Archive for April 2009

Studenten und Touristen

27. April 2009

Am Freitag hatte ich die Gelegenheit, Studenten etwas über deutsche Kultur zu erzählen. Zwar bin ich kein Spezialist für dieses Thema, aber die Professorin wollte ihre Gruppe gerne mal mit einem deutschen Muttersprachler zusammenbringen. Die knapp 20 jungen Leute studieren seit einigen Jahren Deutsch und sprechen recht gut, allerdings fehlt ihnen offensichtlich die Übung. Einige schreiben gerade eine Jahresarbeit über den Einfluss von Rilke auf die kubanische Literatur. Ich hatte mir gar nicht vorstellen können, dass Rilke hier bekannt ist.
Sie wollen wissen, wie die Deutschen Kuba sehen. Ich sage, dass die Touristen eigentlich immer positiv über Kuba berichten, zumindest die, die ich kenne. Ich füge an, dass wir im Sauerland auch Erfahrungen mit Touristen haben, die manchmal arrogant auftreten. Das Gelächter der Studenten bestätigt mir, dass ich ins Schwarze getroffen habe: Touristen werden hier als arrogant erlebt. Im Anschluss an die Diskussion bestätigt mir einer der Teilnehmer nochmals: „Die meinen ja, sie müssten sich nicht einmal an die Verkehrsregeln halten.“ Die Nummernschilder der Leihwagen für Touristen fangen mit T an, sie sind also erkennbar. Die Kubaner fahren nach meinem vorläufigen Eindruck rücksichtsvoll (gegenüber anderen Autos, nicht unbedingt gegenüber Fußgängern), halten sich allerdings auch nicht unbedingt an die Verkehrsregeln.
Was sie von den Deutschen halten, will ich noch wissen. „Fleißig, vorausplanend, nicht spontan, gefühlskalt.“ Letzteres bestreite ich und verweise auf Rilke.
Die Fotos zeigen den Innenhof eines Touristen-Restaurants in der Altstadt und ein typisches Touristengefährt am Hafen.

Kubanische Handwerker

27. April 2009

Das Wasser der städtischen Wasserleitung fließt in eine Zisterne hinter unserem Haus. Von dort wird es durch eine elektrische Pumpe in den Wassertank auf dem Dach transportiert und fließt dann ganz normal aus den Wasserhähnen. Vorausgesetzt jedenfalls, die Pumpe funktioniert. Neulich abends beim Abspülen tröpfelte es nur noch aus dem Hahn. Wir stellten also die Pumpe an, doch es wurde kaum mehr. Emmanuel und ich stiegen auf’s Dach, die Vibrationen des Motors waren mit der Hand an der Wasserleitung zu fühlen, doch nur ganz wenig Wasser floss in den Tank. Zum Spülen reichte es, doch der Tag war sehr heiß, und wir wollten noch duschen. Viertel nach Neun kommt Emmanuel zu mir: „Ich habe gerade angerufen, der Handwerker kommt, es wird eine halbe Stunde dauern, denn er wohnt etwas weiter weg.“ – „Was, um diese Zeit ?“, ich kann es nicht glauben. Doch, zwanzig Minuten später steht er mit seinem Fahrrad vor der Tür, „Wenn der Strom ausfällt, kann man das ja noch ertragen, aber ohne Wasser kann man nicht sein. Und bei Hitze schon gar nicht, ihr kommt ja aus einem kalten Land, ihr braucht die Abkühlung noch nötiger als wir.“ Kurz vor Elf verlasse ich sauber und vor allem abgekühlt die Dusche. Solche Handwerker sollte es mehr geben !

Granma

23. April 2009

Vor ein paar Tagen fand ich auf dem Fußboden meines Büros eine zusammengeknüllte Ausgabe der „Granma“. Auf Englisch bedeutet das Wort so viel wie „Großmama“, auf Kuba ist es vor allem der Name der Yacht, mit der die Brüder Castro und Che Guevara nach Kuba reisten, um ihren Kampf zu beginnen. Die Parteizeitung ist nach dieser Yacht benannt und wird auch von uns im Abonnement bezogen. So viel wusste ich, aber wie aber kommt sie auf den Fußboden meines Büros im ersten Stock ?
Das Fenster stand offen – sollte der Zusteller wirklich … ?
Heute Morgen erlangte ich Gewissheit. Es gab zunächst ein dumpfes Geräusch, dann flog vor meinen Augen die zusammengeknüllte Granma durch das offene Fenster. Das dumpfe Geräusch rührte offensichtlich vom ersten Versuch her, bei dem der Zeitungsbote das Fenster verfehlt hatte.

„Fragend gelangt man nach Rom“

21. April 2009

Am Gründonnerstag zog ich mit einem unserer Gäste (siehe vorigen Artikel) los, um Gemüse zu kaufen. Wir fahren mit dem Bus zu einem großen Supermarkt, wo mein Begleiter nach Gemüse fragt. Der Verkäufer antwortet knapp, „No hay – gibt’s nich“. Auf Nachfrage beschreibt er den recht weiten Weg zu einem Markt. Wir finden das Gesuchte und erwerben gute Qualität für 16 Peso. Für den Rückweg bis zum ersten Supermarkt nehmen wir den Bus, nachdem mein Begleiter durch mehrfaches Fragen herausgefunden hat, dass es einen gibt, und wo er abfährt. „Durch Fragen gelangt man nach Rom,“ ist das erste kubanische Sprichwort, das er mir beibringt. Als wir wieder zurück sind, haben wir gutes Gemüse dabei, zwei Stunden gebraucht und weniger als einen Euro ausgegeben (eine Busfahrt kostet 0,40 Peso, für einen Euro bekommt man circa 30 Peso). Ein Besucher ist gerade da, er hört, wo wir waren, und meint, so einen Markt hätten wir auch zehn Minuten von unserem Haus entfernt finden können. Tja, mein Begleiter weiß zwar, wie man fragt, aber er stammt aus der Provinz und kennt Havanna nicht besonders gut. „Die Leute in Havanna nennen uns ‚Bauern'“, hat er mir neulich gesagt.
Am Osterdienstag sind wir wieder unterwegs, diesmal auf der Suche nach Klopapier und einem Schloss für mein neues Fahrrad. Direkt gegenüber dem riesigen Hotel, wo ich den Internet-Zugang benutze, befindet sich das Einkaufszentrum Galeria Paseo (siehe Foto) mit vielen Geschäften auf drei Etagen. Mein Begleiter fragt sich durch. Die Antworten schicken uns erst nach oben, dann wieder nach unten, dann wieder nach oben und noch einmal nach unten. „No hay“.
Am Freitag steige ich – diesmal allein – also in den Bus Richtung Innenstadt, dort frage ich in der ersten Eisenwarenhandlung nach dem Fahrradschloss, die Verkäuferin schickt mich zur großen Eisenwarenhandlung zwei Blöcke weiter, wo es auf zwei Etagen alles zu geben scheint, was nach Eisen, Bau oder Hobby aussieht. Ich frage nach der Fahrradabteilung, werde nach oben geschickt, dort höre ich dann „No hay“. Ich kann es nicht glauben, frage einen anderen Verkäufer: „No hay“. Das Geschäft ist so groß, hier muss es einfach ein Fahrradschloss geben ! Ich suche auf eigene Faust und finde es schließlich unten (die Verkäufer oben wissen anscheinend nicht, was es unten gibt, und ich hatten unten die falsche Frage gestellt). In einem Supermarkt in der Nähe finde ich sogar Klopapier. Als ich zum Bus zurückgehe, fragen mich zweimal Passanten, wo ich das Klopapier gekauft habe, das aus meiner Plastiktüte herausschaut. Ich habe das Gefühl, das wahrscheinlich meine Vorfahren auch hatten, wenn sie vollbeladen mit Mammutfleisch zu ihrer Höhle zurückkehrten.

Unser Haus

21. April 2009

P.Norbert ist am 4.4. nach Kolumbien zurückgereist, auf unsere Brüder aus Togo warten wir immer noch, so sind P.Emmanuel und ich im Moment nur zu zweit. Für die Karwoche hatten wir zwei junge Männer als Gäste in unserem Haus, was für mich auch bedeutete, dass ich mich wohl oder übel auf Spanisch verständigen musste. Statt zwei Stunden Spanischunterricht am Vormittag plus Vokabellernen in der übrigen Zeit also ein Intensivkurs, nur während des Schlafens ohne Spanisch.
Vom Rest meiner Zeit verbringe ich im Moment viel zu viel mit Einkaufen, was zum einen daran liegt, dass unsere Einrichtung noch nicht vollständig ist. Emmanuel verbringt seine Zeit mit der Arbeit für die Kirchengemeinde und – mit Einkaufen. Mehr dazu im nächsten Artikel.
Das Haus liegt eigentlich wunderbar; das Foto zeigt die Aussicht von unserem Dach. Auf der anderen Seite des Hauses liegt die Linea, eine der Hauptstraßen Havannas, die dafür sorgt, dass wir Tag und Nacht am Leben Havannas teilhaben können (empfindliche Leute würden von „Lärm“ sprechen).

Ostern

16. April 2009

Weihnachten ist auf Kuba seit einigen Jahren wieder staatlicher Feiertag, Karfreitag und Ostermontag aber sind ganz normale Arbeitstage, daher fällt das Osterfest im Alltag nicht besonders auf. Für uns aber waren es natürlich schon besondere Tage. Am Samstag vor Palmsonntag war ich zur Ölweihmesse in der Kathedrale. War es wirklich erst ein Jahr her, dass ich dasselbe Ereignis in Songea in Tansania erlebt hatte ? Hier lief alles pompöser und routinierter (fast hätte ich gesagt: langweiliger) ab als dort. Wo Erzbischof Norbert das Anrühren des Chrisams fast wie ein Hexenmeister zelebrierte, vor dem Altar, damit alle gut sehen konnten, schüttete Kardinal Ortega (das Foto oben zeigt ihn beim Einzug) einfach ein paar Flüssigkeiten zusammen (nächstes Foto).

Palmsonntag ist für viele Menschen hier der wichtigste Tag der Kar- und Osterfeiern, und besonders wichtig ist es für viele, ein Palmblatt aus der Kirche mit nach Hause zu nehmen. „Die steinigen mich, wenn ich keine Palmblätter habe,“ meinte P.Emmanuel. Ein paar Tage vorher sollten freiwillige Helfer des Bischofs die Blätter vorbeibringen. Doch sie kamen nicht. „Die nutzen die Tour durch alle Pfarreien, um sich gehörig zu betrinken. Deshalb sind sie unterwegs steckengeblieben. Das geht jedes Jahr so,“ meinte ein Insider. Am nächsten Tag kamen die Palmblätter wieder nicht, diesmal lautete die Erklärung, „Wegen des Windes kann niemand auf die Palmen steigen, um die Blätter zu holen.“ Schließlich kamen sie aber doch, und in unserer Kirche reichten zwar die Sitzplätze nicht aus, wohl aber die Palmblätter. Die Leute steckten die Blätter zu einer Schlinge zusammen, das Ergebnis erinnerte mich an einen Notenschlüssel (siehe Foto unten). Warum aber sind die Blätter so wichtig ? Ein Kubaner erklärte uns, dass manche einen Teil davon verbrennen, um die bösen Geister zu vertreiben. Am Nachmittag sah ich auf der Straße noch eine andere Verwendung: Ein junger Mann schwarzer Hautfarbe trug die Schlinge des Palmblattes um seinen Hals, offensichtlich eine andere Methode zur Abwehr böser Geister.
Die vier großen Gottesdienste vom Gründonnerstag bis zum Ostersonntag waren dann zwar nicht so gedrängt voll, aber doch gut besucht.

„Die Getränke müssen Sie aber in CUC bezahlen.“

10. April 2009

Am Samstag sind wir zum ersten Mal in ein kubanisches Restaurant gegangen. Als wir die Bestellung aufgegeben haben, sagt die Kellnerin noch, „Die Getränke müssen Sie in CUC bezahlen.“ Damit sind wir bei einer der Besonderheiten Kubas, die für Fremde erst erklärt werden müssen. Das Merkblatt des Ministeriums für Tourismus erklärt diese Besonderheit auf Deutsch folgendermaßen: „Die offizielle Währung ist der Kubanische Peso. In Kuba werden alle Einkäufe und Dienstleistungen in Kubanischen Konvertierbaren Pesos (CUC) bezahlt.“ Falls jemand diese Erklärung nicht verstanden haben sollte: Es gibt hier zwei Währungen. Neben dem „normalen“ oder nationalen Peso gibt es noch den konvertierbaren Peso, kurz CUC genannt. Der CUC entspricht ungefähr einem Euro, der Kurs ändert sich von Tag zu Tag. Touristen kommen normalerweise nur mit dem CUC in Berührung. An unserem Restaurant stand aber außen „Moneda Nacional“ angeschrieben, daher bezahlen wir das Essen (pro Person 30 Pesos) in den nationalen Pesos. In einigen Geschäften wird nur mit nationalen Pesos bezahlt, in anderen nur mit CUC. Damit, dass auf einer Rechnung zwei Währung vorkommen würden, hatten wir nicht gerechnet, auch unser kubanischer Begleiter ist überrascht. Das Brot, das ich jeden Morgen frisch vom Bäcker hole, kostet 6 „normale“ Pesos, also circa 20 Euro-Cent. Im Supermarkt dagegen wird in CUC bezahlt, die Flasche Wasser dort kostet 0,65 CUC, circa 60 Cent.

Kubaner können ebenso wie Ausländer jederzeit 25 nationale Pesos gegen einen CUC tauschen, beim Rücktausch gibt es für einen CUC dann 24 nationale Pesos. Dieser Kurs ist staatlich festgelegt und bleibt konstant.

Die andere Überraschung in dem Restaurant war übrigens die hervorragende Klimaanlage. Ich war froh, als wir endlich wieder draußen die Hitze genießen konnten, P.Emmanuel war am nächsten Tag erkältet.

Formulare

3. April 2009

Mittwoch Abend war uns das Wasser ausgegangen, also ging ich schnell noch in den Supermarkt zwei Blöcke weiter. Drei Minuten Hinweg. Eine Minute Warten vor dem Supermarkt, weil er voll ist, und der Türsteher erst wieder neue Kunden hereinlässt, wenn ein paar andere herausgekommen sind. Noch schnell eine „Insektentötende Lampe“ kaufen. 6,90 CUC. Diese Lampen werden an der Theke für Haushaltswaren verkauft, dort gibt es auch eine Extra-Kasse. Die Verkäuferin packt die Lampe aus, steckt sie in die Steckdose, und zeigt mir so, dass sie auch wirklich funktioniert (mir liegt die Bemerkung auf der Zunge, dass ich die eigentliche Funktion der Lampe noch nicht gesehen habe, aber dafür würde mein Spanisch nicht reichen). Dann holt sie einen Formularblock heraus und will meinen Ausweis sehen ! „Robert Deutsch“ trägt sie ein, dann erst fragt sie, ob „Deutsch“ mein Nachname sei. Ich kläre sie auf, sie wirft das Formular weg und schreibt ein neues. Dann wird die Garantiekarte ausgefüllt, denn die Lampe hat immerhin 30 Tage Garantie. Schließlich geht sie zu ihrem Kollegen an der Theke gegenüber, der eine zweite Unterschrift auf dem Formular leisten muss. Nachdem ich die Lampe habe, geht alles schnell, das Mineralwasser aus dem Regal in den Einkaufkorb gepackt, an der Hauptkasse bezahlt (ohne Warten, denn der Laden ist inzwischen leer), drei Minuten Rückweg. Gesamtdauer der Aktion: 45 Minuten. Ich bin froh, dass in der Zwischenzeit niemand ist. Erst zuhause schaue ich mir das Formular, das so viel Arbeit gemacht hat, genauer an: „Certificado de Propriedad“ steht darauf, Eigentumsnachweis. Wieso brauche ich für eine Lampe, die weniger als 6 Euro kostet, einen Eigentumsnachweis ? Der Schreibtisch und der Scanner, die ich letzte Woche gekauft hatte, waren deutlich teurer, und für die halte ich keinen Eigentumsnachweis in der Hand. Gilt die Lampe vielleicht als Waffe ? Immerhin tötet sie Lebewesen.

Das Foto stammt aus der Altstadt, abgesehen vom Thema „Lampe“ hat es noch weniger mit dem Artikel zu tun als das letzte Foto.

Klammern und Schlaufen

1. April 2009

Spanisch erscheint auf den ersten Blick recht einfach, sehr viele Wörter hat man als Fremdwörter oder über eine andere europäische Sprache schon einmal gehört. Auf den zweiten Blick gibt es dann doch Probleme. Letzte Woche habe ich gemeinsam mit P.Emmanuel Büromaterial gekauft. Auf die Heftmaschine haben wir zunächst verzichtet, weil es keine passenden Heftklammern gab. Vorgestern war ich alleine erneut dort, um zu fragen, ob es inzwischen wohl auch Klammern (grapas) für die Heftmaschine (grapadora) gebe. Trotz mehrfacher Wiederholung verstand der Verkäufer mich erst, als ich auf die grapadora in seinem Regal zeigte. Am nächsten Morgen klärte mein Spanischlehrer mich auf: Die Wörter grapa und grapadora hatte ich von P.Emmanuel, der sie wiederum in Kolumbien gelernt hatte. In Kuba aber heißt es presilla und presilladora. In meinem Wörterbuch steht unter „presilla“ die Übersetzung „Schlaufe“. Jetzt versuche ich, die Wörter „grapa“ und „grapadora“ wieder zu vergessen, aber das gelingt mir genauso wenig wie der Kauf von grapas, pardon, presillas.