ Die Kabiyé sind ein Krieger-Volk, lerne ich.
Als das Konzert dann um halb Fünf wirklich beginnt, treten außer Finiki und drei männlichen Sängern auch die jungen Männer mit ihren Kriegstänzen auf. Viele einheimische Zuschauer (der Erzabt und ich sind die einzigen Gäste aus Übersee) holen ihre Handys oder Kameras heraus, um sie zu fotografieren, auch zwei oder drei professionelle Fotografen sind dabei. Den Chef-village treffe ich am nächsten Tag zufällig wieder. Er begrüßt mich sehr freundlich und bittet mich, ein Foto von ihm zu machen.
Gestern forderte hier in Havanna unser Klempner seinen Lohn für eine notwendige Reparatur, die er während meiner Abwesenheit durchgeführt hatte. Ich holte Cyrille hinzu, und der wies darauf hin, dass niemand von uns diese Reparatur in Auftrag gegeben hatte. Das tat er mit allem Nachdruck, wie es sich für den Angehörigen eines Krieger-Volkes gehört, der in die Rolle eines Löwen geschlüpft ist, als er zum Mann wurde. Der Klempner bot schließlich an, auf seinen Lohn zu verzichten. Ich spielte den Chef-village und sorgte dafür, dass er am Schluss doch zufrieden unser Haus verließ. Reisen bildet.



Vergleichende Verkehrsbeobachtung

31. August 2010

Neulich in Togo: P.Boniface sitzt am Steuer des Kleinbusses. In der Dämmerung kommt auf der engen Straße mal wieder ein breites Fahrzeug entgegen. Es reicht gerade so für beide. „Das war aber knapp“, meint eine der beiden Benediktinerinnen, die mit uns unterwegs sind. „Er hat keine Lust zu sterben, und er weiß, dass ich auch keine habe.“ Das scheint mir das Grundprinzip für den Straßenverkehr in Togo zu sein – man geht davon aus, dass der andere schon ausweichen wird. Unpraktisch für die Radfahrer und Fußgänger, die ständig ausweichen müssen.
Auf Kuba, so dachte ich bis eben, läuft der Verkehr dagegen nach dem Motto ab, „Alle leben lassen und bloß keine Delle an meinem schönen alten Auto kriegen.“
Auf dem Weg zum Internetanschluss radle ich auf der zweispurigen Stadtstraße auf eine grüne Ampel zu. Hinter der Kreuzung sehe ich auf dem rechten Fahrstreifen einen Mann mit Handkarren, der nach hinten schaut und hektisch die Hand zu einem international eindeutigen Handzeichen hochreißt: „Stop !“ Auf der linken Spur quietschen die Reifen eines weißen Lieferwagens, der knapp vor einem alten, tief gebeugten Mann mit Stock zum Stehen kommt. Wahrscheinlich war er bei Grün losgegangen, und hatte es nicht rechtzeitig über die Ampel geschafft. Der alte Mann humpelt weiter auf die andere Straßenseite zu, der Lieferwagen rast weiter. Als ich den Handkarrenmann erreiche, spreche ich ihn an: „Was für ein Idiot !“ (Ich meine den Lieferwagenfahrer, was er hoffentlich versteht.) Deutlich steht ihm noch der Schock ins Gesicht geschrieben.

Ich hasse mein Vorbild

31. August 2010

„Die Überschrift im Blog wird ‚Ich hasse mein Vorbild‘ lauten,“ sage ich beim Abendessen am 4.8. zu Erzabt Jeremias, der links neben mir sitzt. „Wer ist dein Vorbild ?“, fragt er. Ich weise mit dem Kopf auf den Priester aus Benin, der gerade mit meinem rechten Tischnachbarn, P.Boniface, spricht. Der Erzabt versteht nicht und die Leserin / der Leser vermutlich auch nicht. Gehen wir also einen Tag zurück.
Am 3.8. hält P.Boniface seine letzte Messe als Prior. Der Priester aus Benin filmt während der ganzen Messe ununterbrochen mit seinem Handy. Direkt neben Boniface stellt er sich, während der die Predigt hält. Er geht durch die Kapelle und hält jedem einzelnen Teilnehmer sein Handy vors Gesicht. Zum Glück habe ich keinen Dolch in der Tasche, sonst würde ich womöglich gegen das Fünfte Gebot verstoßen. Am nächsten Morgen hält dann der Erzabt die Predigt. Als der Handy-Filmer sich ihm nähern will, schickt er ihn mit einer so deutlichen Handbewegung weg, dass er endlich sein Handy wegpackt. Offensichtlich teilt der Erzabt meine Vorbehalte gegen so viel Aufdringlichkeit.
Am Nachmittag steht die Wahl des neuen Priors an. Ich bin als Fotograf eingeladen worden, der Erzabt ist der Wahlvorsitzende (ohne Stimmrecht). Und was sagt er, ausgerechnet er ? „Ihr habt zugestimmt, dass Br.Robert den Wahlvorgang fotografiert. Ich habe ihm geraten, sich die Aufdringlichkeit des Priesters zum Vorbild zu nehmen, der gestern gefilmt hat.“ Das Ergebnis sind 365 Fotos an einem einzigen Nachmittag !
Das Foto oben zeigt einen der Mönche, der gerade vom Wahlvorstand die Stimmzettel erhalten hat und jetzt hinter die Trennwand gehen wird, um sein Kreuz zu setzen. Jeder Wähler hält Wahlzettel und Umschlag hoch, um allen zu zeigen, dass er nur einen hat. Es findet also kein Wahlbetrug (wie bei der Wahl des Staatspräsidenten) statt.
Auch dieser Mönch betrügt nicht; zwei der Wahlberechtigten sind nämlich abwesend, Br.Romain, der in den USA studiert, und Br.Martin in unserer Neugründung auf Kuba. Die beiden haben sich je einen Vertreter ausgesucht, der für sie das Stimmrecht ausübt.

Fotos zu den „Häuptlingen“

31. August 2010

Am 20.8. bin ich nach drei sehr schönen, viel zu kurzen Wochen Togo in Deutschland gelandet. Die ersten Artikel habe ich von meinen Eltern aus (herzlichen Gruß !) hochgeladen, den Artikel über die „Häuptlinge“ dann am letzten Dienstag vom Pariser Flughafen aus. Inzwischen bin ich wieder sicher im heißen Havanna gelandet und reiche hier die Fotos zum „Häuptlinge-Artikel“ nach. Der erste Versuch, sie hochzuladen, ist vergangenen Freitag hier an der Internet-Verbindung gescheitert.
Das obere Foto zeigt den Chef-Quartier an seinem großen Tisch, daneben Erzabt Jeremias und rechts die Brüder Eugène und Blaise. Der leere Stuhl zwischen dem Erzabt und Br.Eugène ist meiner, wie man an der Kameratasche sieht, die dahinter auf dem Boden steht.
Das untere Foto zeigt den Häuptling der Peuhl, dahinter in gebührendem Abstand einer seiner ältesten Söhne. Von den jüngeren geht inzwischen einer in Agbang auf die Sekundarschule. „Wir haben ihnen gesagt, dass wir für sie die Brunnen bohren, wenn sie ihre Kinder auf die Schule schicken,“ sagt Br.Eugène mir später. Ich denke an die Unterwürfigkeit, mit der die Peuhl ihrem Häuptling begegnet sind, sogar die erwachsenen Söhne, und frage: „Aber wenn die Söhne Lesen, Schreiben und Französisch können, untergräbt das nicht die Autorität des Vaters, der Analphabet ist ?“ „Nein,“ meint Eugène, „auch die Peuhl sehen die Vorteile ein, die sie von der Bildung haben. Übrigens können sie sich dann auch direkt mit den Forschern aus Europa unterhalten, ohne dass ich übersetzen muss.“
Da treffen Welten aufeinander – auf der einen Seite Eugène aus dem Volk der Kabiyé, der Französisch, Englisch und etwas Deutsch spricht, in Österreich gewesen ist und „bildungsferne Familien“ davon überzeugt, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Auf der anderen Seite die Häuptlings-Familie vom Volk der Peuhl, die – bis auf den einen Jungen, der zur Schule geht – Analphabeten sind und so urtümlich leben, dass die Ethnologen aus Europa sich bei ihnen „die Klinke in die Hand geben.“
Die Peuhl sind natürlich faszinierend, aber ich möchte nicht der Sohn sein, der schon vom Alter schlechte Zähne hat, aber sich immer noch in respektvollem Abstand hinter seinen Vater, der nicht weiß, wie viele Söhne er hat, auf den Boden hocken muss. Und die Tochter, nach der gar nicht erst gefragt wurde, möchte ich erst recht nicht sein.

Drei Häuptlinge in drei Stunden

24. August 2010

Nach drei Reisetagen in Folge (Donnerstag Abend bis Freitag Nachmittag Havanna – Bonn, Samstag Bonn – Lomé, Sonntag Lomé – Agbang) hatte ich für Montag, 2.August, mit einem ruhigen Tag gerechnet. Bis 16 Uhr passierte auch nichts, dann nahmen die Brüder Réné, Eugène und Blaise Erzabt Jeremias und mich zu einem Ausflug mit. Zuerst ging es zu einem „Chef-Quartier“. Der erwartete uns ins seiner Rundhütte, wo er hinter einem breiten Tisch allein auf einem Plastikstuhl saß. Das Amt des traditionellen Häuptlings ist in Tansania gleich nach der Unabhängigkeit von der sozialistischen Regierung Nyerere abgeschafft worden, in Togo dagegen wird die Rolle der Häuptlinge von Staat garantiert. Der Chef-Quartier erzählt uns mehr: Über ihm steht der Chef-Village („Dorf-Häuptling“), darüber der Chef-Canton. Die Chefs sind für Hochzeiten zuständig, für die Initiationsfeiern und für alle kleineren Streitereien oder Vergehen. Als Beispiele nennt er Streit um Land, Streit um Frauen, Anklagen wegen Zauberei oder Diebstahl. Wenn aber Blut geflossen ist, dann ist die Gendarmerie zuständig. Ob das Amt erblich sei oder ob die Chefs gewählt würden, will der Erzabt wissen. „Das Amt wird auf Lebenszeit vergeben.“ (Das galt wohl auch für den vorigen Staatschef: Der war von 1967 bis zu seinem Tode 2005 im Amt) „Wenn es Probleme gibt, kann man ihn allerdings absetzen“ (Mit dem vorigen Staatschef gab es Probleme, aber das mit dem Absetzen hat nicht geklappt.) „Der Chef wird gewählt“ (Der Staatschef kam 1967 durch Militärputsch an die Macht.) „Das Amt ist nicht erblich, ein Chef wird gewählt.“ (Der jetzige Staatschef ist der Sohn des vorigen – die Parallelen zwischen Staats- und Dorfchef sind also begrenzt).
Da der Chef bisher von seinem Sitz nicht aufgestanden ist, auch nicht zur Begrüßung, bin ich doch überrascht, als er uns bis zum Auto begleitet. Auf der Fahrt frage ich Br.Eugène, welcher Religion das „Quartier“ angehört, das wir gerade besucht haben. „Unterschiedlich. Der Chef gehört zu den Assemblies de Dieu, ebenso der Chef-Canton (einer auch in Tansania bekannten christlichen Sekte). Aber der Chef-Village ist ein Charlatan.“ „Was heißt das ?,“ fragt der Erzabt. „Er heilt und steht in Kontakt mit den Geistern, man sagt auch Marabou zu solchen Leuten. Auch der Chef, zu dem wir jetzt unterwegs sind, heilt, vor allem seelische Krankheiten. Er hat sogar Patienten aus Lomé.“
Die Bewohner des nächsten Quartiers gehören zum Volk der Peuhl (sprich „Pöhl“), einem Nomaden-Volk, das in vielen Ländern Westafrikas anzutreffen ist. Der Chef kommt uns entgegen, erteilt seine Anordnungen, dann werden die Stühle für uns auf den Platz unter dem großen Baum vor der Ansiedlung getragen. Gerne hätte ich ihn in seinem farbenprächtigen Chefsgewand fotografiert. Aber als Br.Eugène meine Frage übersetzt, ob ich fotografieren darf, sagt er: „Da ziehe ich aber mein Festgewand an.“ Das ist zwar eindrucksvoll und sicher viel teurer als das andere, aber das andere hätte sich auf dem Foto besser gemacht.
„Wie viele Söhne hat er ?“, fragt der Erzabt. Br.Eugène übersetzt. Der Chef fragt seine älteren Söhne, die im Hintergrund stehen. Die gehen in den Hof, um die fünf Frauen des Chefs zu fragen. Schließlich kommt die Antwort: 14, die noch leben. Viele sind gestorben. Über die Anzahl der Töchter erhalten wir keine Auskunft, aber die Frauen verlassen den inneren Bereich der Ansiedlung auch gar nicht.
Zum Abschied drückt einer der jüngeren Söhne (der in Agbang auf die Schule des Klosters geht) dem Erzabt ein lebendes Huhn in die Hand, das in Agbang in den Kochtopf wandern wird. Auch das ist ein Unterschied zu Tansania: Dort gibt es eine starke Erwartungshaltung, dass der Gast aus Europa etwas gibt. Und wenn man dem Europäer etwas schenkt, dann macht man dort sehr deutlich, dass man ein größeres Gegengeschenk erwartet („Diese Hemden sind der Dank für die Gottesdienste, die du zwei Monate lang bei uns sonntags gehalten hast. Du erinnerst dich doch, dass wir einen Strom-Generator für die Kirche brauchen ?“)
Es geht zurück zum Kloster, um 18:15 ist Messe. Prior Boniface, der Gründer des Klosters Agbang, hat zum 25-jährigen Jubiläum seinen Rücktritt angekündigt. Für übermorgen ist die Wahl seines Nachfolgers angesetzt. Seine völlig frei gesprochene Predigt klingt wie ein Vermächtnis. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so still ist es in der Kirche: „Auch eine Gemeinschaft hat das Recht auf ihre Intimität. Sollen wir daher sagen, wir sorgen für uns selbst ? Oder sollen wir unserem Volk dienen, das sein Elend herausschreit (qui crie sa misère) ?“
Erzabt Jeremias hatte die Pause, als der Vater der 14 lebenden Söhne sich umzog, genutzt, um die Brüder zu fragen, wie er denn in seiner Predigt am Jubiläumstag den Leuten vermitteln könne, dass der „Häuptling“ des Klosters zurücktritt und nicht wie seine „Kollegen“ im Chef-Amt bis zum Tode an seinem Posten klebt. In der Kirche ist das anders, er setzt ein Zeichen, dass es auch anders geht, lautet die Antwort. „Das verstehen die Leute ?“, fragt der Erzabt nach. „Ja, das verstehen sie.“ Die Antwort kommt voller Überzeugung. Offensichtlich kommt es heute auch in Togo nicht mehr so gut an, wenn ein und dieselbe Person über Jahrzehnte im Amt bleibt.