Archive for August 2009

„Mariano hätte ihn getauft“

28. August 2009

Am letzten Wochenende trafen eine Menge Informationen über die Santeria rein zufällig zusammen. Unser derzeitiger Lehrer für kubanische Geschichte führte uns am Donnerstag in die Denkwelt dieser Religion ein, am Freitag war dann der Besuch bei der Virgen de la Caridad bzw. bei Ochún (voriger Artikel), am Samstag war der Pfarrer der Nachbarkirche, Padre Juan, zu Besuch bei uns. Er erzählte von einem jungen Erwachsenen, der getauft werden wollte. Padre Juan sagte ihm, dass er ihm erst Taufunterricht erteilen werde. Daraufhin sagte der Taufbewerber: „Ich gehöre nicht zu Ihrer Religion.“ Nein, der Mann wollte in die Santeria aufgenommen werden. Und zu den Voraussetzungen dafür gehört auch die katholische Taufe.

Die meisten Kubaner werden als Kleinkinder getauft, so dass das Problem dieses Mannes eher selten vorkommt. Padre Juan hat die Taufe verweigert, meinte aber, „Padre Mariano hätte ihn getauft.“ Auch unser Geschichts-Lehrer hatte diesen katholischen Spezialisten für die Santeria erwähnt. Er war Pfarrer der Regla-Kirche gewesen, einer großen Wallfahrtskirche der Santeria. Die beiden Pfarrer, Juan und Mariano, hatten oft über solche Probleme diskutiert. Kann man jemanden taufen, der ausdrücklich erklärt, dass er kein Christ ist ? Padre Mariano hatte gesagt, „Wenn ich ihn nicht taufe, dann kann er auf seinem Weg nicht weitergehen.“
Padre Mariano ist vor einem guten Monat einem Raubmord zum Opfer gefallen. Die Täter sind inzwischen gefasst, sie hatten nichts mit der Santeria zu tun, sondern waren nur geldgierig.

Das mit den Religionen auf Kuba ist etwas verwirrend, deshalb hier eine kurze Übersicht: Die größte Religion scheint die Santeria zu sein. Die hat ihren Ursprung in Afrika und versteht sich nicht als christlich. Dennoch spielen katholische Kirchen, katholische Heiligenbilder, katholische Messe, Taufe und der Segen von katholischen Priestern eine große Rolle in dieser Religion. Die Kirchengebäude auf Kuba gehören praktisch alle zur katholischen Kirche, denn unter der spanischen Herrschaft (bis 1898) waren alle anderen Religionen verboten, die wenigen evangelischen Kirchen sind alle jüngeren Datums. Neuerdings gibt es amerikanisch-fundamentalistische Sekten, die stark wachsen. Es gibt eine jüdische Gemeide, wenige Muslime und natürlich viele Menschen, die keiner Religion angehören.

Und hier noch das Foto …

28. August 2009

… zum letzten Artikel. Die Frau links vor dem Altar gibt sich durch ihre weiße Kleidung eindeutig als jemand zu erkennen, der gerade in die Santeria-Religion eingeführt wird.

Aristoteles war nicht auf Kuba

25. August 2009

„Wollen wir uns eine Santeria-Kirche anschauen ?“ – „Ich dachte, die haben keine Kirchen.“ Mein Studienfreund, der neulich zu meiner großen Überraschung und ebenso großen Freude vor der Tür stand, hat natürlich Recht. Die Santeria, also die kubanische Religion mit den afrikanischen Wurzeln, hat keine Kirchen. Wir gehen zur Kirche der Virgen de la Caridad (ungefähr: Unsere Liebe Frau von der Liebe). Dort befindet sich die Kopie eines Marienbildes, das sich weit entfernt im Osten der Insel befindet und als kubanisches Nationalheiligtum gilt. Die Angehörigen der Santeria verehren dieses Bild unter dem Namen der Göttin Ochún. Neben dem Bild von Ochún befindet sich in derselben Kirche das Bild der Virgen de la Regla (Unsere Liebe Frau von der Augustinus-Regel; für die Santeria Yemayá), wiederum daneben die Virgen de Lourdes (ohne Entsprechung bei der Santeria), daneben das Jesuskind von Atocha (Santeria: Eleggua), gegenüber die Virgen de la Merced (ULF vom Loskauf der Gefangenen, bei der Santeria Obbatalá) und die Virgen del Carmelo (ULF vom Berg Karmel, keine Entsprechung) samt heiligem Lazarus (Babbalú Ayé, eine besonders mächtige Gottheit).
Die meisten der Genannten haben auch noch jeweils eine eigene Kirche in Havanna. An den entsprechenden Tagen des katholischen Heiligenkalenders (Lazarus z.B. wird am 17.12. gefeiert), sind diese Kirchen voll mit Pilgern, von denen die allermeisten nicht zur selben Religion gehören wie der Pfarrer.
Fazit: Die Santeria hat Kirchen. Da ich am Anfang das Gegenteil behauptet habe, verstoße ich hiermit gegen die Logik des Aristoteles. („Eine Aussage und ihr Gegenteil können nicht gleichzeitig wahr sein“) Aristoteles war nicht auf Kuba.

Es geht voran

25. August 2009

 Gestern habe ich dieses Foto gemacht. Wie man sieht, geht die Reparatur (siehe vorigen Artikel) voran.

Zeitgefühl

21. August 2009

Dieses Foto habe ich am 22.April aufgenommen. Kurz vorher war der wunderbare Oldtimer in der kleinen Seitenstraße neben unserem Haus abgestellt worden. Ich habe ihn schnell fotografiert, weil ich weiß, dass einige Automechaniker in der Straße wohnen, die solche Autos reparieren. Ich nahm daher an, ich hätte nicht viel Zeit, ein Foto zu machen.

Dieses Wochenende fehlte der Kühlergrill, vorgestern war er wieder da. Offensichtlich wird das Auto also tatsächlich repariert, nur braucht der Besitzer wohl ein ganz klein wenig Geduld („un momentico – ein Momentchen“, heißt es hier oft).

Das ist nur eine von vielen kleinen Erfahrungen, wonach auf Kuba ein anderes Zeitgefühl zu herrschen scheint. Auch mich steckt dieses Zeitgefühl langsam an, in diesem Sinne möchte ich alle, die schon länger auf eine Nachricht von mir warten, noch um ein Momentchen Geduld bitten.

Der Vertreter Asiens

18. August 2009

Ich bin noch nicht dazu gekommen, den Vertreter Asiens in unserer Gemeinschaft zu erwähnen. P.Vianney Smith aus dem Kloster Digos auf den Philippinen ist jetzt schon einen ganzen Monat bei uns. Die Fotos zeigen ihn beim Zusammenbau eines Grills, denn Küchenarbeit ist eine Lieblingsbeschäftigung von ihm. Die Qualität unseres Essens ist seit seiner Ankunft deutlich gestiegen. Vorher war sie auch nicht schlecht, aber weder selbst gemachte Mango-Marmelade noch Avocado-Saft noch Oyster-Sauce waren in unserem Haus bekannt.

Mit der Sprache hat er bisher leider wenig Glück gehabt. Wie Kuba waren auch die Philippinen früher eine spanische Kolonie, so sind einige spanische Fremdwörter in die philippinische Nationalsprache Tagalog und auch in Vianneys Muttersprache Cebuano eingegangen, z.B. „lamesa“, „Tisch“, auf Spanisch allerdings „la mesa“, „der Tisch“. In Digos aber war kein Spanisch-Lehrer aufzutreiben, so hat er den Monat, während er auf die Einreisegenehmigung für Kuba wartete, in unserem Kloster Güigüe in Venezuela verbracht, um dort Spanisch zu lernen. Leider liegt Güigüe (sprich „Gwigwe“) so abgelegen, dass auch dort kein Lehrer aufzutreiben war. Als er dann hier war, stand der Besuch des Erzabtes an, da hatten wir alle keine Zeit für den Spanisch-Unterricht. Vorletzte Woche hatte er dann drei Stunden Einzelunterricht. Und letzten Montag rief unser Spanisch-Lehrer an: Er hat eine neue Stelle gefunden, deshalb kann er nicht mehr zu uns kommen. Das gönnen wir unserem netten und hochgebildeten Lehrer von Herzen, aber für uns bedeutet es natürlich, dass wir erst einmal einen neuen Lehrer suchen müssen. Und ob wir so einen guten wieder kriegen ?

„Geht zum Brotsuchen ?“

18. August 2009

Als ich diesen Artikel am Freitag veröffentlichen wollte, brach die Verbindung ab. Auch eine Art von Kommunikationsproblem.

Eines Morgens kommt unser kubanischer Gast in mein Büro und fragt, „Geht zum Brotsuchen ?“ Das ist vor dem Frühstück zu viel für meine jungen Spanischkenntnisse, erst als er die Frage wiederholt, verstehe ich die Wörter, aber immer noch nicht den Sinn.
Die Kubaner verwirren uns immer wieder dadurch, dass sie Informationen weglassen, die wir für zentral halten, zum Beispiel das Subjekt des Satzes. Ich habe in der Schule gelernt, dass man zuerst angibt, worum es eigentlich geht, und zwar möglichst genau. Auf den kubanischen Schulen scheint man das genaue Gegenteil zu lernen. Wahrscheinlich findet man hier ein Gespräch interessanter, wenn man erst raten muss, worum es eigentlich geht.
Hinzu kommt, dass man im Spanischen meistens auf die Personalpronomen („Ich, Du, Er, Sie …“) verzichtet, genau wie im Lateinischen.
Also habe ich nachgefragt: „Wer geht ?“ – „Sie“. Noch so eine Falle für uns arme Ausländer. Gestern hat er mich noch geduzt, heute sagt er „Sie“ (Im Deutschen müsste man „Gehen Sie …“ sagen, aber im Spanischen wird die förmliche Anrede mit dem Singular verbunden.) Der Wechsel zwischen „Du“ und „Sie“ ist hier überhaupt nicht ungewöhnlich.
Und schließlich: Sie verwenden immer wieder andere Wörter, als im Wörterbuch stehen. Mit „Suchen“ meint er in diesem Fall natürlich „Kaufen.“ Dabei muss ich das Brot – im Gegensatz zu anderen Dingen, aber das ist
ja Dauerthema in diesem Blog – nicht erst suchen, sondern ich finde es immer  in der Bäckerei um die Ecke.
Die Verständigung wäre doch viel einfacher, wenn er gleich „Gehst du Brot kaufen ?“ fragen würde.

Touristenfänger

10. August 2009

Neulich hatte ich den Taxifahrer gelobt, der die angebotetenen 10 CUC ablehnte und sich mit 5 begnügte. Auch die Kubaner sind Individuen, soll heißen, nicht alle sind so ehrlich.
Es gab auch den Taxifahrer, der nach einer viel kürzeren Strecke 10 CUC forderte (ich hatte beim Einsteigen dummerweise nicht den Preis verhandelt), allerdings nur 3 von mir bekam.

In der Altstadt gibt es Leute, die 3-Peso-Scheine verkaufen. Wegen ihrer roten Farbe und vor allem wegen des Bildes von Che Guevara sind sie für Touristen attraktiv. Was er dafür haben wolle, fragte ich. „3 Peso.“ Als ich andeute, dass ich den Wert des 3-Peso-Scheines durchaus kenne, geht er mit dem Preis runter: 1,50 CUC, 1 CUC. Ich lasse ihn stehen, denn sein „Geschäft“ ist glatter Betrug: Sein 3-Peso-Schein ist „Moneda Nacional“, nationale Währung. Er will dafür aber 3 Peso CUC, und der Peso CUC ist 24-mal so viel wert wie der „nationale“ Peso.
An jeder Wechselstube kann jedermann zwischen den beiden Währungen umtauschen, nur wissen das die meisten Touristen nicht, obwohl sie in denselben Wechselstuben ihre Euros oder Dollar in Peso CUC umtauschen.

Ist ja auch nicht ganz leicht zu glauben, dass es in einem Land zwei Währungen gibt, die beide „Peso“ heißen. Das Foto zeigt die Vorder- und Rückseiten der beiden 3-Peso-Scheine, der untere ist 24-mal so viel wert wie der obere. Der obere zeigt auf der Vorderseite den Kopf von Guevara, auf der Rückseite Guevara als „Frontmann beim freiwilligen Arbeitseinsatz“, der untere zeigt Guevaras Denkmal und auf der Rückseite die Schlacht von Santa Clara.

Hässlich

6. August 2009


Vor einigen Wochen sagte mir ein weißer Priester: „Der Kaffee hat genau die Farbe wie die Haut von Pater Silvano.“ Pater Silvano ist der Leiter der Diözesanbildungsstätte, in der wir diesen Kaffee tranken. Seitdem frage ich mich, wie es mit dem Rassismus auf Kuba steht.
Immerhin ist der Übergang zwischen den verschiedenen Farben von kreideweiß bis kohlenschwarz hier so fließend (siehe oberes Foto), dass nur eine Minderheit eindeutig schwarz oder weiß ist. Auch meine Beobachtungen zu dem Thema sind fast alle nicht eindeutig.

Für „dunkle Hautfarbe“ gibt es hier ein Zeichen, man zeigt mit zwei Fingern der rechten Hand auf den linken Oberarm. Aber derjenige, von dem ich dieses Zeichen im Rahmen einer völlig harmlosen Personenbeschreibung gelernt habe, war selbst schwarz.

Als wir vor einiger Zeit zu viert in der Stadt waren, wurde Jacques (schwarz) zweimal von der Polizei nach seinem Ausweis gefragt, ich (weiß) kein Mal. Aber Martin und Cyrille (beide schwarz) auch nicht.

Ein freundlicher und höflicher Vertreter der Partei sprach mit Emmanuel (weiß), Jacques und mir. Er kam auch auf Rassismus zu sprechen, der aber nur bei „Feinden der Revolution“ zu finden sei. Das war der kräftigste Ausdruck von Ablehnung, den er im ganzen Gespräch verwendet hat.

Kurz danach wies er Jacques darauf hin, dass es besser sei, immer den Ausweis bei sich zu führen. Emmanuel und mir galt dieser Hinweis anscheinend nicht. Warum Jacques ? Weil er als einziger einen Bart hat ?

Am Sonntag nach der Messe raunte mir eine kalkweiße, ältere Frau zu: „Die Schwarzen sind hässlich.“ Da hätte ich gerne einen Kraftausdruck wie „Feinde der Revolution“ zur Verfügung gehabt, aber ich war zu geschockt und habe mich einfach abgewendet.

Das untere Foto zeigt meinen und Cyrills Fuß.

Bevor ich einschlafe …

2. August 2009

… möchte ich mir meinen Frust von der Seele schreiben. Am Nachmittag musste ich einiges besorgen. Zuerst CD-Rohlinge. 20 vor Vier. Die Gittertür des Geschäfts ist geschlossen, die Angestellten
rufen mir schon, als ich mein Fahrrad abstelle, zu: „Wir haben geschlossen. Der Strom ist ausgefallen.“ Also fahre ich weiter zur Wechselstube. „Können Sie mir auch einige 10-Peso-Scheine geben ?“ – „Tut mir leid, die sind schon maschinell gezählt, jetzt ist jeder Schein im Computer gespeichert.“ Also verlasse ich die Wechselstube und habe nur 50-Peso-Scheine in der Tasche. In der Innenstadt bin ich um 20 vor Fünf. Ich will das Fahrrad auf dem bewachten Parkplatz abstellen, wo es extra einen Fahrradständer für diesen Zweck gibt. Der Parkwächter, hinter dem ein Schild „24-Stunden-Service“ verspricht, winkt ab. „Nur bis 17 Uhr.“ Also kette ich mein Fahrrad unbewacht vor
einem Hotel an ein Verkehrsschild, und frage im Hotel nach einer Führung durch die Zigarrenfabrik für einen unserer Gäste. „Die Zigarrenfabriken sind alle bis Mitte August geschlossen.“ – „Aber vorgestern hat uns das Reisebüro gesagt, man könne hier buchen.“ – „Tut mir leid.“ Ich gehe in das Geschäft, wo ich vorgestern Klopapier gefunden habe. Ich sehe schon, das keins mehr da ist, frage aber trotzdem. Als ich das Geschäft verlasse, ruft mir die Verkäuferin nach: „Versuchen Sie es genau gegenüber.“ Dort finde ich zwar kein Klopapier, aber CD-Rohlinge. Als ich später zum dritten Mal
jemanden mit Klopapier in einer Tüte mit Trasval-Aufdruck sehe, glaube ich endlich, was mir zuerst zu unlogisch vorkam: Massenweise Klopapier gibt es heute bei „Trasval – Articulos de Securidad“ (Trasval – Sicherheitsartikel, das große technische Kaufhaus im Zentrum Havannas.)
Der Anfang des Artikels ist übrigens geklaut aus dem Lied „Guantanamera“:
„Ich bin ein aufrichtiger Mann von dort, wo die Palme wächst. Und bevor ich sterbe, möchte ich mir meine Verse von der Seele werfen.“ (Yo soy un hombre sincero, de donde crece la palma. Y antes de morirme quiero echar mis versos de mi alma; Text von José Martí)