Archive for Mai 2011

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das höflich finde

27. Mai 2011

Vorgestern war ich schon wieder zu einer defensa (siehe den vorigen Artikel) eingeladen, diesmal am Ökumenischen Institut für Theologie an der anglikanischen Kathedrale, die sich nur wenige Straßen von uns entfernt befindet. Unter den Gästen sah ich eine von meinen Schülerinnen im Gespräch mit einer älteren Dame. Sie stellte mich vor: „Das ist mein Deutschlehrer.“ Die ältere Dame sagte gleich im ersten Satz: „Halten Sie sich immer noch für die überlegene Rasse ?“ Ich finde eine Anspielung auf Hitlers Rassenwahn zur Begrüßung nicht besonders höflich, beschließe aber, nicht ganz ernst zu antworten: „Natürlich sind wir immer noch die überlegene Rasse. Schließlich gibt es in Amerika, Asien, Afrika, Europa und Australien nur eine einzige menschliche Rasse. Und ich finde, dass wir Menschen den Hunden, Katzen und Moskitos überlegen sind.“ (Ich bitte alle Hundefreunde und Katzenfreundinnen um Verzeihung, aber wenn man in Havanna lebt, sind das die drei Tierarten, die einem als erstes einfallen). Nachdem sie mich noch über die Neonazis ausgefragt hat, wird sie zugänglicher, erzählt, dass sie als Journalistin in Ostberlin, in Vietnam und China war, dass sie Thomas Manns Buddenbrooks für das kubanische Radio aufbereitet hat, und dass das Museum mit den babylonischen Ausgrabungen in Berlin sie begeistert hat (Sie meint anscheinend das Pergamonmuseum)
Das wären doch bessere Gesprächseinstiege gewesen, aber sie ist nicht der erste Kubaner, der mich hier gleich zu Anfang eines Gesprächs auf die Nazis angesprochen hat.

Togolesischer Weitsprung vor mittelalterlichem Gericht

20. Mai 2011

Im Mittelalter und weit darüber hinaus gab es die großen öffentlichen Disputationen, bei denen zwei Gelehrte mit ihren „Thesen“ vor großem Publikum um die Wahrheit rangen, oder wenigstens darum, den besseren Eindruck zu hinterlassen. Heute gibt es Podiumsdiskussionen und Fernsehduelle, aber im akademischen Bereich ist die Tradition ausgestorben – so dachte ich bis zum vergangenen Donnerstag.
Marie, eine Sportstudentin aus Togo, hatte Br.Cyrille und mich zu ihrer „defensa“, „Verteidigung“ eingeladen. An einem Tisch ihr gegenüber saß das dreiköpfige „Gericht“. Mit demselben spanischen Wort („tribunal“) wird auch ein Gericht bezeichnet, vor dem Mord und Totschlag verhandelt werden. Daneben ein zweiter Tisch mit dem „tutor“ („Beschützer“ oder „Aufpasser“) und dem „oposidor“, dem „Gegner“. Dahinter war der Raum bis auf den letzten Platz mit Kommilitonen und Freunden gefüllt, ganz hinten auf einem Tisch standen schon der riesige Kuchen mit der togolesischen Fahne aus Zuckerguss (Foto unten; hat nicht ganz so gut geschmeckt, wie er aussah) und andere Geschenke. Auch die Wand hinter Marie war mit einer Fahne Togos geschmückt; vor der Tür ließ eine brasilianische Fahne schon ahnen, zu welcher Nation der nächste Prüfling gehören würde. Marie gab mit Hilfe einer Präsentation auf dem Bildschirm ihres Notebooks (ein Beamer war nicht vorhanden) eine 16-minütige Zusammenfassung ihrer „tesis“ (wir würden statt „These“ eher „Diplomarbeit“ sagen) über die „Auslese von jungen Talenten für den Sprung der Länge in Lomé, der Hauptstadt Togos“. Danach versuchte der „Gegner“, ihr Fehler nachzuweisen, aber er war sehr zahm. Das „Gericht“ stellte weitere Fragen, als Marie bei einer Antwort „ins Schwimmen kam“, sagte die Fragestellerin schnell, „Ja, gut, das genügt schon“, offensichtlich wollte niemand sie blamieren. Die eigentlichen Prüfungen hatten auch schon vorher stattgefunden, dies war nur der feierliche Abschluss, bei dem es auch nicht störte, als ein Student sich direkt zwischen Prüfling und „Gegner“ stellte, um den „Gegner“, der gerade sprach, zu fotografieren. Am Schluss stand der Tutor auf, verlas sein Gutachten, das er schon vorher fertig gestellt hatte, und in dem er Maries positive Eigenschaften mit einem so deutlich betonten „Gott sei Dank“ verband, dass ich den Eindruck hatte, er wolle der aktiven Katholikin eine Freude machen und der alten Tradition huldigen, am Schluss einer Disputation Gott zu nennen.
Dann wurden alle hinausgeschickt, das Gericht beriet, und Marie erhielt eine Fünf. Zum Glück ist das auf Kuba die beste mögliche Note, Eins oder Zwei bedeuten „Nicht bestanden.“

Vergleiche Heinrich Heine, Die Disputation zu Toledo

Glücklich

9. Mai 2011

Am Freitag fiel mein Blick auf die Schlagzeile der Tagesschau „Gorch Fock nach von Skandalen überschatteter Fahrt zurück“. Ich bin nur 30 km vom Hamburger Hafen entfernt geboren, und so steckte mir immer noch in den Knochen, dass ich die „Gorch Fock“ zwar gesehen, aber nie besichtigt hatte. Ich lese die Schlagzeile und schaue gleich auf die Uhr. Es ist 16 Uhr, heute ist der letzte Tag, und bis 19 Uhr haben sie auf ! Also schnell die Kasse fertig machen, Messe und Vesper ausfallen lassen, aufs Fahrrad schwingen und zum Hafen fahren !
Die „Cuauhtemoc“, Segelschulschiff der mexikanischen Marine, lag für ein paar Tage hier, die Ankunft war prominent in der Tageszeitung vermeldet worden, am Samstag ist sie nach Boston, USA, weitergefahren. Die Schlange (Foto unten; kurz vor Ende der dreitägigen Besuchszeit) zeigt das riesengroße Interesse der Habaneros, denn Segelschiffe kommen nur alle paar Jahre hier vorbei. Also: Segelschiff besichtigt, Kindheitstraum erfüllt, ehemaliges Kind glücklich.

Nervös

8. Mai 2011

Ortsgespräche und auch Inlandsgespräche sind auf Kuba unglaublich billig. Unsere monatliche Telefonrechnung für zwei verschiedene Anschlüsse beträgt selten mehr als einen Euro. Allerdings wird das Telefon radikal abgeschaltet, wenn man nicht rechtzeitig bezahlt (und sofort wieder freigegeben, sobald die Rechnung beglichen ist). Eine alte Dame aus der Nachbarschaft, Josefa, ist jeden Monat so freundlich, unsere Rechnung mitzubezahlen, wenn sie ihre bezahlt. Ich gebe ihr vorher das Geld, und sie gibt mir nachher den Rest zurück. Um den 20. herum wird sie immer nervös: „Ist die Rechnung schon gekommen ? Gib mir die Rechnung sofort, wenn sie kommt.“ Neulich hat sie sich sogar beim Postamt beschwert, weil unsere Telefonrechnung manchmal gar nicht kommt. Dabei könnte sie es ruhig etwas gelassener nehmen, denn man kann auch bezahlen, wenn man die Rechnung nicht dabei hat.
Am 30.April wurde ich auch nervös: Samstag, Monatsende, und mir fiel auf, dass ich das Internet nicht bezahlt hatte. Und weder am Sonntag, dem 1.Mai, noch am Montag, nachgeholter Maifeiertag, würde ich bezahlen können ! Am Sonntag funktionierte das Internet noch, auch am Montag. Da die Schlangen zum Bezahlen am Monatsanfang besonders lang sind, beschloss ich, es drauf ankommen zu lassen, und bezahlte erst am Freitag, 6.Mai. „Und die Verbindung ist gesperrt ?“, fragte die Frau, die mein Geld entgegen nahm. „Nein,“ sagte ich, denn auch am Freitagmorgen hatte es noch funktioniert. „Oh, dann haben Sie aber Glück gehabt. Normalerweise hätte die Verbindung am 1.Mai gesperrt werden müssen.“ Fazit: Es hat auch seine Vorteile, wenn die Technik nicht immer funktioniert.

Ärgerlich

7. Mai 2011

Nach dem Abschied von Br.Martin unternahm ich noch einen Spaziergang durch die abendliche Altstadt (siehe Foto), um mich etwas aufzuheitern, als mein Blick auf ein kleines Mädchen fiel, das in seinem grünen Röckchen scheinbar aus purer Lebensfreude ein paar Tanzsprünge machte. Kinder, die nach Einbruch der Dunkelheit noch auf der Straße sind, sind hier nicht ungewöhnlich. Sie bemerkte meinen Blick und kam sofort auf mich zu: „Un dolar.“ Auch das nichts Ungewöhnliches. Ich lehnte ab, sie folgte mir noch ein paar Schritte und hatte dann mit erfahrenem Jägerinnenblick ein neues Ziel erspäht: Ein junges Paar, offensichtlich Touristen. Sie hängte sich an die Frau, und schon nach wenigen Schritten hatte sie etwas in der Hand. Gleich anschließend kaufte sie sich eine Tüte Erdnüsse bei einem fliegenden Händler. Das Mädchen sah gut genährt und gut gekleidet aus. Was hat die Touristin ihr beigebracht ? Dass man leicht an Geld kommt, wenn man ein schönes, unschuldiges Lächeln hat. Und wird das Mädchen in 10 Jahren vielleicht seinen Körper statt seines Lächelns verkaufen ? Auch das wäre auf Kuba nicht ungewöhnlich.

Froh

7. Mai 2011

Gerade las ich auf der Tagesschau-Seite in einem Kommentar, der diese Woche getötete Massenmörder habe „der gesamten westlichen Wertegemeinschaft den Krieg erklärt“. Da möchte ich doch den beschränkten Blickwinkel des Kommentators ein wenig erweitern, schließlich habe ich in diesem Blog schon einmal von der wunderbaren Busreise zwischen Dar es-Salaam und Nairobi geschwärmt. Der Mörder begann seine finstere Laufbahn mit Anschlägen auf die US-Botschaften in diesen beiden Städten (am 7.8.1998). Über 200 Kenianer und Tansanier, Christen und Muslime, die sich gerade in der Nähe der Botschaften aufhielten, starben. Die kann man wohl kaum Mitglieder der „westlichen Wertegemeinschaft“ nennen. Und eines seiner Ziele war es ja, das friedliche Zusammenleben der Religionen, das ich in Ostafrika beobachten konnte, durch seinen Hass in blutige Kriege zu verwandeln. Er hat einen unerträglichen Missbrauch getrieben mit dem Namen Gottes – Allahs, des Barmherzigen, des Erbarmers, wie es im Grundgebet des Islams heißt.
Viele Kenianer betrachten Obama als einen der Ihren, und ich erinnere mich noch an die Begeisterung, geradezu Hysterie, die bei seiner Wahl zum Präsidenten dort herrschte. Sie werden sich freuen, dass die Tötung unter seinem Oberkommando erfolgt ist.
Ich selbst bin gegen die Todesstrafe und weigere mich, ein Land, in dem sie praktiziert wird, als „zivilisiert“ zu bezeichnen. Ich kann mich nicht erinnern, mich vorher jemals über den Tod eines Menschen gefreut zu haben. Aber dieses Mal bin ich froh, nicht so sehr, weil die Welt vielleicht etwas sicherer geworden ist (wie der erwähnte Kommentar meint), sondern weil sich eine schwarze Wolke voll Hass verzogen hat.