Archive for the ‘Feste’ Category

Wenn Kulturen sich begegnen

1. August 2012

Am Samstag ist Br.Ludoviko zum Priester geweiht worden. Feste muss man feste feiern, das gilt besonders in Tansania. Ich habe zwar schon einige Feste hier miterlebt, aber auch für mich gab es noch Überraschungen, so zum Beispiel die Blaskapelle unseres Nachbar-Klosters Hanga, die extra angereist war (erstes Bild). Hanga war von Anfang an als Kloster nur für Afrikaner gedacht, ohne Europäer. Aber die oberbayerische Tradition der Blaskapellen wird heute dort gepflegt und nicht im ziemlich deutsch geprägten Peramiho.


Nach der eigentlichen Weihe hatten dann Ludovikos Tanten ihren großen Auftritt: Unter einer Art Indianergeheul stürmten sie den Altarraum und wälzten sich auf dem Boden. Frauen tun das hier bei festlichen Anlässen, um ihren Beifall auszudrücken. Wenn ich mir den Blick von P.Stephan (drittes Bild, am Lesepult) so ansehe, vermute ich, dass diese Art Beifall in seiner Heimat nicht üblich ist. Aber Ludoviko ist ein echter Ngoni, das heißt, er stammt aus der engeren Umgebung von Peramiho, und hier ist das halt so üblich.
Seit der allerersten Festmesse in Peramiho (Weihnachten 1898) gibt es die Tradition, dass danach Ngoni-Tänze aufgeführt werden. Ich habe schon öfter solche Tanzgruppen gesehen, aber noch nie in weißen Shorts und mit Fliege. Kurze Hosen sind hier absolut verpönt, nur Grundschüler tragen sie. Zum einen sind die Tansanier in Kleidungsdingen recht konservativ (Frauen in Hosen sieht man höchstens mal in der Stadt), und zum anderen erinnern kurze Hosen an die Soldaten der früheren englischen Kolonialmacht. Aber diese Tanzgruppe hat sich wohl in den letzten Jahren der englischen Herrschaft formiert und uralte Tänze mit der damals modernen Kleidung kombiniert. Dass eine Frau mittanzt (viertes Bild, mit roter Kappe), ist vermutlich hypermodern.
Auch ich habe etwas Exotisches für die Afrikaner; nachdem ich fotografiert habe, schauen sich die Tänzer die Fotos fasziniert auf meinem Display an.

Unkompliziert, kompliziert und spielerisch

16. Januar 2009

Manche Dinge laufen hier sehr unkompliziert. Dienstag Mittag nach dem Essen sagte ich dem Prior: „Ich bin aus Hanga zurück.“ – „Gut, du bist dann jetzt wieder in St.Placidus.“ Der Prior ist der Stellvertreter des Abtes, seit dem 1.1. ist mit P.Fidelis zum ersten Mal ein Afrikaner Prior in Peramiho. Das Haus St.Placidus liegt ungefähr fünf Minuten vom Kloster entfernt und beherbergt die jungen Männer, die ins Kloster eintreten wollen, im Moment nur drei Postulanten. Da ich mich schon im letzten November darum gekümmert habe, muss ich jetzt wieder für den Zuständigen einspringen, der am Montag zu seinem kranken Vater gefahren ist.

Gestern war der Festtag des heiligen Placidus, der musste natürlich begangen werden. Ganz unkompliziert hatten wir alles erst vorgestern geplant, dafür aber mit schriftlichen Einladungskarten. Die gingen unter anderem an die jungen Ordensschwestern von nebenan, an die beiden pensonierten Lehrer, die in St.Placidus Musik und Englisch unterrichten, und an die beiden Köche der benachbarten Berufsschule, die im Gegenzug den Reis spendiert haben. Zum Mittagessen waren wir genau 20 Personen. Postulant Petro war MC, wie das hier heißt, Master of Ceremony. Ein Suaheli-Wort für den „Zeremonienmeister“ gibt es nicht, aber ich habe noch kein Fest ohne MC erlebt. Seine Aufgabe war es dann, immer mal wieder beim Essen aufzustehen, zu sagen, „Nachukua nafasi hii – Ich ergreife diese Gelegenheit, …“ um zum Beispiel die Gäste aufzufordern, das Glas zu erheben, „Cheers“ zu sagen (auch dafür gibt es kein Suaheli-Wort) und anzustoßen. Oder, besonders kompliziert, mir zu sagen, dass wir doch viele ehrenwerte Gäste haben, und ich die doch bitte vorstellen möge. Allein dafür hat er schon eine kleine Rede gebraucht. Dann habe ich – als Hausherr – die Gäste, die ich kannte, vorgestellt, und die anderen gebeten, sich selbst vorzustellen. Dann hat der MC – wieder in Form einer kleiner Rede – mich gebeten, den alten Englischlehrer zu bitten, doch eine Rede von ein paar Worten, vielleicht fünf Minuten, zu halten, um den jungen Leuten Ratschläge fürs Leben zu geben. Genau das habe ich dann getan, in fast denselben Worten. Und er hat dann tatsächlich circa fünf Minuten gute Ratschläge gegeben. Auf dieselbe Art wurden dann die nächsten beiden Reden eingeleitet. Immer erst der MC, immer „Nachukua nafasi hii“, dann ich.

Beim Abendessen hatten wir nur zwei Gäste, ein älterer Mönch, den die Postulanten anscheinend einmal näher kennenlernen wollten, und Br.Victor, der die Farm führt und großzügig die Fleischwaren für den Festtag gestiftet hatte. Auch im kleinen Kreis dasselbe Spiel: „Nachukua nafasi hii…“ Die Gäste gingen schon vor 9, um 10 habe dann ich das Wort ergriffen: „Nachukua nafasi hii, um zwei Worte zu sagen, Gute Nacht.“ Das Gelächter zeigte an, dass ich die Regeln anscheinend begriffen hatte: Das Ganze ist eine Art Spiel. Das Fest wird dadurch schön, dass man sich an die Regeln hält. Aber man tut das mit einem Augenzwinkern, man kann zu späterer Stunde die Regeln etwas variieren, man kann auch bewusst übertreiben.

Fast Glasperlenspiel

24. September 2008

„Ganz und gar missglücken kann ein echtes Fest … niemals; für den Frommen behält auch eine verregnete Prozession ihre Weihe, und auch ein verbratenes Festmahl kann ihn nicht ernüchtern. [Doch dieses Fest wurde] ein unfrohes, ein ausgesprochen glückloses, ein beinahe schon missglücktes.“ In Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ gibt es nach diesem Fest für den Verantwortlichen nur noch den „Ausweg“, zu einer Bergtour aufzubrechen, von der er nicht zurückkommt.

So barbarisch wie Hesses hochkultivierte „Glasperlenspieler“, die ihren „Festspielleiter“ in den Selbstmord treiben, sind die Menschen hier nicht. Aber bei dem Fest neulich (siehe den vorigen Artikel) war klar: Es hatte Streit gegeben im TYCS. Letzten Freitag war dann „Notfall-Sitzung“, wie Br.Alfons es nannte. Der Lehrer, der an unserer Schule den TYCS betreut, sein Kollege von der Berufsschule, Br.Alfons als Ober-Betreuer aller Schüler-Vereinigungen, und ich trafen uns mit dem TYCS-Vorsitzenden, einem älteren Berufsschüler. Es ging wirklich viel zivilisierter zu, als ich erwartet oder befürchtet hatte: Einer der Teilnehmer übte die Rolle des Moderators aus, hielt eine kleine Einleitungsrede, dann erteilte er jedem der Reihe nach das Wort. Niemand fiel dem anderen ins Wort. Einer der Betreuer gab in einer langen Rede dem TYCS-Vorsitzenden die Schuld an der schon lange bestehenden „Feindschaft“ innerhalb des TYCS. Der rechtfertigte sich in einer genauso langen Rede und schloss mit seinem Rücktritt: „Ich bitte darum, die Sache aufzugeben.“ Dann folgte eine zweite Runde von langen Reden, von der ich aber nur verstanden habe, dass alle ganz konsequent vom „ehemaligen Vorsitzenden“ sprachen.

Die beiden Fotos zeigen zwei wichtige Gründe für das Gelingen eines Festes: Oben die Musikanlage (beachte die Kühlung !), unten der Animateur, auch er ein Berufsschüler. Ich habe ihn schon öfter erlebt, er ist echt genial. Mit seiner Mimik und Gestik könnte er noch das allerlangweiligste Fest retten.

Nicht alle Feste klappen

23. September 2008

Bis vor kurzem hatte ich ein geradezu unbegrenztes Vertrauen in die Fähigkeit der Tansanier, Feste zu organisieren. Und das Fest am letzten Samstag (siehe vorigen Artikel) hat auch gut funktioniert (abgesehen davon, dass der Pilau, den die Schülerinnen selbst gekocht hatten, im Mund ein pelziges Gefühl hinterließ). Bei dem Fest zwei Wochen vorher war das aber nicht so. Ein oder zwei Tage vorher stellte sich heraus, dass der Ehrengast einen wichtigen Termin auswärts hatte. Also wurde schnell noch ein Dozent vom Priesterseminar besorgt, der zwar erst vor zwei Wochen nach Peramiho gekommen war, und deshalb niemanden kennt, aber ohne Ehrengast geht es halt nicht.

Die Schülerinnen hatten mir gesagt, es würde um 15 Uhr anfangen, um 7:30 rief Br.Alfons mich an: „Wir fangen dann um 8 mit der Messe an.“ Pünktlich um 8 in der Kirche – bin ich der einzige. In meiner Eigenschaft als pünktlicher Deutscher bin ich etwas irritiert, aber nach einer knappen Stunde wird auch Alfons, der inzwischen aufgetaucht ist, ungeduldig. Kurz nach 9 sind dann ein paar Dutzend Schülerinnen da (der TYCS hat allein an unserer Schule fast 300 Mitglieder), die Messe kann beginnen. Der Priester sucht Kontakt zu seiner kleinen Gemeinde: „Jetzt stehen mal alle auf, die vom TYCS sind.“ Nur eine Handvoll steht auf. „Und jetzt alle von der Legio Mariae.“ Niemand steht auf. Alfons und ich wissen es bereits: Die Legio Mariae hat sich recht kurzfristig entschieden, dieses Jahr nicht zusammen mit dem TYCS zu feiern.

Die Hälfte der Bänke in der Festhalle bleibt leer, die Schülerinnen setzen sich in die hintersten Reihen. Der Vorsitzende, selbst ein Schüler, fordert sie auf, sich nach vorne zu setzen. Niemand reagiert. Erst als er selbst nach hinten geht und die Schülerinnen direkt auffordert, kommen sie nach vorne. Auf dem Foto oben sind nur einige der vielen leeren Reihen zu sehen. Die Schulabgänger und -abgängerinnen werden dann mit Namen aufgerufen, um ihre Urkunden zu empfangen. Solche Urkunden werden hier sehr ernst genommen und sind auch entsprechend aufwändig gestaltet (siehe Foto unten). Die Hälfte der Aufgerufenen fehlt.

Trotzdem: Der Stimmung bei der Feier tut das eigentlich keinen Abbruch.

Ich werde gefüttert

22. September 2008

In vier Wochen macht Form 4 (ungefähr Klasse 11) ihren Abschluss. Wie in Deutschland vor Weihnachten: Lange vorher startet eine Serie von Festen. Vor zwei Wochen schon hat der TYCS (der katholische Schülerclub) von Peramiho die Abschiedsfeier gefeiert, vorgestern war es dann die Feier des TYCS nur für unsere Schule. Ich hatte eigentlich gehofft, nicht hingehen zu müssen, aber einen Tag vorher gab mir mein Kollege Ngonyani eine schriftliche Einladung und sagte mündlich dazu, dass ich der Ehrengast sei. Genau wie Wali (gekochter Reis), Pilau (Curry-Reis), Kachumbari (ein leckerer Tomatensalat), Kuku (Hühnerfleisch extrazäh, das Wort kommt nicht von deutsch „Küken“) und Nyama ya ng’ombe (zähes Rindfleisch) gehört zu jedem Fest hierzulande ein Mgeni rasmi (Ehrengast, wörtlich: offizieller Gast). Bei den Schülerclubs geht diese Ehre reihum an einen der Betreuer. Der sitzt dann in der Mitte der Meza kuu (Haupttisch, von lateinisch „mensa“), hat die Aufgabe eine Rede zu halten, in der er den Schülern Nasaha (Ratschläge) gibt, und – ganz wichtig, den Keki (Kuchen, von englisch „cake“) anzuschneiden. All das kannte ich schon von allen anderen Feiern, auch die genannten Speisen sind immer dieselben. Aber nach dem Anschneiden des Kuchens sagte mein Nachbar zu mir irgendetwas mit „lisha“. Während ich noch im Geiste die möglichen Bedeutungen dieses Wortes durchging („ernähren, erziehen“) zielte schon eine Schülerin mit einem Kuchenstück auf der Gabel auf meinen Mund. Also bedeutete das Wort diesmal wohl eher „füttern“. Anschließend musste ich ihr auch ein Stück Kuchen in den Mund schieben, damit war dann die Fütterung zu Ende.

Das Foto zeigt das Fest aus der Perspektive des Ehrengastes, die große Fläche dient der Muziki (Tanz), die natürlich auch zum Fest dazugehört. Wir anwesende Lehrer haben den Tanz eröffnet, und sind dann geschlossen gegangen, daher kann ich vom Tanz nichts berichten.

Was heißt eigentlich Zivilisation ?

3. Mai 2008

Das Essen bei der Jahreshauptversammlung ist nicht nur gut und reichlich, sondern läuft auch sehr „zivilisiert“ ab. Die Chormitglieder sind ja alle im Schulalter, aber es geht mindestens so förmlich zu wie bei einem offiziellen Empfang in Deutschland. Das Foto zeigt den Vorsitzenden, einen Berufsschüler, ungefähr 20 Jahre alt, bei seiner Dankansprache an Br.Alfons. Am Vorstandstisch sind die Plätze genau zugeteilt. Br.Alfons ist Ehrengast, deshalb sitzt er in der Mitte. Rechts von ihm sitzt der bisherige Vorsitzende (der gerade redet), dann Schriftführer und Kassenwart. Der neue Vorstand ist aber noch nicht gewählt, deshalb bleiben die Plätze vorläufig leer. Direkt links von Br.Alfons ist für eine Betreuerin reserviert, die erst später kommt, dann kommt mein Platz (natürlich leer, weil ich gerade das Foto mache), dann kommt noch ein Betreuer. Meine Leser/innen ahnen es schon: Am Vorstandstisch (auf Suaheli „meza kuu“ – „Cheftisch“) ist es ziemlich langweilig. Kurz nach diesem Foto kommt der unübertreffliche Moment, der wohl zu jedem Fest in Tansania gehört: Der Schriftführer (ebenfalls ein Berufsschüler) bittet den Vorsitzenden, den Ehrengast zu bitten, seine Rede zu halten. Allerdings: Das Musik- und Tanz-Programm ist absolut nicht langweilig, man merkt, dass der Chor Freude an der Musik hat.

Fazit: Es geht alles sehr „zivilisiert“ oder „gesittet“ zu. Aber wie sagte irgendein Philosoph über die Nazi-Zeit: „Der Firniss der Zivilisation ist dünn.“ Schnell können aus zivilisierten Menschen wieder Barbaren werden. Am Abend desselben Tages gab es mal wieder ein Gespräch über das Erschlagen von Dieben, davon mehr im übernächsten Beitrag.

Hauptversammlung, zweiter Teil

2. Mai 2008

Der Chor, bei dessen Jahreshauptversammlung ich gestern war, setzt sich aus den Schülern und Schülerinnen unserer Schule und der Berufsschule zusammen. Ein paar Lehrer sind als Betreuer dabei, und ich habe drei Monate lang unseren Br.Alfons als Betreuer aller Schüler-Vereine vertreten, während er zur Fortbildung war. Seit einer Woche ist Alfons zurück, insofern ist mir nicht ganz klar, wieso ich auch eingeladen worden bin. Immerhin wurde erwähnt, dass ich als Betreuer gute Arbeit geleistet hätte. Man erfährt halt immer wieder was Neues, ich hatte mit dem Chor bis gestern nämlich überhaupt nichts zu tun.

Es gibt nach den Reden der Lehrer wieder Musik und Tanz, gegen 12:15 Uhr beuge ich mich zu Br.Alfons: „Ich gehe jetzt zum Mittagsgebet und Essen.“ – „Hier gibt’s gleich auch was zu essen, du kannst hierbleiben.“ Aus irgendeinem Grunde zweifle ich an Alfons, bleibe aber trotzdem. Um Viertel nach Eins werden dann zwanzig Minuten Pause angekündigt, von Essen keine Rede und keine Spur. Doch – es gibt Hoffnung für meinen Magen, der seit sechs Stunden nichts gekriegt hat: Der Vorsitzende lotst uns Lehrer zum Speisesaal am anderen Ende der Schule. Eine Schülerin bringt Wasser zum Händewaschen, dann gibt es eine Flasche Cola und ein paar kleine Fleischhäppchen. Als sie wieder mit dem Wasser kommt, überlege ich, ob ich den heutigen Artikel vielleicht unter die Überschrift „Und es gibt hier doch Hunger“ setzen soll. Ich vermute, dass die Schüler sich inzwischen an Ugali satt gegessen haben, während wir Lehrer das bessere Essen gekriegt haben, nur halt zu wenig.

Weit gefehlt: Um 14:15 Uhr kommen wir zurück zum Festsaal, und da steht – für Lehrer und Schüler – ein Festessen auf dem Tisch: Zwei Sorten Reis, gebackene Bananen, Tomatensalat, zwei Sorten Fleisch.

Nochmal ein Foto von dem Feuerschlucker, der mal wieder ein Vorurteil bestätigt hat: Manche Afrikaner haben eine unglaubliche Körperbeherrschung.

Kwayajahreshauptversammlung

1. Mai 2008

Der „Tag der Arbeit“ heißt hier „Tag der Arbeiter“, und zum ersten Mal gehöre ich auch zu der Gruppe der „Arbeiter“, denn dazu zählen hier alle, die nicht „Bauer“ oder „Händler“ sind. Ich hatte mich also auf einen ruhigen Tag gefreut. Gestern morgen fand ich dann eine Einladung zur Jahreshauptversammlung des Kwaya in meinem Postfach. „Kwaya“ wird so ausgesprochen wie das englische „choir“, bedeutet also „Chor“. In der Einladung steht, dass die Hauptversammlung um 7:15 Uhr morgens mit der Messe in der Kirche beginnt und dann „Frohsinn und Verschiedenes“ in der Aula der Berufsschule folgt. Ich gehe also um 9:45 Uhr zur Aula und rechne damit, dass ich eine Stunde später wohl wieder zurück sein werde. Erst gibt es die Wahlen zum Vorstand, dann eine Tanzeinlage, zwischendurch immer wieder Musik. Der Lehrer zwei Plätze links von mir hält eine Rede, wieder Musik, dann ist der Lehrer unmittelbar links von mir dran. Ich weiß inzwischen, dass ich mich auf die afrikanischen Gastgeber verlassen kann: Sie werden mir nicht zumuten, eine Rede zu halten, die ich vielleicht gar nicht halten kann. Sie werden mir aber die Ehre, eine Rede zu halten, die ich vielleicht doch halten kann, auch nicht so einfach verweigern. Aber mich zu fragen, ob ich mir die Rede denn zutraue, ist auch nicht wirklich afrikanisch. Ich frage Br.Alfons, meinen rechten Nachbarn, nach der Toilette. Er sagt dem Vorsitzenden, dass der mich zur Toilette führen soll. Und der nutzt die Gelegenheit, mich dann doch zu fragen: „Willst du dich ein wenig mit ihnen unterhalten ?“ (Das geht mir ständig so: Ich verstehe die Wörter, aber sie bedeuten etwas anderes, als im Wörterbuch steht. Ich brauche einige Zeit, um zu verstehen, dass das entsprechende Wort diesmal wohl „zu ihnen sprechen“ bedeutet, und nicht „mit ihnen unterhalten“). Es reizt mich dann doch, zum ersten Mal eine Rede auf Suaheli zu halten, obwohl ich etwas nervös bin.

Das Foto zeigt die Vorführung des Feuerschluckers bei der Jahreshauptversammlung.

Was hier so abgeht

25. April 2008

Am Sonntag Nachmittag hat der TYCS (das ist die katholische Schülerjugend) ein zweistündiges „Tanzvergüngen“ veranstaltet (siehe das Foto am 22.4.). Der Berufsschüler und die Schülerin von unserer Schule, die abwechselnd moderiert haben, waren ziemlich gut, vor allem erstaunlich locker. Im Unterricht sind die Schülerinnen immer ziemlich schüchtern, die Moderatorin war das absolute Gegenteil davon. Ich saß zusammen mit meinem Kollegen Ngonyani an einem Extratisch direkt „unter der Nase“ der Moderatorin, daran, dass sie mich nicht bemerkt hat, kann es also nicht gelegen, dass sie so locker war.
Das Programm war aber ziemlich langweilig: Laute Musik aus der Konserve, und dann eine Tanzgruppe auf der Bühne nach der anderen, jeweils zwischen zwei und vielleicht zehn Schüler oder Schülerinnen. Die Tänze lagen irgendwo zwischen Disco und Rap, in keiner Weise „afrikanisch“. Der einzige Höhepunkt waren die Feuerschlucker, die kamen aber ziemlich unauffällig in der Mitte des Programms und dann nochmal etwas später gleichzeitig mit einer Tanzgruppe. Dabei waren sie auf dem hinteren Teil der Bühne hinter der Tanzgruppe versteckt, die vorne getanzt hat. Das Foto habe ich von der Seite der Bühne her gemacht.

Weihnachten in Peramiho

25. Dezember 2007

Die Dinge, die einen normalerweise in Weihnachtsstimmung versetzen, fehlen hier: Die Tage sind genauso lang wie sonst auch, das Wetter ist jetzt – während der Regenzeit – ungefähr wie bei uns in einem verregneten Juli, allerdings mit ein paar Stunden Sonnenschein pro Tag. Weihnachtsschmuck in den Straßen ist praktisch unbekannt, nur in der Kirche hier sind am Sonntag plötzlich Weihnachtsbäume (Zedern) „gewachsen“ (siehe Bild), obwohl sie eigentlich hier wenig Sinn machen, da in der Regenzeit sowieso alles grünt und blüht.

Um 19 Uhr wird hier die Christmette gefeiert, auf der einen Seite im Mönchschor sitzen die Mönche, gegenüber die Schwestern. Auf der Empore darüber viele Kinder, im Hauptschiff vorne der Kirchenchor, dahinter die Gemeinde. Am Anfang werden Psalmen gesungen, alles recht ordentlich und europäisch-ruhig. Zum Gloria schlägt dann die Stimmung um, der Chor nimmt das Heft in die Hand, singt und tanzt dazu, der Chorleiter bläst auf einem sehr langen Horn sehr urtümliche Töne, die Messdiener machen mit den Messglöckchen einen Lärm, der fast den Gesang übertönt. Ich musste an die Beschreibung aus dem Jahr 1898 denken, die ich gerade gelesen hatte: „with much singing, stomping and shouting so that the very air was trembling“ – „mit viel Gesang, Gestampfe und Geschrei, so dass selbst die Luft bebte“ tanzten die Wangoni mitten in der Nacht, nachdem die frisch angekommenen Benediktiner die erste Weihnachtsmesse in Peramiho gefeiert hatten.

Alles wirkt sehr afrikanisch in diesem Gottesdienst, aber Feste feiern können die Afrikaner wirklich. Danach, so gegen 21:30 Uhr gibt es dann noch ein ziemlich europäisches Festessen im Kloster. Nach einer Stunde ist auch das zu Ende, der Abt: „Jetzt ist es etwas später geworden, also singen wir nur noch ein Lied.“ Darauf stimmen die Afrikaner „Stille Nacht“ an – ich traue meinen Ohren nicht: Auf Deutsch !

Der nächste Eintrag kommt erst am 29., denn morgen geht es erst einmal an den Nyassasee – Ferien !