Archive for März 2010

Guanos

30. März 2010

Freitag Nachmittag, kurz vor 15 Uhr. Ich bin allein im Haus. Es schellt. Zwei Männer und eine Frau von zweifelhaftem Aussehen, einer hat eine Liste in der Hand. Kaum hat er den Mund geöffnet, um zu fragen, „Was ist das hier ?“, als sein Alkoholgeruch mich schon fast umwirft. „Was wollen Sie ?“, frage ich. „Wir bringen die …“, das entscheidende Wort verstehe ich nicht. „Wer sind Sie ?“ – „Wir kommen vom Erzbistum. Was ist das hier, ich meine, welche Pfarrei ?“ Klick, macht es in meinem Kopf. P.Emmanuel hat sich doch letztes Jahr beschwert, dass die Leute vom Erzbistum, die die Palmzweige für den Palmsonntag bei den Pfarreien vorbeibringen, völlig betrunken waren. Und das entscheidende Wort habe ich letztes Jahr gelernt, aber dann ein Jahr lang nicht gebraucht: „guano, Palmzweig“.
Das Foto zeigt den Beginn der Palmsonntagsliturgie am Eingang unserer Kirche. Die Kirche war gestopft voll, so voll wie mindestens seit Weihnachten nicht mehr. Das liegt daran, dass der Palmzweig im kubanischen Aberglauben eine besondere Bedeutung hat, so kamen auch manche nur kurz in die Kirche, um sich den Zweig abzuholen, und gingen dann wieder. Am Nachmittag war ich in der Stadt, dort sah man immer mal wieder jemanden mit einem Palmzweig um den Hals (wie eine Schlinge) oder mit einem aus dem Zweig kunstvoll geflochtenen Kreuz auf der Brust.

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Europa

25. März 2010

Letzte Woche war es mal wieder so weit – der Zeitungsbote brachte die Rechnung für das kommende Quartal vorbei und drückte mir auch gleich das aktuelle Exemplar in die Hand. Die Hauptschlagzeile auf Seite 1: „In Europa nimmt der Rassismus zu.“ Ich konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen: „Oh, Europa gefällt der Redaktion im Moment nicht so recht.“ (Die Hauptschlagzeilen der Tage vorher hatten gelautet: „23 Millionen Arbeitslose in Europa“, „Häusliche Gewalt in Europa“, „Überbelegung und Selbstmorde in europäischen Gefängnissen“, „Polizeibrutalität in Europa“) Er setzt an: „Ja, weil Europa …“ und da unterbricht er sich auch schon, noch bevor er die Erklärung des Europaparlaments zum Thema Kuba erwähnt. Schließlich bringt er jeden Tag die Zeitung vorbei und weiß also, woher ich stamme. Und da er nicht weiß, was ich politisch denke, hält er es anscheinend für klüger, den Satz nicht zu Ende zu bringen. Ich lächle freundlich und zahle die 16,20 Peso (etwas mehr als ein halber Euro) für die circa 75 Ausgaben des kommenden Quartals.
Am Freitag konnte ich ein paar Hintergründe erfahren, ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben die Ehre, mit einem echten Botschafter zu speisen (auf der Einladung stand, er hätte die Ehre, mich einzuladen). Von Zeit zu Zeit ergeht eine solche Einladung an die Deutschen, die hier leben und arbeiten. Ich stieg Schlag 12:30, pünktlich auf die Minute, am Tor der Residenz aus dem Taxi, wollte dem Herrn am Eingang meine Einladung vorzeigen, aber der sagte nur, „Gehen Sie einfach durch“. Der riesige Park der Botschafter-Villa war leer, in der sperrangelweit geöffneten Eingangshalle begrüßte mich nur der schwanzwedelnde Bettvorleger, mit dem der Botschafter morgens Gassi geht, auf der Veranda traf ich dann die fünf anderen Gäste, die sich anscheinend noch nicht an die kubanischen Pünktlichkeitssitten angepasst hatten. Die anderen 60 trudelten dann im Laufe der nächsten halben Stunde ein. Das Essen war gut, die Gäste durchweg freundliche Leute, der Botschafter kannte fast alle persönlich, ich freue mich schon aufs nächste Jahr.
Neben der aktuellen Politik ging es in den Gesprächen vor allem um die Wirtschaft (die meisten Deutschen sind natürlich in Geschäften hier), und plötzlich auch um Familienthemen: Mein Tischnachbar restauriert für eine deutsche Firma den Malecon, Havannas berühmte Uferpromenade. Als er mir erklären will, dass das Eichsfeld eine katholische Ecke in der ehemaligen DDR war, unterbreche ich ihn: „Mein Urgroßvater stammt aus Beuren.“ Und er stammt aus dem Nachbarort Leinefelde, ebenfalls Heimat diverser Urahnen von mir !
Das Foto zeigt einen Raum der Botschafter-Residenz, die beiden mittleren Fotos auf dem Flügel zeigen Joschka Fischer und Angela Merkel.

Ein Jahr Kuba

21. März 2010

Vorgestern vor einem Jahr bin ich auf Kuba angekommen. Zufälligerweise am selben Tag nahm mich eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft im Auto mit. Wir spotten über Leute, die drei Wochen durchs Land reisen und dann in Deutschland einen Bericht schreiben, nach dem Motto, „Wie Kuba wirklich ist.“ Wie lange man denn brauche, um Kuba zu verstehen, frage ich sie. „Ich lebe seit 30 Jahren hier und bin mit einem Kubaner verheiratet. Vieles verstehe ich immer noch nicht.“ Ich sage, ich hätte manchmal den Eindruck, dass eine Aussage über Kuba stimmt, aber dass das Gegenteil genauso stimmt.
Der schlimmste Erlebnis des Jahres war für mich die E-Mail vom Donnerstag mit der Information, dass der jüngste Fall von sexuellem Missbrauch in Deutschland mein eigenes Kloster betrifft – zum ersten Mal war ich zu geschockt, um zu bloggen (Alle Infos auf der Homepage der Abtei). Der traurigste Eindruck waren die Augen des Jungen, der an der Ausgabetheke eines Pizzastandes den Kunden das Wechselgeld abbettelte. Er war noch so klein, dass die Augen nur gerade über die Theke schauen konnten. Die schönen Eindrücke überwiegen aber – das neue Land ist immer noch spannend (und wird wohl spannend bleiben, bis ich alles verstanden haben werde), und Havanna ist eindeutig eine sehr schöne Stadt. Auch das Leben in unserer bunten Gemeinschaft ist noch nicht langweilig geworden, und vielleicht die schönste Erinnerung war dieser Blick, mit dem wir nach einer Diskussion von der Streit- zur Versöhnungsphase übergegangen sind.

Wasser

14. März 2010


Die kubanische Regenzeit beginnt im April oder Mai. Vorher gibt es zwar auch von Zeit zu Zeit heftigen Regen, aber er ist wenig ergiebig. Das hat zur Folge, dass aus der städtischen Wasserleitung wenig in unsere Zisterne läuft, und vor einer Woche waren die 8000 Liter (8 m³) unserer Zisterne aufgebraucht. Inzwischen kommt wieder etwas mehr Wasser aus der Leitung, und da auch unsere Waschmaschine gerade rechtzeitig kaputt gegangen ist, reicht es im Moment.
Das Thema „Wasser“ haben wir gestern von der anderen Seite betrachtet – auf unserem Grundstück bei Jaruco haben wir nach Wasser gesucht. El Congo, ein alter Bauer und Freund des Kardinals, der uns schon seit Monaten berät, hatte uns einen Freund empfohlen, der sich auf diese Sache versteht. Orlando hat Hydrologie (Wasserkunde) studiert und kennt die Wassersituation im Umkreis von 30 km bis ins Detail. Er packte einen gebogenen Kupferdraht aus (siehe Foto), sprach von den Anionen und Kationen des Wassers und deren Magnetfeldern, und demonstrierte uns, wie sein Draht sich nach oben bewegte, wenn er eine Wasserader passierte.
Wasser fand er schließlich an einer Stelle mit den größten Bäumen des Grundstücks. Dass es dort Grundwasser gibt, scheint mir glaubhaft, was er über die Biologie sagte (jeder sechste Mensch könne mit Hilfe eines solchen Gerätes Wasser erspüren), kann ich nicht beurteilen. Was er über die Physik erzählt hat, kann ich allerdings beurteilen. Da er aber Wasserkunde studiert hat und die meisten Brunnen der Umgebung angelegt hat, wollte ich nicht so unhöflich sein, ihm zu verraten, was die Physik zu seinen Theorien sagt: Völliger Quatsch.

Er hat überhaupt nicht gebohrt

9. März 2010

Wenn um 6:10 Uhr der Wecker schellt und irgendetwas anders ist als sonst, dann liegt das zur Zeit meistens daran, dass weniger Licht durchs Fenster fällt – Stromausfall. Den Gasherd kann man auch mit dem Feuerzeug statt mit dem eingebauten Elektrozünder anzünden, frühstücken geht auch bei Kerzenschein, und gegen 7 Uhr wird es sowieso hell. Nur das Morgengebet lassen wir ausfallen, denn ohne Licht liest sich’s schlecht. Mit dem Hellwerden ist das allerdings so eine Sache, denn neulich war heftiger Regen die Ursache des Ausfalls, und da kam auch nicht viel natürliches Licht herein. Um halb eins hörte der Regen dann auf, wir waren gerade beim Tischgebet nach dem Essen, als der wiederkehrende Strom mit einem durchdringenden Geheul auf sich aufmerksam machte – die Alarmanlage der Kirche war durch den Ausfall verwirrt worden.
Vergangenen Mittwoch war es dann die Überschwemmung, die den Stromausfall verursachte. Sonst gab es aber zum Glück keine Probleme, denn unser Haus ist trotz der Nähe zum Meer nie vom Wasser bedroht, zumindest sagt das die Frau, die schon seit 20 Jahren die Sakristei unserer Kirche betreut.
Die meisten Stromausfälle dauern zum Glück nur ein oder zwei Stunden lang. Wir können uns behelfen, und manchmal ist es sogar romantisch (das Foto zeigt P.Vianney und Br.Jacques). Nicht für jedermann ist ein Stromausfall so harmlos: Neulich kam unser Aushilfs-Koch vom Zahnarzt. „Und, war’s schlimm ?“, fragte ich teilnahmsvoll. „Er hat gar nicht behandelt. Die Praxis hatte keinen Strom.“
Naja, es gibt wirklich unangenehmere Dinge: Von vorgestern Abend bis gestern Mittag fehlte das Wasser.
P.S. Für die jüngeren Leser/innen muss ich vielleicht den Hinweis geben, dass die Überschrift aus einer Werbung (ich glaube, nicht für Äpfel) entnommen ist, mit der meine Generation groß geworden ist.

Garagentor

6. März 2010

Wie man sieht, wird bei uns fleißig an der Garage gebaut (mehrere Mitarbeiter desselben Erzbischofs, dem die „Baubrigade“ untersteht, haben mir schon gesagt, „Die arbeiten aber langsam !“).
Neulich sprach mich unser Aushilfs-Koch an: „Ich habe euer Auto gesehen. Bist du sicher, dass das durch diese Einfahrt passt ?“ Wir maßen nach. Auto mit Spiegeln: 2,44 m. Breite der Einfahrt: 2,50 m. Die Mauern waren erst drei Steinreihen hoch, Vorarbeiter Mario (der Mann mit dem Maßband auf dem Foto) konnte den Fehler also noch korrigieren. Gestern kam dann Roberto, der bischöfliche Architekt, auf mich zu und sagte ohne Einleitung: „Das kann doch nicht sein. Ihr könnt nicht messen. Unser Lastwagen hat nur 2,10 m. Und euer Auto soll 2,50 breit sein ? Ihr habt das sicher mit 2,05 verwechselt.“ Kubaner haben eine besondere Art von Humor, und ich merke schnell, dass er zwar seinen Ärger abreagieren muss, weil der Vorarbeiter seinen Plan geändert hat, aber dass sein Ausbruch nicht ganz ernst gemeint ist. Also zahle ich mit gleicher Münze heim: „Vier Jahre lang habe ich Physik studiert, und Sie sagen, ich könnte nicht messen ? Mit diesen Händen hier und mit diesen Augen habe ich gemessen !“ Er lacht und schlägt mir auf die Schulter.
Lachend erzähle ich das dem Koch. Er kommentiert: „Ich habe schließlich sechs Jahr auf dem Bau gearbeitet, und wir waren die beste Brigade des Erzbistums.“

Gefühle

6. März 2010

Nachrichten aus Deutschland sind hier nur schwer und unvollständig zu bekommen. In Peramiho habe ich täglich „tagesschau.de“ gelesen, aber hier in das Internet teurer als in Peramiho und vor allem haben wir es nicht im Haus. Außerdem habe ich „Die Zeit“, aber die kommt immer mit ein paar Wochen Verspätung. Letzte Woche suchte ich eine Information bei Wikipedia, stieß zufällig auf die Nachricht vom Rücktritt von Bischöfin Käßmann, rief – neugierig geworden – doch mal wieder „tagesschau.de“ auf und sah mich gleich mit allen möglichen Skandalen an deutschen katholischen Schulen konfrontiert, darunter Ettal, die vielleicht bekannteste deutsche Benediktinerschule. Ein paar Tage später kam dann die Nachricht, dass auch St.Ottilien betroffen ist (der Fall scheint 40 Jahre zurückzuliegen, und der mutmaßliche Täter hat das Kloster vor Jahrzehnten verlassen), und am Dienstag brachte ich von meiner Stadt-Tour dann „Die Zeit“ mit, die groß über Fälle an Jesuitenschulen berichtet hat. Da ich von hier aus die Lage in Deutschland überhaupt nicht beurteilen kann, schreibe ich nichts zur Sache. Aber meinen Gefühlen muss ich einfach Luft machen. Ich bin nur wütend. Ich habe selbst über 10 Jahre als Lehrer an den Benediktinerschulen in Meschede und Peramiho gearbeitet. Wie viel von dem Vertrauen, das wir aufgebaut haben, ist durch das kriminelle Verhalten von ein paar zerstört worden ! Ich werde richtig aggressiv, auch wenn ich daran denke, dass es Versuche gegeben hat, Fälle zu vertuschen oder nicht wahrzunehmen (natürlich ist das nichts im Vergleich zu den Aggressionen der Opfer). Ja, ich weiß auch, dass die Medien mal wieder „alles in einen Topf werfen“ und so der Eindruck entsteht, Missbrauch an katholischen Schulen wäre geradezu etwas Alltägliches.
Vielleicht sollte ich mich doch freuen, weit weg zu sein, und nicht in der Rolle von Erzabt Jeremias von St.Ottilien zu stecken, der sich jetzt mit einem Fall beschäftigen muss, der zu einer Zeit passiert ist, als er selbst gerade den Kindergarten oder die Grundschule besuchte.

„Bis zum nächsten Mal“

2. März 2010

Im Moment ist unser Haus voller Handwerker. Die sechs Bauarbeiter, die unsere Garage bauen, sind eine „Brigade“ der Erzbistums. Es handelt sich um dieselben Leute, die vor einem Jahr unser heruntergekommenes Haus instand gesetzt haben. Die sieben Waschbecken, die seitdem lecken oder sich aus der Aufhängung gelöst haben, haben sie vorige Woche gleich mit repariert. „Wir haben da keine Garantieregelung, aber wir machen das aus Freundlichkeit umsonst,“ meinte der Architekt des Bischofs dazu.
Außerdem gibt es noch den selbständigen Klempner, der sich in den letzten Wochen um verschiedene Aspekte unserer Rohrleitungen gekümmert hat. Er hätte die sieben Waschbecken wohl auch gerne repariert, aber den Preis „umsonst“ konnte er natürlich nicht unterbieten. Gestern sagte er mir, „Ich will ja nichts Schlechtes über meine Brüder sagen, aber …“ Dann zeigte er mir das Leck an dem Waschbecken im Gästezimmer, das sein „Bruder“ von der erzbischöflichen Brigade vor einer Woche neu aufgehängt hatte. „Deren Bezahlung ist unabhängig von der Qualität ihrer Arbeit,“ erklärt er mir.
Heute Morgen spreche ich also mit dem bischöflichen Vorarbeiter, der greift sofort zum Handy und 10 Minuten später klingelt der bischöfliche Klempner an der Tür. Der schaut sich das Leck an, „Da soll der Muchacho doch ein Stück Teflon nehmen und das Leck stopfen.“ Mit „Muchacho“, also „Junge“, meint er den selbständigen Klempner. „Aber können Sie das nicht reparieren, schließlich haben Sie hier gearbeitet ?“, frage ich. Er schraubt die Stelle auf, wickelt ein Stück von einer Plastiktüte um das Gewinde, schraubt wieder zu. Tropft nicht mehr. Es gibt im Spanischen viele Möglichkeiten, sich zu verabschieden. Ich entscheide mich für „Bis zum nächsten Mal“.