Archive for November 2009

Guatapé

30. November 2009

Am Sonntag (22.11.), eine halbe Stunde nach Laudes (Morgengebet) und Frühstück, klopft Br.Martin an meine Tür. „Die haben jetzt Bibelteilen, danach ist Terz (Gebet um 9 Uhr), dann ist Messe.“ Ich nehme seinen spöttischen Ton auf: „Aber am Sonntag gibt es keine Sext (Gebet um 12 Uhr) und am Nachmittag ist frei – zwei Stunden lang, zwischen Non (Gebet um 15 Uhr) und Vesper (Abendgebet).“ – „Die gehen ständig nur in die Kirche, aber Werkstätten haben sie nicht.“ Die Komplet (Nachtgebet) und die Vigilien (erstes Morgengebet, um 4:30 Uhr) haben wir noch gar nicht erwähnt.
Ja, es ist wahr – Martin und ich spotten über die Mönche von Guatapé, weil sie zu viel beten. Schließlich haben wir auf Kuba unsere fünf täglichen Gebetszeiten so eingerichtet, dass zwischendurch auch noch Zeit für anderes bleibt, zum Beispiel für Arbeit. Aber unser Spott ist freundlich gemeint, denn Guatapé ist ein sehr angenehmer Ort, still an einem Berghang gelegen, Kirche und Kloster erst vor wenigen Jahren in einem schlichten Stil nach italienischem Vorbild gebaut, zur Landschaft passend. Die Abwesenheit von religiösem Kitsch, der an vielen anderen Orten Kolumbiens das Auge verletzt, tut wohl.
Guatapé (in der Nähe von Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens) ist der dritte Ort unserer Reise, nach Güigüe in Venezuela und El Rosal (bei Bogotá). Während die beiden Klöster, die wir zuerst besucht haben, zur selben Kongregation von St.Ottilien gehören wie wir auch, gibt Guatapé uns die Möglichkeit, eine andere Spielart der benediktinischen Tradition kennen zu lernen. P.Lorenzo, der Gründer, hat im Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) gekämpft, ist dann in Montserrat (bei Barcelona) eingetreten, später wurde er in die Neugründung in Medellín gesandt. Medellín hat er dann mit einer Gruppe von Brüdern verlassen, um einen anderen, kontemplativeren Lebensstil zu suchen. Gerade ist er 90 Jahre alt geworden, aufgrund seiner schlechten Gesundheit ist ein längeres Gespräch mit ihm leider nicht möglich.

Heiter und bedrückend

27. November 2009

Sonntags gehört Bogotá den Fußgängern und Radfahrern. Die Ciclovia („Radweg“) ist seit Jahrzehnten eine feste Einrichtung und bedeutet, dass einige der wichtigsten Durchgangsstraßen für den motorisierten Verkehr gesperrt sind. Die Straßen sind voller Spaziergänger, Radfahrer und Inline-Skater, viele Familien mit Kindern dabei. Die Atmosphäre ist sehr friedlich, so dass man sich fragt, wieso eigentlich so viele Polizisten in der Menge zu sehen sind.
Das Foto zeigt die Straße vor der Kathedrale, im Hintergrund der Justizpalast. Das grüne Ding ist dasselbe wie in dem Foto vom vorletzten Artikel. Wieso nur ist es in Kolumbien nicht möglich, eine harmlose Beschreibung eines heiteren Sonntags auch ganz harmlos zu beenden ? Der Justizpalast ist ein Neubau, denn der Vorgängerbau wurde in den 1980er Jahren von der Guerilla „M-19“ erobert, und bei der Rückeroberung durch das Militär wurde er zerstört; hunderte von Menschen, darunter einige der höchsten Richter, kamen ums Leben.
1991 wurde die Verfassung geändert, „seitdem gibt es keinen Grund mehr, mit Gewalt gegen den Staat zu kämpfen“, so sagt Br.Jaime Tomás, der ehemalige Polizeioffizier. Die „M-19“ hat seitdem ihren Frieden mit dem Staat gemacht, einige ihrer ehemaligen Anführer sitzen heute im Senat, einer ist Gouverneur eines Departements. Die FARC-Guerilla allerdings mordet und entführt immer noch.

„Was für ein liebenswürdiges Land“

26. November 2009

„Von Bogotá nach Medellin könnt ihr den Bus nehmen,“ meinte P.Marcos Antonio, als wir ihm von unseren Reiseplänen in Kolumbien erzählten. „Wir haben schon ein Flugticket,“ sage ich. Er daraufhin: „Ach, das ist auch sicherer. Die Busse werden manchmal von der Guerilla überfallen, und die entführen bevorzugt Ausländer, weil die mehr Lösegeld einbringen.“
Es wird Zeit, von den hässlichen Seiten Kolumbiens zu berichten. Wenn man sich die riesigen Einkaufszentren in Bogotá anschaut, die vielen Autos, die guten Straßen, das gut funktionierende öffentliche Nahverkehrssystem, dann wird klar: Viele Menschen hier haben Geld. Das Geld kommt ins Land durch den Export von Öl, Kohle, Kaffee, Schnittblumen und – Kokain. Und dann gibt es noch einen Wirtschaftszweig, durch den zwar kein Geld ins Land kommt, der aber trotzdem vielen Menschen – meist Männern – Arbeit und Einkommen verschafft: Die Gewalt. Es gibt die kommunistische Guerilla FARC, dann gibt es die Paramilitärs, die manchmal gegen die Guerilla, manchmal aber auch gegen harmlose Zivilisten kämpfen. Dann gibt es die verschiedensten Kokain-Banden, die sowohl mit der Guerilla als auch mit den Paramilitärs zusammenarbeiten. Und weil das alles so ist, braucht der Staat natürlich ganz viel Polizei und Militär.
In Bogotá stehen an fast jeder Ecke zwei Polizisten (das Foto habe ich vor dem Präsidentenpalast gemacht), trotzdem raten mir Kolumbianer ständig, meine Kamera in der Tasche zu lassen, damit niemand sie sieht. Und als ich am zum ersten Mal alleine in die Stadt fuhr (ohne Kamera), lautete der Ratschlag des Novizen Jaime Tomás: „Desconfianza – Misstrauen“. Er ist ehemaliger Polizei-Offizier. Br.Martin wurde auf einem ganz normalen Bürgersteig in Bogotá von der Polizei kontrolliert; er musste sich mit ausgebreiteten Armen abtasten lassen. Ich sagte dem Polizisten: „Was für ein liebenswürdiges Land“, und hoffe, dass er meine Ironie verstanden hat.

„Und wofür ist Benedikt gut ?“

26. November 2009

„Und wofür ist Benedikt gut ?“

Eines Nachmittags in El Rosal: Ich komme zufällig in dem kleinen Laden des Klosters vorbei und sehe, wie Br.Santiago einer Kundin verschiedene Medaillen zeigt, mit Darstellungen der heiligen Maria, von Jesus und so weiter. Mein Blick fällt auf eine Medaille mit dem Bild des heiligen Benedikt. Ich mische mich ein (in Deutschland wäre das unhöflich, hier nicht): „Ist das Benedikt ?“. Die Kundin fragt: „Para que es ?“ Santiago antwortet ausweichend: „Das ist der Gründer der Benediktiner.“ Habe ich die Kundin richtig verstanden ? Am Abend frage ich nach. Ja, sie hat tatsächlich gefragt, „Wofür ist der gut ?“, als ob die Medaille eine Medizin gegen bestimmte Krankheiten wäre. Und ich erfahre auch, wofür unser Ordensvater gut ist. P.Norbert erzählt, wie er einmal zufällig ein Bild von Benedikt aufhängte, als Besuch kam. Er bat den Besuch, zu schauen, ob das Bild schief hänge. P.Norbert ist Österreicher und wusste nicht, was er mit seiner Bitte anrichtete. Nach kolumbianischem Aberglauben vertreibt der heilige Benedikt nämlich böse Nachbarn.

Bogotá

26. November 2009

„Die Orientierung in Bogotá ist ganz einfach,“ sagt P.Marcus uns. In den ersten Tagen glaube ich ihm das nicht (siehe Foto oben), aber dann ist alles klar: Die Stadt liegt am Fuß einer Bergkette, alle Straßen, die parallel zur Bergkette verlaufen, heißen „Carrera“ („Fahrt“ oder „Bahn“) und sind durchnummeriert, die niedrigsten Nummern direkt am Fuß der Berge. Und die Straßen, die senkrecht dazu verlaufen, heißen „Calle“ („Straße“) und sind ebenfalls durchnummeriert. Die Straße, die wir immer von El Rosal her kommen, ist Calle 80, links davon sind die höheren Nummern, rechts davon die niedrigeren, hin zum Stadtzentrum. Im Zentrum befindet sich die Plaza Bolívar, wo sich die ganze Macht Kolumbiens präsentiert: An der einen Seite die Kathedrale, gegenüber das Bürgermeisteramt, rechts der Präsidentenpalast, links der Justizpalast. Das grüne Ding auf dem Foto zwischen Justizpalast und Kathedrale soll übrigens ein Weihnachtsbaum sein.

Das untere Foto habe ich nicht etwa aus einem Geschichtsbuch gescannt; die Wachen des Präsidentenpalastes sehen wirklich so aus.

Und wieder da …

26. November 2009

Heute Morgen sind wir in Medellín eingetroffen. Eigentlich war nur ein Tagesausflug in diese zweitgroesste Stadt Kolumbiens geplant, da wir am aber Samstag am fruehen Morgen von hier abfliegen muessen, fahren wir nicht mehr nach Guatapé zurueck, sondern bleiben zwei Naechte im hiesigen Benediktinerkloster. Hier habe ich mal wieder Breitband-Internet, und jetzt will ich erst einmal die Artikel loswerden, die ich unterwegs ins Notebook getippt habe.

In einer wunderschoenen Berglandschaft …

20. November 2009

Gestern sind wir in Guatapé angekommen, der dritten und letzten Station unserer Suedamerika-Reise. Es ist ein Kloster wie aus dem Bilderbuch: In einer wunderschoenen Berglandschaft, sehr stilvoll und schlicht und mit einer sehr, sehr langsamen Internetverbindung. Deshalb werde ich erst wieder Anfang Dezember bloggen, wenn wir wieder in Kuba sind. Bis dann !

Höhepunkt meines bisherigen Lebens

18. November 2009

Unsere Brüder hier in El Rosal haben sich freundlicherweise vorgenommen, uns in zwei Wochen alle Attraktionen von Bogotá und Cundinamarca (so heißt das Departement rund um Bogotá) zu zeigen. So kamen wir am Sonntag nicht nur in das fabelhafte Museo de Oro (Goldmuseum, wunderbare Goldarbeiten der Indios aus der Zeit vor der spanischen Erorberung – sonntags ist der Eintritt frei), sondern auch nach Monserrate.

Bogotá liegt auf über 2600 m Meereshöhe am Rand der Sabana (Hochebene), die von einer steilen Bergkette begrenzt wird. Oben auf der Bergkette befindet sich die Wallfahrtskirche des Señor Caído, des „Gefallenen Herrn“, die besonders am Karfreitag, aber auch das ganze Jahr über von zahlreichen Pilgern besucht wird. Die Lage ist einfach genial: Man kann vom Zentrum der Altstadt zu Fuß zur Talstation gehen und dann per teleférico (Seilbahn) oder funicular (kann mir bitte jemand mit dem deutschen Wort für ein seilgezogenes Schienenfahrzeug aushelfen ?) mal eben schnell auf 3152 m hochfahren. So hoch war ich in meinem ganzen Leben noch nie. Das Foto zeigt den Blick vom Eingang der Wallfahrtskirche; Bogotá liegt rechts unter den Wolken.

Gestern ging es dann zur Abwechslung in den Berg, nach Zipaquirá, einer Salzmine, die schon 1801 von Alexander von Humboldt besucht worden ist. In den nicht mehr genutzten Teilen befinden sich heute ein Bergbaumuseum und – eine Kirche, die Catedral de Sal, Salzkathedrale, komplett mit Kreuzweg, Krippe (siehe Foto), Seitenkapellen, Kirchenbänken und Altar. Wenn man sie mit dem eigenen Auge sieht, wirken die Farben übrigens nicht so kitschig wie auf dem Foto, weil sich das Auge anders auf die Dunkelheit einstellt als die Kamera.

„Unsere Waren sind weniger wert“

17. November 2009

„Ich habe meine Espejuelos nicht auf.“ – „Du hast Glück, dass ich dieses Wort verstehe. Die meisten Leute hier kennen nur die Wörter Anteojos (Vor-Augen) oder Lentes (Linsen)“, so wies mich Br.Alexander vor gut zwei Wochen auf die Sprachunterschiede zwischen Kuba, wo ich das Wort Espejuelos gelernt hatte, und Venezuela hin. Hier in Kolumbien heißt dieselbe Sache Gafas, ein Spanier, den wir auf Kuba kennen, benutzt dasselbe Wort.

Ein großer Supermarkt hat hier die Werbung „Vale menos“. Mit meinem kubanischen Spanisch habe ich das als „Ist weniger wert“ übersetzt. In Kuba habe ich eine Werbung „Vale mas, gasta menos“ gesehen – „Ist mehr wert, kostet weniger.“

Die Lösung des Rätsels ist in diesem Fall natürlich, dass „Vale“ in Kolumbien „es ist wert“ bedeutet, in Kuba dagegen „es kostet“.

Überorganisiert oder unterorganisiert ?

14. November 2009

Jedes Motorrad hat hier drei- bis fünfmal dieselbe Nummer: Auf dem Nummernschild, auf der Weste des Fahrers und auf seinem Helm (siehe Foto oben). Auch der Beifahrer trägt dieselbe Nummer auf der Weste und auf dem Helm.
Beim Geldwechseln muss man den Pass zeigen, stundenlang warten, bis der unfreundliche Bankangestellte den Pass kopiert hat, ein Formular unterschreiben und seinen Fingerabdruck auf dem Formular hinterlassen.
Eine typische Hauptstraße in Bogota hat einen breiten Bürgersteig, einen Radweg, dann zwei Fahrbahnen für normalen Verkehr, zwei durch einen Bordstein abgetrennte Fahrbahnen für das gut ausgebaute Schnellbus-System, in Gegenrichtung wieder zwei Fahrbahnen für die Schnellbusse („Transmilenio“), zwei Fahrbahnen für normalen Verkehr, Radweg und Bürgersteig. Von acht Fahrbahnen sind wirklich vier für die Schnellbusse reserviert und werden auch ausschließlich von diesen benutzt.
Bei so viel Organisation hatte ich mich darauf eingestellt, dass es wohl recht kompliziert würde, an eine kolumbianische SIM-Karte für mein Handy zu kommen. In der Kleinstadt El Rosal gibt es einen Laden, an dem groß „Comcel“ steht (was natürlich der Name des größten kolumbianischen Mobilfunkbetreibers ist), der innen aus einem Tisch mit drei Stühlen und einem ständig laufenden Fernseher besteht. Der freundliche junge Mann dort schiebt eine auf dem Tisch herumliegende SIM-Karte in mein Handy, stellt fest, dass es nicht funktioniert, nimmt die nächste und dann die dritte. Die funktioniert dann endlich. Kein Pass, kein Fingerabdruck und das ganze für 5000 Peso (2 Euro), in denen noch 3000 Peso Startguthaben eingeschlossen sind.

Das Foto unten hat nichts mit dem Artikel zu tun. Br.Manuel hat gestern beim gemeinsamen Spülen erzählt, dass er auf mein Blog gestoßen ist. Ich könnte ja sein Foto hineinsetzen, witzelte ich. „Ja, das Bild von der Wanderung, wie ich über den Weidezaun gestiegen bin“, gab er zurück. Muchos saludos, hermano Manuel, siempre a la orden. („Immer zu Befehl“, so sagt man hier als Antwort auf „Danke“.)