Archive for Januar 2014

„Welche Sprache spricht er ?”

28. Januar 2014

messdiener „Alle – und keine”, so lautet die Antwort Williams, als Adson ihn fragt, „Welche Sprache spricht er ?” (Eco, „Der Name der Rose”). Nach zwei sehr schönen Tagen in Ugandas Hauptstadt Kampala ging meine Reise weiter in unser Kloster Tororo. Dort kam ich mit den vier Messdienern auf dem Foto ins Gespräch. Sie gehen in die siebte und achte Klasse, so gutes Englisch wie bei ihnen höre ich Tansania nicht einmal bei Absolventen der dreizehnten Klasse. Also frage ich sie, in welcher Sprache sie sich untereinander unterhalten. „Auf Englisch”, sagen sie, und ich glaube es nicht. Doch, denn einer von ihnen (John Joel, der zweite von links) hat Jopadhola als Muttersprache. Von dieser Sprache habe ich schon gehört, und ich kann sogar „Afoyo” sagen, was „Danke” heißt. Aber die anderen drei sprechen Lugisu, auch Gisu oder Masaba genannt. Und diese beiden Sprachen haben so viel miteinander gemeinsam wie Deutsch und Chinesisch, also gar nichts. Jopadhola ist eine nilotische Sprache, sie kam mit Einwanderern vom Norden, während Lugisu eine Bantu-Sprache ist, mit dem Suaheli und zahlreichen anderen Sprachen bis hin nach Südafrika verwandt. Immerhin, die vier Jungen haben noch eine andere Sprache, in der sie sich verständigen können, Suaheli. Suaheli ist in Tansania die erste Nationalsprache, in Kenia und hier in Uganda die zweite.
Der junge Br.Bernhard führt mich durch das Kloster, und dabei unterhalten wir uns auch über die verschiedenen Sprachen. Er möchte Theologie studieren, und hat deshalb angefangen, ein wenig Latein zu lernen. Mit mir spricht er Englisch, er könnte auch Suaheli sprechen, aber das mag er nicht so recht, weil es nämlich die offizielle Sprache von Armee und Polizei ist, die als korrupt und brutal gelten. Welche Sprachen spricht er sonst noch ? Seine Muttersprache, deren Namen ich vergessen habe, dann Luganda, die Sprache der Hauptstadt Kampala („Danke“ heißt „Webale“), außerdem Jopadhola und Lugisu, zusammen also sechs Sprachen. „Naja, eigentlich noch die Sprache von Jinja,” ergänzt er – Jinja ist die nächste größere Stadt Richtung Westen. Macht sieben Sprachen, Latein nicht mitgerechnet.

„Ich leite eine Kulturinstitution – genauer gesagt, ein Königreich”

22. Januar 2014

buganda Nachdem ich meine Einkäufe in Kampala erledigt hatte, habe ich den Rest der Zeit zu einem Besuch bei den Königsgräbern genutzt. Schon lange vor der Ankunft der Europäer war das Zentrum Ugandas ein Königreich, die letzten vier Könige sind hier begraben. In den 5000 Schilling (knapp 2 €) Eintritt ist eine Führung enthalten. Eigentlich finde ich solche Führungen schrecklich, aber diesmal wird sie dadurch interessant, dass auch mein Taxifahrer daran teilnimmt. Der Führer erklärt uns, dass das 8-Millionen-Volk in 52 Clans aufgeteilt ist, und dass es verboten ist, innerhalb desselben Clans zu heiraten. Auch der Clan der Mutter kommt für Heiraten nicht infrage. Ich frage, was passiert, wenn sich nun ein junger Mann in eine Frau aus der Nachbarschaft, dummerweise vom selben Clan, verliebt. Der Taxifahrer verteidigt gleich die alten Traditionen: „Du würdest doch auch nicht deine Schwester heiraten.” Der Führer zeigt uns die Feuerstelle, wo immer ein Feuer brennt, um anzuzeigen, dass der König noch lebt. Der Taxifahrer fügt stolz hinzu, dass sein Clan die Aufgabe hat, dieses Feuer zu hüten. Der Führer schaut genau hin, dann sagt er nichts mehr, und ich hüte mich, allzu genau nachzuschauen, um keine Peinlichkeit entstehen zu lassen: Das Feuer ist nämlich ausgegangen.
Trotzdem: Es gibt tatsächlich noch einen König in der Hauptstadt Ugandas. Die Engländer ließen die Könige unter ihrer Oberherrschaft im Amt, erst das unabhängige Uganda beseitigte die traditionellen Könige mit militärischer Gewalt, König Freddie floh nach London, wo er – so erzählt es der Führer, laut Wikipedia ist das nicht so sicher – von einem Agenten des neuen ugandischen Präsidenten Obote vergiftet wurde. Dann folgten die Gewaltherrschaft Idi Amins, Krieg mit Tansania, Bürgerkrieg, schließlich Präsident Museveni, der mit Hilfe von Kindersoldaten an die Macht kam und jetzt seit 28 Jahren das Land in einer seltsamen Mischung aus Demokratie und Diktatur beherrscht. Er holte König Ronald, Freddies Sohn, zurück ins Land, und so gibt es jetzt mitten in der Republik Uganda das Königreich Buganda mit eigenem Premierminister und Parlament, zuständig für die Kultur von 8 Millionen Menschen.
Wir spazieren über das Gelände, Kinder spielen vor ärmlichen Hütten, eine alte Frau sitzt auf dem Boden. Sie sieht so aus, dass man ihr in Deutschland sicherlich einen Euro geben würde, aber der Führer grüßt sie mit einer respektvollen Verbeugung und erklärt, dass alle Bewohner des Geländes Nachfahren von König Muteesa I. sind – die arme Alte ist eine echte Prinzessin !
Außer dem Königreich Buganda gibt es noch zahlreiche weitere, kleinere Königtümer in Uganda. Auch Tororo, wo unser Kloster ist, hat einen König, der als guter Katholik im Beirat der Augenklinik des Klosters sitzt. Ein Europäer erzählte mir, wie dieser König sich ihm vorstellte: „I’m managing a cultural institution, well, a kingdom, to be exact.”

Weit hinten in der Türkei

18. Januar 2014

„Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen. ” (Goethe, Faust)
Der Flughafen Entebbe liegt direkt am Victoria-See, knapp 50 km von Kampala, der Hauptstadt Ugandas, entfernt. Der Name ist seit meiner Kindheit mit der dramatischen Befreiung eines entführten Flugzeugs durch israelisches Militär 1976 verknüpft. Auch der Taxifahrer, der damals wohl noch nicht geboren war, weiß davon. „Die Israelis haben nur 20 Minuten gebraucht”, sagt er bewundernd. So kommen wir auf den Diktator Idi Amin zu sprechen, der die Entführer unterstützt hatte. Der Taxifahrer kennt noch weitere Geschichten über Idi Amin: Er befahl den indischen Händlern, innerhalb von 48 Stunden das Land zu verlassen, und ruinierte damit die Wirtschaft seines Landes. Als der Direktor der Zentralbank ihm kein Geld mehr geben konnte, ließ er ihn kurzerhand umbringen.
Unter solchen Erzählungen kommen wir zum Gästehaus der Mill-Hill-Missionare, einem wunderschön ruhigen, friedlichen Haus. Dort lerne ich Birgit und Hener kennen, die in Juba im Südsudan als Entwicklungshelfer arbeiten. Für Heiligabend hatten sie ihren Flug nach Kampala gebucht, um Weihnachten bei den Mill-Hill-Missionaren zu verbringen. Am 19.Dezember aber bekamen sie die Nachricht, dass alle Deutschen wegen der Kämpfe aus dem Südsudan evakuiert werden, am 20. mussten sie morgens um 7 Uhr am Flughafen sein, mit nur 8 kg Gepäck pro Person. „Are you scared ?”, fragt die freundliche Irin beim Frühstück und meint, ob die beiden Angst haben, wieder zurückzukehren. Henner versteht die Frage falsch und antwortet, „Ja, wir machen uns Sorgen um unsere Kollegen und die Schüler dort.” Sie stehen über Handy mit Juba in Verbindung und wollen so schnell wie möglich zurück, wenn sich die Lage dort beruhigt hat. Birgit setzt mir auseinander, dass die Stämme immer schon gegeneinander Krieg geführt haben, aber leider jetzt durch die modernen Waffen der Blutzoll um ein Vielfaches gestiegen ist, und gleichzeitig frühere Tabus nicht mehr gelten, was bedeutet, dass heute auch Frauen und Kinder getötet werden. Ich frage sie, ob sie Soziologie studiert hat, weil sie so analytisch an ihre eigenen Erfahrungen herangehen kann. Sie verneint, aber sie will verstehen, aus welchen Gründen Menschen so handeln. Ich finde das sympathisch, denn sie bleibt nicht bei einem billigen Klischee stehen („Die dahinten in der Türkei schlagen sich schon wieder die Köpfe ein”), sondern sie will die Menschen verstehen, mit denen sie lebt. Und trotz der schlechten Erlebnisse (dass Henner seine Spiegelreflexkamera in Juba zurücklassen musste, erregt mein besonderes Mitgefühl) sind die beiden überhaupt nicht frustriert, weil sie eine Beziehung zu den Kollegen und Schülern dort aufgebaut haben, eine Erfahrung, die ich so ähnlich im letzten Artikel beschrieben habe.

Stau, Chaos, Gelassenheit

12. Januar 2014

stau Diesen Artikel schreibe ich im Stau in Dar es-Salaam. Ein neues Bussystem mit Extra-Spuren wird aufgebaut, deshalb ist die Straße eine einzige Baustelle, in der jeder an jedem Ort in jede Richtung fährt, insbesondere die Motorradfahrer (siehe Foto). Verkehrspolizisten gibt es zwar, aber die scheinen sich vor dem Chaos zu fürchten und stehen deshalb nur da, wo der Verkehr ordentlich fließt.
Ich bin auf dem Weg zu unserem Kloster in Tororo in Uganda, von dem ich möglichst viele Fotos für unsere Öffentlichkeitsarbeit machen soll. Als ich gestern (Freitag) früh den Koffer packte, sah ich, dass meine Aufenthaltserlaubnis vor vier Tagen abgelaufen war. Alle meinen, dass jetzt nur einer helfen könne, Pater Peter Wella, der Sekretär des Bischofs. Ich fahre also nach Njombe, in dem dunklen Büroflur der Bistumsverwaltung sitzt nur ein junger weißer Mann an seinem Laptop, der mir auf Deutsch sagt, dass er gerade eben mit Pater Wella bei der Ausländerbehörde war, aber dass der jetzt beim Zahnarzt ist. Also warten. Wir kommen ins Gespräch. Der junge Deutsche ist völlig frustriert und zählt nur noch die Tage bis zur Abreise. Er kannte über ein paar Ecken den Bischof und hat sich deshalb als Volontär zum Unterrichten an der bischöflichen Sekundarschule in Kilocha beworben. Seine Ansprechpartnerin in Njombe war eine 80-jährige Deutsche, die schon für den Vorvorvorgänger des Bischofs gearbeitet hat. Die hat vergessen, den Volontär am Flughafen abholen zu lassen. Dann hat sie vergessen, ihn in Njombe am Bus abholen zu lassen. In Kilocha haben sie mit ihm nichts anfangen können, er hat erst nach 10 Wochen anfangen können, zu unterrichten, und das auch nur zwei oder drei Stunden die Woche. Strom gibt es in Kilocha nur für wenige Stunden am Abend, wenn der Generator angeschaltet wird. Andere deutsche Volontäre gibt es zwar in den Nachbarorten, aber niemand hat sich darum gekümmert, ihn mit denen in Kontakt zu bringen. „Ich will nur noch weg,” lautet sein Fazit. Ich weiß, dass die Betreuung von Volontären hier oft wirklich schlecht ist, es kann aber auch sein, dass der junge Mann mit mehr Eigeninitiative bessere Erfahrungen hätte machen können. Jedenfalls tut es mir leid für ihn, dass sein Aufenthalt hier so verunglückt ist.
Ich selbst habe ja auch schlechte Erfahrungen gemacht, aber mein Gesamtbild vom Land wird eher durch die wunderbaren Menschen geprägt, die ich hier kennengelernt habe. Also, junge Deutsche, lasst Euch nicht abschrecken, kommt nach Tansania, aber plant den Einsatz gut und kommt am besten mit einer bewährten Organisation wie „Weltwärts”.
Um 12 Uhr werden wir zum Mittagessen am Tisch des Bischofs eingeladen (der selbst nicht da ist), danach führt mich ein Priester in die Privatwohnung von Pater Wella, der sich vorm Fernseher vom Zahnarzt („Nur eine Plombe eingesetzt, kein Zahn gezogen”) erholt. Sofort steht er auf und fährt mich zur Ausländerbehörde. Er macht mir aber nicht viel Hoffnung, „Die Reise kannst du vergessen. Du kannst höchstens Montag in Dar es-Salaam eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis beantragen und dann am Dienstag fliegen. Wenn du hier in Njombe den Antrag stellen würdest, dann würden die Unterlagen sowieso erst nach Dar es-Salaam geschickt.” Bei der Behörde angekommen, werden wir sofort vom Chef persönlich begrüßt – „Pater Wella ist eine wichtige Persönlichkeit, geh ja nicht ohne ihn zur Behörde, das schadet mehr, als dass es nützt”, hat man mir gesagt, der schlägt meinen Pass auf, sieht, dass die Erlaubnis vor vier Tagen abgelaufen ist, lacht, sagt, „Es gibt da eine grace period (Gnadenfrist) von anderthalb Monaten. Du kannst ohne weiteres ausreisen, wieder einreisen, und dann stellst du den Antrag auf Verlängerung.”
Und tatsächlich: Den Schluss dieses Artikels schreibe ich am Flughafen, kurz vorm Boarding. Der Grenzbeamte hat kein Problem gemacht. Aus dem Stau sind wir gestern auch rausgekommen, unserem Fahrer hat es offensichtlich Spaß gemacht, seine Fahrkünste zu zeigen und uns sicher durch das Chaos zu bringen. Die fröhliche Gelassenheit gehört auch zu den wunderbaren Eigenschaften der meisten Menschen hier.

Ich Ausbeuter

11. Januar 2014

Vor knapp zwei Jahren kam ein freundlicher Junge von ungefähr 16 Jahren in mein Büro und sagte, wir sollten ihm die Schulgebühren für die Berufsschule bezahlen. Ich fragte, wer ihn geschickt habe, und nach seiner Antwort „Br.Plasido von Uwemba” schmiss ich ihn hinaus. Schließlich wusste ich, dass es in Uwemba keinen Br.Plasido gab.
Diese Woche kam er wieder zu mir, diesmal in das Büro, das ich mir in Uwemba mit Br.Plasido teile. Zwei weitere Jahre Ausbildung hat Paul noch vor sich, dann soll er bei uns in der Installations-Werkstatt anfangen. Wir hatten deshalb beschlossen, dass es jetzt Zeit ist, dass er einen förmlichen Vertrag unterschreibt und sich für fünf Jahre verpflichtet. Als ich von „fünf Jahren” rede, zuckt es in seinem Gesicht, und ich überlege, ob das wohl schon Ausbeutung ist. Aber er zögert keine Sekunde mit der Unterschrift. Als er ein paar Tage später wiederkommt, um sich Schulgebühren und Taschengeld in bar abzuholen, macht er einen noch fröhlicheren Eindruck als sonst und zeigt stolz sein Zeugnis vom Ende des zweiten Berufsschuljahres, „Bester in der Installateurs-Klasse (sieben Auszubildende). Bemerkungen: Gut, könnte aber fleißiger sein”. Ich frage nach, wie das mit dem „fleißiger sein“ zu verstehen ist. Er: „Das schreiben sie bei allen.“ Er erzählt noch ein bisschen von sich: 21 Jahre alt, seit vielen Jahren Vollwaise. Die jüngeren vier Geschwister leben bei einem Onkel, er selbst wohnt im Elternhaus, wo er „von sich selbst abhängt”. Der Suaheli-Ausdruck lässt sich mit „selbständig sein” übersetzen, oder auch mit „sich selbst überlassen sein”. Immerhin wohnt ein anderer Onkel in der Nähe. Ich vermute, dass er sich einfach freut, für fünf Jahre nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, sondern auch einen Platz, an dem er erwünscht ist.
Die Sache mit Br.Plasido hatte sich damals schon am nächsten Tag durch einen Anruf aus Uwemba aufgeklärt; ich hatte nicht gewusst, dass er aus einem kenianischen Kloster recht plötzlich nach Uwemba gekommen war (ja, ja, die leidigen Stammeskonflikte). Seitdem haben wir schon öfter über das damalige Missverständnis gelacht.