Archive for the ‘Kuba: Die Menschen’ Category

Kuba-Tourismus

14. Dezember 2011

Die Altstadt von Havanna hat mich in ihren Bann gezogen: Vom perfekt restaurierten Platz der Kathedrale führt die Straße San Ignacio zwischen einsturzgefährdeten Häusern (Foto oben) zum wiederum perfekt restaurierten „Alten Platz“ (Plaza Vieja) und von dort zur alten Paula-Kirche mit ihren wunderbaren Gewölben. Trinidad ist eine malerische Kolonialstadt, der barocke Schnitz-Altar in Remedios und die Morro-Festung bei Santiago sind auch eine Reise wert. Die Strände in Varadero sind weiß und das Wasser warm. Aber würde ich deshalb empfehlen, als Tourist nach Kuba zu kommen ?
Von Santiago aus bin ich – siehe vorletzten Artikel – nach Baracoa gefahren. Ich ging also in Santiago zum Busbahnhof. Dort gibt es zwei Busgesellschaften: Astro befördert nur Kubaner, ist dafür aber sehr billig. Um eine Fahrkarte zu bekommen, muss man sich Tage vorher frühmorgens anstellen. „Du wohnst ja in Kuba, du kannst deshalb auch mit Astro fahren. Aber am Schalter werden sie dir immer sagen, dass der Bus ausgebucht wäre. Dann musst du dem Mann am Schalter etwas Geld geben“, so erklärte mir ein kubanischer Freund die alltägliche Korruption. Ich habe es nicht ausprobiert, sondern ging gleich zum Schalter der anderen Busgesellschaft, Viazul. Viazul kassiert für die 5-stündige Fahrt nach Baracoa 15 CUC (12 Euro), was auf Kuba einem Monatslohn entspricht. Der Werbeslogan von Viazul lautet entsprechend, „Sie suchen das Ziel aus, wir sorgen für die Exklusivität.“ Der Bus für den nächsten Tag ist aber bereits ausgebucht. Ich verschiebe daher meinen Ausflug um ein paar Tage und gehe am übernächsten Tag in das große Hotel am Hauptplatz. In den Hotels lassen sich Busse einer dritten Gesellschaft buchen, Cubanacan, die sich speziell an Touristen wendet, aber den gleichen Preis wie Viazul verlangt. Angesichts der langen Schlange beschließe ich aber, später wiederzukommen. Um 5 Uhr komme ich wieder vorbei und freue mich, als ich sehe, dass noch ein Angestellter am Tisch sitzt, aber kein Kunde wartet. Nachdem er ein endloses Telefongespräch beendet hat, erklärt er mir, dass er nur für Mietwagen zuständig sei. Die Busse mache seine Kollegin, und die ist heute schon weg. Ich sage ihm, dass ich Kuba-Tourismus nicht empfehlen kann, und gehe wütend. Am nächsten Morgen komme ich an einem anderen Hotel vorbei, buche den Bus nach Baracoa, praktischerweise auch gleich den Bus für die Rückfahrt von Santiago nach Havanna, und ein Hotel in Baracoa (was ich dann bereuen werde, siehe vorletzten Artikel). Jetzt fehlt nur noch die Rückfahrt von Baracoa aus. „Das ist ein Sonntag. Da fährt nur Viazul, die Fahrkarte müssen sie in Baracoa kaufen. Gleich wenn Sie dort ankommen, gehen Sie zum Busbahnhof und kaufen sofort die Fahrkarte“, sagt mir die freundliche Verkäuferin. Gesagt, getan. Am Freitag um 13 Uhr komme ich mit dem Bus in Baracoa an. Der Bus hält am Hotel, von dort laufe ich 20 Minuten zum Busbahnhof. Die Frau am Schalter sagt mir: „Dieser Schalter ist seit 12 Uhr geschlossen. Kommen Sie morgen früh wieder.“ Am nächsten Morgen gelingt es mir dann tatsächlich, die Fahrkarte zu ergattern.
Fazit: Ich empfehle, vor der Planung einer Kuba-Reise außer den Kosten (für Geldbeutel und Umwelt), und der Frage, wen man mit dem ausgegebenen Geld unterstützt, auch die eigene Leidensbereitschaft und die eigenen Spanisch-Kenntnisse in die Kalkulation miteinzubeziehen.
Das Foto unten zeigt dieselbe Straße San Ignacio ein paar Schritte weiter Richtung Plaza Vieja. Das vorstehende Haus in der Mitte ist auch auf dem oberen Bild zu erkennen.

Santiago ist Santiago

9. Dezember 2011

Der schönste Ort, den ich auf Kuba kennengelernt habe, ist die Morro-Festung am Eingang der Bucht von Santiago (Foto links). Zweimal bin ich während meines Aufenthaltes in Santiago dorthin gefahren. Santiago selbst, im Osten der Insel gelegen, war nach Baracoa die zweite Hauptstadt Kubas. Die spanischen Gouverneure verlegten ihren Sitz schließlich in den Westen der Insel, nach Havanna. Meine persönliche Theorie ist, dass es ihnen in Santiago einfach zu heiß war. Noch Ende November, wenn die Menschen in Havanna schon zwei oder drei Hemden übereinander anziehen, kann man in Santiago über die Hitze stöhnen. Heute ist Santiago die zweitgrößte Stadt der Insel, und die Liebe, die man in Santiago für Havanna empfindet, scheint mir ähnlich zu sein wie die Liebe, die ein Düsseldorfer für Köln hat (Herzlichen Gruß an meine liebste Düsseldorferin !).
Als ich nach der Rückkehr vom Morro noch ein Foto auf dem Hauptplatz von Santiago machte, sagte eine Stimme hinter mir: „Guter Fotograf.“ – auf Deutsch ! So kam ich mit Eliel ins Gespräch, der einige Jahre in der DDR gearbeitet und die Wende in Magdeburg erlebt hatte. Nachdem wir uns einige Zeit unterhalten hatten, lud er mich auf einen Drink ein. Keine leichte Aufgabe, denn die meisten Bars in der historischen Altstadt sind für Touristen gedacht, „und die Preise dort kann ich mir nicht leisten,“ sagt er. In die nächste Schwierigkeit bringe ich ihn, als ich ihm sage, dass ich keinen Alkohol trinke; denn die alkoholfreien Getränke sind auch ziemlich hochpreisig. Die Lösung lautet schließlich „Tomatensaft“. Ich erfahre, dass es in Santiago nur vier Eier pro Monat auf Lebensmittelkarte gibt, in Havanna dagegen acht. Auch gibt es in Santiago weniger öffentliche Busse, stattdessen bieten private Unternehmer einen Steh- oder Sitzplatz auf einem umgebauten LKW für 1 Peso an (3 Euro-Cent; in Havanna kostet der Bus aber nur 0,40 Peso; Foto unten). Und die alten amerikanischen Straßenschlitten, die in Havanna als Sammeltaxis dienen, fehlen ebenfalls. Stattdessen kann man für denselben Preis (10 Peso – 0,30 Euro) auf dem Rücksitz eines Motorradtaxis mitfahren. „Havanna ist Havanna, so sagen wir in Santiago.“ Er bezahlt die Rechnung. Ich muss ihm erst bestätigen, dass ich seinen Stolz nicht verletzen will, bevor er akzeptiert, dass ich ihm das Geld (40 Peso, 1,20 Euro) zurückgebe.
Unter den politischen Parolen an den Häuserwänden fällt mir immer wieder der Spruch auf, „Santiago ist Santiago“. Vermutlich ist gemeint, „… und nicht Havanna“.

Und sie stechen mich doch

9. November 2011

In Afrika übertragen die Moskitos Malaria, sind aber so freundlich, nur nachts zuzustechen. Deshalb kann man sich mit einem Moskitonetz über dem Bett ziemlich gut schützen. Die kubanischen Moskitos sind nicht so rücksichtsvoll; sie stechen zu jeder Tageszeit. Malaria übertragen sie zwar nicht, aber das Dengue-Fieber. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Stich Dengue zu bekommen, ist viel geringer, als die entsprechende Wahrscheinlichkeit für Malaria. Ich schätze mal, dass ich in den ungefähr 30 Monaten auf Kuba 2000 mal gestochen worden bin. Dengue war zum Glück noch nicht dabei.
Regelmäßig gehen die Mitarbeiter der salud pública („Öffentliche Gesundheit“) durch die Häuser, versprühen ein Gas, um die Moskitos auszuräuchern, und schauen in die Gärten, ob irgendwo Wasserlachen zu finden sind, in denen die Moskitos brüten können. Wer seinen Garten nicht in Ordnung hat, muss Strafe zahlen. Vor einer guten Woche gab es eine besonders große Aktion: Innerhalb von drei Tagen wurde das Gift mehrfach von einem Fahrzeug (mit Polizeiwagen vorneweg) in der Straße versprüht (siehe Foto), gleichzeitig kamen die Salud-pública-Leute zweimal in die Häuser. Auf dem gemeinsamen Weg von unserer Kirche bis zur Pfarrkirche (drei Häuserblocks) machte mich unser Pfarrer in den Tagen danach mehrfach auf Wasserlachen auf der Straße und hohe Grasbüschel aufmerksam: „Das können die doch gar nicht alles wegmachen.“ Leider hat er Recht. Spätestens gestern war die Mückenpopulation nach meiner persönlichen Einschätzung wieder auf dem Stand von vor der Gift-Aktion. Mückenspray ist seit Monaten nicht erhältlich. Ein Trost bleibt: Oft spüre ich den Stich schon während die Mücke noch auf meinem Fuß sitzt. Dann kann ich zuschlagen. Und die Mücke ist im Moment ihres Todes wahrscheinlich so glücklich wie ein Baby, das gerade an der Brust seiner Mutter saugt. Sie stirbt einen schönen Tod, und ich habe Ruhe und Frieden – für ein paar Stunden, bis die nächste kommt.

Wettervorhersage und Zeitvorhersage

31. Oktober 2011

Gestern wollten die Katechisten unserer Gemeinde (Auf Kuba gibt es keinen Religionsunterricht in der Schule, daher kommen die Kinder am Samstag Nachmittag zu uns zur Katechese) den Sonntag zu einem Ausflug nutzen. Weil es im Moment aber ständig regnet, haben sie den Ausflug dann am Samstag Nachmittag doch noch abgesagt. Der Sonntag begann mit strahlendem Sonnenschein, erst gegen halb Vier nachmittags setzte regelrechtes Aprilwetter mit schnellem Wechsel von Regen und Sonnenschein ein. Es wäre ein wunderbarer Tag für den Ausflug gewesen und um halb Vier hätten sie schon längst wieder im Kleinbus für die Rückfahrt gesessen. Aber mit der Wettervorhersage ist das bekanntlich nie so einfach.
Das spanische Wort „tiempo“ bedeutet nicht nur „Wetter“, sondern auch „Zeit“. Mit der Zeitvorhersage für den Sonntag war es ebenfalls nicht so einfach. Auch hier endet nämlich Ende Oktober die Sommerzeit, so versicherten uns die Kubaner. „Aber 2004 ist die Sommerzeit gar nicht beendet worden,“ sage ich. „Das war nur wegen der damaligen Energieknappheit,“ antworten sie. In der Tageszeitung am Samstag Morgen steht nichts von einer Zeitumstellung. „Das bringen sie heute Abend um 8 in den Fernsehnachrichten,“ meinen die Kubaner. Die Sakristanin sagt mir am Samstag Nachmittag, „Josefa hat gehört, dass heute Nacht umgestellt wird.“ Beim Abendessen sagt einer unserer kubanischen Eintrittskandidaten, „Eine Frau aus der Gemeinde sagt, es wird am 15.November umgestellt.“ Wir beschließen, unsere Uhren nicht umzustellen. Am Sonntag Morgen waren alle in der Messe, die sonst auch kommen, und zwar zur selben Zeit wie sonst auch. Insofern haben wir diesmal richtig gelegen. Nächstes Wochenende dürfen wir wieder raten.
Das Foto zeigt den Himmel über den Stadtzentrum am Sonntag Abend.

„Der Meertanz wurde zuletzt 1944 gefeiert“

12. Oktober 2011

Bei einem der Orishas im Museum (siehe vorigen Artikel) findet sich die Bemerkung, dass der Meertanz seit 1944 nicht mehr gefeiert wird. Keine weitere Erklärung dazu. Also habe ich die Wärterin gefragt, warum der „Meertanz“ nicht mehr gefeiert wird. „Dabei wurde immer jemand ertränkt,“ lautete die grausige Antwort. Auf das Gerücht, es gäbe im Zusammenhang der afro-kubanischen Religionen Menschenopfer, stoßen wir immer wieder. Ich bin skeptisch, weiß ich doch, dass man im Altertum den Christen und im Mittelalter den Juden fälschlich unterstellt hat, sie würden Menschenopfer darbringen.
Heute frage ich einen kubanischen Freund, dessen Bruder und Tante der Santería anhängen, wie es damit steht. Er überhört die Frage. Ich wiederhole sie später noch einmal. Diesmal beantwortet er sie: Es gibt drei unterschiedliche Richtungen oder „reglas“ (Regeln) innerhalb der afro-kubanischen Religiosität. Die Santería (Regla de osha) praktiziert keinen Schadenzauber und kennt keine Menschenopfer. Es gibt Tieropfer und Liebeszauber (Die Frau badet unter Verrichtung bestimmter Gebete und muss anschließend dafür sorgen, dass der Mann, der verzaubert werden soll, von dem Badewasser trinkt), Heilungszauber, Verteidigungszauber und Orakel, um die Zukunft zu deuten. Also das, was wir als „weiße Magie“ bezeichnen würden. Ein Freund seiner Tante aber ist palero, das heißt Priester einer anderen Richtung, der Regla de palo. Von dieser Richtung ist bekannt, dass sie auch Zauber mit der Absicht, anderen Menschen zu schaden, durchführt. Dieser palero habe ihm einmal bei sich zuhause Leichenteile gezeigt, die er für seine Zeremonien benötigt. Die hatte er sich über Beziehungen zum Personal des Friedhofs besorgt. Das ist auch auf Kuba natürlich strafbar. „Ich habe ihn nicht angezeigt, weil er ein Freund meiner Tante ist,“ sagt mein Gesprächspartner. Mit Menschenopfern hat das nichts zu tun, denn besagter palero hatte sich erst nach der Beerdigung an die Leichen herangemacht. Vor ein paar Jahren, so erzählt mein Freund weiter, seien in der Altstadt von Havanna zwei Kinder, Zwillinge, ermordet aufgefunden worden, und zwar am 4.Dezember, dem Tag der hl. Barbara, die mit Changó, der Gottheit von Blitz und Donner, einer sehr aggressiven Gottheit, identifiziert wird. „Als Kind durfte ich am 3.12. abends nie raus, weil meine Eltern Angst hatten wegen des Vorabends von St.Barbara.“ Mir fiel ein, dass in bestimmten Städten der USA die Eltern am Vorabend von Allerheiligen Angst um ihre Kinder haben, weil die neuen Gangmitglieder sich durch ein Verbrechen an Halloween beweisen müssen.

Zu Besuch bei noch mehr Orishas

5. Oktober 2011

In Havanna gibt es ein Museum der Orishas, der Gottheiten der Santería (siehe dazu den vorigen Artikel). Als ich es zum ersten Mal besuchen wollte, war es gerade 4 Uhr nachmittags, Ende der Öffnungszeit. Vor zwei Wochen machte ich einen erneuten Versuch. Die Kassiererin wollte 10 CUC (8 Euro) Eintritt von mir. Ich zeigte meinen kubanischen Personalausweis, mit dem man normalerweise nur ein paar Cent Eintrittsgeld zahlen muss. Die Kassiererin bot mir daraufhin den Studentenpreis von 3 CUC an und verwies auf einen Aushang, dass Ausländer nur dann denselben billigen Eintritt wie Kubaner erhalten, wenn sie ein Schreiben ihres Arbeitgebers vorweisen. Da ich mich erstens diskriminiert fühlte und zweitens erfuhr, dass man im Museum keine Fotos machen darf, verabschiedete ich mich.
Eine Woche später ein neuer Versuch. Ich habe diesmal das Schreiben des Kanzlers des Erzbistums dabei, das meine Zugehörigkeit zu unserem Kloster bestätigt. Die Kassiererin sagt, das Schreiben müsse ausdrücklich an das Museum adressiert sein und direkt um den ermäßigten Eintritt bitten, lässt mich dann aber trotzdem für 5 Peso (15 Euro-Cent) hinein. Das Museum erweist sich als interessant, so dass ich gestern zusammen mit Br.Cyrille noch einmal da war. Diesmal habe ich ein vom Cellerar unseres Klosters unterzeichnetes Schreiben dabei, das allen Anforderungen genügt. Die Kassiererin lächelt mich an, „Heute ist alles richtig. Sehen Sie, ich kann mich noch an Sie erinnern.“ Dass ich selbst der Cellerar bin und das Schreiben also von mir selbst ist, stört sie anscheinend nicht, oder sie merkt es nicht. Ich will ihr die 10 Peso für uns beide geben, aber sie sagt, „Moment“ und greift zum Telefon. Niemand meldet sich. Sie verlässt ihr Kassenhäuschen, ruft „Maria Antonia !“, kommt zurück, greift wieder zum Telefon, verlässt wieder das Häuschen und ruft wieder nach Maria Antonia. Als sie wieder zum Hörer greift, kommt endlich Maria Antonia von der anderen Seite. Jetzt erst bekommen wir die Erklärung für die Verzögerung: „Heute ist der 4.Oktober. Das ist der Tag von Orula. Da nehmen wir von den Kubanern keinen Eintritt. Und Maria Antonia hat entschieden, dass auch Sie umsonst hinein dürfen.“
Maria Antonia führt uns durch das Museum, in dem lebensgroße Statuen der 29 wichtigsten Orishas (darunter Orula, dem wir den freien Eintritt verdanken) aufgestellt sind. Das Museum gehört nicht dem Staat, sondern der „Yoruba-Kulturvereinigung von Kuba“. Die Yoruba sind das Volk aus dem Südwesten Nigerias, bei dem die Santería ihre afrikanischen Wurzeln hat.
Maria Antonia gehört selbst dieser Religion an und ist gut informiert. Ich frage sie, ob es eigentlich Bestrebungen gebe, die kubanische Santería von den katholischen Einflüssen zu reinigen, und die ursprüngliche, afrikanische Form der Yoruba-Religion wiederherzustellen. Sie sagt, „Davon weiß ich nichts“, aber in einem Tonfall, der eher nach, „Davon darf ich nichts wissen.“ klingt. Ich gebe ihr 20 Pesos für die Führung (knapp ein Euro). Wie nehmen noch eine Informationsbroschüre der Yoruba-Kulturvereinigung mit. Die halbe Broschüre ist dem Kampf gewidmet gegen „gewisse Leute, die die kubanische Tradition unserer Väter nicht akzeptieren, die zu den angeblichen afrikanischen Wurzeln zurückwollen“. Deshalb also darf Maria Antonia nichts davon wissen – ihr Arbeitgeber hat was dagegen.
Wir waren fast eine Stunde in dem Museum, und die ganze Zeit über waren wir die einzigen Besucher. Stell‘ dir vor, es ist freier Eintritt, und keiner geht hin.

Wir bleiben unserer Geschichte treu

24. September 2011

Wir schreiben das Jahr 2011. Gestern habe ich im Internet endlich das spanische Gesetz von 2007 „Über das historische Gedenken“ gefunden. Das wiederum führt uns zum Spanischen Bürgerkrieg ins Jahr 1936 und dann noch tiefer in die Vergangenheit, bis ins Jahr 1854.
Vor einiger Zeit habe ich geschrieben, dass die 84-jährige Mutter unserer Köchin die spanische Staatsbürgerschaft erwerben möchte. Für Dinge, die über das Internet laufen, greift sie dabei auf meinen Anschluss zurück. Letzte Woche ist es uns endlich gelungen, einen Termin für Anfang November beim spanischen Generalkonsulat in Havanna zu bekommen. Dort muss die alte Dame laut dem Gesetz von 2007 nachweisen, dass ihr Großvater Spanier war. Die Heiratsurkunde aus dem Jahr 1882 hat sie schon, aber zur Sicherheit habe ich noch eine E-Mail ans bischöfliche Archiv von Valencia in Spanien geschickt, mit der Bitte, nach einer Taufurkunde „zwischen 1854 und 1859“ zu suchen.
Das spanische Gesetz hat ausdrücklich die Absicht, den Opfern von Bürgerkrieg (1936 – 39) und Franco-Diktatur (bis 1975) Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und da die meisten von diesen Opfern tot sind, will man wenigstens ihren Enkeln etwas Gutes tun. Interessanterweise gilt das Gesetz aber für alle Enkel bzw. Enkelinnen von Spaniern. So kommt auch der längst verstorbene Großvater in den Genuss, dass seine Enkelin auf ihre alten Tage Spanierin werden darf. Allerdings weiß ich nicht, ob er sich nicht vielleicht im Grabe umdreht. Denn als die Kubaner 1895 bis 1898 ihre Unabhängigkeit von Spanien erkämpften, war er etwas über 40 Jahre alt und mit einer Kubanerin verheiratet. Durchaus möglich also, aber nicht sicher, dass er damals mit der Machete oder Pistole in der Hand und unter Lebensgefahr dafür gekämpft hat, nicht mehr Spanier sein zu müssen. Unsere Köchin weiß immerhin von einem Urgroßonkel, der gegen Spanien gekämpft hat, und von einem anderen, der einen höheren Posten bei der spanischen Kolonialverwaltung bekleidet hat.
Eine der revolutionären Parolen, die man hier oft an den Straßen findet, lautet: „Wir bleiben immer unserer Geschichte treu“.

Noch einmal: Hitzefrei

15. September 2011

Gestern Morgen kam Cyrille zu mir ins Büro: „Was für ein Land ! Ich will hier weg !“ Sein Frust hatte am Nachmittag zuvor begonnen: Sein rechtes Auge hatte sich entzündet und war ziemlich rot. Die Augenärztin, die ihn vor einigen Monaten behandelt hatte, war nicht zu erreichen und unsere Hausärztin auch nicht. Gestern früh hatte er dann wieder bei der Augenärztin angerufen, die an diesem Tag aber nicht arbeitete. Die Hausärztin immerhin war da und schrieb ihm einen Zettel für die Poliklinik um die Ecke. Dort aber erfuhr er, dass die Poliklinik nicht arbeitet, weil die Klimaanlage ausgefallen ist. Cyrilles Mutter ist eine kleine Händlerin, die durch harte Arbeit ein kleines bisschen Wohlstand erreicht hat. Und die Einstellung zur Arbeit hat Cyrille offensichtlich von seiner Mutter geerbt. Dass man nicht arbeitet, weil die Klimaanlage ausgefallen ist, kann er absolut nicht nachvollziehen, was dann zu dem oben erwähnten Ausbruch in meinem Büro führte. Unsere Köchin hat mehr Verständnis: „Einen Bekannten von mir haben sie operiert, als auch die Klimaanlage ausgefallen war. Da hat die OP-Schwester ständig dem Arzt die Stirn abtupfen müssen, damit der Schweiß ihm nicht die Sicht nimmt.“
Cyrille war dann schließlich in der Augenklinik, den Nachmittag gestern hat er mit der Suche nach den verschiedenen Medikamenten verbracht, die man ihm aufgeschrieben hat (man muss immer in mehreren Apotheken suchen), und hat schließlich alle bis auf eines gefunden. Sein Auge sieht inzwischen besser aus.
Fazit: Das medizinische Personal ist hier zwar gut ausgebildet, oft fehlen aber die Medikamente und auch die Motivation. Die Bezahlung ist unabhängig von der Leistung und nicht besonders hoch.

Anderer Blickwinkel

13. September 2011

Der Bürgerkrieg in Libyen spielt auch in der hiesigen Tageszeitung „Granma“ eine prominente Rolle. Allerdings ist der Blickwinkel ein deutlich anderer als in der deutschen „Tagesschau“, die ich im Internet verfolge. Die Granma stellt die Rolle, die Oberst Gadafi beim Kampf gegen die Kolonialmächte gespielt hat (schon sein Großvater hat gegen die Italiener gekämpft) heraus, berichtet prominent über die Opfer der Luftangriffe der NATO (auf Spanisch OTAN, also genau rückwärts gelesen) und nennt deren Vorgehen genocidio, Völkermord.
Die anglikanische Kirche ist auf Kuba sehr klein, was daran liegt, dass Kuba nie englische Kolonie war. Dennoch gibt es ein paar Häuserblöcke von uns entfernt eine unauffällige Kirche (Foto), die sich stolz anglikanische Kathedrale nennt. Angeschlossen ist ein ökumenisches theologisches Institut, bei dem ich neulich zu einer Examensfeier eingeladen war. Ich kam mit einem anglikanischen Pfarrer im Ruhestand ins Gespräch, der recht bald meinte, dass die Kirche sich doch viel mehr in die Politik einmischen sollte, z.B. gegen den Völkermord der NATO in Libyen. Da er genau dieselben Worte wie die „Granma“ verwendete, schien es mir ein Gebot der Klugheit zu sein, das Thema zu wechseln.

Wo die zahmen Pferde wohnen

1. September 2011

Über das Wochenende habe ich einen Ausflug nach Trinidad gemacht. Diese Kleinstadt an der Südküste gehört zu den sieben ältesten Städten Kubas und zum Weltkulturerbe der UNESCO. Beides trifft auch auf Camagüey zu, wo ich im Januar war. Allerdings ist Camagüey heute eine Großstadt mit knapp 300 000 Einwohnern, während Trinidad seit seiner Gründung 1514 nicht wesentlich gewachsen zu sein scheint. Zumindest im alten Zentrum um die Plaza Mayor herum (zu Deutsch „Hauptplatz“, der Name ist also nicht besonders phantasievoll) gibt es mehr Touristen als Einheimische, und man hat den Eindruck, dass alles „unecht“ ist – eine malerische Kulisse für Touristen, eine Museumsstadt. Immerhin sind die Pferde eine „echte“ Spezialität von Trinidad. Während in Havanna die Oldtimer aus den USA das Straßenbild bestimmen, während in Camagüey Massen von Fahrrädern durch die Straßen flitzen, prägen in Trinidad Reiter und Pferdefuhrwerke das Bild. Vier Hufe sind auf dem Kopfsteinpflaster der steilen Straßen deutlich überlegen gegenüber zwei Rädern. Und die Männer von Trinidad können wirklich reiten ! Offensichtlich sind sie schon von Kind auf mit diesem „Verkehrsmittel“ vertraut. Auch das Mädchen auf dem Foto kann schon geschickt mit dem Riesentier unter sich umgehen. Es war übrigens die einzige Reiterin, sonst habe ich nur Jungen oder Männer im Sattel oder an den Zügeln der Pferdefuhrwerke gesehen, so wie auch am Steuer von Autos, Motorrädern oder Fahrrädern auf Kuba fast immer nur Männer zu sehen sind.