Archive for Dezember 2009

Zum Ende des Jahres

29. Dezember 2009

Den letzten Jahreswechsel habe ich noch in Peramiho, am Ende einer 300 km langen Sackgasse in Tansania, verbracht. Seitdem bin ich mit dem Bus durch Tansania, Kenia und Uganda gereist, habe Venezuela und Kolumbien erkundet, bin in Frankreich ein bisschen Fahrrad gefahren und war zweimal in Deutschland. Nebenbei sind wir dabei, auf Kuba das erste Benediktinerkloster zu gründen. Eigentlich ziemlich viel für ein einziges Jahr; manche Dinge, die ich intensiv erlebt habe, sind in der Erinnerung schon recht verblasst, weil so viel anderes sie überlagert. Inzwischen kann ich mich recht ordentlich auf Spanisch ausdrücken, oft allerdings habe ich noch Schwierigkeiten, die Kubaner zu verstehen. Vor einem Jahr galt dasselbe für Suaheli, aber inzwischen habe ich viel davon vergessen. In Peramiho habe ich viel engeren Kontakt zu den Tansaniern gehabt als hier zu den Kubanern – zu den Brüdern im Kloster, den Kollegen und Schülerinnen an der Schule. Hier sind wir eine Gemeinschaft von Ausländern, allerdings eine sehr spannende, gute, internationale Gemeinschaft. Immerhin haben wir schon einige kubanische Freunde gewonnen.
Für mich waren natürlich auch die beiden Monate im heimatlichen Deutschland sehr wichtig; daher geht der spezielle Gruß heute mal wieder an meine Eltern, meine Schwester samt Mann und Tochter, und an die Freunde und Freundinnen in Meschede, Hildesheim, Dortmund, Einbeck, Hüsten und Bayern, mit denen das Gespräch so gut getan hat.
Wenn ich mir einen Lieblingsort aussuchen sollte von denen, die ich gesehen habe, würde ich vielleicht Sansibar wählen (wegen der unvergleichlichen Mischung von Orient und Afrika in der Altstadt) oder den Platz vor Notre-Dame in Paris (wegen der fröhlichen Mischung von Mittelalter und 2009), wahrscheinlich aber doch Havanna (aus einer ganzen Reihe von Gründen).
Und damit wünsche ich allen Leserinnen und Lesern herzlich einen Guten Rutsch in ein gesegnetes Jahr 2010 !

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Weihnachten auf Kuba

26. Dezember 2009

Natürlich muss ich noch etwas über Weihnachten schreiben. Schließlich bin ich Deutscher, und als solcher ist mir das Weihnachtsfest wichtig. Wenn ich Kubaner wäre, wüsste ich wahrscheinlich gar nicht, warum am 25.12. arbeitsfrei ist.
Ich habe beim letzten Mal geschrieben, dass auf Kuba Staat und Kirche streng getrennt sind. Das stimmt natürlich, aber so ganz stimmt es auch wieder nicht. (Das geht mir auf Kuba ständig so, alles, was ich über Kuba sage oder schreibe, stimmt, aber zum Teil stimmt es auch wieder nicht). Die Kirche veranstaltet zum Beispiel jedes Jahr zum vierten Advent in der Kathedrale von Havanna ein großes Weihnachtskonzert. Das wird dann rechtzeitig zu Weihnachten in voller Länge im staatlichen Fernsehen ausgestrahlt, einschließlich der Ansprache, die der Kardinal dabei hält. Auf diesem Umweg gibt es also zumindest eine Weihnachtsansprache im staatlichen Fernsehen. Und die Bischöfe der anderen Städte halten auch ihre Weihnachtsansprachen in den regionalen Radioprogrammen.
Die Parteizeitung vom 24.12. scheint Weihnachten auf den ersten Blick zu ignorieren. Die Hauptüberschrift bezieht sich auf die guten Beziehungen zwischen Venezuela und Kuba, das Bild dazu zeigt den venezolanischen Präsidenten Chavez mit einem Kind auf dem Arm vor dem Hintergrund eines kaum lesbaren Schriftzuges „Niño Jesus“ – „Jesuskind“. Der Text dazu erklärt, dass Chavez gerade eine „Mission Jesuskind“ ins Leben gerufen hat, die sich um Kinder in Not kümmern soll.
Nach der Revolution wurde Weihnachten als staatlicher Feiertag abgeschafft, seit ungefähr 10 Jahren ist der 25.12. wieder arbeitsfrei. Die Musik, die laut aus den Häusern der Nachbarschaft dröhnt, ist aber internationale oder kubanische Pop-Musik, weihnachtliche Klänge waren nicht zu hören.
Unsere (kleine) Kirche war am Heiligabend bis auf den letzten Platz besetzt, insofern gibt es also doch Kubaner, die wissen, warum arbeitsfrei ist.
Den „Weihnachtsschmuck“ auf dem Foto habe ich am 9.November (!) in Bogotá (Kolumbien) fotografiert – da ist mir die „Weihnachtsbaumlosigkeit“ Kubas doch lieber; wie gesagt, es gibt genau ein Kaufhaus in der Stadt, das einen hat. In dem Hotel, dessen Internetverbindung ich immer noch benutzen muss, steht allerdings auch einer. Und in den Kirchen wird grundsätzlich am 14.12. ein Weihnachtsbaum aus Plastik aufgestellt.

„Glückliche Weihnachten !“

22. Dezember 2009

Gestern war ich mal wieder im Hauptpostamt. Dort gibt es keine langen Schlangen vor den Schaltern wie in dem kleinen Postamt in unserer Straße. Ich sah schnell den Schalter mit dem Schild „Briefmarken“. „Bitte Marken für Briefe nach Deutschland. Aber ich brauche 70.“ – „Siebzig ? Gehen Sie bitte zu Schalter 5 um die Ecke,“ sagt die freundliche Schalterbeamtin mit dem Kreuz um den Hals. Schalter 5 ist die Information. Die Beamtin dort geht mit mir zu einem unbesetzten Schalter und überreicht mir dort eine Briefmarke, auf der ich zu meinem Schrecken die Zahl 250 lese. In dem Hotel, wo ich schon einmal eine kleine Menge gekauft habe, kosteten die Marken nur 85 Centavos (70 Euro-Cent; sie zeigen übrigens die Schwebebahnen von Wuppertal und Brisbane). „Aber ich brauche 70.“ – „Siebzig ? Gehören Sie zu einem organismo ?“ – Ich erwarte, dass sie mich zum Postamt für Organisationen schicken wird, das sich vermutlich am anderen Ende der Stadt befindet, und muss daran denken, dass laut dem alten Missionars-Witz im Chinesischen die Wörter für „Postamt“ und „Hölle“ zum Verwechseln ähnlich sind.
„Ja, wir gehören zur Kirche.“ Sie geht mit mir zu dem Schalter, wo ich zuerst war, dort überreicht sie mir dann gemeinsam mit ihrer Kollegin 70 Marken zu je 75 Centavos. Die Zahl 250, die mich zuerst erschreckt hatte, bezieht sich zum Glück auf das Jubiläum „2006 – 250 Jahre kubanische Post“, an das die Marke erinnert. Ich schiebe also 50 CUC durch das Fensterchen und suche in meinem Portemonnaie nach dem Rest, da fragt sie, „Haben Sie denn kein kubanisches Geld ?“ Ach so, die Marken werden in nationaler Währung bezahlt, ich kann die 70 Briefe also für weniger als zwei Euro abschicken (zur Erinnerung: auf Kuba gibt es zwei Währungen, für einen Euro bekommt man ungefähr 30 nationale Pesos oder etwas mehr als einen CUC.) Angesichts dieses Preises nehme ich mir vor, dieses Postamt nie wieder mit der Hölle zu vergleichen.
„Feliz Navidad !“ (Übersetzung siehe Überschrift), wünscht sie mir noch, und mir fällt auf, dass ich diesen Wunsch auf Kuba zum ersten Mal höre. Der Weihnachtsbaum auf dem Foto ist auch der absolut einzige weihnachtliche oder adventliche Schmuck, den ich hier im staatlichen Bereich (Straßen, Geschäfte, Schulen, Gesundheitswesen usw.) gesehen habe; schließlich sind Kirche und Staat auf Kuba strengstens getrennt.

Vom Wetter

17. Dezember 2009

Aus Anlass des Kopenhagener Klimagipfels schreibe ich mal wieder über das Thema, das eigentlich immer aktuell ist. Bei der Rückkehr aus dem kalten Bogotá (das ungefähr so hoch liegt wie die allerhöchsten Alpenpässe) dachte ich spontan, „Ist das schön warm hier.“ Seitdem haben die Temperaturen noch mal etwas zugelegt. „Für Dezember zu warm,“ sagen die Einheimischen, und ich finde auch, dass es ruhig ein bisschen kühler werden könnte. Immerhin liegt Kuba auf der Nordhalbkugel, die kalte Jahreszeit sollte also auch hier jetzt stattfinden. Immerhin ist es nicht so schlimm wie im Juli oder August, allerdings gibt es mehr Mücken. Zwei habe ich heute schon erlegt, aber noch mehr haben sich an meinem Blut genährt. Und sie stechen zu jeder Tageszeit !
Das Foto habe ich vor wenigen Tagen gemacht; die Kinder haben ihren Spaß mit den Brechern, die über die Ufermauer spritzen; aber der Gedanke, dass die Durchschnittstemperatur unseres Planeten um 6 Grad steigen könnte, ist hier noch beunruhigender als in Deutschland.

P.S. Gerade haben wir „Ein Jahr Benediktiner in Kuba“ gefeiert – P.Emmanuel ist am 17.12.2008 als erster hier eingetroffen, inzwischen sind wir zu sechst.

Der Kongo

13. Dezember 2009

„Wieso heißt du eigentlich ‚Der Kongo‘ ?“, fragte Br.Jacques den 70-jährigen Herrn links im Bild (rechts ist Br.Martin zu sehen). „Eigentlich heiße ich José Antonio, aber mein Großvater hat mich El Congo genannt. Das ist eigentlich ein Fluss in Afrika, deshalb werden viele Schwarze so genannt, besonders Leute, die mit der Hexerei zu tun haben.“ Mit „Hexerei“ meint er offensichtlich die Santeria, jene schon öfter erwähnte afrikanisch-katholische Mischreligion. Mit der hat er aber offensichtlich nichts am Hut; auf dem Armaturenbrett seines Autos stehen ein kleiner Kruzifix und eine Marienstatue. So bleibt das Rätsel ungelöst, und seinen Großvater können wir nicht mehr fragen.
Wie werden wir in Jaruco, auf dem Grundstück, das die Regierung uns zugeteilt hat, wohl aufgenommen werden ? Als Ausbeuter aus dem kapitalistischen Ausland ? Als Vertreter einer seltsamen Religion ? Solche Sorgen hatte ich noch vor kurzem. Die Leute, die Jacques während der letzten Wochen dort kennen gelernt hat, haben diese Sorgen inzwischen völlig zerstreut: Freundliche Menschen, die sich anscheinend gar nicht groß wundern, dass wir ein Kloster bauen wollen. El Congo gehört zu den Leuten, die uns gut beraten, und auch für eine gute Athmosphäre sorgen.

Noch ein Vorurteil bestätigt

9. Dezember 2009

Das Foto (von Br.Jacques gemacht) zeigt P.Vianney bei der Arbeit auf dem Grundstück in Jaruco vor einigen Wochen. Die kurzen Hosen hatten leider ein Nachspiel: Verletzungen durch Dornen haben eine allergische Reaktion ausgelöst, und die hat sich am Sonntag so verschlimmert, dass ich ihn abends um 9 zum Arzt begleitet habe. „Wir kommen wahrscheinlich spät zurück,“ sagte ich zu Jacques und rechnete mit Mitternacht. Statt der erwarteten langen Menschenschlange stand aber nur eine rauchende Krankenschwester vor der Poliklinik. „Gehen Sie rein, links um die Ecke, erstes Zimmer rechts.“ Im Sprechzimmer saß eine junge Frau in Hemd und Jeans, nur durch den Kittel über der Stuhllehne als Ärztin zu erkennen. Das Zimmer war kärglich eingerichtet, an der Wand stand eine mit Pflaster geflickte Lampe. Auf das Pflaster hatte jemand groß „Made in Cuba“ geschrieben.
Sie trug den Namen ihres Patienten in eine Liste ein, damit waren die Formalitäten erledigt, dann stellte sie die (hoffentlich) richtigen Fragen, verschrieb die passende Salbe und Tabletten, und nach 10 Minuten waren wir fertig, ohne etwas zu bezahlen. Allerdings gab es die Medizin nicht in den kubanischen Apotheken, wo sie spottbillig gewesen wäre, sondern nur in einer Hotel-Apotheke, wo alles zusammen dann doch 30 Euro kostete. Also, nachdem ich im letzten Artikel das Vorurteil bestätigt habe, dass es mindestens einen Kubaner gibt, der so aussieht, wie man sich Kubaner vorstellt, bestätige ich jetzt, dass mich das Gesundheitssystem wirklich beeindruck hat.

Der erste Kubaner

7. Dezember 2009

Der vorige Artikel war der letzte über Kolumbien, denn – der aufmerksame Leser, die aufmerksame Leserin haben es bemerkt – wir sind schon seit einer Woche wieder auf Kuba. Und am Samstag habe ich auch den ersten Kubaner getroffen, der so aussieht, wie ich mir immer einen Kubaner vorgestellt habe. Toni trägt einen Anhänger der Virgen de la Caridad (das ist die Jungfrau Maria in kubanischer Ausführung), und – er hat tatsächlich eine Zigarre in der Hand, die auf dem Foto (rechts ist Br.Jacques zu sehen) leider nicht zu sehen ist.

Als Terrorist wäre ich gar nicht so schlecht

7. Dezember 2009

Die Straße von Bogotá (2700 m Meereshöhe) nach Villa Vicencio (400 m) besteht fast nur aus Kurven, weshalb der Bus für die 90 km auch drei Stunden braucht. Zahlreicher als die Kurven sind allerdings die Soldaten am Wegesrand (siehe Foto). An einer Stelle hält das Militär unseren Bus an, wir müssen alle aussteigen, ein Soldat sammelt die Ausweise ein und spricht die Nummern ins Funkgerät. Ich saß in der letzten Reihe und steige deshalb als letzter aus, da sind die Ausweise schon eingesammelt. Ich ziehe meinen Pass aus der Tasche und halte ihn in der Hand, aber weil ich mich nicht vordrängle, beachtet mich niemand.
Bei irgendeinem der vielen Flüge habe ich ohne besondere Absicht meine Plastikflasche mit Trinkwasser im Handgepäck mitgenommen, obwohl ich eigentlich weiß, dass Flüssigkeiten im Handgepäck verboten sind. Bei keinem Sicherheitscheck fiel die Flasche auf, nur beim Rückflug von Bogotá Richtung Havanna. Die Dame vom privaten Sicherheitsdienst wies mich auf das Verbot hin und machte irgendein Zeichen mit der Hand. Ich verstand das Zeichen als „Trinken“, nahm einen Schluck aus der Flasche und bewies so die Harmlosigkeit der Flüssigkeit. Da hatte sie sich schon umgedreht, und ich steckte die Flasche wieder in die Jackentasche. Die Flasche mit selbstgemachtem Honig aus Güigüe, die Br.Martin schon auf drei Flügen in seinem Handgepäck gehabt hatte, wanderte dagegen zwangsweise in die Mülltonne.
Kolumbien mag das bestbewachte Land der Welt sein, aber trotzdem lassen sich die Kontrollen umgehen – zumindest, wenn der Kontrollierte so harmlos aussieht wie ich. Zum Glück habe ich keine terroristischen Absichten.

„Das Heer ist mit dir“

2. Dezember 2009

Dieses Plakat habe ich in Guatapé fotografiert: „Reise ohne Sorgen ! Das Heer ist mit dir.“ In der Mitte steht in kleinerer Schrift: „Gott verleiht der Standhaftigkeit den Sieg.“ Es ist nicht ganz fair, dass mir die Koppelschlösser von Hitlers Soldaten einfallen („Gott mit uns“). Die Soldaten, die auf mich eher wie eine Drohung wirken, haben hier in Guatapé tatsächlich eine beruhigende Wirkung. Br.Juan hat mir ein paar Fotos aus der Klostergeschichte gezeigt. Zu sehen war der Bau von Kirche und Kloster in den 1970er Jahren am Stadtrand von Bogotá. Dann der Bau von Kirche und Kloster in den 1990er Jahren hier in Guatapé, 400 km entfernt. „Wie bitte, ihr habt innerhalb von zwanzig Jahren zweimal alles neu gebaut ?“ – „Ja, aus Bogotá mussten wir fort, ständig gab es Raubüberfälle.“ – „Aber hier in Guatapé war es dann auch nicht besser, oder ?“, frage ich nach. „Am Anfang schon, aber vor sechs Jahren kam die Guerilla. Unten in der Stadt sind viele Leute umgebracht worden, die Leute haben sich nicht mehr aus dem Haus getraut. Dann kamen die Paramilitärs. Das sind Bürger, die sich gegen die Guerillas verteidigen (diese Beschreibung scheint mir etwas harmlos zu sein, siehe vorigen Artikel). Und schließlich kam das Militär und hat beide vertrieben.“ Guatapé – an einem wunderschönen Stausee gelegen, siehe das Foto vom vorigen Artikel – lebt heute wieder vom Tourismus, und wenn man sich die fein herausgeputzten Häuser ansieht, lebt es nicht schlecht davon.

Zurück aus Kolumbien

1. Dezember 2009

Wir haben zwei Wochen in El Rosal bei Bogotá verbracht, dann eine Woche in Guatapé bei Medellín, zwei Tage in Medellín selbst, immer bei Benediktinern. Am Samstag sind wir dann nach Bogotá zurückgeflogen, sind mit dem Kleinbus in die Departements-Hauptstadt Villa Vicencio gefahren (90 km, drei Stunden, von 2700 m Höhe auf 400 m, 20.000 Peso pro Person, also 8 Euro), haben dort eine deutsche Agraringenieurin besucht, die uns vielleicht bei der Planung in Kuba helfen kann, sind am Sonntag mit ihr nach Bogotá zurückgefahren, haben wieder in El Rosal übernachtet, gestern sind wir über Panama nach Kuba zurückgeflogen.
Wir waren auf über 3000 Höhenmeter und auf unter 400 m, haben gefroren und geschwitzt, viele schöne Dinge gesehen und erlebt und mit vielen Menschen gesprochen. Ich weiß nicht so recht, ob mir ein Land gefällt, in dem manche Schüler/innen nach der 5-jährigen Grundschule keine weitere Ausbildung erhalten, weil die weiterführenden Schulen Geld kosten (Tansania, eines der ärmsten Länder der Welt, ermöglicht immerhin 7 Jahre Grundschule). In dem knapp 10 Prozent der Bevölkerung als Vertriebene in die Städte fliehen mussten, weil die Guerilla oder die Paramilitärs sie loswerden wollten. In dem mindestens vier verschiedene Sorten von Bewaffneten gegen- oder miteinander kämpfen, kommunistische FARC-Guerilla gegen den Staat, Paramilitärs gegen die Guerilla und gegen unschuldige Bürger, das Militär gegen die Guerilla und manchmal gegen Drogenbanden, Drogenbanden unter dem Schutz von Guerilla und Paramilitärs gegen alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Ob die Geschichte wahr ist, dass das Militär schon mal arbeitslose junge Männer aus abgelegenen Dörfern zwingt, sich Guerilla-Uniform anzuziehen ? Dann werden die angeblichen Guerillas erschossen und das Militär führt die Leichen als Beweis für einen Sieg über die Guerilla vor.
Andererseits haben wir die Menschen als sehr freundlich erlebt, sehr fleißig (an jeder Ecke eine kleine Werkstatt oder ein kleiner Laden, unendlich viele Straßenverkäufer, die ihre Waren verkaufen, ohne dabei besonders aufdringlich zu sein). Man hat nicht das Gefühl, die Taxifahrer würden einen ständig über’s Ohr hauen, und der Busschaffner, dem ich aus Versehen 10.000 Peso statt 1.000 gegeben hatte (es war dunkel und die Scheine sehen sich sehr ähnlich), machte mich auf meinen Fehler aufmerksam, den ich nie bemerkt hätte. Der öffentliche Nahverkehr (fast ausschließlich mit Bussen) ist gut organisiert, die Straßen ordentlich. Ein Land, das ausschließlich von Gewalt beherrscht wird, würde anders aussehen. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, waren mit der Regierung von Präsident Uribe zufrieden. Die paar Leute allerdings, die nicht zufrieden waren, schienen mir intelligenter und besser informiert zu sein.
Um sich ein Urteil über ein so widersprüchliches Land zu bilden, war die Zeit zu kurz.
Das Foto zeigt den Blick von einem Felsen (El Peñol, wahrscheinlich der berühmteste Fels Kolumbiens) auf eine Insel im Stausee von Guatapé – über die Landschaft jedenfalls fällt das Urteil leicht: wunderschön !