Archive for November 2012

Wasser ist Leben

28. November 2012

Früher war mir das Wetter eigentlich relativ egal. Ein großer Teil meines Lebens spielte sich in Räumen ab, die man im Winter heizen konnte, und für’s Radfahren gibt es schließlich geeignete Kleidung.
In Peramiho hängen wir aber ziemlich vom Wetter ab. Die letzte Regenzeit war nicht besonders ergiebig. Die Folgen: Das Wasserkraftwerk hat nicht genug Wasser, so dass der teure Diesel für den Stromgenerator uns an die Grenzen unserer finanziellen Kräfte gebracht hat. Die Trinkwasserbrunnen liefern nicht mehr genug Wasser, deshalb bleiben im Kloster stundenlang und manchmal sogar tagelang die Wasserhähne trocken. Und bei Hitze ist es noch ärgerlicher als sonst, wenn man nicht duschen kann. In Bezug auf meine Zahnbehandlung allerdings brachte mir diese Situation einen gewissen Vorteil. Am letzten Dienstag hat Dr.Mushi morgens den Abdruck von meinen Zähnen genommen, und am Mittag rief er mich höchstpersönlich an, die Krone fertig sei und ich könne vorbeikommen. Ich befürchte, dass ich diesen Extra-Service der Tatsache verdanke, dass ich mich persönlich dafür eingesetzt hatte, dass das Krankenhaus mehr Wasser bekommt.
Die Landwirtschaft ist nach wie vor die Lebensgrundlage fast aller Menschen hier, sogar der Lehrer an den verschiedenen Schulen. Ein Lehrer an der Berufsschule verdient im Monat 120 000 Shilling, das sind 60 Euro (seine Kollegen auf Kuba kommen auf 20 bis 30 Euro). Aber nebenbei sind fast alle Lehrer noch Bauern, den geernteten Mais liefern sie direkt an die Küche des Internats, das zur Schule gehört. Und dafür bekommen manche Lehrer dann 3 000 000 Shilling, also mehr als zwei Jahresgehälter. (Um den Preis wird zwischen der Schulleitung und den beteiligten Lehrern übrigens heftig gerungen; dass Lehrer in Gelddingen ziemlich hart sein können, habe ich auch in Deutschland schon erlebt) So hängt also auch der Lehrer immer noch ziemlich stark von der Landwirtschaft ab, und das heißt natürlich, vom Regen.
Entsprechend groß war bei allen die Erleichterung, als letzte Woche pünktlich die Regenzeit begann. Drei Tage hintereinander heftiger Regen. Aber die letzten sechs Tage waren leider wenig ergiebig, so dass wir weiter zwischen Hoffen und Bangen schweben.
Anfang November gab es schon mal zwei Tage Regen; das Foto habe ich beim Anflug auf den Flughafen von Songea aufgenommen; es zeigt die Straße von Songea nach Peramiho.

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Chefarztbehandlung

17. November 2012

Bisher hatte ich nur zweimal das zweifelhafte Vergnügen, einem Zahnarzt bei der Behandlung eines anderen Patienten (oder sollte ich besser „Opfers“ sagen ?) zuzusehen. Meine Kinderzahnärztin hatte die üble Angewohnheit, das jeweils nächste Kind im Behandlungszimmer warten zu lassen. Bis heute denke ich jedes Mal, wenn ein Zahnarzt mir eine Spritze geben will, an das schmerzverzerrte Gesicht des Mädchens, das damals vor mir an der Reihe war. Das andere Mal war vor 15 Jahren hier in Peramiho. Ich reparierte den Computer von Dr.Mushi, während er direkt neben mir einen weißen Jungen behandelte. OK, dachte ich mir, ich mag zwar keine Zahnärzte, aber Dr.Mushi könnte ich vertrauen.
Am Dienstag war es dann so weit: Um punkt 8 sitze ich auf den Holzbänken vor dem Eingang mit der Aufschrift „Dental“. Eine Arzthelferin sitzt auch schon dort. Sie erklärt mir: „Wir warten auf den Schlüssel“, und geht weg. Nach einiger Zeit ist von innen her das Geräusch eines Schlüssels zu hören, was mich etwas wundert, weil der große Riegel mit dem Vorhängeschloss außen angebracht ist. Dann lässt die Person innen den Schlüssel einfach fallen, so dass er in der großen Spalte zwischen Tür und Fußboden liegt. Ich verstehe das als Aufforderung, das Vorhängeschloss zu öffnen. Aber eigentlich ist es ja nicht der Sinn von Schlüsseln, dass man sie Wildfremden anvertraut, die man nicht einmal sehen kann. „Der Arzt kommt um halb Neun,“ sagt man mir, nachdem ich die Tür geöffnet habe.
Bis er dann um Viertel nach Neun kommt, wartet schon eine stattliche Zahl von Patienten. Dr.Mushi ist inzwischen als zweiter Afrikaner (und als dritter Mann, denn die ersten Chefärzte waren Chefärztinnen, Benediktinerinnen aus Tutzing) Chefarzt des Krankenhauses, und insofern ist es schon eine Ehre, dass er mich gleich mit Handschlag und Namen begrüßt. Da ich ihn kenne, Mönch und Weißer bin, ist es nach hiesigen Vorstellungen selbstverständlich, dass er mich als ersten zur Behandlung ruft. Immerhin habe ich auch am längsten gewartet, sonst wäre mir das richtig peinlich.
Ich habe befürchtet, dass afrikanische Zahnärzte Zähne schon ziehen, bevor sie dem Patienten auch nur die Diagnose mitgeteilt haben, aber weit gefehlt: Er schaut sich den Zahn an, von dem am Vortag die innere Hälfte einfach weggebrochen ist. Dann macht er eine kleine Zeichnung, um mir zu erklären, wo die Füllung sitzt, die für den Bruch verantwortlich ist. Dann macht er sich ans Abschleifen und Anbringen von Zahnzement, über das er dann eine Krone setzen will. „Manche mögen es lieber ohne Betäubung, manche lieber mit,“ sagt er mir noch, und als ich mich trotz meines frühkindlichen Traumas (siehe oben) für die Spritze entscheide, setzt er noch hinzu, „Ich bin auch schmerzempfindlich.“ Die Spritze spüre ich dann gar nicht.
Trotz allem hat die Behandlung auch ihre irritierenden Seiten. Dreimal nimmt er mit der linken Hand ein Gespräch auf seinem Handy an, während er mit der rechten in meinem Mund rumstochert. Zwischendurch gibt es eine halbe Stunde Pause, weil er im Schacht unter dem Fußboden nach der Ursache für das Versagen der Absaugmaschine sucht. „Dann muß es eben ohne Absaugen gehen“, sagt er schließlich, und lässt mich den Kopf zur Seite legen, damit der Speichel hinauslaufen kann.
Ich verlasse ihn mit der vorläufigen Krone, zwei Tage später, vorgestern, bin ich wieder da. Aber es ist keine Behandlung möglich, weil das Krankenhaus kein Wasser hat. Die Trockenzeit geht (hoffentlich !) dem Ende entgegen, jetzt ist überall das Wasser knapp. Da Br.Dominik, der Cellerar, in Deutschland ist, hängt es jetzt an mir, zur Installateurswerkstatt zu gehen, Meister Damian Ngonyani zu erklären, dass die Versorgung des Krankenhauses Vorrang hat, mit ihm und drei weiteren Handwerkern (die eigentlich nicht gebraucht werden, aber der Meister kann ja schlecht alleine arbeiten) zum Pumpenhaus im Garten zu gehen, die Wasserleitung des Klosters zu schließen und die des Krankenhauses zu öffnen. Als das geschehen ist, bedankt Dr.Mushi sich sehr herzlich bei mir und erklärt mir, dass es nach dem Zeitverlust jetzt leider zu spät ist, weil das Labor die endgültige Krone nicht mehr am selben Tag fertig stellen kann. Also geht der Spaß am kommenden Dienstag weiter.

Einige Tansanier in Meschede

9. November 2012


Am Freitag vor einer Woche bin ich wieder in Peramiho angekommen. Zwei Wochen zuvor war ich in Meschede zum Priester geweiht worden; der tansanische Festkranz, den mir P.Laurenti aus diesem Anlass umhängte, hätte in Peramiho völlig normal gewirkt, aber in Meschede löste er doch einige Nachfragen aus.
An den beiden Tagen danach hatte ich die Gelegenheit, P.Laurenti und den anderen drei tansanischen Gästen ein wenig von Deutschland zu zeigen.
Tansanier sind bei solchen Anlässen ziemlich zurückhaltend, wenn es darum geht, eigene Wünsche zu äußern, aber da ich drei von ihnen bereits kannte, dachte ich, dass ihnen ein Ausflug nach Köln wohl gefallen würde.
Br.Damian, der sonst die Interessen unserer Kongregation in Dar es-Salaam vertritt, meinte angesichts einer fernöstlichen Reisegruppe vor dem Dom: „Hier gibt es ja genauso viele Chinesen wie in Kariakoo“ (dem Geschäftsviertel von Dar es-Salaam).
Br.Bakanja macht mich auf einen Unterschied der Kulturen aufmerksam: „Schau mal, da gehorcht der Großvater dem Enkel,“ sagt er angesichts eines ungeduldigen älteren Herrn, der offensichtlich nur wartet, weil das kleine Kind an seiner Hand noch nicht weitergehen will. Für uns normal, aber in Tansania unvorstellbar. Kurz danach mache ich Bakanja auf eine ähnliche Szene aufmerksam: „Und da gehorcht ein Mensch einem Tier,“ sage ich angesichts einer Frau, die nur wartet, weil ihr Hündchen an irgendetwas schnüffeln will. Alle Afrikaner, die ich kenne, halten die Tierliebe in Europa oder Amerika für völlig übertrieben.
Angesichts meiner Gäste fallen mir manche Unterschiede gegenüber Tansania besonders auf, zum Beispiel, dass der Verkehr trotz der Unzahl von Autos meistens flüssig abläuft, während man in Dar meistens im Stau steht. Oder, dass mitten in der Großstadt viele Radfahrer unterwegs sind, ohne in ständiger Lebensgefahr zu schweben. Oder dass es eine sehr effektive Eisenbahn gibt (jedenfalls im Vergleich mit Tansania – ein paar Tage später hatte mein Zug 30 Minuten Verspätung).