Archive for Februar 2011

Schade, dass ich meine Kamera nicht dabei hatte

22. Februar 2011

Gestern habe ich an einem Vortrag mit anschließender Diskussion teilgenommen, der für eine Delegation aus dem Bistum Eichstätt, die gerade zu Besuch ist, organisiert wurde. Der Vortrag war auf Spanisch, es gab aber eine schriftliche deutsche Übersetzung. Dann kam die Diskussion. Eine der Besucherinnen aus Eichstätt sollte vom Spanischen ins Deutsche übersetzen. Ein Kubaner stellte eine sehr, sehr ausführliche Frage. Der Vortragende gab eine sehr, sehr ausführliche Antwort. Die zahlreichen Signale aus dem Publikum, die auf die Übersetzerin hinwiesen, übersah er einfach. Als er dann sagte, „Ich möchte das an zwei Beispielen verdeutlichen,“ wurde der Moderator schließlich deutlich: „Jetzt erst die Übersetzung !“ Da nahm der Vortragende endlich die Übersetzerin wahr (sie saß neben ihm), lächelte charmant, „Ah, natürlich, Entschuldigung !“, beugte sich zu der Übersetzerin hin, nahm deren Kopf zwischen beide Hände und strich ihr übers Haar. Er, kubanischer Priester um die 60, ziemlich übergewichtig. Sie, deutsche Akademikerin um die 40. Schade, dass ich meine Kamera nicht dabei hatte !
Als sie dann endlich zum Übersetzen kam, stellte ich fest, dass die deutsche Übersetzung jedes Mal viel kürzer war als die spanische Frage oder Antwort. Klar, denn die Kubaner benutzen gerne fünf Sätze, wenn für uns fünf präzise formulierte Wörter genügen.
Fazit: Auf Kuba spielt der Körperkontakt eine viel stärkere Rolle als in Deutschland, und man macht viel mehr Worte.

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Nach vielen, vielen Jahren …

20. Februar 2011

Vor vielen, vielen Jahren war die Waschmaschine meiner Mutter ein ziemlich geheimnisvoller Apparat für mich: Es gab diverse Fächer, in die man verschiedene Mengen verschiedener Waschmittel schütten musste, einen Programmwahlschalter und dann noch einen Schalter, an dem man 95° einstellen musste, obwohl man doch schon auf dem Programmwahlschalter „Kochwäsche“ gewählt hatte. Das Ding war intelligent, aber wenn man Fehler machte, korrigierte es einen nicht. Und wenn man ganz viel falsch machte, stand nachher das Badezimmer unter Wasser.
Wir haben von unseren Vorbewohnern hier eine Waschmaschine übernommen, die neulich mal wieder kaputt war. Der „Mecánico“ kam, baute in unserer Garage daran herum und schloss sie dann an die Steckdose an. Der Motor der Pumpe verträgt leider nur 110 Volt. Auf Kuba gibt es Steckdosen mit 110 V und solche mit 220 V. Die mit 220 V sind beschriftet oder haben eine besondere Form, ausgenommen die Steckdose in der Garage. Und schon war der Motor durchgebrannt. Als ich den Architekten, der uns vor einem Jahr die Garage gebaut hatte, darauf ansprach, meinte er, „Mein Vorarbeiter hat mir geschworen, dass er die Steckdose gekennzeichnet hat.“
Br.Cyrille fand mit viel Mühe ein Ersatzteil, aber das hielt nicht lange. Noch einmal ein Ersatzteil für 70 CUC oder eine neue Maschine für 230 CUC (knapp 200 Euro) kaufen ? Wir entschieden uns für den Neukauf. Angesichts der geringen Auswahl waren weitere schwere Entscheidungen nicht mehr zu treffen. Heute Morgen haben wir uns dann mit der Bedienungsanleitung beschäftigt. Die Maschine verfügt über keinerlei Automatik. Also: „Legen Sie die Wäsche in die linke Trommel. Schütten Sie eine passende Menge Waschpulver und Wasser auf die Wäsche. Wenn Sie dann die Zeitschaltuhr betätigen, rührt die Maschine Wäsche, Wasser und Pulver durcheinander. Öffnen Sie das Ausflussventil. Legen Sie die Wäsche in die rechte Trommel (Zentrifuge). Betätigen Sie die Zeitschaltuhr und halten Sie Ihre Hand nicht in die Zentrifuge. Zum Klarspülen legen Sie die Wäsche wieder in die linke Trommel und wiederholen den kompletten Vorgang ohne Waschmittel.“ Meine Brüder aus Togo haben genauso laut gelacht wie ich, denn so etwas kannten wir alle noch nicht. Aber die Maschine ist so schön einfach, dass ich heute endlich nach all den Jahren sagen kann: Ich habe die Geheimnisse der Waschmaschine verstanden.

Illegale Ausländer

16. Februar 2011

Am ersten Januar erhielten wir alle vier eine SMS von Cubacel, der staatlichen Mobiltelefongesellschaft: „Bitte melden Sie sich in unserem Büro, sonst wird Ihre Nummer gelöscht.“ Ach ja, fiel uns ein, mit dem alten Jahr endete auch unsere Aufenthaltserlaubnis, und damit auch der Handy-Vertrag. Gleich am Montag, 3.1., gingen Jacques, Martin und Cyrille zu Cubacel und erhielten ohne weiteres eine Verlängerung des Vertrages für anderthalb Monate. Ich konnte wegen meines Deutschunterrichts erst einen Tag später hingehen. Als die lange Wartezeit in der Menschenschlange endlich vorbei war, fragte ich im Büro nach Jeanette, die am Vortag die Angelegenheit für die anderen drei geregelt hatte. „Jeanette hat heute frei,“ sagte die Kollegin und lächelte freundlich, als ich mein Problem geschildert hatte. Ich bin sicher nicht der einzige Ausländer, der schon seit einem Monat auf die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung wartet. Da alle Aufenthaltsgenehmigungen gleichzeitig am 31.12. ablaufen, hat die Behörde so viel zu tun, dass die neuen Genehmigungen erst für Mitte Januar erwartet werden. Sie füllt ein Formular aus, tippt etwas in den Computer. Dann zögert sie, geht zu ihrer Chefin, die hinten im Büro sitzt. „Wir brauchen ein Schreiben von der Institution, zu der Sie gehören.“ Ich gehe selbst zur Bürochefin. Der Verweis darauf, dass die Verlängerung gestern ohne Probleme geklappt hat, nutzt mir nichts, die Frau erinnert mich an die Funktionäre vom Typ „DDR“ – mit Kubanern kann man eigentlich immer diskutieren. Also in die Altstadt, dort kann ich mir im Bischofshaus schnell das Schreiben ausstellen lassen. Allerdings geht auf Kuba nichts „schnell“, auch nicht bei der Kirche. Ich lande nach einigen Umwegen schließlich beim Kanzler persönlich, nach dem Kardinal die „Nummer Zwei“ in der bischöflichen Verwaltung. Der stellt mir im Ein-Finger-Suchsystem ein feierliches Schreiben mit gestanztem Siegel aus: „Ich, Monseñor Ramón Suárez Polcari, Ehrenprälat Seiner Heiligkeit Benedikts XVI. und Kanzler des Erzbischofs von San Christobal de La Habana bezeuge …“ Für so viel Feierlichkeit lohnt sich der Aufwand doch. Nochmal zum Büro von Cubacel, wo mir endlich die Vertragsverlängerung gelingt – bis zum 17.Februar. Am nächsten Tag erhalten dann meine drei Brüder eine SMS von Jeanette: „Kommen Sie zum Büro von Cubacel …“ Frau Chefin hat den kundenfreundlichen Fehler ihrer Mitarbeiterin korrigiert. Gestern war ich wieder bei Cubacel, zeige den neuen kubanischen Ausweis (vor knapp zwei Wochen endlich eingetroffen), aber die Angestellte fragt mich nach der Telefonnummer. „Oh, die weiß ich nicht auswendig,“ sage ich. Darauf Sie: „Dann kann ich Ihnen nicht helfen. Ihr Name ist so kompliziert, und wenn da ein Tippfehler drin ist, dann findet der Computer den nicht. Verstehen Sie ?“ Mein Name ist Sandrock, und so kompliziert kann der auch für Kubaner eigentlich nicht sein. Außerdem bin ich erkältet und schlechter Laune. Daher sage ich: „Nein, ich verstehe nicht, wieso Sie Ihren Kunden den Service verweigern.“ Ihre Kollegin am Nachbarschalter mischt sich ein, gibt die Nummer meines Personalausweises statt des Namens in den Computer ein, und schon ist mein Handyvertrag bis zum 31.12.2012 verlängert.

Die Sprache der Medizin ist international

8. Februar 2011

Gestern ist Br.Ansgar aus St.Ottilien zu uns gekommen. Eine gute Woche zuvor hatte mir ein kubanischer Freund von seinem Schilddrüsenproblem erzählt. Er nimmt ein bestimmtes Medikament, aber vor zwei Wochen war sein Vorrat aufgebraucht, und im Moment ist auf Kuba kein Nachschub zu bekommen. Kältegefühl, Erschöpfung schon am frühen Nachmittag und gesteigerte Nervosität sind die Folgen. „Hoffentlich gibt es deine Tabletten bald wieder,“ stöhnt der Sohn. Schön, dass man manchmal so einfach helfen kann: Br.Ansgar war lange Jahre Chefarzt in Peramiho. Jetzt ist er zwar für die Verwaltung der internationalen Arbeit unserer Kongregation zuständig, aber ganz verlernt hat er seinen ursprünglichen Beruf noch nicht. Die Sprache der Medizin ist international: Auf dem Laborbericht unseres Freundes steht „TSH 0.7“, das maile ich zusammen mit dem Namen des Medikaments nach St.Ottilien, und heute kann ich die von Br.Ansgar mitgebrachten Tabletten übergeben. Oft kommt es vor, dass die Ärzte hier zwar das richtige Medikament verschreiben, dieses dann aber einfach nicht erhältlich ist. Daher haben einige Pfarreien einen richtigen medizinischen Dienst eingerichtet. Dort gibt ein Pharmazeut Medikamentenspenden, die aus dem Ausland eingegangen sind, an die Patienten aus. Auch bei uns rufen oft Leute an, um nach Medikamenten zu fragen. Aber ohne einen Spezialisten wäre es natürlich unverantwortlich von uns, wollten wir Medizin ausgeben.

„Nur ein Deutscher würde …“

7. Februar 2011

Nach meinem Urlaub in Camagüey habe ich erst einmal die Bilanzen für meine ersten beiden Jahre als Cellerar fertig gestellt. Danach musste ich dringend an die frische Luft und habe das schöne Frühsommerwetter am Samstag für die erste Radtour in diesem Jahr genutzt. Auf der Rückfahrt mit der Fähre über die Bucht spricht mich jemand von der Seite an: „Kannst du den Namen von dem Schiff da lesen ?“ – auf Deutsch ! „Woher weißt du, dass ich Deutscher bin ?“, frage ich zurück. „Wegen der Klamotten,“ sagt er. Ich ergänze, „Und außerdem würde nur ein Deutscher bei diesem Wetter eine Radtour machen.“ Im selben Moment sehe ich, dass das einzige andere Rad auf der Fähre seines ist. Florian aus Berlin ist noch dazu katholischer Theologe und Lehrer (für Englisch) – das muss erst einmal mit einer Cola gefeiert werden ! Er ist seit einer Woche in Havanna, hat für 150 CUC an 5 Tagen jeweils 4 Stunden Einzelunterricht Spanisch gehabt (übers Internet gebucht). Durch seinen Spanischlehrer ist er erstaunlich gut über die Situation im Land informiert und das Spanisch hat immerhin gereicht, um das Fahrrad, das eine Woche später mit dem Flugzeug eintraf, vom Zoll loszueisen. Gestern, Sonntag, sind wir noch ein bisschen zusammen durch die Stadt gefahren, aber dabei fiel eines seiner Pedale ab – Gewinde in der Kurbel kaputt; der Schaden wäre nur durch kompletten Austausch beider Kurbeln einschließlich Kurbelwelle zu reparieren, und das ist hier aussichtslos. Vielleicht hatte er es nachts am Flughafen, nach den Problemen mit dem Zoll, schräg ins Gewinde geschraubt, vielleicht war das Gewinde schon vorher morsch. Gestern Abend ist er mit dem Nachtbus in den Osten (Santiago de Cuba) gefahren, um von dort nach Havanna zu radeln. Zwei Möglichkeiten stehen ihm offen: Jemanden zu suchen, der ihm das Pedal anschweißt, oder am Montag in Santiago ein neues Rad zu kaufen. In vier Wochen will er wieder in Havanna ankommen, dann werde ich hoffentlich erfahren, was daraus geworden ist.