Archive for Januar 2011

Eine Woche Camagüey

28. Januar 2011


Mehrere Bekannte hatten mir von Camgüey (sprich „Kamagwej“) vorgeschwärmt, deshalb habe ich meinen ersten Urlaub auf Kuba dort verbracht. Eine ländlich geprägte Stadt, in der die Anzahl der Kirchen nur noch von der Anzahl der Fahrräder übertroffen wird. Damit die Touristen trotzdem merken, dass sie nicht in Münster in Westfalen sind, haben die Einwohner von Camagüey überall große Tonkrüge, Tinajones (Foto ganz unten), aufgestellt. Früher dienten diese Tonkrüge dem Aufbewahren von Trinkwasser, heute sind sie ein Wahrzeichen der Stadt.
Camagüey ist die drittgrößte Stadt Kubas, mit Havanna hat es hinsichtlich des Titels „Weltkulturerbe der UNESCO“ gleichgezogen, und die Katholiken können seit 1998 auf Rang eines Erzbistums stolz sein. Ins Auge springen die Unterschiede im Straßenbild: Da ist zunächst die Masse der Fahrräder, dann alle möglichen von Pferden gezogenen Wagen, darunter klassische Kutschen. Die gibt es in Havanna zwar auch, aber dort dienen sie nur der Belustigung der Touristen, während sie in Camagüey ein ernst gemeintes Verkehrsmittel für Einheimische darstellen. Die Häuser sind – abgesehen von ein paar modernen Hochhäusern – alle einstöckig. Die Gemeinsamkeit mit Havanna besteht dann wieder darin, dass einige schrecklich verfallen sind, andere wunderschön restauriert.
Als ich erfuhr, dass die Kathedrale bis 1998 geschlossen war, drängte sich noch ein Vergleich mit Münster auf. Man traut es der biederen, bürgerlichen westfälischen Stadt ja gar nicht zu, und die Münsteraner scheinen sich noch heute dafür zu schämen: Auch in Münster gab es einmal den Versuch, eine ganz neue Gesellschaftsordnung und einen neuen Menschen zu schaffen. Das „Reich der Wiedertäufer“ ging vor knapp 500 Jahren nach einer schrecklichen Belagerung in Strömen von Blut unter, an denen die Wiedertäufer in der Stadt genau so schuld waren wie die katholischen und evangelischen Belagerer.


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Abschiede

19. Januar 2011

Gestern Abend haben wir P.Abraham zum Flughafen gebracht. Nur wenig mehr als drei Monate, seit Oktober, war er bei uns, jetzt ruft Erzabt Jeremias ihn in sein Heimatkloster St.Ottilien zurück. Diese Entscheidung war ein Ergebnis des Besuchs des Erzabtes zur Jahreswende. Also Abraham, wenn Du das liest: War schön, dass Du da warst, und jetzt vermisse ich Dich.
Das Foto zeigt links Jacques, rechts Abraham, vorne Martin und noch vier Mitglieder unserer Gemeinde, die extra zum Abschied zum Flughafen gekommen waren.
Auch ich verabschiede mich, allerdings nur für eine Woche und nur mit dem Bus: Camagüey, eine der ältesten Städte des Landes, ist das Ziel meines Urlaubs. Morgen bin ich dann weg.

Grundstück – mal wieder

19. Januar 2011

Valle de Perú heißt der große staatliche Landwirtschaftsbetrieb, den wir schon im September besucht hatten. Damals war der Grundton zwar freundlich, aber nicht hilfsbereit: „Nein, wir haben kein Land, das für Sie in Frage kommen könnte,“ war die wesentliche Aussage. Inzwischen ist Bewegung in die Angelegenheit gekommen: Br.Jacques hat anlässlich der Einweihung des Priesterseminars im November persönlich mit dem Staatspräsidenten gesprochen, und der hat uns seine Unterstützung zugesagt. Am Montag waren wir wieder bei Valle de Perú. Kardinal Ortega persönlich begleitete uns, und auch ein Vertreter des Landwirtschaftsministeriums war dabei. Taktisch geschickt erwähnte der Kardinal seine Unterredung mit Fidel Castro (im oberen Foto links oben zu sehen) 1998, als er um die Erlaubnis für die Gründung eines – unseres – Benediktinerklosters bat. Er gab auch die Anekdote zum Besten, dass er auf Castros Frage, was die Benediktiner denn täten, geantwortet habe: „Sie machen zum Beispiel Käse.“
Der Direktor persönlich führte uns zu zwei verschiedenen Grundstücken, die er uns als Bauland für unser Kloster überlassen könne, und zeigte sich aus sonst von seiner allerhilfsbereitesten Seite: „Natürlich können wir die Abgrenzungen Ihren Wünschen anpassen, wenn Sie wünschen, dass auch das kleine Flüsschen auf Ihrem Grund liegt.“ Mit dem zweiten der vorgeführten Grundstücke scheinen wir tatsächlich etwas Geeignetes gefunden zu haben: Wasser ist vorhanden, das Land ist von der Straße aus zu erreichen, das Handy funktioniert, und sogar Anschluss an das Stromnetz ist möglich.

Das obere Foto zeigt von links nach rechts Fidel Castro, einen Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums, Raulito (Fahrer und „Geheimwaffe“ des Kardinals), Kardinal Ortega, Br.Jacques, Br.Cyrille.

Spitze Instrumente

17. Januar 2011

Warum hatte ich dieses Gefühl so lange ignoriert ? War es die Kindheitserinnerung an diese Sadistin, die vor meinen Augen ein anderes Kind quälte, während ich daneben saß und wartete, selbst an die Reihe zu kommen ? Waren es diese spitzen Instrumente, die da immer auf dem Tisch liegen und direkt auf das eigene Fleisch zeigen, Vorankündigung künftiger Schmerzen ? Oder ein dumpfes Vorurteil gegen ausländische Vertreter dieses Berufes ? Am Dienstagmorgen um 4 jedenfalls ließ es sich nicht mehr ignorieren, und ein paar Stunden später rief ich einen befreundeten Arzt an. Der war zwar gerade nicht da, aber Jacques traf ihn kurz darauf zufällig auf der Straße. Um 10 hielt ich eine Empfehlung für den Zahnarzt in einer Poliklinik in der Hand („Robert ist ein Freund von mir.“). Dieser Zahnarzt würde aber erst Donnerstag wieder arbeiten – zwei Tage warten ! Darauf erst einmal eine Schmerztablette !
Als ich am Donnerstag, ziemlich früh, in die Poliklinik komme, ist der Zahnarzt erst einmal in einer Besprechung. Ich kenne das schon aus Erzählungen von Kubanern – wenn man sie braucht, sind die Ärzte meistens mit irgendwelchen Besprechungen beschäftigt. Ich merke bald darauf, dass das System auch Vorteile hat – er schaut nämlich gemeinsam mit seiner Kollegin in meinen Mund. Die beiden sind sich schnell einig, was zu tun ist – wenn zwei Ärzte übereinstimmen, flößt das zumindest schon einmal Vertrauen ein. Auf dem Tisch liegen zum Glück keine spitzen Instrumente, allerdings sieht der abgenutze und fleckige Tisch auch nicht unbedingt einladend aus. Der Arzt bringt seine eigenen Instrumente mit, schön steril eingewickelt in ein braunes Stück Packpapier. Der Bohrer wird noch einmal extra mit irgendeiner Flüssigkeit sterilisiert, dann geht es ans Bohren und Füllen. Der Stromausfall an diesem Morgen ist praktischerweise auf die Straße beschränkt, in der wir wohnen, die Poliklinik ist nicht betroffen, so dass das Bohren und Füllen genauso verläuft, wie aus Deutschland gewohnt. Er gibt mir dauernd Erklärungen, von denen ich aber kaum etwas verstehe, weil er halt gerade bohrt, und weil ich nicht so leicht unterscheiden kann, ob die Worte mir gelten oder dem Krankenpfleger hinter seinem Rücken, der anscheinend nichts zu tun hat und deshalb mit den Ärzten über Gott und Welt quatscht. Ich gehe mit dem Gefühl nach Hause, dass Schmerzen doch sehr schön sind – sobald man sie überstanden hat. Am Freitag noch die Nachbehandlung, und am Sonntag kann ich schon wieder ganz normal essen.

Sozialsysteme

8. Januar 2011

Vorgestern – ausgerechnet im feierlichsten Moment der Festmesse zum Dreikönigstag – gab es einen lauten Schlag in der Kirche. Die Putzfrau hatte sich aus dem Knien erheben wollen, dabei hatte ihr Blutdruck verrückt gespielt, und so schlug sie mit dem Kopf auf das harte Steinpflaster auf; ich war noch nach dem Gottesdienst entsetzt, wie viel Blut auf dem Boden zu sehen war. Der Besuch bei ihr am späten Abend brachte Beruhigung: Sie saß schon wieder fröhlich auf dem Stuhl, umsorgt von ihren erwachsenen Kindern, die Platzwunde an der Stirn genäht und mit einem dicken weißen Verband umwickelt. Ich dachte mir, damit sei alles in Ordnung: Die Behandlung im Krankenhaus war kostenlos, und die Kinder werden sich schon um sie kümmern.
Gestern kamen dann unabhängig voneinander Jacques, Martin und Cyrille auf mich zu: Ob wir sie nicht unterstützen sollten. Ich brauchte etwas, um mein deutsches Denken abzulegen. Warum sollten wir sie unterstützen, wenn doch die Kinder da sind und die Behandlung kostenlos war ? Cyrille machte mir klar: Allein das Taxi zum Krankenhaus hatte ein Viertel ihres Monatslohnes verschlungen ! Dass im Krankheitsfall auch die materielle Unterstützung der Nachbarn gefordert ist, ist für meine afrikanischen Brüder ganz selbstverständlich, während wir Deutschen eher dazu neigen, uns auf Versicherungen und andere Sozialsysteme zu verlassen.

Rückblick auf 2010

5. Januar 2011

Im Internet las ich gerade, dass ein deutscher Kardinal 2010 als „annus terribilis – schreckliches Jahr“ bezeichnet hat. Erzabt Jeremias hatte hier gestern Abend vom „annus horribilis“ gesprochen, was das Gleiche bedeutet. Auch für mich war die Erkenntnis, dass ein Mönch meines Klosters, mit dem ich jahrelang gemeinsam gebetet und gegessen habe, in schlimmer Weise das Vertrauen eines Jugendlichen und auch das Vertrauen unserer Gemeinschaft gebrochen hat, das Schlimmste am Jahr 2010. Auf Kuba waren die unangenehmen Ereignisse der Weggang von P.Emmanuel und P.Vianney sowie die Erkenntnis, dass unser Grundstück wasser- und daher wertlos ist.
Aber insgesamt war es für uns ein gutes Jahr. Für mich persönlich war der Höhepunkt die Reise nach Togo. Die hat mir „nebenbei“ die Gelegenheit verschafft, zum ersten Mal meine Nichte zu sehen (der spezielle Gruß geht heute an deren Eltern und Großeltern ;-). Auch für die Kirche auf Kuba war es ein gutes Jahr. Ihre Beziehungen zum Staat sind viel entspannter als früher und sie konnte diese Beziehungen nutzen, um Freilassungen oder Erleichterungen für Gefangene zu erreichen. Auch für unsere Gemeinschaft war es ein gutes Jahr. Es hat ein paar Konflikte gebraucht, um als Gemeinschaft zusammenzuwachsen. Der letzte Jahreswechsel stand eher im Zeichen dieser Konflikte, aber inzwischen verstehen wir uns hervorragend, trotz unserer Herkunft aus verschiedenen Kontinenten.
P.S. Den Artikel habe ich am Silvestertag geschrieben, komme aber erst jetzt dazu, ihn hochzuladen.