Archive for Juni 2012

„Der letzte ist doch in den 1930er Jahren erschossen worden, oder ?“

17. Juni 2012

Die 4 Millionen, die unser Landwirt Br.Mauro dringend für Viehfutter brauchte, waren mir gerade wichtiger. Ich sah zwar, wie Br.Dominicus drei Gewehre aus dem Tresorraum neben meinem Büro entnahm, dachte aber nicht weiter darüber nach. Schließlich übergibt er die Gewehre jeden Abend den Nachtwächtern und sammelt sie am nächsten Morgen wieder ein. Außer den 4 Millionen Schilling (2000 Euro) war mir noch ein anderes Thema wichtig: Warum waren die Kühe von der etwas abgelegenen Weide beim Dorf Sinai noch immer nicht an die Schlachterei geliefert worden ? Mauro beruhigte mich: „Nächste Woche wird es losgehen. Übrigens, die Hirten haben Löwenspuren gesehen.“ Ich will es nicht glauben, denn Löwen passen genauso wenig in unser geordnetes Peramiho wie Gewehre. „Du sprichst von der Fußballmannschaft ?“ („Löwe“ heißt auf Suaheli Simba – das S am Anfang ist so scharf wie seine Zähne – und Simba ist auch der Name einer erfolgreichen Mannschaft aus Dar es-Salaam) – „Nein, ein echter.“ – „Moment mal, ich dachte, der letzte Löwe hier sei in den 30er Jahren erschossen worden.“ – „Nein,“ korrigiert Mauro mich, „in den 90ern.“ Deshalb also die Gewehre ! Die Wächter gehen jetzt nach Sinai, um die Kuhherde zu schützen. Aber wirklich beunruhigt ist keiner, denn in Peramiho selbst ist wirklich seit 80 Jahren kein Löwe mehr gewesen – zu viele Menschen. Der Vorfall war am Mittwoch, seitdem hat niemand mehr etwas von dem Löwen gehört, geschweige denn gesehen. Das Foto stammt daher aus dem Ruaha-Park.

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Bin ich im Urwald oder in Oberbayern ?

11. Juni 2012

Fronleichnam ist hier kein staatlicher Feiertag, deshalb wird die Prozession am Sonntag nachgeholt. Schon vor vier Jahren war ich dabei, und gestern beschlich mich wieder dasselbe Gefühl wie damals: Die Missionare haben hier versucht, eine Kopie ihrer Heimat zu schaffen, und für die meisten von ihnen war das ein bayerisches Dorf. Zumindest stelle ich mir vor, dass die Dorfprozessionen am Main und südlich davon auch so ablaufen: Der Priester mit der Monstranz unter einem Baldachin, davor der rückwärts gehende Messdiener, der das Allerheiligste beweihräuchert, die kleinen Mädchen, die Blumen streuen, der Fahnenschmuck überall. Schülerinnen, Mönche, Schwestern, Männer und Frauen gehen in getrennten Gruppen, die Ordner bemühen sich ernsthaft und relativ erfolgreich, für Ordnung zu sorgen. Einer von ihnen blickt so streng (Foto oben), dass ich an den bayerischen Wachtmeister denken muss, der mir einmal 5 Mark wegen freihändigen Fahrradfahrens abgeknöpft hat (auf einem breiten Radweg, außer mir und ihm war kein Mensch weit und breit zu sehen, und ich war sogar auf dem Weg zur Kirche !). Zum Abschluss wird „Großer Gott, wir loben dich“ gesungen (Melodie Wien 1776, Text auf Suaheli), mit Orgelbegleitung.
Beim anschließenden Mittagessen bittet Br.Dietmar mich um die Fotos, „damit ich sie daheim zeigen kann“. Br.Dietmar ist bayerischer Schwabe und war der einzige Bayer in der Prozession. Wenn er die Bilder zuhause zeigen will, dann war die Sache vielleicht doch nicht so bayerisch. Immerhin kam das durch Mark und Bein gehende Geräusch nicht von einer Blaskapelle, sondern von einem Baragumu, dem Antilopenhorn, dessen Ton einem fast den Boden unter den Füßen wegzieht (Foto unten, den Ton hört man beim Betrachten des Fotos leider nicht), und die Begeisterung der Teilnehmer und Teilnehmerinnen machte auch nicht den Eindruck, als ob hier ein „fremder Ritus“ durchgezogen würde. Im Gegenteil: Die Prozession kam mir viel stimmiger und echter vor, als ich das von Meschede her in Erinnerung habe.

Der Stromausfall war meine Schuld – weiß aber zum Glück keiner

4. Juni 2012

Gleich mehrere Flugzeugabstürze in den 1980er Jahren in den USA waren auf Pilotenfehler zurückzuführen. Die Kollegen im Cockpit hatten den Fehler zwar bemerkt, aber nicht eingegriffen, sondern gedacht, „Der Captain wird schon wissen, was er tut.“ Die US-Medien tauften dieses menschliche Verhalten damals „Captainitis“. Gemeint ist die lebensgefährliche Neigung, dem zu vertrauen, der das entsprechende Amt hat oder die entsprechende Uniform trägt.
Viele Orte in Tansania haben gar keinen Strom, in den Städten fällt der Strom jeden Tag für mehrere Stunden aus. Aber wir in Peramiho haben Likingo, ein Wasserkraftwerk, das den Bedarf von Abtei, Schulen und Krankenhaus deckt, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, ausgenommen die Trockenzeit, wenn zu wenig Wasser da ist. Dieses Jahr ist in Peramiho reichlich Regen gefallen, aber entlang der beiden Flüsse, die Likingo speisen, sah es weniger gut aus. Daher mussten wir Likingo schon vor zwei Wochen, kurz nach Ende der Regenzeit, abschalten. Stattdessen verbrennt nun der Generator in der Elektrowerkstatt teuren Diesel, um unseren Strombedarf zu decken. Freitag traf ich auf der Straße die Elektrikermeisterin, Sr.Deogratia. Die resolute Afrikanerin ist die einzige Frau, die in Peramiho eine Werkstatt leitet. Ich bat sie in mein Büro, und wir vertieften uns in ein angeregtes Gespräch, wie wir den Strombedarf senken und die Wassermenge erhöhen könnten – Energiewende also auch hier. Ein kleiner Teil meines Gehirns nahm wahr, wie das vertraute Brummen des Generators verstummte, und auch das Piepsen wie von einem hungrigen Vögelein nahm er wahr – der Warnton der UPS (unterbrechungsfreie Stromversorgung) meines Computers. Die Schwester hatte mir zwar gerade noch gesagt, dass sie alleine in der Werkstatt war, aber bei mir setzte die „Captainitis“ ein: Wenn sie nicht reagiert, dann wird sie schon wissen, was sie tut. Schließlich ist sie die Fachfrau für alle Stromfragen. Nach zehn Minuten sprang die Schwester mitten im Satz auf, sagte, „Oh, Stromausfall,“ und schon war sie – ohne sich zu verabschieden – verschwunden. Wenig mehr als die Zeit, die ein eiliger Mensch braucht, um von meinem Büro bis zur Elektrowerkstatt zu laufen, verging. Dann brummte der Generator wieder.