Archive for Mai 2013

Meistens ist es im Büro ja nicht so interessant …

19. Mai 2013

In meinem Büro passieren nicht sehr viele interessante Dinge, aber langweilige Dinge gibt es genug, deshalb bleibt auch nicht viel Zeit zum Bloggen.
Am Mittwoch klopfte mal wieder Mzee Mkanula, der Chef das Caritas-Büros. „Nicht schon wieder,“ dachte ich, „jetzt wird er mir wieder lang und breit die Probleme eines alten, kranken Menschen schildern, und dann am Schluss um 1000 Schilling (50 Euro-Cent) bitten, damit er die Behandlung im Krankenhaus bezahlen kann.“ Wer ganz arm ist, wird nämlich in unserem Krankenhaus für diesen Pauschalpreis behandelt, und wenn er das auch nicht zahlen kann, dann springt die Caritas ein.
Die Geschichte wurde dann lang und breit, aber langweilig war sie genauso wenig wie 1001 Nacht. „Es geht um Rashid Hussein, einen pensionierten Mitarbeiter von Tanesco (der staatlichen Stromgesellschaft). Er sagt, er wird von Geistern angefallen. Ob das stimmt, weiß ich nicht, er fällt jedenfalls genauso hin wie ein Epileptiker. Er ist schon zu vielen Scheichs (den Wunderheilern im Volks-Islam) gegangen, aber ohne Erfolg. Seine Kinder haben ihm gesagt, ‚Vater, du wirst noch dein ganzes Geld aufbrauchen, geh lieber zur Kirche, deren Gebet hat mehr Kraft.‘ “ Ich unterbreche ihn: „Die Scheichs verlangen Geld für ihre Dienste ?“ – „Natürlich. Er wollte nicht auf seine Kinder hören, und ist nach Mbinga gefahren, weil er gehört hat, dass dort ein ganz mächtiger Scheich wohnt. Der hat ihm gesagt, er soll sieben Tage auf dem Friedhof verbringen, damit er geheilt wird. Aber am Ende der sieben Tage hatte er einen neuen Anfall, und als er wieder zu sich kam, hatte man ihm sein Geld, sein Telefon und seine Kleidung gestohlen. Nur den Schlips und die Unterwäsche hatte er noch. Wieso man ihm ausgerechnet den Schlips gelassen hat, weiß ich nicht. Er ist zur Polizei gegangen, die haben ihn ein Stück im Auto mitgenommen, aber dann hinausgeworfen, so hat er sich schließlich nach Peramiho (gut 100 km von Mbinga entfernt) durchgeschlagen. Hier ist er wieder zur Polizei gegangen, die haben ihn zum Pfarrer geschickt, und der Pfarrer hat ihn zu mir geschickt. Jetzt bittet er um Fahrgeld nach Morogoro (900 km von hier; der Bus kostet 20 Euro), da wohnt sein nächster Verwandter. Die Telefonnummern seiner Familie hat er vergessen.“ Er legt mir ein gestempeltes Schreiben der Polizei vor, das darum bittet, dem Mann zu helfen. Da wir in solchen Fällen nicht gerne Bargeld ausgeben, beschließen wir, ihn bis Freitag in der Herberge der Abtei unterzubringen, denn am Freitag fährt eine Bekannte von uns mit dem Auto nach Morogoro.
Am Freitag erzählt mir Mzee Mkanula dann: „Er hat das Telefon von Felicitas, die in der Herberge arbeitet, zusammen mit 10.000 Schilling (5 Euro) in ein Papier eingewickelt und ihr gesagt, sei solle es unter ihre Matratze legen. Am nächsten Morgen würde sie dann 200.000 Schilling in dem Papier finden, davon sollte sie ihm 50.000 abgeben. Aber am nächsten Morgen fand Felicitas in dem Papier nur ein Stück Seife, und der Mann war verschwunden. Das Mädchen hat geweint, weil das Telefon neu war. Der Mann war also ein Betrüger.“ Ich meine: „Wir sollten Felicitas die 10.000 Schilling erstatten, aber das Telefon nicht, weil sie so dumm war.“ Er darauf: „Er hat sie eingeschüchtert. Sie wollte zuerst nicht, aber er hat ihr gesagt: ‚Ich will dir helfen, und du weist mich einfach so zurück. Weißt du nicht, dass man mich in der Abtei kennt ?‘ “ Leider ist es in der tansanischen Gesellschaft, die ziemlich hierarchisch aufgebaut ist, für einen alten Mann, besonders wenn er einen Schlips trägt, ziemlich einfach, eine junge Frau einzuschüchtern. Wir beschließen, Felicitas den größten Teil ihres Verlustes zu erstatten.

„Mathe habe ich nicht gehabt“

3. Mai 2013

Mzee Kisumapai wird immer wieder als Beispiel dafür genannt, dass auch Afrikaner geschäftlichen Erfolg haben können. Er ist noch gar nicht so alt, wie der Name sagt (Mzee heißt „Alter“, was hier als Ehrentitel gilt, und deshalb wird auch der Chef so genannt), aber er ist in Songea der Herr über eine Mineralölhandlung mit Tankstelle und Busgesellschaft. Alles hat er sich selbst erarbeitet.
Wir haben eine kleine Tankstelle für die Autos von Kloster und Krankenhaus und außerdem erzeugen wir einen Teil des Stroms mit Diesel (der Rest kommt aus dem Wasserkraftwerk, und eine Solaranlage bestellen wir in diesen Tagen). Seit längerem habe ich den Verdacht, dass Kisumapai von uns überhöhte Preise kassiert, und dass die Mitarbeiter unserer Tankstelle ihm dabei helfen. Ich rufe also bei einer Firma in Dar es-Salaam an und erkundige mich nach dem Ölpreis. Nach acht Tagen bekomme ich endlich eine Antwort: „Wir hatten ernsthafte logistische Probleme, aber jetzt können wir den Preis sagen: 1970 Schilling pro Liter“. (knapp ein Euro) Natürlich bestelle ich lieber bei jemandem, den wir schon lange kennen, als bei jemandem mit ernsthaften logistischen Problemen. Ich rufe also Mzee Kisumapai an, sein Preis ist 2093. „Wir würden gerne einmal vorbeikommen, sind Sie morgen früh da ?“, frage ich, und fahre am nächsten Tag mit Br.Augustino nach Songea. Ich lache, als ich auf seine Tanksäule schaue: Der Preis für Privatkunden ist genau 2093. Kisumapais Büro besteht aus einem langen, schmalen Raum mit einem Tisch voller Papiere, auf der einen Seite des Tisches zwei sehr hohe, rot gepolsterte Holzstühle, die wie Throne aussehen. Auf dem einen sitzt der Chef, auf dem anderen ein älterer Mitarbeiter. Für Besucher gibt es auf der anderen Seite drei einfache Holzstühle. Ich stelle Augustino als den neuen Prokurator und mich als neuen Cellerar vor, und weise darauf hin, dass wir als Großkunden doch wohl einen besseren Preis als die Privatkunden haben sollten, und nenne auch den Preis der Konkurrenz. Sofort geht er auf 2000 herunter. Ich sage, ich würde gerne regelmäßig 5 % Nachlass auf den Preis seiner Zapfsäulen haben. Ich habe meinen Taschenrechner mitgebracht und zeige ihm die Rechnung. Er ist zu klug, um mich blöd anzuschauen, aber man merkt, dass er mich nicht verstanden hat. Ich wiederhole die Rechnung auf dem Taschenrechner und zeige ihm jeden Schritt. Mit dem Endergebnis, 1988, ist er einverstanden, und wir verabschieden uns herzlich. Auf der Rückfahrt frage ich Augustino, wie es sein kann, dass ein erfolgreicher Geschäftsmann nichts von Prozentrechnung versteht. Er meint, „Der kennt halt seinen Einkaufspreis, das reicht ihm.“ Augustin, den ich demnächst mal unter seinem Spitznamen „Wo die Wilden wohnen“ hier vorstellen will, kann durchaus rechnen, aber viele Afrikaner haben selbst in den Grundkenntnissen erschreckende Lücken.
In diesem Zusammenhang kann ich auch die Fortsetzung der Geschichte des Sekretärs der Schreinerei erzählen:
Der alte Meister hat die Tochter von Herrn Ngosongo nicht akzeptiert, „Hier arbeiten nur Männer, und wenn eine Frau dazwischen ist, kann das Probleme geben.“ (Liebe Leserin / lieber Leser, Sie finden diese Aussage hoffentlich genauso blöd wie ich, aber versuchen Sie mal, mit einem 75-jährigen Niederbayern zu diskutieren). Stattdessen bat er den Schwager seines Vorarbeiters zum Vorstellungsgespräch. Dem gab ich als eine Art Einstellungstest zwei Aufgaben: Am Computer einen Bewerbungsbrief zu schreiben und eine Rechnung für einen Tisch, 10 Stück Holz à 500 Schilling und 10 Arbeitsstunden à 1000 Schilling, dazu 10 % Mehrwertsteuer. Er hatte einen Computerkurs an unserer Berufsschule belegt, und bekam den Bewerbungsbrief einigermaßen hin. Aber zu der Rechnung sagte er mir: „Mathe habe ich nicht belegt.“