Archive for Februar 2008

Afrikanische Gründlichkeit

29. Februar 2008

Afrikaner sind normalerweise sehr höflich und sagen mir deshalb ständig, dass ich gut Suaheli spreche. Neulich habe ich geantwortet: „Wenn jemand schnell spricht, verstehe ich gar nichts, aber wenn er …“ – da Afrikaner höflich sind, bemüht sich mein Gesprächspartner, den Satz für mich zu Ende zu bringen: „taratibu spricht, dann verstehst du ihn.“ Das Wort „taratibu“ hatte ich zum Glück gerade gelernt: „Sorgfältig, gründlich.“ Es kann auch als Hauptwort gebraucht werden: „Formalitäten“ heißt es dann. Formalitäten sehen zum Beispiel so aus: Bei dem Schuljubiläum am Dienstag betritt mein Kollege Izaak die Bühne und kündigt den nächsten Tagesordnungspunkt an: „Wir hören jetzt die Rede des Ehrengastes. Ich bitte die Schulleiterin, den Ehrengast auf die Bühne zu bitten. Willkommen, Schulleiterin !“ Also betritt die Schulleiterin die Bühne und sagt: „Ich habe die große Ehre, unseren Ehrengast zu bitten, seine Rede zu halten.“ In dem Moment wird mir schlagartig einiges klar, z.B. warum es nach meiner Ankunft zwei Wochen gedauert hat, bis ich die Schule überhaupt betreten durfte, oder, warum die Pässe, die unsere Schülerinnen jetzt für den Benediktinischen Jugendkongress brauchen, wahrscheinlich erst im April, vielleicht im Mai, ausgestellt werden – taratibu.

Das Foto ist bei einer Pause während des Jubiläums entstanden und zeigt meine Kollegen Tembo und Mahinya. Ich habe ziemlich lange auf die Gelegenheit gewartet, Herrn Tembo mit diesem Hut zu fotografieren, ohne ihm dabei meine Meinung dazu sagen zu müssen.

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Manche Dinge sind überall gleich

28. Februar 2008

„Die Afrikaner haben eine ganz andere Kultur“, sagte neulich mein deutscher Tischnachbar (der, der 10 Jahre lang „im Busch“ die Abwechslung zwischen Ugali mit Bohnen und Bohnen mit Ugali genossen hat, siehe letzte Woche). Das ist die eine Seite, und deshalb ist es für mich nicht immer einfach, das Verhalten der Brüder, Schülerinnen und Kollegen richtig einzuschätzen. Aber auf der anderen Seite gibt es zum Glück auch vieles, was hier genauso ist wie in Deutschland: Wenn man gemeinsam arbeitet, und wenn man gemeinsam feiert, kommt man sich näher. Vorgestern begann die Abschlussfeier mit dem Frühstück im Lehrerzimmer um halb Neun, sie endete am Abend um halb Sieben mit Cola und Bier im Lehrerzimmer. Gestern hat mich mein Kollege Lugongo, mit dem zusammen ich „Lehrer vom Dienst“ gewesen war, angesprochen: „Weißt du eigentlich, warum der andere Physik-Lehrer dich neulich im Lehrerzimmer angegriffen hat ?“ (siehe 7.Februar, „Vom Feilschen“) Ich wusste bereits von den deutschen und philippinischen Schwestern, dass ich damals in einen Konflikt hineingeraten war, der lange vor meiner Ankunft begonnen hatte und nichts mit meiner Person zu tun hatte. Jetzt aber erfahre ich die Hintergründe zum ersten Mal von einem Afrikaner, bin also als Kollege akzeptiert.

Ich komm‘ dann morgen wieder

27. Februar 2008

Gerade habe ich eine kurze Radtour durch’s Dorf gemacht. Mein Hinterreifen hatte wenig Luft, eine Luftpumpe habe ich noch nicht bekommen können, aber die Autowerkstatt ist gleich gegenüber und immer hilfsbereit. Der Mechaniker schaut sich gleich mein Rad an, prüft mit fachkundigem Fingerdruck den Luftdruck, stellt sich zusammen mit dem Fahrrad direkt hinter einen Kleinbus, den seine Kollegen gerade reparieren (siehe Foto), und setzt den Kompressor auf mein Ventil. In dem Moment lassen seine Kollegen den Motor an, er verschwindet in einer Abgaswolke, die erst blau, und dann schwarz ist (offensichtlich ein Dieselmotor), es gibt einen lauten Knall, der andere Kunde, der auch mit einem Fahrrad daneben steht, lacht laut los, mein freundlicher Mechaniker fingert ratlos an den Resten meines Schlauches herum, und ich sage, „Nitarudi kesho“ (Übersetzung siehe Überschrift).

Peramiho, du bist der Einzige !

26. Februar 2008

Heute feiern wir nicht nur den Abschluss der Form 6 (entspricht unserem Abitur), sondern auch 40 Jahre Peramiho Girls‘ Secondary School. Eigentlich könnten wir Ende diesen Jahres schon das 110-jährige Schuljubiläum feiern, denn die ersten Missionare haben gleich nach ihrer Ankunft 1898 mit dem Schulunterricht begonnen. Bis zum Jahr 1967 hatte sich die Zahl der Schulen, die von der Abtei Peramiho unterhalten wurden, auf 137 vermehrt (mit 27.000 Schüler/innen). Allerdings: Fast alle waren Grundschulen, es gab nur eine einzige Sekundarschule – für gerade einmal 280 Jungen. Eine weiterführende Schule für Mädchen sei überflüssig, meinte der afrikanische Weihbischof von Peramiho, und der deutsche Abt (damals gleichzeitig Bischof) hat das Projekt auch nicht besonders stark unterstützt. Die Benediktinerinnen waren anderer Meinung und eröffneten 1968 die Mädchen-Sekundarschule. Kurz danach wurden praktisch alle Schulen verstaatlicht, nur unsere Schule, sowie die Berufsschule und die Krankenpflegeschule, sind in benediktinischer Hand geblieben.

Das Foto zeigt die Schulgemeinde heute beim Absingen der englischen Schulhymne: „Peramiho, you will be the unique one.“ Und da diese Hymne von Mädchen gesungen wird, muss man „unique one“ wohl mit DER Einzige übersetzen. Am „Haupttisch“ oder „Ehrentisch“ vorne als zweite von links im schwarzen Anzug die Schulleiterin. An den Tischen dahinter die Lehrer und Mitarbeiter der Schule, hinten die Schülerinnen. Die „Abiturientinnen“ haben unter den Fenstern einen Extratisch.

Stammeskriege

25. Februar 2008

Gestern haben wir im Gespräch den Blick einmal über die Nachbarländer schweifen lassen: Von Peramiho aus liegt Mosambik, unser südliches Nachbarland, am nächsten. Dort baut man nach einem verheerenden Bürgerkrieg seit einigen Jahren das Land wieder auf. Im Uhrzeigersinn schließen sich östlich Malawi und Sambia an. Beide Länder waren in der Vergangenheit Diktaturen (Malawi ziemlich brutal, Sambia nicht ganz so brutal) und haben nach der Entmachtung der Diktatoren eine Reihe von ziemlich chaotischen Regierungswechseln erlebt. Nach Norden schließt sich die Demokratische Republik Kongo an, da haben UNO-Truppen (darunter auch deutsche Soldaten) 2006 für einigermaße faire Wahlen gesorgt, aber in den Dschungeln des Ostkongo gibt es immer noch völlig chaotische Kriege zwischen einzelnen Stämmen. Nördlich schließen sich die beiden kleinen Länder Burundi und Ruanda an. In beiden Ländern leben die beiden Völker Hutu und Tutsi. In Burundi führt man einen mehr oder weniger offenen Bürgerkrieg, in Ruanda endete der Konflikt 1994 mit einem Völkermord (Genozid) an den Tutsi. Nach Norden hin schließt sich Uganda an, das Land der Kindersoldaten. Der heutige Präsident kam 1986 mit Hilfe von Kindersoldaten an die Macht, und bis heute herrscht im Norden ein Bürgerkrieg, für den aber im Moment aussichtsreiche Friedensverhandlungen laufen. Dann gibt es noch Kenia; darüber habe ich schon geschrieben. Bei uns dagegen ist, so heißt es in den Gesprächen immer wieder, egal ob man mit Europäern oder Afrikanern spricht, die Situation friedlich und stabil, und eine Verschlechterung ist nicht in Sicht – hoffentlich. Die letzten größeren Kämpfe fanden hier 1914-18 statt – zwischen den Wajerumani unter Häuptling Paul von Lettow-Vorbeck und den Waingereza unter Häuptling Smuts. (Ich hoffe, dass diese Hinweise reichen, um zu erkennen, um welche „Stämme“ es sich bei den Wajerumani und den Waingereza handelt).

Noch ein bisschen Aberglaube

22. Februar 2008

Neulich waren wir nach der Pause noch zu dritt im Lehrerzimmer. Das Gespräch kommt auf die Schülerin, die die Panik wegen Hexerei ausgelöst hat (siehe „Andere Länder, andere Strafen“). Mama Haule (Erwachsene Frauen werden hier alle mit „Mama“ angeredet) erzählt, wie ihr Kind vor einiger Zeit im Krankenhaus war und die Ärzte die Ursache des hohen Fiebers nicht finden konnten. Sr.Frideswida, eine Philippina und die älteste Lehrerin im Kollegium, nickt in ihrer verständnisvollen Art, während ich angestrengt zuhöre. Da hätte sie das Kind auch fast zum „Heiler“ gebracht, also zum traditionellen Geister-Beschwörer. Aber dann hat sie doch lieber ein Gebet am Grab von Sr.Bernadette gesprochen. Ob das Gebet geholfen hat, lässt sie offen, jedenfalls ist ihr Kind gesund geworden. Sr.Frideswida klärt mich auf: Sr.Bernadette war eine afrikanische Ordensschwester, zu deren Grab auch die Schülerinnen gehen, wenn ein Examen ansteht. Eine junge Schwester, frühere Schülerin der Schule, kommt herein, und Sr.Frideswida fragt sie gleich: „Stimmt doch, ihr seid auch zu dem Grab gegangen ?“. Die Schwester bejaht.

Das Foto zeigt die Segnung der Schulgebäude (am 2.2.). Als ich es machte, wusste ich nicht so recht, ob ich nicht vielleicht doch Zeuge einer traditionellen Geisteraustreibung war, oder ob die Schülerinnen einfach nur ihren Spaß hatten. Die Schülerin im Vordergrund hält in ihrer linken Hand den Eimer mit Weihwasser, in der rechten hat sie den Weihwasserwedel. Die beiden in Rot-Weiß sind Messdienerinnen.

Abwechslung muss sein

21. Februar 2008

Zu den Pflichten des „teachers on duty“ gehört es auch, das Essen um 12 Uhr zu kuonja. Da ich mich erinnere, dass „kuonja“ „probieren“ bedeutet, frage ich nach, ob mein Kollege nicht vielleicht „kula“, „essen“ meint. Nein, ich habe ihn richtig verstanden: Um 12 gehen wir zusammen in die Küche, die Köchin gibt jedem von uns einen Löffel und wir probieren, ob das Essen auch richtig gekocht ist. Ich muss an den Vorkoster von Königin Kleopatra (Asterix Band 2) denken. Die Schülerinnen sind beim Mittagessen unter sich, ich gehe also zum Mittagessen ins Kloster. Mein Nachbar bei Tisch fragt mich, ob ich als „Lehrer vom Dienst“ nicht in der Schule essen müsste. Ich antworte: „Da sind nur die Schülerinnen erwünscht, und außerdem würde ich das nicht so gerne essen wollen – heute gibt es Ugali (Maisbrei) mit Bohnen.“ Seine Antwort: „Ich habe das zehn Jahre lang gegessen, als ich die Katechistenschule im Busch geleitet habe. Aber morgen gibt es zur Abwechslung dann Bohnen mit Ugali.“ Die tansanische Küche ist wirklich nicht besonders abwechslungsreich, die einzige Alternative zu Ugali ist Reis, aber der ist so teuer, dass er in der Schule höchstens an Festtagen auf den Tisch kommt. Und die Alternative zu Bohnen ist – Bohnen. Dann gibt es noch kleine oder größere Fische und bei richtigen Festessen Kuku – Huhn.

Das Foto zeigt einen typischen Teller einer Schülerin. Ugali ist recht fest, insofern ist die Übersetzung „Maisbrei“ etwas irreführend. Schmeckt absolut nach nichts.

Bitte mehr Hausaufgaben !

20. Februar 2008

Die Antwort auf meine Grundfrage, „Sind Afrikaner anders ?“, lautet heute eindeutig: Ja. Nach der Physikstunde kommen einige Schülerinnen zu mir: Ob ich ihnen nicht Übungsaufgaben geben könnte. Aber das habe ich doch getan. Ja, sagen sie, aber sie wollen mehr Hausaufgaben haben. Der Grund ist einsichtig: Jeden Monat gibt es eine schriftliche Klassenarbeit, und daher stehen die Schülerinnen unter Druck. Trotzdem sehen Glücksmomente eines Lehrers eher anders aus, denn die Übungsaufgaben, wie sie im Buch stehen, gefallen mir nicht wirklich. Da wird sehr viel Wert einfach aufs Auswendiglernen gelegt („Nenne die Definition von Reibung !“). Neulich wollte ich die Newton’schen Axiome, also die Grundgesetze der Mechanik, etwas gründlicher besprechen. Die Schülerinnen hatten die schon im vorigen Schuljahr auswendig gelernt, und meinten daher, die müssten wir nicht mehr besprechen, die könnten sie schon. Ich hatte so meine Zweifel, und habe daher mal nach der Übersetzung ins Suaheli, die Muttersprache der Schülerinnen, gefragt. Dabei fiel dann auf, dass niemand das englische Wort „provided“ verstanden hatte, das im ersten Axiom die Bedeutung von „falls“ hat. Aber vielleicht ist mein Anspruch, dass man das verstehen soll, was man lernt, auch völlig falsch. Das zentrale Abschlussexamen ist jedenfalls so konstruiert, dass man es auch bestehen kann, wenn man nur die auswendig gelernten Sätze wiedergibt – in der Oberstufe in Deutschland heißt das: „Anforderungsbereich 1“.

LvD

19. Februar 2008

Letzte Woche hatte ich Gelegenheit, unser Schulleben noch mal aus einer anderen Perspektive etwas genauer kennenzulernen: Ich war als TOD eingeteilt, Teacher On Duty, zu Deutsch etwa „Lehrer vom Dienst“. Der weiß alles, was in der Schule vorgeht, und führt von morgens halb Acht bis zum Abschluss des Abendappels gegen halb Sechs die Aufsicht im Schulgelände, ist also so eine Art „Mädchen für alles.“ Ich konnte dabei auch wieder einmal erleben, wie einfühlsam die Afrikaner sind: Schulleitung und Kollegen wussten natürlich, dass ich als Ausländer und Neuling so meine Probleme haben würde. Deshalb war ich zusammen mit dem erfahrensten Kollegen eingeteilt, und meine tatsächliche Aufgabe bestand nur darin, ihm zuzuschauen. Eigentlich war ich ziemlich überflüssig, aber niemand hat mich das spüren lassen. Im Gegenteil: Die Kollegen haben mir das Gefühl gegeben, ich würde eine wichtige Aufgabe erfüllen. Manche Europäer meinen, dass die Afrikaner tatsächlich einfühlsamer und geschickter im Umgang mit ihren Mitmenschen sind, weil sie von Kind auf in großen Familien auf engem Raum leben.

Das Foto zeigt den Schulhof, auf dem morgens und abends und manchmal auch zwischendurch die Schüler gezählt werden.

Regenzeit

18. Februar 2008


Es gibt hier nur zwei Jahreszeiten: Trocken- und Regenzeit. In der Trockenzeit gibt es nur eine Art von Wetter: Sonnenschein mit ein paar Schönwetterwolken. Seit Ende November und noch bis April haben wir Regenzeit. Da ist es eher so wie bei uns in einem verregneten Juli: Manche Tage sind sonnig, manche sind total verregnet. Der Regen ist manchmal schwächer, oft aber richtig heftig. Und die tropischen Regengüsse sind wirklich ziemlich „tropisch“ und dauern auch ziemlich lange. Gestern Nachmittag wollte ich gerade von der Schule zurückgehen (der Weg dauert ungefähr 2 Minuten), als der Regen anfing. Da ich nicht die Stunde warten wollte, die der Regen vielleicht dauern würde (er hat dann sogar noch länger gedauert), bin ich halt losgegangen, und völlig durchnässt angekommen. Wieder einmal habe ich mir vorgenommen, einen von meinen beiden Schirmen an der Schule zu deponieren. Heute morgen habe ich das wieder vergessen. Aber morgen denke ich dran.