Archive for April 2016

Wo die netten Islamisten wohnen

28. April 2016

Jaws Corner Vor der Rückkehr nach Deutschland habe ich noch 6 Tage Urlaub auf der Insel Sansibar gemacht. Ich hatte vorher etwas Bedenken, ob ich fahren sollte. Auf der Insel gibt es nämlich eine handfeste politische Krise. Sansibar gehört zu Tansania, hat aber eine gewisse Autonomie unter einem eigenen Präsidenten. Im Oktober wurden sowohl der Präsident von Tansania, als auch der von Sansibar neu gewählt. Bevor alle Stimmen ausgezählt waren, verkündete der Vorsitzende der Wahlkommission, dass die Wahlen für Sansibar wegen grober Unregelmäßigkeiten ungültig seien. Bei den Wahlen für den tansanischen Präsidenten – am selben Tag, in denselben Wahllokalen – gab es dagegen angeblich kein Problem, auch nicht auf Sansibar.

Dafür gibt es nur eine Erklärung: Der Kandidat der Opposition, Maalim Seif, hat die Wahlen gewonnen, und die Regierung möchte das nicht zugeben. Die Opposition steht im Ruf, islamistisch zu sein, also einen Staat auf der Grundlage des Islam anzustreben. Ein tansanischer Katholik, der schon lange auf Sansibar lebt, sagte mir sogar, Maalim Seif stecke hinter den Terroristen, die vor drei Jahren auf Sansibar drei katholische Priester ermordet haben.

Islamistische Opposition, Verbindung zu Terror, und dann noch Verdacht auf Wahlbetrug – das kann ja eigentlich nicht gutgehen. Doch seit Oktober sind von Sansibar keine schlechten Nachrichten gekommen, also fahre ich hin. In der Altstadt (Weltkulturerbe, nach meiner persönlichen Überzeugung der schönste Ort in Tansania), finden sich an ein paar Ecken Farben der Regierungspartei, aber viel häufiger, und vor allem an den zentralen Stellen, sieht man Weiß-Rot-Blau, die Farben der Opposition. Jaws Corner ist ein Platz, wo sich vor allem Abends die Männer treffen, Kaffee trinken, ein Schwätzchen halten, und dem im Freien aufgestellten Fernseher lauschen. Er ist ganz und gar Weiß-Rot-Blau, siehe Foto.

Alles ist ganz friedlich, keine Demonstrationen, keine Unruhen. „Die Opposition ist schon in Ordnung“, sagt die Managerin des Shangani Hotels in der Altstadt, wo ich für 20 Euro ein großes Zimmer mit Veranda gemietet habe (sehr gutes Frühstück inbegriffen). In der Tat gibt sich Maalim Seif staatsmännisch: Auf den Wahlplakaten, die immer noch überall herumhängen, ist er zusammen mit Karume zu sehen, der vor 52 Jahren die heutige Ordnung auf Sansibar begründet hat.

Als ich danach wieder in Dar es-Salaaam ankomme, fällt mein Blick auf die Titelseiten der Zeitungen: Bei zweien ist der Aufmacher die neue Maßnahme von Maalim Seif, eine Maßnahme, die man von einem Islamisten nicht unbedingt erwartet: „Maalim Seif schreibt Brief an Papst Franziskus.“ – „Maalim Seif beklagt sich beim Papst über Wahlbetrug.“

Seif mit Karume

Wieder in Europa

28. April 2016

Im Januar bin ich nach Deutschland zurückgekehrt. Mehr als acht Jahre war ich in Tansania und Kuba und habe die ganze Zeit über mein Blog geschrieben, seit Dezember 2014 allerdings nur noch sehr wenig. Manche Erlebnisse sind in mein privates Tagebuch gewandert, und daraus will ich in der nächsten Zeit noch ein bisschen veröffentlichen. Dann wird wahrscheinlich auch etwas klarer werden, warum ich jetzt zurückgekommen bin.

Den stärksten Eindruck in den ersten drei Monaten zuhause hatte ich übrigens in der Klosterverwaltung: Ich nahm Geld für einen Einkauf in Empfang, aber zuständige Bruder schob mir keinen Quittungsblock herüber, auf dem ich hätte unterschreiben sollen. In sechs Jahren als Leiter der Klosterverwaltung in Havanna, Peramiho und Uwemba war mir das in Fleisch und Blut übergegangen: Kein Geld auszahlen ohne Unterschrift des Empfängers. Also frage ich nach: „Soll ich nicht irgendwo unterschreiben ?“ Antwort: „Wieso ? Wir vertrauen dir.“ Diese Antwort wäre in Tansania völlig unmöglich gewesen.

Ich erzähle meinem früheren Stellvertreter aus Peramiho am Telefon von dieser kleinen Begebenheit. Er meint, „Geld auszahlen ohne Unterschrift ist nicht gut.“