Archive for März 2012

Von Weltreisenden und betrunkenen Helden

26. März 2012

Andreas Hommel, mein „Konkurrenz-Blogger“, ist seit gestern früh auf dem Weg nach Dar es-Salaam, von dort will er nach Neuseeland fliegen. Drei Monate Tansania, drei Monate Neuseeland, schließlich drei Monate Australien, so sieht die Weltreise durch lauter Links-Fahr-Länder aus, auf der er sich befindet. Danach muss er zu seinem Arbeitgeber zurück, denn er hat für diese Reise nicht etwa gekündigt oder unbezahlten Urlaub bekommen – nein, der Hobby-Marathonläufer hat sich auch beruflich sehr angestrengt und baut jetzt seine Überstunden ab ! Also, Andreas: Safari njema, es war schön, Dich hier kennen gelernt zu haben, wir werden Dich vermissen. (Für alle, die kein Suaheli können: Safari njema heißt „Gute Reise“)
Erich Lochow ist zum Glück noch da. Der KfZ-Mechaniker arbeitet seit knapp 3 Jahren bei uns. Vorher hat er schon in diversen anderen Ländern gearbeitet, am besten hat es ihm in Laos gefallen. „Laotisch ist mir nicht schwer gefallen, das ist eng mit Thai verwandt, und Thai konnte ich ja schon.“ Als nächsten Einsatz hat man ihm Vietnam vorgeschlagen, aber er zögert noch, denn: „Mit 62 Jahren soll ich noch Vietnamesisch lernen ?“ Als wir neulich bei ihm und seiner thailändischen Frau Noi eingeladen waren (das Foto zeigt ihn zwischen Br.Dietmar und Andreas), befand sich die Tochter, eine Flugbegleiterin, gerade in den USA, der Sohn gerade in Australien. So waren alle fünf Kontinente im Gespräch vertreten. Die netteste Geschichte aus seinem reichen Erfahrungsschatz: Bei einem früheren Einsatz im Norden Tansanias bat der Nachbar, seine gerade verstorbene Mutter in der Tiefkühltruhe der Lochows ablegen zu dürfen, weil in der städtischen Leichenhalle die Kühlung immer ausfiel. Auf die Antwort, dass die Truhe voller Wurst sei, sagte der Nachbar: „Mutter ist ziemlich klein.“ Die beiden haben natürlich abgelehnt, was der Nachbar wiederum gar nicht verstehen konnte.
Calvin muss ich natürlich auch erwähnen. Dieser Südafrikaner mit englischer Staatsbürgerschaft radelte in Mbamba Bay an der Bar vorbei, wo wir uns gerade von der Fahrt erholten. Er sah uns, wendete und sagte: „Ich habe seit Wochen keine Weißen mehr gesehen.“ Von den 16 000 km zwischen London und Durban hat er bereits 12 000 mit dem Fahrrad zurückgelegt, wobei er allerdings ein bisschen gemogelt hat, indem er von Italien bis Kairo das Flugzeug benutzt hat. In Mbamba Bay musste er auf ein Boot warten, das ihn auf die andere Seite des Sees bringt, so hatte er seine 75 kg Gepäck in der Unterkunft gelassen und war noch ein wenig ohne Gepäck durch den Ort gefahren.
Adelin hat uns in Mbamba Bay mit dem Boot gefahren. Vor Jahren hat ein Krokodil seinen Arm geschnappt. Oft gehen Begegnungen mit Krokodilen tödlich aus, aber er konnte sich losreißen. Das Krokodil erwischte dann den anderen Arm, aber er entkam ein zweites Mal. Die Narben sind noch da, aber er hat sein Leben und beide Arme behalten. Als ich ihn auf diese Geschichte, die in Mbamba Bay jeder zu kennen scheint, anspreche, sagt er, ich solle ihn doch bitte nicht an diese bitteren Dinge erinnern. Wieso, frage ich, das sei doch eine Heldentat gewesen. Am Abend kommt er an der Bar vorbei (so wie Calvin am Vortag), der Abt lädt ihn zu einem Bier ein. Er aber lehnt dankend ab: Er trinkt keinen Alkohol mehr, seit das mit dem Krokodil passiert ist, denn damals war er betrunken.
Das untere Foto zeigt ihn, wie er mit seinem Einbaum den Außenbordmotor und den Benzinkanister zu dem Motorboot hinrudert, mit dem wir dann gefahren sind.

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Drei-Vater und Scharia-Tochter

18. März 2012

Von unserem Warenwirtschaftler (siehe vorigen Artikel) erhielt ich letzten Montag eine SMS: „Entschuldige, dass ich mich nicht abgemeldet habe; meine Frau musste plötzlich ins Krankenhaus.“ Seine Familie wohnt in Mbeya, das ist fast eine Tagesreise mit dem Bus. Ich wusste schon, dass seine Frau Zwillinge erwartet, aber am Nachmittag kam dann die Nachricht, dass nicht zwei, sondern drei gesunde Kinder zur Welt gekommen sind, alles Mädchen. Sein neuer Spitzname lautet Baba Tatu (Drei-Vater), allerdings hat er mit den älteren Kindern zusammen jetzt insgesamt sechs Kinder. Br.Alfons meint zu der Nachricht, „Oh, das ist heutzutage nicht mehr einfach, so viele Kinder zu haben. Es ist einfach zu teuer. Viele Ehepaare haben nur noch wenige Kinder. Es ist auch nicht mehr ungewöhnlich, wenn junge Menschen als Singles leben. Vor zehn Jahren war das noch anders.“
Eine dieser modernen Single-Frauen habe ich vor ein paar Tagen kennengelernt, als sie ein Haus von der Abtei gemietet hat. Sie ist mwana-sheria, „Tochter der Scharia“. Das arabische Wort Scharia lässt uns nicht gerade an selbstbewusste junge Frauen denken, aber es bedeutet einfach „Gesetz“, und so ist ein „Kind der Scharia“ nichts anderes als eine Juristin oder ein Jurist, in diesem Falle eine junge Richterin, die gerade an das Amtsgericht Peramiho versetzt wurde.
Tansania ist sicherlich noch weit von den Problemen einer überalterten Gesellschaft entfernt, aber es gibt inzwischen Anzeichen, dass sich das Bevölkerungswachstum abschwächt, wozu auch gehört, dass die Frauen nicht mehr auf „Küche und Kinder“ festgelegt sind.

Amani, Friede

11. März 2012

Über deutsche Unternehmen heißt es, wir hätten eine „Konsenskultur“, d.h. der Chef bemüht sich normalerweise um den Konsens der Mitarbeiter. In Tansania spricht man nicht von „Konsens“, sondern von „amani“, „Friede“. Das geht dann zum Beispiel so:
Wir beschäftigen seit Jahresanfang Herrn Kafupi, einen Warenwirtschaftler mit Universitätsabschluss, der die Vorratshaltung und den Einkauf koordinieren soll.
Auch in deutschen Firmen oder Klöstern kommt es schon mal vor, dass Abteilungen empfindlich auf Eingriffe der Verwaltung reagieren. Weil es hieß, dass die beiden Leiter der Autowerkstatt Vorbehalte gegen Herrn Kafupi hätten, bin ich vor einiger Zeit zusammen mit Br.Petro in die Werkstatt gegangen und habe Br.X., den einen Werkstattleiter, freundlich um eine Zusammenarbeit in „amani“ gebeten. Sein Kollege war nicht da, obwohl er mir das am Tag vorher noch zugesagt hatte.
Am letzten Dienstag hat Herr Kafupi dann von seinem Besuch in der Autowerkstatt erzählt: „Die beiden Leiter haben keine Zeit für mich. Ihre Mitarbeiter können mir den Lagerbestand nicht erklären, weil die einen sich nur mit kleinen Autos und die anderen nur mit großen auskennen. Sie haben mir gesagt, ich solle in drei Monaten wiederkommen.“ Auch in Deutschland werden oft vorgeschobene Argumente benutzt, aber meistens sind die nicht so offensichtlicher Blödsinn.
Was das weitere Vorgehen angeht, nutze ich die Vorteile des Konsensprinzips, ich treffe mich nämlich jeden Morgen mit den Mitarbeitern der Verwaltung. „Wir müssen psychologisch vorgehen, es soll nicht so aussehen, als ob wir sie kontrollierten wollten,“ meint Herr Elias. So weit kann ich mit meiner deutschen Erfahrung folgen, aber was dann kommt, ist wohl typisch tansanisch: Am nächsten Tag gehen wir zu dritt in die Autowerkstatt, Br.Petro, Herr Kafupi und ich. Beide Werkstattleiter sind da und erklären nochmals ausführlich das Problem, das wir schon kennen. Herr Kafupi erklärt sachlich seinen Standpunkt. Ich habe den Eindruck, dass keiner von uns sich so richtig wohl fühlt in seiner Haut, es liegt zwar keine Aggression in der Luft, aber ich befürchte, dass die Stimmung kippen könnte. Das tut sie dann auch, aber anders als befürchtet. Ich legen den Kompromissvorschlag vor, den wir in der Verwaltung besprochen haben, und die Werkstattleiter sagen einfach, „Ja.“ Wir reden noch einige Zeit weiter, dann gehen wir drei fröhlich aus der Werkstatt hinaus, Br.Petro meint: „Sie haben ihn akzeptiert.“
Das Komische ist, dass ich immer noch nicht weiß, was eigentlich passiert ist. Der Kompromissvorschlag (ein Mitarbeiter, der sich sowohl mit kleinen als auch mit großen Autos auskennt) kann es nicht gewesen sein, weil die Sachargumente ja nur vorgeschoben waren. Ich vermute, dass wir einfach lange genug miteinander geredet haben, um uns gegenseitig zu zeigen, dass wir keine bösen Absichten haben.

Bin ich im Urwald oder in der Zivilisation ?

6. März 2012

Br.Augustin studiert in Iringa, einer Großstadt auf halbem Weg nach Dar es-Salaam. Weil er etwas außerhalb wohnt, nennen ihn seine Mitstudenten scherzhaft „mashenzini“, ungefähr „Mann aus dem Busch“. Die Tansanier haben ziemlich ähnliche Vorstellungen wie wir über „Zivilisation“ einerseits und „Wildnis / Busch / Barbarei“ andererseits. Und gerade gebildete Afrikaner können sehr empfindlich sein, wenn es um Begriffe wie „Busch“ geht. Neulich fragte ich Br.Augustin scherzhaft, „Was gibt’s Neues aus dem Busch ?“, als Br.Mukasa vorbeikam. „Sei vorsichtig mit solchen Wörtern,“ ermahnte Mukasa mich, der den Spitznamen von Augustin anscheinend nicht kannte.
Peramiho kommt mir ziemlich zivilisiert vor: Bei der Schulfeier unterhalten sich die Leute darüber, welche Schule die beste ist, und wie man am besten Karriere machen kann, sie schenken ihren Kindern Digitalkameras zum Abitur und telefonieren ununterbrochen mit ihren Handys. Ich habe den Eindruck einer bürgerlichen Welt, in der es dieselben Typen von Menschen gibt, die ich auch aus Deutschland kenne.
Und dann gehe ich abends durch Peramiho, sehe die Straßenbeleuchtung, und weiß, dass es drumherum nur Dunkelheit gibt – das nächste elektrische Licht befindet sich 25 km entfernt in der Bezirksstadt Songea, und auch dort nur in einigen Stadtvierteln. Und denke daran, dass dort Menschen ermordet werden, um ihre Organe für schwarze Magie zu benutzen.
Das wiederum lese ich in den Internet-Ausgaben verschiedener tansanischer Tageszeitungen nach. Und als das Internet neulich nicht funktionierte, rief ich mal eben über Handy bei der Telefongesellschaft TTCL an, und nach wenigen Stunden ging es wieder.
In Deutschland ist die Bildung zum Glück viel weiter verbreitet, der Aberglaube bestimmt das Leben in viel geringerem Maße als hier in Tansania, so dachte ich bis zum Samstag. Dann las ich in der „Zeit“ (die hier mit einiger Verspätung ankommt), dass der RWE-Manager Fritz Vahrenholt mit kräftiger Unterstützung von „Bild“ den Klimawandel in Frage stellt – schwärzester Aberglaube (bzw. Missachtung sämtlicher wissenschaftlicher Standards) im Interesse seines Unternehmens.
„Der Firnis der Zivilisation ist dünn“, heißt es (Ich wüsste gerne mal, wer das gesagt hat) – das gilt hier, aber leider auch in Deutschland.
Das Foto habe ich vor drei Jahren beim Flug über Songea aufgenommen (spezieller Gruß an die, die damals mitgeflogen sind 😉 – es zeigt im Zentrum das Fußballstadion und die Kathedrale (in Kreuzform).