Archive for August 2012

Feiern oder nicht ?

22. August 2012

Am Montag kam mal wieder die Frage auf, ob Feiertag sei oder nicht. Id al-Fitr, das „Zuckerfest“ nach dem Ende des Ramadan, findet statt, wenn der neue Monat beginnt. Und der neue Monat beginnt – wie der Name sagt – mit der Sichtung des neuen Mondes. Am Sonntag trug der Wächter an unserer Einfahrt über seiner grünen Uniform einen weißen Talar, die hier übliche Gewandung der gelehrten oder frommen oder festlich gestimmten Muslime. Ich wünschte ihm Glück zum Fest, erfuhr, dass er nach dem Fest nochmals sechs Tage fasten würde, „um Gott zu ehren“, und wusste damit, dass das Zuckerfest diesmal auf den Sonntag gefallen war. Beim Abendessen fragte mich Br.Dietmar, ob denn am Montag Arbeitstag sei. Ich: „Id ist schon heute, morgen ist also Arbeitstag.“ Er: „Aber es wird doch zwei Tage lang gefeiert.“ Wir fragten Br.Alfons, Br.Alfons fragte Prior Fidelis. Die Antwort kam zurück: „Morgen ist Arbeitstag.“ Der Prior ist unser Spezialist für tansanisches Recht, also wird er es wohl wissen.
Am Montag treffe ich Sr.Deogratia, die Leiterin der Elektrowerkstatt. „Das Krankenhaus hat zu, die Schule hat zu, in der Druckerei ist die halbe Belegschaft nicht erschienen, nur wir müssen arbeiten,“ beschwert sie sich, „Ich habe Ayubu schon gesagt, er soll nach Hause gehen, aber er ist immer noch da.“ Ayubu ist der einzige muslimische Elektriker, und nebenbei hat er eine der wichtigsten Aufgaben in Peramiho, weil er nämlich – abwechselnd mit einem Kollegen – nachts dafür sorgt, dass der Generator nicht ausfällt. Ich zögere etwas, ihm zum Fest zu gratulieren, schließlich hat mir neulich ein Freund von ihm in seiner Gegenwart erklärt, dass er zwar Muslim sei, aber „eigentlich gehört er zu uns. Er betet lieber in der Kirche als in der Moschee.“
Es gibt auf der tansanischen Insel Sansibar seit neuem eine Bewegung namens „Erweckung“, die Ausländerfeindlichkeit, Forderung nach Unabhängigkeit und Hass auf Christen miteinander verbindet, aber in unserer Gegend sind die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen freundschaftlich-entspannt, das hängt auch mit der Mentalität der Tansanier zusammen, alles nicht so furchtbar ernst zu nehmen.

Wenn die deutsche Geschichte einen einholt

16. August 2012

Am Dienstag treffe ich zwei alte Herren auf einer Bank. Pater Bruno kenne ich schon. Er meint: „Du hast heute Morgen aber nicht gesagt, wer ihn ermordet hat. Hast du dich geschämt ?“ Damit spielt er auf meine Einleitung in die Messe am Gedenktag von Maximilian Kolbe an, der 1941 in Auschwitz ermordet wurde. „Doch,“ sage ich, „ich habe die ‚Regierung von Hitler, dem Deutschen‘ genannt. Danke übrigens, dass du mich an unsere Schande erinnerst,“ setze ich halb scherzhaft hinzu. Wie erklärt man einem tansanischen Priester, der nie in Deutschland war, und sicherlich nicht den geschichtlichen Hintergrund beurteilen kann, unser Verhältnis zu Hitler ? Soll ich jetzt eine lange Vorlesung über die zwiespältige Rolle der Kirche im Nationalsozialismus halten ?
Der Geschichtslehrer in mir entscheidet sich für die didaktischen Methoden „Vereinfachung“ und „Bezug zur Lebenswelt der Zuhörer“: „Hitler war auch ein Feind der Kirche. Zum Beispiel hat er alle Klöster unserer Kongregation aufgehoben. Deshalb ist ja auch die Kirche hier in Peramiho völlig ohne europäisches Geld gebaut worden, vor allem dank der Hilfe der Bewohner von Peramiho.“ Da steigt der andere alte Herr in das Gespräch ein: „Ich war damals Schüler. Und mit diesen Händen hier habe ich Ziegel für die Kirche geformt. 1943 war das. Und 1948 ist die Kirche geweiht worden. Da war ich Messdiener. Matthew hieß der Bischof, der sie geweiht hat.“ Pater Bruno fällt ein: „Bei der Kirchweihe war ich auch dabei.“ Die Leute von Peramiho sind auf die Kirche ungefähr so stolz wie die Kölner auf ihren Dom.

Das Ende der Sackgasse

4. August 2012


Vom Hafen in Dar es-Salaam zieht sich eine der Hauptverkehrsadern Afrikas bis nach Mbeya im äußersten Westen Tansanias, an der Grenze zu Sambia und Malawi. Sambia und Malawi haben keinen Zugang zum Meer und sind daher für alle Importwaren auf diese Straße und die parallele Eisenbahn angewiesen. Nur zwei Teerstraßen zweigen von dieser Hauptverkehrsader nach Süden ab, eine entlang der Küste im Osten, und die andere endete bisher direkt vor unserer Haustür. Dass eine Sackgasse von über 300 km Länge direkt zur Abtei Peramiho führt, hat mich so beeindruckt, dass ich dem Blog den Untertitel „Am Ende der Sackgasse“ gegeben habe. Das eigentliche Ziel der Straße ist die Bezirksstadt Songea, aber von dort hat man noch 30 km weiter asphaltiert, weil das Krankenhaus Peramiho eine so große Bedeutung hat.
Vor ein paar Wochen aber hat eine chinesische Firma die Teerstraße bis Mbinga fertiggestellt. Wenn man bisher an die Ecke auf dem Foto kam, folgte man fast automatisch der Teerstraße nach rechts nach Peramiho. Jetzt aber ist die Straße geradeaus zur Hauptstraße geworden, Peramiho liegt nicht mehr am Ende der Hauptstraße, sondern nur noch am Ende einer unbedeutenden Abzweigung.

Wenn Kulturen sich begegnen

1. August 2012

Am Samstag ist Br.Ludoviko zum Priester geweiht worden. Feste muss man feste feiern, das gilt besonders in Tansania. Ich habe zwar schon einige Feste hier miterlebt, aber auch für mich gab es noch Überraschungen, so zum Beispiel die Blaskapelle unseres Nachbar-Klosters Hanga, die extra angereist war (erstes Bild). Hanga war von Anfang an als Kloster nur für Afrikaner gedacht, ohne Europäer. Aber die oberbayerische Tradition der Blaskapellen wird heute dort gepflegt und nicht im ziemlich deutsch geprägten Peramiho.


Nach der eigentlichen Weihe hatten dann Ludovikos Tanten ihren großen Auftritt: Unter einer Art Indianergeheul stürmten sie den Altarraum und wälzten sich auf dem Boden. Frauen tun das hier bei festlichen Anlässen, um ihren Beifall auszudrücken. Wenn ich mir den Blick von P.Stephan (drittes Bild, am Lesepult) so ansehe, vermute ich, dass diese Art Beifall in seiner Heimat nicht üblich ist. Aber Ludoviko ist ein echter Ngoni, das heißt, er stammt aus der engeren Umgebung von Peramiho, und hier ist das halt so üblich.
Seit der allerersten Festmesse in Peramiho (Weihnachten 1898) gibt es die Tradition, dass danach Ngoni-Tänze aufgeführt werden. Ich habe schon öfter solche Tanzgruppen gesehen, aber noch nie in weißen Shorts und mit Fliege. Kurze Hosen sind hier absolut verpönt, nur Grundschüler tragen sie. Zum einen sind die Tansanier in Kleidungsdingen recht konservativ (Frauen in Hosen sieht man höchstens mal in der Stadt), und zum anderen erinnern kurze Hosen an die Soldaten der früheren englischen Kolonialmacht. Aber diese Tanzgruppe hat sich wohl in den letzten Jahren der englischen Herrschaft formiert und uralte Tänze mit der damals modernen Kleidung kombiniert. Dass eine Frau mittanzt (viertes Bild, mit roter Kappe), ist vermutlich hypermodern.
Auch ich habe etwas Exotisches für die Afrikaner; nachdem ich fotografiert habe, schauen sich die Tänzer die Fotos fasziniert auf meinem Display an.