Archive for the ‘Geschichte’ Category

Neuer Feiertag

2. Oktober 2008

Die Zahl der Feiertag ist hier in einem ständigen Auf und Ab begriffen. Vor einigen Jahren war es noch so, dass Feiertage, die auf das Wochenende fielen, am kommenden Montag nachgeholt wurden. Dann hat man gemeint, dies schade der Wirtschaft, weil ja Arbeitszeit ausfällt, und hat diese Regelung abgeschafft. Jetzt scheint man zu meinen, dass es zu wenig Feiertage gibt. In diesem Jahr gibt es daher zwei Feiertage mehr als noch im letzten. Der eine ist dem ersten Präsidenten des Landesteils Sansibar gewidmet, der zweite findet heute statt, das muslimische Id el-Fitr (Ramadan-Fest) wird in diesem Jahr zum ersten Mal an zwei Tagen gefeiert, aus diesem Anlass seien der anderen großen Religion hier in Tansania ein paar Zeilen gewidmet.

Muslimische Araber sind schon vor 1000 Jahren als seefahrende Händler an der Küste eingetroffen, dabei hat sich eine arabisch-afrikanische Mischkultur mit blühenden Stadtstaaten und der Sprache Suaheli (das heißt „Küstensprache“) entwickelt. Die Sprache ist von der Grammatik her afrikanisch, hat aber sehr viele arabische Wörter. Die Araber galten als zivilisiert (das Wort „Ust-arabu“, also „Arabisch-Sein“ heißt bis heute „Zivilisation“), die Bewohner des Hinterlandes waren die Shenzi, die Wilden. Einige Schüler hier in Peramiho kommen von der Küste, und man merkt ihnen auch heute noch an, dass sie von ihrem Elternhaus mehr an Bildung und Selbstbewusstsein mitbekommen haben, als die Schüler, die hier aus der Gegend selbst stammen. Wer damals „zivilisiert“ sein wollte, nahm natürlich auch den Islam an. Im Hinterland machten sich die islamischen Händler allerdings nicht so besonders beliebt, denn ihre „Ware“ waren vor allem dessen Bewohner, die als Sklaven verkauft wurden.

Die Bewohner unserer Gegend, die Ngoni, traten nach der Ankunft der Missionare recht schnell zum Christentum über. Die Bevölkerung 30 km weiter östlich von hier, also gerade östlich der Bezirksstadt Songea, dagegen entschied sich mehrheitlich für den Islam. Über die Gründe für diese Entscheidung gibt es zwei Theorien. Die eine sagt, dass sie von den Ngoni lange unterdrückt worden waren, und deshalb eine andere Religion annehmen wollten als ihre Unterdrücker. Die andere Theorie gibt dem ersten Abt von Peramiho, Gallus Steiger, die „Schuld“, der nämlich in den 1920er und 30er Jahren nicht genügend Missionare nach Osten geschickt habe. Er habe sich ganz darauf konzentriert, die Gegend westlich von Peramiho, bis hin zum Nyasa-See, zu missionieren, weil er den anglikanischen Missionaren dort zuvorkommen wollte. In Peramiho erzählt man bis heute, er habe gesagt, „Schmeißt die Anglikaner in den Nyasa-See“.

Die seltsamen Zeiten, in denen man den fremden Glauben vor allem als Konkurrenz empfand, die man bekämpfen müsste, sind in Bezug auf die anglikanischen Christen sicherlich überwunden. Auch in Bezug auf die Muslime scheint sich das Verhältnis gebessert zu haben – sowohl der afrikanische P.Stephan, der gestern die Messe gefeiert hat, als auch der deutsche P.Dieter, der heute an der Reihe war, haben das muslimische Fest mit sehr freundlichen Worten erwähnt, und auch ich habe heute meiner einzigen muslimischen Schülerin, Shakila, freundlich gratuliert. Ohne zu wissen, dass heute Feiertag sein würde, hatte ich letzte Woche angeboten, dass Schülerinnen, die noch für das praktische Examen üben wollten, heute Morgen in den Physikraum kommen könnten – alle sind gekommen, denn das Examen nächste Woche macht sie ziemlich nervös.

Das Foto zeigt die wichtigsten Kirchen (mit einem K markiert, links die evangelisch-lutherische, rechts die katholische) und Moscheen (mit einem M markiert, links die auf dem Foto von gestern) in Dar es-Salaam.

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Der Regenmacher

8. September 2008

Das Gespräch mit P.Amani in Nairobi gibt mir noch ein paar interessante Einblicke in die Vergangenheit. Die folgende Geschichte spielt in den 1980er Jahren. Die Wirtschaft lag am Boden (Folge des Versuchs, in Tansania den Sozialismus einzuführen und außerdem des Krieges mit Uganda, siehe vorletzten Artikel), und dann herrschte auch noch Trockenheit. Das hieß Hunger. Also erinnerten sich die Ngoni von Peramiho daran, dass ihr König für Regen sorgen kann. Nun ist Regenmachen nicht ganz einfach: Es gab keinen König mehr, alle Stammeskönigtümer waren 1962 durch die Regierung abgeschafft worden. Und der – wenn man so will – pensionierte König, Xaver Gama, war Katholik, und lag außerdem gerade in Litembo, im katholischen Krankenhaus der berühmten Frau Dr.Weyer. Das Krankenhaus aber gehört zur Sphäre der Wissenschaft, da hat Regenmachen keinen Platz. Dennoch machten die Ngoni sich auf den Weg nach Litembo (mit dem Auto dauert das heute 4 Stunden, ich vermute aber, dass sie damals zu Fuß gehen mussten) und drängten Xaver Gama, die Behandlung seiner Beine für ein paar Tage zu unterbrechen und nach Peramiho zurückzukommen. Unter einem bestimmten Baum (Amani hat mir den Ort beschrieben, ich meine, ich wäre neulich in der Nähe vorbeigekommen) hat er ein einfarbiges Tier geopfert (welche Farbe ist egal, Hauptsache einfarbig. Welches Tier, habe ich vergessen, aber eigentlich muss es eine Kuh gewesen sein), und dabei die Hilfe der verstorbenen Ahnen angerufen. Diese Ahnen kennen natürlich aus eigener Erfahrung die Probleme der Nachkommen und sind daher normalerweise bereit, himmlische Hilfe zu vermitteln. Xaver Gama hat Amani gestanden, dass er als Katholik Probleme mit diesem Ritus hatte, dass er aber die Kraft zum Regenmachen in sich spüre. Nach vollzogenem Opfer wurden die Teilnehmer der Opferfeier nach Hause geschickt, und sie kamen nass zu Hause an, so heftig und plötzlich regnete es.

Amani erzählt die Sache mit dem plötzlichen Regen nicht ohne Skepsis. Xaver Gama ist inzwischen verstorben, sein Sohn ist zwar zu seinem Nachfolger erklärt worden, lebt aber weit weg in Dar es-Salaam. „Was würde passieren, wenn heute wieder eine Trockenheit käme ?“ will ich wissen. „Nichts“, antwortet Amani. Eine „educated person“, also ein „gebildeter Mensch“, glaubt nicht mehr an die „alten Ideen“ von Zauberei, hat er mir gerade vorher in einem anderen Zusammenhang gesagt.

Das Foto zeigt Xaver Gama – eigentlich hatte ich mir einen Regenmacher anders vorgestellt. Mputa Gama, der P.Franziskus töten ließ (siehe vorigen Artikel), war übrigens der Cousin und unmittelbare Vorgänger von Xaver Gamas Vater.

Die Leiche im Keller von Peramiho

5. September 2008

Das Verhältnis zwischen den Ngoni (das sind die Bewohner unserer Region hier) und den Benediktinern war von Anfang an gut gewesen. Vielleicht gerade deshalb nimmt die Geschichte von 1905 die Phantasie der Menschen immer noch so gefangen. Gestern habe ich erzählt, wie das Gespräch zwischen John, Amani und mir auf den grausamen Shaka kam. „Das war mein König“, sagt Amani. Erst da fällt mir ein, dass Amani in Peramiho geboren ist, ein echter Ngoni. Und die Ngoni, darunter Amanis Vorfahren, sind tatsächlich von Südafrika, aus dem Gebiet Shakas, nach Norden gezogen – bis in unsere Gegend. Und unser Gespräch bleibt bei den Grausamkeiten: Ngoni-König Mputa Gama ließ während des Maji-Maji-Krieges gegen die Deutschen 1905 den Pfarrer von Peramiho, P.Franziskus, von vier Männern abführen. Sie hatten den Auftrag, ihn außerhalb des Ngoni-Gebietes umzubringen. Sie brachten ihn zwar um, aber noch innerhalb der Grenzen. Also ließ Mputa Gama auch seine vier Soldaten umbringen. Kurz darauf wurde er selbst von den deutschen Kolonialherren gehängt. Die Leiche des Pfarrers wurde nie gefunden. Amani meint, eine solche Sache hätte Mputa eigentlich seinen Nachkommen verraten müssen, das sei Teil des Erbes. Der letzte Ngoni-König, Xaver Gama, musste zwar 1962 auf seine Herrschaft verzichten, ist aber erst 2002 gestorben. Und plötzlich stelle ich fest, dass ich ziemlich nahe an einer Quelle für alte Schauergeschichten sitze: Amani hat während seines Studiums über Ngoni-Traditionen geschrieben und mit dem alten Ex-König gesprochen, von morgens 10 bis nachmittags 5. Er hat ihn auch nach dem Todesort und der Leiche gefragt, aber keine Antwort erhalten. Ob sein ältester Sohn, der offiziell zum Nachfolger erklärt worden ist, wohl das Geheimnis kennt ? Oder gar der jüngere Sohn, der als Mechaniker in der Autowerkstatt der Abtei arbeitet ?

Amani war nicht der erste Mensch, der mir diese Geschichte erzählt hat, aber der erste echte Ngoni. Er hat mir auch genau erklärt, dass Mputa Gama gar nicht anders konnte, als P.Franziskus töten zu lassen, als Strafe für eine fürchterliche Beleidigung. Obwohl er – wie P.Franziskus – katholischer Priester ist, sieht er die Geschichte mehr aus der Ngoni-Perspektive. Das Foto zeigt Mputa Gama vor seiner Hinrichtung, ein Klick darauf führt zu weiteren Informationen auf den Geschichts-Seiten unserer Homepage.

„Wir haben eure Frauen vergewaltigt.“

4. September 2008

Das Studienhaus in Langata (siehe Foto), einem Ortsteil von Nairobi, wo ich gerade war, ist ein wirklich internationaler Ort. Freitag Morgen saßen wir zu dritt beim Tee. P.Amani, der Tansanier, sagt zu Br.John aus Uganda: „Wir haben damals euren Idi Amin gestürzt. Dabei haben wir euch ausgeplündert und eure Frauen vergewaltigt. Wir haben viele Kinder bei euch gemacht. Du könntest also mein Sohn sein.“ Mir bleibt fast das Herz stehen, also nehme ich meine Zuflucht zur Mathematik: Der ugandische Diktator Idi Amin, der wegen seiner Grausamkeit auch in Europa ziemlich bekannt war, hat 1978 Tansania angegriffen. Ziehen wir also 30 Jahre von Amanis (Der Name „Amani“ bedeutet „Friede“) Alter ab, dann kann er damals höchstens ein Kleinkind gewesen sein. Also muss es sich um einen Scherz handeln, den die beiden Afrikaner anscheinend nicht so makaber finden wie ich. John antwortet im selben Tonfall: „Damals habt ihr bei uns zum ersten Mal Fernseher und Radios gesehen.“ Uganda war immer schon weiter entwickelt als Tansania, deshalb hatte Idi Amin ja auch gehofft, den Krieg zu gewinnen. Er hatte sich verrechnet, die Tansanier gewannen, bezahlten aber mit einer schweren Wirtschaftskrise und Hunger. Für Uganda brachte der Krieg den Sturz des Diktators, aber auch einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg. Von Idi Amin geht das Gespräch kurz zu Hitler, dann zu Shaka, dem berühmten Zulu-Herrscher vor fast 200 Jahren. Amani meint, Shaka Zulu sei so grausam gewesen, dass er sogar seine eigene Mutter umgebracht habe. Mein Geschichtsbuch sagt, dass Shaka über den Tod seiner Mutter (der natürliche Ursachen hatte) so betrübt war, dass er 7000 seiner eigenen Krieger umbringen ließ. Amani sagt mir später aus anderem Anlass: „Ja, das hast du aus deinen Büchern. Wir Afrikaner lesen keine Bücher, wir wissen das vom Hörensagen.“ Das mit dem Keine-Bücher-Lesen stimmt so ganz zum Glück nicht.

Inzwischen habe ich herausgefunden, dass Amani 1978 immerhin schon 14 Jahre alt war, er damals im Krieg aber nicht dabei war. Traurig, aber wahr: Uganda ist berüchtigt für seine Kindersoldaten, die bis heute im Bürgerkrieg dort kämpfen müssen, viele jünger als 14 Jahre.

Blaskapelle vor 100 Jahren

2. Juni 2008

Die Blaskapelle (siehe vorigen Artikel) hat mich auch deshalb beeindruckt, weil ich dieses Foto aus einem modernen, kritischen Geschichtsbuch (F.Becker, J.Beez, Der Maji-Maji-Krieg, erschienen 2005) im Hinterkopf hatte. Es zeigt sozusagen meinen allerersten Vorgänger als Lehrer hier in Peramiho, P.Cassian Spiss (er war offensichtlich etwas musikalischer als ich), beim Schulausflug.

Unausgesprochene Aussage des Fotos in dem Buch: P.Cassian hat den Afrikanern eine fremde Kultur (deutsche Blasmusik) aufgedrängt. Aussage des vorigen Artikels: Blasmusik passt ganz gut zur hiesigen Kultur.

„Ich weiß, wann ich geboren bin.“

21. April 2008

Das Kloster hat eine kleine Schneiderwerkstatt. Der Schneider ist ein älterer Herr, der zweimal die Woche kommt. Letzten Freitag habe ich mal wieder seine Dienste in Anspruch genommen. Er: „Du unterrichtest jetzt also Physik, du bist ja noch ein Jüngling.“ – „Naja, so jung bin ich auch nicht mehr.“ – „Ich meine, du bist jung verglichen mit P.Bonifaz.“ (P.Bonifaz ist mein inzwischen pensionierter Vorgänger) – „Verglichen mit unserem Schneider in Meschede bist du auch jung, der ist schon 75“ (Ich habe mich geirrt, Br.Andreas ist bereits 78 Jahre alt) – „Dann übertrifft er mich um drei Jahre, ich bin am 12.12.1936 geboren.“ (Auf seinem Tisch liegt ein Buch mit dem Titel „Teste deine Rechenfähigkeiten“.) Er fährt gleich fort: „Bei uns war damals ein Missionar, der hat Wert darauf gelegt, das Geburtsdatum aufzuschreiben. Viele andere wissen ihr Geburtsdatum nicht, die sagen dann, dass sie im Maji-Maji-Jahr geboren sind oder im Hungerjahr. Aber dann muss man wieder wissen, wann das war.“ Ich schmunzle, denn genau die Formulierung „im Maji-Maji-Jahr geboren“ habe vor ein paar Tagen in einem Theaterstück gelesen. Allerdings wird das heute kaum noch jemand sagen, denn der Maji-Maji-Krieg war 1905. Die Truppen des deutschen Kaisers haben den Krieg damals gewonnen, indem sie die Vorräte und Felder der Afrikaner verbrannten, deshalb war das Jahr danach das „Hungerjahr“. Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass mir der Krieg von damals vorgehalten wurde, als ob ich dran schuld wäre. Aber das tut der freundliche Schneider nicht.

Spontan schulfrei – wegen Helgoland

7. April 2008

Am gestrigen Sonntag habe ich schnell noch den Physik-Test für heute zusammengestellt, dann ging ich um Vier zum Chai (auf Englisch: Tea, auf Deutsch: Kaffee). Dort erfuhr ich dann das Neueste: Heute, Montag, ist Feiertag. Der Physik-Test fällt also aus. Wieso denn das so plötzlich ?

Vor langer, langer Zeit hatten sich die Deutschen bereits den größten Teil Tansanias „unter den Nagel gerissen“ und wollten auch noch die Insel Sansibar haben. Da wachsen unter anderem Gewürznelken, die sind lecker und teuer. Auch die Briten wollten Sansibar, und man einigte sich, dass die Deutschen auf Sansibar verzichten, dafür aber Großbritannien die Insel Helgoland an Deutschland abtritt (1890; Helgoland-Sansibar-Vertrag). So wurde Sansibar politisch vom Festland abgetrennt, und dabei blieb es bis zur Unabhängigkeit. 1964 vereinigte sich dann die Insel Sansibar mit dem Staat Tanganjika auf dem Festland, und auch der Staatsname Tan-San-ia wurde aus den beiden ersten Silben der beiden alten Staatsnamen zusammengesetzt. Zwischen den beiden Landesteilen kommt es aber immer mal wieder zu „Beziehungskrisen“, Sansibar ist viel kleiner als das Festland, hat dafür aber mehr Selbstbewusstsein. 1999 starb der Gründer Tansanias, Julius Nyerere, und sein Todestag wurde zu einem staatlichen Feiertag erklärt. Da haben die Politiker aus Sansibar also lange „Wir auch“ gerufen, und deshalb gibt es jetzt auch für den ersten Präsidenten von Sansibar einen „Karume-Tag“. Da der dieses Jahr zum ersten Mal stattfindet, steht er noch in keinem Kalender. Aber wenn’s dem Frieden zwischen den beiden Landesteilen dient, wollen wir heute natürlich gerne die Schule schließen.

Auch große Leute müssen sich strecken

14. Januar 2008

Die Naturparks in Tansania gehen auf die britische Kolonialherrschaft zurück. Die Herrscher aus London beschränkten in bestimmten Gebieten das Recht der Afrikaner, zu jagen. Das taten sie aber nicht wegen der Umwelt oder wegen des Artenschutzes, sondern, damit die britischen Großwildjäger ein schöneres Jagdvergnügen hatten. In den entsprechenden Gebieten vermehrten sich also die Tiere. Die Elefanten zertrampelten die Felder, die Löwen holten die Hühner (und – eher selten – auch die Kinder). Außerdem kann der Erreger der Schlafkrankheit sich besser vermehren, wenn Großtiere da sind. Die Afrikaner waren über diese Entwicklung ungefähr so begeistert wie die bayerischen Bauern über Braunbär Bruno. Da sie aber gegen die Briten nichts ausrichten konnten, zogen sie in andere Gegenden. Die positive Fortsetzung folgt dann morgen.

Die Überschrift bezieht sich natürlich auf das Foto. Beachte die Zunge !

Wasser ! Wasser !, Fortsetzung

30. November 2007

Mein Artikel über den Maji-Maji-Krieg vorgestern hat wohl einige Fragen aufgeworfen: Wieso ist das heute überhaupt noch interessant ? Haben die Afrikaner denn nicht gemerkt, dass das „Zauberwasser“ wirkungslos war ? Wieso gab es auf der einen Seite 100.000 Tote und auf der anderen nur 15 ?

Das Bild stammt aus dem letzten Jahr, als Abt Lambert nach 30 Amtsjahren feierlich verabschiedet wurde. Bei der Gelegenheit erhielt er außer einem weißen Häuptlingsumhang auch die traditionellen Waffen als Geschenk: Schild und Speer. Und das ist auch schon die Antwort auf die dritte Frage: Die Afrikaner kämpften mit den Waffen, die auf dem Bild sichtbar sind, die Deutschen hatten Maschinengewehre. Hinzu kam, dass die deutschen Truppen die Felder und die Vorräte der Afrikaner verbrannten, und dadurch für den Hungertod zahlreicher Männer, Frauen und Kinder verantwortlich waren. Das galt auch damals schon als Kriegsverbrechen und löste im deutschen Reichstag Proteste seitens des Zentrums und der SPD aus. Damals hatten diese Parteien kaum Einfluss, heute stellen sie die Regierung (das Zentrum war Vorgängerpartei der CDU). Neulich kam im Lehrerkollegium das Gespräch auf die Kolonialzeit. Da war es für mich sehr angenehm, sagen zu können, dass die heutigen Regierungsparteien schon damals gegen die Brutalitäten von Kaiser Wilhelm protestiert haben.

Wasser ! Wasser !

28. November 2007

Während die Versorgung mit Strom hier sehr zuverlässig funktioniert und auch das Internet ziemlich zuverlässig ist, gilt das für die Versorgung mit Wasser leider nicht. Vor gut zwei Wochen gab es an drei Tagen hintereinander immer wieder stundenlange Ausfälle, auch gestern und heute wieder. Neulich begann so ein Wasserausfall gerade, als ich das Shampoo in meine Haare getan hatte. Es gibt allerdings mehrere große Wasserbehälter hier, aus denen man immer noch Wassereimer oder Wasserflaschen füllen kann. Nur ist es im Moment halt tropisch heiß, und da möchte man als zivilisierter Mensch doch auch mal duschen.

Ich kann aufgrund der Hitze und aufgrund der genannten Probleme immer besser nachfühlen, dass Wasser für die Menschen hier einfach noch mehr bedeutet als für uns. Kein Wunder also, dass man dem Wasser sogar Zauberkräfte zutraut. 1904 trat der Medizinmann Kinjikitile auf und bot ein Zauber-Wasser an (Wasser plus Hirse plus Zaubersprüche, das genaue Rezept kenne ich leider nicht). Dieses Wasser schützte im Kampf, weil nämlich die Kugeln der Gegner noch im Flug zu Wasser wurden. Mit dieser Botschaft gelang es Kinjikitile, die zerstrittenen Stämme hier zu einen und zu einem Krieg gegen die deutschen Kolonialherren zu bewegen. Der Krieg (1905-1907) heißt bis heute „Maji-Maji-Krieg“, also „Wasser-Wasser-Krieg“. Er forderte auf deutscher Seite 15 Todesopfer, auf afrikanischer geschätzte 100.000. Weil unter den deutschen Opfern aber der Gründer von Peramiho war, und weil der Krieg in Tansania bis heute unvergessen ist (kein Wunder angesichts der Opferzahl), kommt dazu demnächst noch mehr.

Im Osten des Kongo (also nicht weit von hier) tauchen auch heute immer mal wieder „Maji-Maji-Krieger“ auf, die sich durch das Zauberwasser schützen. Als Physiker kann ich darüber lachen, als Historiker muss ich staunen, als religiöser Mensch sollte ich wohl weinen. Das Bild zeigt links zwei gefangene Krieger (1905 oder 1906) und rechts das Denkmal für Kinjikitile in Kilwa. Beide Bilder stammen aus dem Internet, vom Tanzania-Network bzw. von den Tutzinger Missionsbenediktinerinnen.