Archive for November 2010

Déjà-vu

30. November 2010

Manche Dinge kann man nur mit Humor ertragen, siehe vorigen Artikel. Heute beim Frühstück fragte Jacques mich, ob ich dem Fahrer schon Bescheid gesagt hätte. „Ja, er kommt morgen um Fünf.“, sage ich. Er: „Wenn.“ Mehr braucht es nicht, denn wir haben in den letzten zwei Wochen oft genug über das Thema gesprochen. P.Vianney ist im September in den Heimaturlaub auf die Philippinen geflogen, Br.Martin und Br.Cyrille im Oktober nach Togo. Von den Philippinen kamen zuerst Nachrichten, dass der Gesundheitszustand von P.Vianney sich nicht gebessert habe. Am 19.11. erlebten wir dann ein Déjà-vu: Per E-Mail erhielten wir die Nachricht, dass er nicht zu uns zurückkehren wird. Ganz ähnlich war es mit P.Emmanuel gewesen, der im Mai nicht von seinem Heimaturlaub in Deutschland zurückgekehrt war. Im Mai hatten wir noch kein Internet im Haus, deshalb erhielten wir seine Absage erst an dem Tag, für den wir seine Rückkehr erwartet hatten. Bei P.Vianney gab es keine Kommunikationsprobleme, so kam die Nachricht immerhin vier Tage vor seiner erwarteten Rückkehr.
„Ich halte den Rekord. Ich bin schon zweimal aus Deutschland nach Kuba zurückgekehrt, und du nur einmal aus Togo,“ sage ich zu Jacques. „Das zweite Mal gilt nicht, da warst du nicht in Deutschland, sondern in Togo,“ gibt er den Scherz zurück.
Morgen um Fünf fahren wir zum Flughafen, um unsere Brüder Martin und Cyrille abzuholen. Zumindest gehen wir davon aus. Auch Jacques geht davon aus, trotz seines skeptischen „Wenn“.

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Bloggen ohne Kerzenschein

27. November 2010

Manche Dinge kann man nur mit Humor ertragen, siehe den vorigen Artikel. Wir hatten gerade in der Vesper (dem Abendgebet) den Vers „Und es wird ein großes Licht erscheinen“ gebetet, als ein Stromausfall die Kirche in eine große Dunkelheit tauchte. Nach dem Abendessen (bei Kerzenschein) meinte Jacques, „Guck mal, unsere Straßenseite ist ganz dunkel, auf der anderen Seite ist alles erleuchtet. Sieht doch richtig schön aus.“ Wir hatten das schon öfter, dass bei uns der Strom ausfällt, gegenüber aber nicht. Ich gehe in die Seitenstraße, um den Effekt zu fotografieren (Belichtungsdauer 1/3 Sekunde, ich habe anscheinend eine recht ruhige Hand). Im Vordergrund unsere Seite der Hauptstraße, im Hintergrund die gegenüberliegende Seite. Die langgezogenen weißen und roten Streifen auf der Hauptstraße sind natürlich die Lichter der Autos. Dann lade ich das Foto auf das Notebook (Wo ist das Loch für den USB-Stecker ? Ach, da. – Warum merkt der Computer nicht, dass ich die Kamera eingesteckt habe ? Ach, der Stecker sitzt nicht fest.), und will das 19.Jahrhundert (Kerzenschein) mit dem 21. (Bloggen) kombinieren, Internet per Telefonleitung und Notebook per Batterie funktionieren ja. Aber da heult schon die Alarmanlage unserer Kirche los: Der Strom ist wieder da. Ich lösche die Kerze und blogge trotzdem.

Töten kann sehr befriedigend sein

25. November 2010

Manche Dinge kann man nur mit Humor ertragen. Vor einiger Zeit habe ich im großen Supermarkt gefragt, ob sie Lomaté („Ich-habe-ihn-getötet“) hätten, ein Espray mata-mosquito („Spray Töte-Moskito“). Auf die verneinende Antwort der Verkäuferin reagiere ich mit einem resignierten, „Dann muss ich sie halt weiter mit der Hand töten.“ Zwei Wochen später frage ich wieder, die Antwort lautet: „Sie müssen weiterhin die Hand benutzen.“ Auf meinen verwunderten Blick hin erklärt sie mir: „Sehen Sie, ich habe mir Ihren Witz gemerkt.“ Kurz danach finde ich das Gesuchte an einer Tankstelle. Und wenn mich jetzt mal wieder so ein Viech an einer empfindlichen Stelle am Fuß sticht (sie suchen sich eigentlich immer die besonders empfindlichen Stellen), dann sprühe ich. Und stelle fest, dass das Gefühl von befriedigtem Rachedurst doch schöner ist, wenn man sie mit der eigenen Hand erschlägt und sich dann das Blut von der Hand abwischt.

Sich in der Schlange schlagen ?

20. November 2010

Wenn Kubaner von der „Periodo especial“ erzählen, erinnert das an die Erzählungen meiner Großeltern aus der Nachkriegszeit. Diese Woche habe ich eine kranke Bekannte zu ihrem 56.Geburtstag besucht, und sie hat ein bisschen aus ihrem Leben erzählt. „Ich habe in einem großen Büro in der Altstadt gearbeitet. Aber als dann die ‚Spezialperiode‘ kam, gab es kaum noch Busse. Um 5 hatten wir Feierabend, erst um 7 kam ich beim Kindergarten an. Da waren schon alle anderen Kinder weg und mein Junge war der letzte. Mein Chef meinte, ich solle mich halt vordrängeln, um mit einem früheren Bus mitzukommen. Aber soll ich mich denn für einen Platz im Bus prügeln ? Nein, habe ich mir gesagt, das mache ich nicht, und habe gekündigt. Später habe ich mit meinem Mann Kuchen gebacken und auf der Straße verkauft. Abends haben wir oft hier gesessen, sind eingenickt und erst der Geruch des verbrannten Kuchens aus dem Ofen hat uns geweckt, so müde waren wir.“
Die „Spezialperiode“, also die schwere Wirtschaftskrise der 1990er Jahre, als die sowjetische Hilfe ausgefallen war, ist überstanden. Die Busse sind immer noch ziemlich voll, aber einen so überfüllten Bus wie auf dem Foto habe ich nur ein einziges Mal gesehen, nämlich vorige Woche. Die Kubaner stellen sich heutzutage wieder ordentlich hinten an, sei es an der Bushaltestelle, sei es im Geschäft – zumindest fast immer.
Die Schlange an der Copelia, der berühmten Eisdiele, ist immer so lang, dass ich mich noch nie angestellt habe. P.Abraham war neulich mit einem kubanischen Bekannten dort. Der sagte ihm: „Sag kein Wort, damit dein spanischer Akzent dich nicht als Ausländer verrät! Gib mir mal eben 10 Peso (30 Euro-Cent) !“ Die 10 Peso gab er dann dem Angestellten, der die Schlange kontrollierte, und schon waren die beiden in der Eisdiele, wo jeder zwei Kugeln für 5 Peso die Kugel verspeiste.

Was danach geschah

15. November 2010

Das Rätsel des Brötchenpreises (siehe vorigen Artikel) habe ich immer noch nicht lösen können. Manchmal ist ein jüngerer Verkäufer dort, der mir regelmäßig 6 Brötchen für 4 Pesos gibt. Neulich war mal wieder der ältere dort, tat 4 Brötchen in meine Tüte. Ich: „Eh. Vier.“ Er schaut auf das Geld und in die Tüte, sagt, „Eh“, und legt ein fünftes Brötchen dazu. Gestern Morgen legte derselbe, ältere Verkäufer gleich 6 Brötchen für meine 4 Pesos in meine Tüte.

Auch die Geschichte von Guillermo und der Wasserpfeife hat ihre Fortsetzung gefunden: Ich habe das obige Foto gemacht (siehe oben) und ihn gemeinerweise raten lassen, wo ich es aufgenommen habe. „Irgendwo in Europa ?“ – „Nein, näher.“ – „Kolumbien ? Vereinigte Staaten ?“ Als ich ihm schließlich verriet, dass es sich um die Ecke Obispo / Mercaderes handelt (einen zentraleren Punkt gibt es in der Altstadt von Havanna nicht), erkannte er sogar die Schaufensterdekoration wieder.
Fazit: Es wird noch etwas dauern, bis die Modewelle „Wasserpfeife“ in Kuba ankommt (meine eigene Wasserpfeife hatte ich übrigens vor der Modewelle; nur leider befindet sie sich noch in Deutschland).

„Was kostet ein Brötchen ?“

10. November 2010

P.Abraham als der „Neue“ unter uns stellt viele Fragen, z.B., was ein Brötchen kostet. Ich, als „alter Hase“ habe es bereits aufgegeben, bestimmte Fragen zu stellen. Seit Br.Cyrille im Heimaturlaub ist, hole ich jeden Morgen die Brötchen. Ich zahle 6 Peso (1 Euro entspricht 30 Peso) und erhalte 9 Brötchen. Eines Morgens war es mir zu langweilig, immer nur stumm zu bezahlen, ich sagte: „9 Brötchen“ und reichte dem älteren Bäcker 6 Pesos. Er schaute verständnislos erst mich, dann das Geld in seiner Hand an. Ich ergänzte: „9 Brötchen für 6 Pesos.“ Immer noch dieser verständnislose Blick. Die junge Verkäuferin, die daneben stand, rettete die Situation: „Papi, sechs.“
Da neun Brötchen doch etwas viel sind, bin ich in letzter Zeit dazu übergegangen, nur noch 3 oder 4 Pesos zu bezahlen. Für 3 Pesos gibt es 4 oder 5 Brötchen. Br.Jacques behauptet, er habe schon einmal 6 erhalten. Für 4 Pesos erhalte ich normalerweise 5 Brötchen. Heute Morgen tat mir ein anderer Verkäufer 6 in die Tüte. Ich gebe Abrahams Frage hiermit an die Leser und Leserinnen weiter.

„Gab es Feuer auf dem Altar ?“

9. November 2010


Als Kardinal Ortega am 4.7.2007 sein Fax mit der Bitte um Gründung eines Benediktinerklosters in Havanna nach St.Ottilien schickte, schrieb er, dass er aus Anlass des Papstbesuches 1998 Fidel Castro drei Wünsche vorgetragen habe: Ein Haus für Priester, ein neues Priesterseminar und ein – unser ! – Benediktinerkloster.
Am Donnerstag, 4.11., berichtete die „Granma. Offizielles Organ des Zentralkommitees der Kommunistischen Partei Kubas“ unter der Überschrift „Raúl nimmt an der Einweihung des neuen Standorts des Seminars San Carlos und San Ambrosio teil“ in großer Aufmachung. Der Artikel nahm 2 von 3 Spalten der Titelseite ein. Da wegen der Anwesenheit des Staatspräsidenten natürlich verschärfte Sicherheit galt, war von uns nur Br.Jacques eingeladen. Ich hatte am nächsten Tag das Vergnügen, bei der Einweihung der Kapelle des Seminars dabei zu sein, zwar ohne Staatspräsident, aber mit allem liturgischen Aufwand, siehe Fotos.
Eine Kirchweihe ist ein eindrucksvoller Ritus, und ich hatte vage in Erinnerung, dass ein echtes Feuer auf dem Altar dazugehört. Aber diesmal wurde nur eine Weihrauchschale auf den Altar gestellt. Hatte ich mich mit dem Feuer geirrt ? Immerhin war meine letzte Kirchweihe schon 15 Jahre her. Kaum kam ich nach Hause, fragte Jacques mich, ob sie denn auch Feuer auf dem Altar angezündet hätten. Also hatte ich doch Recht, nur war das Feuer einer Sparmaßnahme zum Opfer gefallen (oder der Kardinal wollte nicht, dass sein schönes neues Seminar, auf das er 12 Jahre gewartet hatte, gleich wieder abbrennt).
Für mein Gespräch mit der Chefin des Büros der Telefongesellschaft (siehe vorigen Artikel) hatte ich mir schon meine Rede zurecht gelegt, „Vorgestern hat der Präsident des Staats- und des Ministerrats, Armeegeneral Raúl Castro Ruz (das ist der offizielle Titel, der im Text der Artikels erscheint, während in der Überschrift ganz formlos nur der Vorname genannt wird), unseren Prior begrüßt, und Sie behandeln mich hier wie einen unerwünschten Störenfried,“ aber das war dann ja doch nicht nötig.

Die Fotos zeigen, von oben nach unten: (1) Das Foto zum Granma-Artikel: Zeremonienmeister, Präsident, Kardinal. (2) Bei der Einweihung der Kapelle: Zeremonienmeister, Nuntius, Kardinal. (3) Der Kardinal salbt den Altar. (4) Feierlicher Auszug.

Persistencia, Paciencia, Prudencia

5. November 2010

Kubaner, die bei uns anrufen, erzählen normalerweise ihre ganze Familiengeschichte. Ich unterbreche meistens im zweiten Satz: „Wenn Sie ihr Kind taufen lassen wollen, rufen Sie bitte bei unserer Pfarrei an, die Nummer ist 830 3958.“ Für meinen erneuten Besuch bei der staatlichen Telefongesellschaft vorgestern hatte ich mir überlegt, mal auf die kubanische Weise vorzugehen: „Wir sind eine Gemeinschaft der katholischen Kirche, wir sind seit anderthalb Jahren auf Kuba …“ Die Angestellte unterbricht mich im zweiten Satz: „Wenn Sie von der Kirche sind, müssen Sie den Internet-Anschluss über das Büro für Religiöse Angelegenheiten beantragen.“ Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen, und als ich meine komplette Geschichte erzählt habe, lässt sie mich erst einmal für einige Minuten in ihrem Büro allein. Dann kommt sie mit drei Akten zurück, durchsucht die jeweiligen Inhaltsverzeichnisse und sagt mir dann, dass mein Antrag (siehe den Artikel „Internet-Probleme“) nicht unter den genehmigten Anträgen sei. Persistencia, Beharrlichkeit, ist das erste der drei „P“, die Raulito, unser Kontaktmann zum Kardinal, mir ans Herz gelegt hat. Ob sie denn wisse, ob meine Antrag nicht vielleicht verloren gegangen sei, frage ich, und mit wem ich noch sprechen könne. Mit der Chefin, bietet sie freundlich an, und sucht dann ihre Chefin im Obergeschoss. Nach einiger Zeit kommt eine andere Angestellte und sagt mir, die Chefin sei leider gerade in einer Besprechung, aber ich könne gerne morgen oder übermorgen wiederkommen. Paciencia, Geduld, ist das zweite der „P“s von Raulito. Sie nimmt nochmals meinen Antrag auf, ich schreibe unten auf das Blatt, dass ich nicht wisse, ob mein Antrag von September verloren sei.
Verschiedene Kubaner hatten schon von illegalen Möglichkeiten, an einen Anschluss zu kommen, geraunt, aber da haben wir uns doch lieber an das dritte „P“ von Raulito gehalten: Prudencia, Vorsicht.
Gestern Abend schellt mein Telefon: Ich könne vorbeikommen, um den Vertrag für den Internet-Anschluss zu unterschreiben. Was hat das Wunder nach anderthalb Jahren Wartezeit bewirkt ? Schlechtes Gewissen, weil mein Antrag wirklich verloren gegangen ist ? Oder war „Chefin“ das Zauberwort ? Oder hatte die Angestellte gestern Morgen die Zeitung aufgeschlagen und sich angesichts der Titelgeschichte – Einweihung des neuen Priesterseminars durch den Kardinal in Anwesenheit von Präsident Raul Castro – daran erinnert, dass ich was von „Kirche“ gesagt hatte ?
Heute Morgen jedenfalls war ich zum siebten Mal dort, und jetzt blogge ich zum ersten Mal von meinem kubanischen Schreibtisch aus.
Der Junge auf dem Foto (Uferstraße des Stadtzentrums, vor zwei Wochen) hat nichts mit dem Thema zu tun, er drückt nur meine derzeitige Stimmung aus.