Archive for Januar 2010

Wie man ein Fahrrad ankettet

30. Januar 2010

Kubaner sind erfindungsreich: Die beiden Fahrräder (das vordere mit Ladefläche, das hintere mit Rückbank für zahlende Passagiere) sind mit einem Seil festgebunden. Die beiden Besitzer befinden sich am Fuß der Ufermauer (links) und fischen. Wenn ein Dieb das Seil lösen will, wackelt das Ende, das über die Mauer hängt, und die Besitzer sind gewarnt.

Wir sind alle Kubaner

28. Januar 2010

„Wo kommt ihr her ?“, fragt der Taxifahrer. „Aus Togo“, antwortet Abt José Maria. Dabei ist er Spanier, genauer Baske, und Abt von Güigüe in Venezuela. Wahrscheinlich wollte er Br.Martin zuvorkommen. Martin kommt wirklich aus Togo, hat heute aber schon mehrfach den Leuten erzählt, er wäre „100 % Kubaner“. „Togo ? In Afrika ? Ich war in Angola“, sagt der Taxifahrer. „Aha, als Soldat ?“, will Abt José Maria wissen. „Nein, als ziviler Aufbauhelfer. Ich habe Busse gefahren. Kuba hilft immer, wo es Not tut. Ganz Afrika hofft auf Kuba. Kuba ist der Eckstein der Welt.“ Der Taxifahrer steigert sich in seine Begeisterung hinein. „Und ich gehe überall hin, wohin Kuba mich ruft.“ Martin stimmt ihm in der gleichen Lautstärke und mit der gleichen Begeisterung zu. Ich habe nicht mitgezählt, wie viele Biere er beim Mittagessen getrunken hat, aber je länger und je lauter er die Begeisterung des Taxifahrers teilt, desto mehr habe ich den Verdacht, es könnten zu viele gewesen sein. Mit unserer politischen Neutralität ist seine Reaktion jedenfalls nicht vereinbar. Wir kommen ans Ziel. Beim Einsteigen hatte der Taxifahrer vier CUC gefordert, ich hatte vergeblich versucht, ihn auf 3 herunterzuhandeln. Jetzt gebe ich ihm einen 3-CUC-Schein (ja, den gibt es wirklich !) und suche in meinem Portemonnaie nach dem fehlenden CUC. Der Taxifahrer unterbricht mich, „Nein, drei, drei, wir sind alle Kubaner !“ Martin gibt ihm noch seine Telefonnummer, dann kommt er zu mir und sagt stocknüchtern: „Ich wusste schon, warum ich das so gemacht habe.“
Das Foto zeigt eine Kanone auf der Morro-Festung, dem Ziel unserer Taxifahrt.

„Was heißt eigentlich ‚Spaß‘ ?“

26. Januar 2010

Neulich beim Frühstück: Ich spreche mit Br.Jacques über eine Postsendung mit wichtigen Unterlagen. Wann die wohl ankommen wird ? „In Deutschland ist alles so viel einfacher, aber auf Kuba macht es mehr“ – an dieser Stelle muss ich vom Spanischen ins Englische wechseln – „Was heißt eigentlich ‚Spaß‘ auf Spanisch ?“
Diese Frage stelle ich dann später Alexis und erzähle ihm von dem kurzen Gespräch. Er war Ende letzten Jahres mit dem Kardinal in Deutschland und meint: „Bei euch in Deutschland ist es wirklich langweilig. Fahrpläne, in denen die Abfahrtszeit auf die Minute genau angegeben ist ! Und Züge, die dann auch wirklich um diese Zeit abfahren !“
Die Aussage, dass Deutschland langweilig wäre, kann ich natürlich so nicht stehen lassen, daher das Foto zum Beweis des Gegenteils (aufgenommen in Kufstein, der Zug war gerade von Deutschland nach Österreich gekommen).
Ein eigentliches Wort für „Spaß“ gibt es übrigens nicht. Alexis schlägt „diversión“ vor, „Unterhaltung, Vergnügen“.

Es geht voran

23. Januar 2010

Dienstag kam per E-Mail die Nachricht, dass sich ein erster Kandidat für die Aufgabe des Architekten für unseren Neubau gefunden hat. Am selben Abend konnte Br.Jacques stolz die Schlüssel unseres Autos vorzeigen, das er endlich hatte abholen können. Wir können es bisher allerdings weder fahren noch parken. Zum Fahren fehlt noch der Führerschein und zum Parken der Platz. Als Alexis, ein kubanischer Freund, vorgestern früh den Abriss unserer Garage anschaute, schämte ich mich etwas, ihm zu erklären, warum wir ein Auto gekauft haben, das so groß ist, dass es einen Neubau der Garage erforderlich macht. Schließlich hat er nicht einmal einen VW-Käfer, und wir haben einen Mercedes-Sprinter mit 16 Sitzen gekauft ! Er unterbricht mich: „Ja, ich war dabei, als Kardinal Ortega mit eurem Erzabt über das Auto gesprochen hat. Der Erzabt sagte, dass ihr ein kleineres Modell kaufen wolltet. Aber der Kardinal meinte: ‚Nehmt den, sonst bekommt ihr gar keinen.‘ “ Wie sagte doch ein anderer Kubaner, „In Kuba kauft man nicht, was man haben will, sondern was man kriegen kann.“
Tatsächlich hatten wir nur die Auswahl zwischen „Auto“ und „Minibus“. Wir hatten uns schon im Mai für „Minibus“ entschieden, im Dezember kam dann vom Büro für religiöse Angelegenheiten die Genehmigung für den Kauf. Und dann stellten wir fest, dass die Auswahl, die im Mai noch drei Modelle betragen hatte, auf ein einziges Modell geschrumpft war. Dabei fällt mir auf, dass ich gar nicht weiß, was „Auswahl“ auf Spanisch heißt, ich werde mal Alexis fragen.
Das Foto zeigt die alte Garage im Endstadium gestern früh.

Haiti

23. Januar 2010

Das Erdbeben auf Haiti bestimmt hier immer noch die Schlagzeilen. Am Sonntag konnte ich nachzählen, wie sehr es die Menschen auch persönlich bewegt. Die Kollekte des Gottesdienstes war für Haiti bestimmt, und statt der üblichen 100 bis 200 Peso fanden sich diesmal gut 700 Peso im „Klingelbeutel“. Dienstag kam dann noch eine Nachbarin vorbei, streckte mir 50 Peso entgegen: „Für Haiti.“ Das ist für europäische Maßstäbe nicht viel (knapp 2 Euro), aber ich kenne die rüstige 80-Jährige Dame, die fast jeden Tag bei uns in die Messe kommt, gut. Sie ist Witwe, ihre beiden Kinder sind vor langer Zeit gestorben, und Verwandte im reichen Ausland scheint sie nicht zu haben. So wird sie nur von ihrer Rente leben, die ich auf ungefähr 300 Peso im Monat schätze.

Nachtrag zum Thema „Diakon“

19. Januar 2010

„Ihr hattet doch gesagt, dass ihr keine große Feier wolltet, und dann macht ihr die grandioseste Diakonenweihe, die ich erlebt habe,“ erinnerte uns Erzabt Jeremias scherzend nach der Weihe. Dabei konnten wir wirklich nichts dafür. Kardinal Ortega hatte von sich aus angeboten, die Weihe vorzunehmen. Und dann hatten wir als unerfahrene Ausländer einen seiner Mitarbeiter gefragt, wem wir denn wohl eine offizielle Einladung schicken sollten. Mit meinem deutschen Hintergrund konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass der Apostolische Nuntius, also der diplomatische Vertreter des Papstes auf Kuba, auf eine solche Einladung reagieren würde. Aber in der kubanischen Kirche geht es familiärer zu als in Deutschland. So drängelten sich dann im Altarraum unserer kleinen Kirche mit dem Kardinal und Erzabt Jeremias auch noch der Nuntius und die beiden Weihbischöfe von Havanna. Sogar das immer beliebte Diplomaten-Spiel „Wer darf wo sitzen ?“ deutete sich kurz an, als der Zeremonienmeister der Kathedrale die Sitzordnung umwarf: „Aber den Nuntius könnt ihr doch nicht da unten hinsetzen !“ Doch alle Protokoll-Fragen wurden rechtzeitig vor Beginn der Messe gelöst (Kubaner sind in solchen Dingen recht unkompliziert), und die beiden Weihbischöfe beschwerten sich auch nicht, dass sie auf den Klappstühlen sitzen mussten, die eigentlich für die Messdiener vorgesehen waren.
Was bedeutet das nun für mich ? Der Kardinal hatte auf unseren Wunsch hin in der Predigt betont, dass sich an unserer Stellung in der Gemeinschaft nichts ändern wird. Und an meiner Arbeit in der Verwaltung unseres Chaos hier ändert sich auch nichts. Nach außen hin ist also die wichtigste Veränderung für mich, dass ich jetzt auch hier in den Gottesdiensten predigen kann. Also habe ich am Sonntag zum ersten Mal in einer Fremdsprache gepredigt, die Zuhörer haben mir nachher gesagt, sie hätten mich gut verstanden – Kubaner sind höfliche Menschen. Mein Spanischlehrer hatte vorher Korrektur gelesen und mich so vor der schlimmsten Panne bewahrt. Ich hatte „hacer gracias a Dios“ geschrieben statt „dar gracias a Dios“ – also „für Gott Witze reißen“ statt „Gott Dank sagen“ – in den vielen Bedeutungen des Wortes „gracias“ kann man sich gut verfangen.

Diakon

15. Januar 2010

Heute funktioniert hier im Internet fast gar nichts, und außerdem ist mir der Text zur Diakonenweihe bei einem Computerabsturz verloren gegangen. Deshalb also nur das Bild vom Friedensgruß zwischen Kardinal Ortega, der während der Feier sehr viel Herzlichkeit ausstrahlte, und mir nach der Weihe.
Das fürchterliche Erdbeben auf unserer Nachbarinsel Haiti nimmt hier breiten Raum in den Medien ein, aber da wir 1000 km von dort entfernt sind, war hier nichts zu spüren.

Vom Wetter

12. Januar 2010

Ich warte immer noch auf die Fotos von der Weihe, daher schreibe ich mal etwas zum Thema, über das in diesen Tagen hier jeder spricht: Dem Wetter. Rechtzeitig zu Weihnachten ist kühler geworden, aber spätestens seit gestern haben die Temperaturen Werte erreicht, die die Kubaner als „kalt“ bezeichnen. Dazu kommt der Wind, die Leute versichern uns, dass es seit Jahren nicht so kalt gewesen sei, manche reden von 30 Jahren. Natürlich hat kaum ein Kubaner passende Kleidung für dieses Wetter, und so sehen die Menschen in den Straßen mit drei oder vier Hemden übereinander schon etwas komisch aus. Auch wir sind „kalt erwischt“ worden, ich habe z.B. kein einziges Unterhemd hier. Gestern sind Br.Cyrille und ich erst einmal losgezogen, um Decken zu kaufen, denn bisher hatten die Bettlaken ausgereicht.
So, im Juni werde ich mich dann wieder über die Hitze beklagen.

Kubanische Zuverlässigkeit

8. Januar 2010

Gestern früh um halb Vier: Wir sind schon etwas spät dran, denn wir wollten nach dem anstrengenden Tag wenigstens etwas schlafen, also eilen wir die zwei Kilometer zur Casa Sacerdotal in 15 Minuten. P.Konrad, der uns die Exerzitien vor der Diakonenweihe gehalten hat, wartet schon im Halbdunkel vor der Tür. Das Taxi ist für Vier bestellt, nach wenigen Minuten werden zwei Scheinwerfer sichtbar, doch neben dem Fahrer ist schattenhaft ein Passagier zu erkennen.
Ich gebe dennoch ein Zeichen, er hält, ich spreche durch das Beifahrerfenster ins Dunkel des Innenraumes, und mir wird schnell klar, dass es sich nicht um das bestellte Taxi handelt. „Zum Flughafen – kein Problem,“ meint der Fahrer. Mit dem deutlichen Gefühl, einen Fehler zu machen, lehne ich ab: „Wir haben schon ein Taxi bestellt.“
Um punkt Vier geben wir dann das Warten doch auf, biegen in die Querstraße ein, Richtung Hauptstraße. Auf der anderen Seite tauchen noch zwei Gestalten mit Rollkoffern auf. Und dann kommt aus unserer Seitenstraße ein Taxi, hält bei den beiden. Ich renne über die Straße: „Sind Sie das Taxi, das von der Casa Sacerdotal bestellt worden ist ?“ Er bejaht, wir steigen ein, die beiden anderen gehen leer aus. Jacques fragt den Fahrer nach seinem Namen, er schweigt. Der Fahrpreis beträgt 20 CUC, das entspricht 15 Euro oder zwei kubanischen Monatslöhnen. Es ist allerdings der normale Fahrpreis, ohne Nacht- oder Notaufschlag.
Der Flug geht um 6:00, um 4:20 stehen wir am Ende der schier endlosen Schlange vor dem Schalter von Cubana, und um 5:30 Uhr sagt ein freundlicher Herr: „Das Flugzeug ist überbucht. Der nächste Flug geht morgen, wir bringen Sie auf unsere Kosten im Hotel Melia Havana (5 Sterne) unter, wir zahlen Ihnen auch eine Mahlzeit und ein Telefongespräch von drei Minuten.“ In seinem unübertrefflichen Humor sagt Konrad zu Jacques: „Ich hatte dir gesagt, dass man drei Stunden vorher da sein muss, aber du wolltest es nicht glauben.“ Wir lachen alle drei, denn in Wirklichkeit war es genau umgekehrt.
Fazit mal wieder: Andere Länder, andere Sitten. Während ich davon ausging, dass ein bestellter Taxifahrer auch kommt (trotz schon gemachter Kuba-Erfahrungen), gehen sowohl der kubanische Taxifahrer als auch die Fluglinie Cubana davon aus, dass bestellte Leute nicht immer kommen. Deshalb hat unser Taxifahrer seinen Passagier abgesetzt und ist dann zur Casa Sacerdotal zurückgekehrt – Jacques war sich sicher, dass es sich beide Male um dasselbe Taxi gehandelt hat, sprich, dass der Fahrer mich angelogen hat. Und aus demselben Grund überbucht Cubana auch in einem Maße, das bei anderen Fluggesellschaften nicht üblich ist, und das sich P.Konrad (Mexikaner mit deutschen Vorfahren) einfach nicht vorstellen konnte.
Das Foto zeigt die Leute, die noch hinter uns in der Warteschlange waren. Und zur Diakonenweihe muss ich natürlich auch noch etwas schreiben. Das tue ich, sobald der kubanische Fotograf mir die Fotos gegeben haben wird, die er mir für gestern versprochen hat.