Archive for the ‘Uganda’ Category

Dieses Bild lügt, und zwar doppelt

7. Februar 2014

tongol So stellt man sich Afrika vor: Unterricht unter einem Baum, dazu ein traditionelles Musikinstrument (auf Jopadhola, das ist die Ortssprache hier, heißt es Tongol). Die Tongol ist die erste Lüge: P.Boniface kann sie nämlich gar nicht spielen, er hat sie nur auf meine ausdrückliche Bitte hin mitgenommen, damit das Foto „afrikanischer” wirkt.
Gleich als wir in seiner Pfarrei ankamen, stellte er mir eine Mädchengruppe vor: „These are the altarwomen”, „Das sind die Messdienerinnen.” Sein Tonfall zeigte ziemlich deutlich einen Scherz an, also nahm ich an, dass die Katholiken hier genauso fürchterlich konservativ sind wie in Tansania und sich deshalb nur männliche Messdiener vorstellen können. Ich frage nach, und er erklärt mir: „Man hält ja immer das für richtig, was man gewohnt ist. Und viele Leute denken, dass Messdiener immer Jungen sein müssten. Vielleicht wird es eines Tages Priesterinnen geben, und dann werden sich die Leute auch daran gewöhnen.” Sein Scherz bezog sich nicht auf das Geschlecht, sondern auf das Alter, er hatte die Mädchen schon als „women“, „Frauen“ bezeichnet.
Und damit kommen wir zur zweiten Lüge auf dem Bild: „Schule unter dem Baum“ lässt an eine primitive Schule denken, wo man gerade mal seinen Namen schreiben lernt und außerdem rechnen im Zahlenraum bis 10. Aber das Schulsystem in Uganda ist gut ausgebaut, schon junge Schüler/innen können besser Englisch als so manche Deutsche, und auch sonst ist der Bildungsstand deutlich höher als in Tansania. Und wer ein gewisses Bildungsniveau erreicht hat, der kann sich – wie P.Boniface – auch leichter von althergebrachten Vorstellungen lösen.

„Welche Sprache spricht er ?”

28. Januar 2014

messdiener „Alle – und keine”, so lautet die Antwort Williams, als Adson ihn fragt, „Welche Sprache spricht er ?” (Eco, „Der Name der Rose”). Nach zwei sehr schönen Tagen in Ugandas Hauptstadt Kampala ging meine Reise weiter in unser Kloster Tororo. Dort kam ich mit den vier Messdienern auf dem Foto ins Gespräch. Sie gehen in die siebte und achte Klasse, so gutes Englisch wie bei ihnen höre ich Tansania nicht einmal bei Absolventen der dreizehnten Klasse. Also frage ich sie, in welcher Sprache sie sich untereinander unterhalten. „Auf Englisch”, sagen sie, und ich glaube es nicht. Doch, denn einer von ihnen (John Joel, der zweite von links) hat Jopadhola als Muttersprache. Von dieser Sprache habe ich schon gehört, und ich kann sogar „Afoyo” sagen, was „Danke” heißt. Aber die anderen drei sprechen Lugisu, auch Gisu oder Masaba genannt. Und diese beiden Sprachen haben so viel miteinander gemeinsam wie Deutsch und Chinesisch, also gar nichts. Jopadhola ist eine nilotische Sprache, sie kam mit Einwanderern vom Norden, während Lugisu eine Bantu-Sprache ist, mit dem Suaheli und zahlreichen anderen Sprachen bis hin nach Südafrika verwandt. Immerhin, die vier Jungen haben noch eine andere Sprache, in der sie sich verständigen können, Suaheli. Suaheli ist in Tansania die erste Nationalsprache, in Kenia und hier in Uganda die zweite.
Der junge Br.Bernhard führt mich durch das Kloster, und dabei unterhalten wir uns auch über die verschiedenen Sprachen. Er möchte Theologie studieren, und hat deshalb angefangen, ein wenig Latein zu lernen. Mit mir spricht er Englisch, er könnte auch Suaheli sprechen, aber das mag er nicht so recht, weil es nämlich die offizielle Sprache von Armee und Polizei ist, die als korrupt und brutal gelten. Welche Sprachen spricht er sonst noch ? Seine Muttersprache, deren Namen ich vergessen habe, dann Luganda, die Sprache der Hauptstadt Kampala („Danke“ heißt „Webale“), außerdem Jopadhola und Lugisu, zusammen also sechs Sprachen. „Naja, eigentlich noch die Sprache von Jinja,” ergänzt er – Jinja ist die nächste größere Stadt Richtung Westen. Macht sieben Sprachen, Latein nicht mitgerechnet.

„Ich leite eine Kulturinstitution – genauer gesagt, ein Königreich”

22. Januar 2014

buganda Nachdem ich meine Einkäufe in Kampala erledigt hatte, habe ich den Rest der Zeit zu einem Besuch bei den Königsgräbern genutzt. Schon lange vor der Ankunft der Europäer war das Zentrum Ugandas ein Königreich, die letzten vier Könige sind hier begraben. In den 5000 Schilling (knapp 2 €) Eintritt ist eine Führung enthalten. Eigentlich finde ich solche Führungen schrecklich, aber diesmal wird sie dadurch interessant, dass auch mein Taxifahrer daran teilnimmt. Der Führer erklärt uns, dass das 8-Millionen-Volk in 52 Clans aufgeteilt ist, und dass es verboten ist, innerhalb desselben Clans zu heiraten. Auch der Clan der Mutter kommt für Heiraten nicht infrage. Ich frage, was passiert, wenn sich nun ein junger Mann in eine Frau aus der Nachbarschaft, dummerweise vom selben Clan, verliebt. Der Taxifahrer verteidigt gleich die alten Traditionen: „Du würdest doch auch nicht deine Schwester heiraten.” Der Führer zeigt uns die Feuerstelle, wo immer ein Feuer brennt, um anzuzeigen, dass der König noch lebt. Der Taxifahrer fügt stolz hinzu, dass sein Clan die Aufgabe hat, dieses Feuer zu hüten. Der Führer schaut genau hin, dann sagt er nichts mehr, und ich hüte mich, allzu genau nachzuschauen, um keine Peinlichkeit entstehen zu lassen: Das Feuer ist nämlich ausgegangen.
Trotzdem: Es gibt tatsächlich noch einen König in der Hauptstadt Ugandas. Die Engländer ließen die Könige unter ihrer Oberherrschaft im Amt, erst das unabhängige Uganda beseitigte die traditionellen Könige mit militärischer Gewalt, König Freddie floh nach London, wo er – so erzählt es der Führer, laut Wikipedia ist das nicht so sicher – von einem Agenten des neuen ugandischen Präsidenten Obote vergiftet wurde. Dann folgten die Gewaltherrschaft Idi Amins, Krieg mit Tansania, Bürgerkrieg, schließlich Präsident Museveni, der mit Hilfe von Kindersoldaten an die Macht kam und jetzt seit 28 Jahren das Land in einer seltsamen Mischung aus Demokratie und Diktatur beherrscht. Er holte König Ronald, Freddies Sohn, zurück ins Land, und so gibt es jetzt mitten in der Republik Uganda das Königreich Buganda mit eigenem Premierminister und Parlament, zuständig für die Kultur von 8 Millionen Menschen.
Wir spazieren über das Gelände, Kinder spielen vor ärmlichen Hütten, eine alte Frau sitzt auf dem Boden. Sie sieht so aus, dass man ihr in Deutschland sicherlich einen Euro geben würde, aber der Führer grüßt sie mit einer respektvollen Verbeugung und erklärt, dass alle Bewohner des Geländes Nachfahren von König Muteesa I. sind – die arme Alte ist eine echte Prinzessin !
Außer dem Königreich Buganda gibt es noch zahlreiche weitere, kleinere Königtümer in Uganda. Auch Tororo, wo unser Kloster ist, hat einen König, der als guter Katholik im Beirat der Augenklinik des Klosters sitzt. Ein Europäer erzählte mir, wie dieser König sich ihm vorstellte: „I’m managing a cultural institution, well, a kingdom, to be exact.”