Archive for März 2014

Die dunkle Seite des Gesundheitswesens

19. März 2014

schwein Neulich habe ich mit P.Laurenti neun kleine Schweineställe besucht. Es handelt sich um ein Projekt von uns, HIV-positiven Frauen die Möglichkeit zu geben, durch Schweinezucht ihr Einkommen etwas aufzubessern. Die Schweine gehören nicht den einzelnen Frauen, sondern der Selbsthilfegruppe; die Eberferkel werden verkauft, die jungen Säue zur Zucht eingesetzt. Ich habe Laurenti nachher zweimal gefragt, ob die Frauen (einige wenige Männer sind auch darunter) wirklich HIV-positiv sind, so gesund sehen sie aus. Ja, sie sind es, aber die modernen Medikamente können das Virus ziemlich gut im Griff halten, wenn die Kranken sie regelmäßig einnehmen.
Vor einigen Wochen wurde Felicitas, eine der Gründerinnen der Gruppe, schwer krank. Die Nachbarn baten uns um ein Auto, um sie ins nächstgrößere Krankenhaus zu bringen, da man ihr hier in Uwemba nicht mehr helfen konnte. Laurenti wollte ihr die Krankensalbung spenden, aber er erfuhr, dass sie zu den „Erlösten“, einer fundamentalistischen Sekte, übergetreten war. Auch im zweiten Krankenhaus konnte man ihr nicht mehr helfen, so ging die Fahrt weiter zu einem dritten, ungefähr eine Stunde über schlechte Straßen von hier entfernt. Dort nahm sich der Krankenhauspfarrer auf Laurentis Bitte hin ihrer an und erfuhr den Hintergrund der Geschichte: Sie war bei den „Erlösten“ geheilt worden. Und man hatte ihr gesagt, wenn sie wirklich glaube, dass Jesus sie geheilt habe, dürfe sie keine Medikamente mehr nehmen. Die Ärzte konnten ihr nicht mehr helfen. Da sie vor ihrem Tod um Wiederaufnahme in die Katholische Kirche gebeten hatte, wurde sie in Uwemba von Laurenti beerdigt. Der hielt seine Predigt nicht wie sonst in der Kirche, sondern anschließend auf dem Friedhof, wo auch die „Erlösten“ dabei waren. Und er hat diesen Pseudo-Heilern ziemlich deutlich gesagt, dass für Krankheiten die medizinische Wissenschaft zuständig ist.
Die moderne Medizin hat hier außer dem christlich-fundamentalistischen Spektrum noch andere Konkurrenten. Zur Gruppe der HIV-Positiven gehört auch ein 80-jähriger Mann. Das ist nicht unbedingt die Altersgruppe, bei der man eine sexuell übertragbare Krankheit vermuten würde. Der Alte war zu einem traditionellen Heiler gegangen. In all den vielen Jahrhunderten vor der Ankunft wissenschaftlich ausgebildeter Mediziner waren diese Heiler für die Probleme der Menschen zuständig. Mit ihren Ritualen und Kräutern, auch mit Giften, mit weißer und mit schwarzer Magie halfen sie den Menschen, manchmal auch dadurch, dass sie deren Feinde aus dem Weg räumten. Noch heute kann man überall ihre kleinen Werbetäfelchen sehen, „Traditioneller Heiler. Doktor Mgimba hilft bei Liebesproblemen, Krankheiten, Prüfungen, Geldproblemen. Telefon 076543210.“ Oder: „Kräuterkundler. Heilung auf natürliche Weise. Spezialisiert auf Rückenschmerzen und AIDS.“ Der Heiler, zu dem unser Alter gegangen war, ritzte ihm zauberkräftige Muster in die Haut, bis das Blut heraustrat. Dasselbe Messerchen hatte er zuvor auch bei anderen Kunden benutzt und natürlich nicht sterilisiert …
Das Werbeschild von dem Kräuterkundler sah ich übrigens vor einem Jahr in Dar es-Salaam auf der Reise nach Deutschland. Eine Woche später wurden mir beim deutschen Zahnarzt Globuli und Schüssler-Salze gegen Aften empfohlen – das ist nicht ganz so gefährlich wie Kräuter gegen AIDS, aber genauso wirkungslos und vermutlich sogar teurer.

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Aus unterschiedlichen Blickwinkeln

2. März 2014

Dr.Grasbon Neulich hatte ich Gelegenheit, das Thema „Krankheit“ aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Am Schluss der Sonntagsmesse auf dem Außenposten in Njomlole sagte der Gemeindevorstand an, dass Augenkranke nach Uwemba kommen sollten, da diese Woche ein Augenarzt da sei. Offenbar hatte er übersehen, dass Dr.Grasbon persönlich an der Messe teilgenommen hatte, allerdings in der letzten Reihe. Nach der Messe erkannten ihn dann zahlreiche Gottesdienstbesucher, denn er kommt jedes Jahr nach Uwemba (Das Foto zeigt ihn beim Händewaschen nach Landessitte; warum ich kein Foto von seinen Operationen habe, steht im nächsten Absatz). Gleich am Sonntag Nachmittag fing er an und hat bis Freitag Mittag fast ohne Pause operiert. Schnell füllte sich Uwemba mit Leuten, denen ein Auge verbunden war. Die häufigste Operation betrifft natürlich den Grauen Star. Der Arzt entfernt die trüb gewordene Augenlinse und setzt stattdessen eine künstliche Linse ein. Wenn der Patient den Verband dann nach einigen Tagen wieder abnimmt, kann er auf mittlere Entfernungen wieder gut sehen, für die Ferne oder zum Lesen braucht er eine normale Brille. Ein echtes Wunder: Vorher hilflos und meist mutlos, plötzlich wieder normal. Vor einiger Zeit hatte Dr.Grasbon die Gelegenheit, ein Foto von sich gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten Tansanias machen zu lassen. Wenn er jetzt bei der Einreise Schwierigkeiten wegen der medizinischen Geräte bekommt, zeigt er dem Zöllner dieses Foto. Das klappt, so sagt er, fast immer, bis auf einmal, wo er zusätzlich noch die private Handy-Nummer seines mächtigen Freundes zeigen musste. Auf die Aufforderung hin, den Ministerpräsidenten anzurufen, entschied sich der Zöllner dann lieber dafür, den Arzt durchzuwinken.
Einen anderen Blick auf das hiesige Gesundheitswesen gewährte mir mein Körper am selben Nachmittag: Meine erste Malaria. Da das kleine Krankenhaus von Uwemba den Benediktinerinnen gehört, bekommen wir dort sozusagen „Erste Klasse Plus“ mit Einzelzimmer und bevorzugter Behandlung durch Sr.Scholastica (Ärztin) und Sr.Johanna. Aber als am Mittwochmorgen, nach drei Nächten in der Krankenabteilung und ebenso vielen Chinin-Infusionen, das Fieber immer noch nicht gesunken war (knapp 38,9° unter der Achselhöhle), als sich die Schwestern ratlos anschauten und mir auch noch – ungewöhnlich bei Afrikanern – ihre Ratlosigkeit gestanden, fühlte ich mich doch nicht so richtig wohl in dieser Luxus-Umgebung. Und das Gesicht der alten deutschen Küchenschwester Marciana, das sonst immer so freundlich aussieht, kam mir vor wie das einer Hexe. Was entweder an meinem Fieber oder an ihrer Drohung lag, mir eine „leckere Schleimsuppe“ zu kochen. Ein paar Stunden später, am frühen Nachmittag, wachte ich dann schweißgebadet auf, das Fieber war fort, und die Schleim-Drohung hatte ich auch erfolgreich abwehren können. Donnerstag war ich noch ziemlich wacklig auf den Beinen, am Montag fühlte ich mich wieder völlig gesund.
Gruppenfoto Schon am Freitag Nachmittag konnte ich mich am Empfang für ganz besondere Gäste beteiligen: Ein deutscher Pfarrer, dessen Pfarrei in der Schweiz bei Zürich liegt, ein Mitglied der Gemeinde, zwei Italienerinnen der Gemeinschaft St.Egidio, die in Tansania AIDS-Zentren betreiben, und die junge tansanische Koordinatorin von einem dieser Zentren. Schon bald soll auch in Uwemba Behandlung und Beratung für HIV-Positive und AIDS-Patienten möglich sein. Diese Geschichte begann damit, dass P.Laurenti, unser Prior, vor über einem Jahr einen Bewässerungskanal inspizierte und dabei eine Frau traf, die abseits einen Garten angelegt hatte. Die Frau, so ergab das Gespräch, war an AIDS erkrankt und hielt sich abseits, weil sie sich schämte. Allerdings war sie nicht allein, sondern sie kannte andere Betroffene, mit denen sie sich auch über die Probleme austauschte. Laurenti gab dann den Anstoß zur Gründung einer Selbsthilfegruppe, die inzwischen mehrere 100 Betroffene umfasst (siehe das Gruppenfoto; Laurenti hat sich ganz hinten in der Mitte ziemlich bescheiden versteckt, während P.Stephan, der in der ersten Reihe mit seinem weißen Habit so auffällt, eigentlich gar nichts mit der Sache zu tun hat). Die lebenswichtigen Medikamente (ARV) werden im Regierungskrankenhaus in Kibena bei Njombe ausgegeben, allerdings nur mittwochs, was das erste Problem darstellt, da viele Patienten sich schämen. Und wer regelmäßig mittwochs nach Kibena fährt, der ist schnell als HIV-positiv im ganzen Dorf bekannt. Ach ja, „fahren“ wäre schön. Es gibt keine Busse, nur Sammeltaxis, und die kosten für Hin- und Rückfahrt 10.000 Schilling, 5 Euro. Landwirtschaftliche Hilfskräfte bekommen 80.000 Schilling im Monat, viele haben gar keine Arbeit und leben nur von dem, was sie selbst anbauen. Also: Dienstags zu Fuß nach Kibena aufbrechen, 30 km, irgendwo im Wald schlafen (in der Regenzeit nicht so angenehm), mittwochs die Medikamente für einen ganzen Monat entgegennehmen, zurücklaufen, nochmal 30 km. Hoffentlich ist man jung und gesund. Laurenti hat beim Krankenhaus in Kibena vorgesprochen, ist auch zum nächstgrößeren Krankenhaus nach Iringa gefahren, und hat erreicht, dass ab April in Uwemba eine neue Ausgabestelle für Medikamente eingerichtet wird. Die Schweizer helfen uns finanziell, St.Egidio will fünf Ärztinnen, Schwestern und Berater in ihrem Zentrum fortbilden.
Das letzte Foto zeigt den Deutsch-Schweizer Pfarrer und seinen mitgebrachten aufblasbaren Globus in unserem Kindergarten.
Pfarrer Wolf