Archive for September 2012

Vom Reisen

24. September 2012

Am Freitag bat ich Herrn Zenda, mir ein Flugticket nach Dar es-Salaam für Mittwoch zu besorgen. Der Flug ist deutlich billiger als die 1000 km Autofahrt. Er fuhr für diese und für andere Besorgungen in die Bezirksstadt Songea. Von dort aus rief er an: „Am Mittwoch geht kein Flugzeug. Soll ich das tiketi für Dienstag schneiden ?“ (Für „Ticket kaufen“ sagt man „schneiden“, obwohl ja eigentlich der Verkäufer das Ticket „schneidet“ oder „abreißt“). Ich überlege: Wenn ich am Dienstag fliege, wird alles sehr hektisch, und bitte ihn, für Mittwoch ein Busticket zu besorgen. Die Busfahrt ist zwar ziemlich stressig, 13 Stunden, dafür aber meistens interessant, und außerdem sind Reisebusse ja umweltfreundlich. Am Montag kommt Prior Fidelis zu mir: „Reist du mit dem Flugzeug oder mit dem Auto ?“ Offensichtlich traut er mir als Europäer nicht zu, dass ich mit dem Bus fahre. Dann erklärt er mir, dass eine ältere Besucherin in Dar es-Salaam abgeholt werden muss, und sowieso ein Auto nach Dar fahren muss. Oft fahren unsere Autos in einem Tag nach Dar durch, aber seit im Februar dabei ein Kind überfahren wurde, bin ich solchen Gewalttouren gegenüber skeptisch. Also sage ich dem Fahrer Joel Nchimbi Bescheid, dass wir am Dienstag Nachmittag bis Uwemba fahren, dort übernachten und am Mittwoch bis Dar weiterfahren. Am Montag Abend fällt dann das Internet aus, Br.Wolfram bittet mich um Hilfe bei der Beseitigung des Problems. Als wir bis Dienstag Mittag noch keine Lösung haben, sage ich dem Fahrer Bescheid, dass wir doch am Mittwoch um 5 Uhr früh abfahren. Damit er nicht die ganze Zeit fahren muss, setze ich mich die ersten beiden Stunden ans Steuer. Aber um 7 muss er weiterfahren, denn inzwischen ist auch die Verkehrspolizei aufgestanden, und ich habe noch keinen tansanischen Führerschein. Ich sorge dafür, dass wir alle zwei Stunden eine Pause machen, und bin sehr zufrieden mit mir, als Joel meint, „Du bist der erste, der daran denkt, dass wir Fahrer auch mal eine Pause brauchen.“ Doch als es gut 100 km vor Dar es-Salaam dunkel wird, bin ich nicht mehr so überzeugt von meiner Idee. Wir befinden uns auf der Hauptverkehrsachse Tansanias, die gleichzeitig die Hauptversorgungsstraße für Sambia und Malawi darstellt. Sie hat die Breite einer deutschen Landstraße, je Fahrtrichtung nur eine einzige Spur. Und statt eines Warndreiecks benutzen die Tansanier Äste, die auf die Straße gelegt werden, um vor einen liegengebliebenen LKW zu warnen. Äste reflektieren leider nicht, und als Joel einem plötzlich auftauchenden Ast, den man eher als Baumstamm bezeichnen müsste, ausweicht, und dabei fast mit dem entgegenkommenden LKW zusammenstößt, nehme ich mir fest vor, beim nächsten Mal wieder zwei Tage für die Fahrt einzuplanen. Zumindest, wenn das Internet mitspielt.
Der Rest der Reise war dann ziemlich langweilig, am Freitag, 14.9., bin ich in Deutschland angekommen. Im November geht es wieder nach Peramiho, dann folgt die Fortsetzung des Blogs.

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Etwas absolut Gutes

8. September 2012

„Diese Liste ist etwas absolut Gutes,“ heißt es in dem bekannten Film über Schindlers Liste.
Vorgestern las ich auf den Seiten der Tagesschau zum 50-jährigen Jubiläum der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, dass Entwicklungsgelder auch Schaden anrichten können, nämlich wenn sie die Empfänger zur Passivität verführen oder Korruption fördern. Das erleben wir auch hier immer wieder im Kleinen, und so hat unsere Arbeit in Peramiho neben den guten Seiten auch ihre Schatten (ich hoffe, dass die guten Seiten relativ überwiegen).
Doch eine Einrichtung von Peramiho beeindruckt mich immer wieder: Das Krankenhaus. Wenn man in Dar es-Salaam beim Einkauf angibt, dass man aus Peramiho kommt, heißt es oft: „Ah, Peramiho, da gibt es doch ein gutes Krankenhaus.“ Die Patienten kommen aus einem Umkreis von 500 km zu uns, nicht etwa nur aus dem „Busch“, wo es keine Krankenhäuser gibt, sondern auch aus dem Nachbarland Malawi oder aus der Universitätsstadt Iringa, die fast eine Tagesreise mit dem Auto entfernt liegt.
Gestern feierte der Direktor, Br.Dr.Ansgar, sein 25-jähriges Jubiläum als Missionsarzt in Peramiho. Ich habe ihn vor 18 Jahren kennengelernt. Damals hatte er sechs Wochen lang Zeit, uns – einer Vierergruppe von jungen Mescheder Mönchen – das Land und die Arbeit der Benediktiner zu zeigen. Wieso er so viel Zeit habe, fragte ich ihn, und erhielt die überraschende Antwort: „Ich möchte meine Mitarbeiter darauf vorbereiten, dass sie auch ohne mich auskommen können.“ Das ist ihm anscheinend gelungen; seit 10 Jahren koordiniert er von St.Ottilien aus die gesamte Missionsarbeit unserer Kongregation. Die Verantwortung als Krankenhausdirektor nimmt er per E-Mail und durch zwei oder drei Besuche pro Jahr wahr. Weil er frühzeitig in die Aus- und Fortbildung der afrikanischen Ärzte investiert hat, funktioniert das Krankenhaus immer noch, und rettet – genau wie Schindlers Liste – das Leben von Menschen.
Moment mal, kann ich jetzt gar nichts Kritisches schreiben ? Am Tag vor der Feier wollte ich mich mit ihm verabreden. Er schaute auf den Ablaufplan des Festes: „Um Viertel nach 7 ist die Messe, danach geht es erst um 12 Uhr weiter. Also können wir uns um 9 treffen.“ Als ich ihn dann eine Viertelstunde nach der verabredeten Zeit endlich gefunden habe, ist er zwischen Ärzten und Schwestern in einem Festumzug eingekeilt. „Nach 25 Jahren bin ich immer noch so naiv, dass ich gedacht habe, in einem afrikanischen Fest könnte es eine Pause geben,“ erklärt er mir.
Das Foto zeigt die Gabenprozession während der Festmesse: Die Schwestern und Pfleger haben auf ihren Hemden ein Foto von Br.Ansgar. Warum sie aber ausgerechnet Besen zum Altar bringen, weiß ich wirklich nicht. Handelt es sich um eine Kampagne „Sauberkeit bedeutet Gesundheit ?“

Der Flötenspieler von Berlin

2. September 2012

Vorgestern war ich mit Br.Alfons und zwei Bauingenieuren aus der Bezirksstadt Songea in der Wildnis (das Foto zeigt, wie Alfons die schwierigste Stelle der Anfahrt meistert). Weil unser Wasserkraftwerk in Likingo zu wenig Wasser hat, suchten wir nach einer Möglichkeit, einen weiteren Fluss anzuzapfen – das Thema „Verzweifelfte Suche nach Wasser“ scheint mich seit Kuba zu verfolgen.
Nach getaner Arbeit setzten wir uns müde in das kleine Wohnhaus in Likingo, das der alte deutsche Bruder Sebastian einfach, aber sehr geschmackvoll eingerichtet hat. Die beiden Ingenieure sind begeistert: „George W. Bush hatte doch auch so eine Ranch, wie hieß die noch mal ?“
Im Bücherregal stehen Bildbände, „Wunderschönes Oberbayern“ und „Der Rhein“. Ich zeige Alfons ein Foto: „Das ist Bonn, da wohnen meine Eltern. Früher war Bonn die Hauptstadt, aber jetzt ist es Berlin.“ Der eine Ingenieur greift das Stichwort auf: „Ich habe mal eine Geschichte gelesen, aber das ist lange her, in den 90er Jahren, Mpiga-filimbi wa Berlin (Der Flötenspieler von Berlin).“ Obwohl es so lange her ist, kann er die Geschichte noch erzählen, sogar das Ende, dass man bis heute nicht weiß, was mit den Kindern geschehen ist, hat er richtig in Erinnerung. Da sei ihm verziehen, dass er den Namen der Stadt verwechselt hat, schließlich liegt das alte Städtchen, in dem die Geschichte wirklich spielt, an derselben B 1 wie Berlin.
Auch auf Kuba ist die Geschichte bekannt; einmal fand ich in einer Kirchenzeitung einen Comic, wo der „Flautista“ (Flötenspieler) gefragt wurde, ob er wirklich Ungeziefer und Ratten vertreiben könne. Das konnte er, aber gegen die Doppelmoral hatte er in diesem Comic kein Mittel.