Archive for Januar 2013

Was mache ich hier eigentlich ?

26. Januar 2013

verwaltung Gerade eben habe ich im “Zeit-Magazin” von einer italienischen Ordensschwester im Grenzgebiet zwischen Uganda und Südsudan gelesen. So weit entfernt ist das von hier nicht, nach Uganda bin ich vor vier Jahren mit dem Bus gefahren; drei Tagesreisen, eine sehr, sehr schöne Erinnerung. Doch die Welt dieser Schwester ist eine ganz andere als meine. Wenn ich mein Leben hier auf einer Skala zwischen 0 (“Genau wie in Deutschland”) und 10 (“Katastrophen-Afrika, wie man es sich vorstellt”) einordnen sollte, dann käme ich so ungefähr auf 3, aber die Schwester wäre ziemlich nah an 10.
Das Foto zeigt (von links nach rechts) Br.Leo, Herrn Elias und Br.Romano (schönen Gruß an Roman und Familie !) beim Ordnen der Rechnungen. Wir sind gerade dabei, den Jahresabschluss für 2012 zu machen, die bisher letzte Rechnung ist unter Nummer 11377 abgeheftet, also nicht unbedingt wenig Papier. Herr Zenda (Bank- und Behördenkontakte), Herr Elias (Buchhalter), Br.Petro (Buchhalter und mein Berater für alle Fragen der afrikanischen Kultur) und ich (was mache ich hier eigentlich ?) haben zum Glück vor zwei Wochen Verstärkung bekommen. Br.Leo und Br.Romano haben gerade erst ihr Noviziat beendet, sind also noch neu im Kloster und kümmern sich vor allem um die Dinge, für die bisher niemand Zeit hatte, z.B. mal herauszufinden, wer eigentlich in welchem Haus wohnt (die meisten der 170 Arbeiter/innen der Abtei wohnen in einem Haus der Abtei). P.Ludoviko, der Novizenmeister, ist auch zu uns gestoßen, er kümmert sich jetzt um die Angelegenheiten der Arbeiter. Klingt langweilig, wird aber etwas spannender, wenn es zum Beispiel um “Geister-Tagelöhner” geht. In diesem Fall hatte ein Lehrer der Berufsschule den Lohn für 10 Tagelöhner im Garten abgeholt, Br.Petro war der Sache nachgegangen und hatte festgestellt, dass nur 5 davon wirklich existierten.
Am Sonntag brachte mir einer unserer acht Wächter ein Gewehr, dessen Kolben gebrochen war. Ich musste daraufhin zum ersten Mal ein Gewehr aus dem Tresor nehmen und es ihm als Ersatz übergeben. Da ich mich vor vielen Jahren geweigert hatte, den Umgang mit Gewehren zu lernen, und stattdessen Zivildienst geleistet hatte (was ich bis heute nicht bereue), habe ich jetzt das dumme Gefühl, dass der Wächter mich auslacht, weil ich das Gewehr völlig falsch anfasse. Der Wächter nimmt das Gewehr, legt es auf den Tisch, dreht sich um, um irgendeinen Schlüssel zu holen, und schon ist das Gewehr auf den Boden gefallen. Schön, dass andere Leute auch nicht mit Gewehren umgehen können, und gut, dass wir nicht im Südsudan sind.

Ein Großer

16. Januar 2013

Da man in Klöstern früh aufsteht, lege ich mich mittags gerne für eine Viertelstunde hin, und wenn in dieser Zeit das Telefon schellt, bin ich nicht unbedingt besonders gut gelaunt. Br.Damasi, der Metzger: “Um Drei kommt der Polizeichef wegen der Maschine.” Ich: “Aber dafür brauchst Du mich doch nicht, ich habe doch sowieso keine Ahnung von Metzgereimaschinen. Und außerdem habe ich keine Zeit.” Er: “Dann sage ich ihm, dass er nicht kommen soll.” Ich: “Wenn’s unbegingt sein muss, soll er kommen.”
Br.Damasi hat die Wurstherstellung von einem Schweizer gelernt und “Wursti ya Peramiho” ist inzwischen in weitem Umkreis bekannt. Er hatte mir schon erzählt, dass sein Bekannter, der Polizeichef, eine Metzgereimaschine in Deutschland bestellen will, um ebenfalls Wurst auf deutsche Art herstellen zu können.
Um Drei kommt dann aber nicht der Polizeichef, sondern P.Fidelis, der Prior (Stellvertreter des Abtes), in mein Büro: “Du musst dem unbedingt helfen, das ist der Chef der Polizei von ganz Tansania, ein ganz hohes Tier.” Ich hatte mir vorgestellt, es würde sich um den Chef irgendeiner Dorfpolizeistation handeln, aber jetzt sieht die Sache natürlich anders aus. Ich ziehe schnell mein bestes Hemd an, während der Prior und Damasi mit zwei Angestellten unseren neuen Konferenzraum ausfegen. Ich habe gerade noch Zeit, die Angebote, die Damasi aus Deutschland bekommen hat, zu ordnen, bevor der hohe Herr kommt, mit zwei Autos und sechsköpfiger Begleitung, zwei Fahrer und je zwei Männer in Uniform und in Zivil. Der Prior stellt mich kurz vor, dann legt Damasi ihm die verschiedenen Angebote vor, ich übersetze ein wenig, er entscheidet sich recht schnell. Die beiden jüngeren Begleiter, einer in Uniform, einer in Zivil, machen die ganze Zeit über Fotos, sagen aber kein Wort. Was so interessant sein soll an vier Leuten, die sich über ein paar Papiere beugen, weiß ich nicht. Der Polizeichef selbst trägt Anzug und Krawatte, keine Uniform. Er spricht für tansanische Verhältnisse recht knapp, aber nicht unhöflich oder einschüchternd. Trotzdem merkt man Br.Damasi an, dass er hochnervös ist, während der Prior völlig gelassen scheint. Zum Abschluss darf der ältere Uniformierte noch seine Deutschkenntnisse an mir ausprobieren, die er von einem deutschen Benediktiner erworben hat, dann fährt man wieder ab. Er wird uns das Geld überweisen, und wir werden anschließend die Bestellung durchführen.

Vorurteile

8. Januar 2013

Als ich am Silvestertag auf unseren Flur ging, konnte ich etwas beobachten, das mich restlos begeistert hat: Unser alter Malermeister kam zu seiner Zimmertür, steckte den Schlüssel ins Schloss, schloss auf und ging hinein.
Was soll daran Besonderes sein ? Der alte Bruder ist dement. Vor einigen Monaten waren wir aus Mangel an Diesel gezwungen, nachts den Strom abzuschalten. Er hatte daher manchmal nachts Probleme, den Weg von seinem Zimmer zur Toilette und zurück zu finden. Unter den Deutschen wurde die Befürchtung laut, er könnte bei der vergeblichen nächtlichen Suche die Treppe herunterfallen (hier ein Vorurteil, das möglicherweise stimmt: Deutsche sind in Sicherheitsfragen ziemlich empfindlich). Daraufhin wurde beschlossen, ihn in ein Zimmer mit Nasszelle im Erdgeschoss zu verlegen. Das Zimmer hatte den zusätzlichen Vorteil, dass sein Zimmernachbar ein enger Vertrauter aus vielen gemeinsamen Missionsjahren war, der sich um ihn kümmern konnte.
Jetzt kommt das zweite Vorurteil, das möglicherweise stimmt: Deutsche machen gerne Pläne, die manchmal daran scheitern, dass die Menschen anders sind, als man geplant hat. Immer wieder stand der alte Mann vor der Tür seines früheren Zimmers, und probierte der Reihe nach die zahlreichen Schlüssel an seinem Bund aus, bis endlich jemand vorbeikam und ihm sagte, “Komm, du bist doch umgezogen, ich zeig dir eben dein Zimmer.” Eines Abends führte ich ihn um Neun auf sein Zimmer. Am nächsten Morgen sagte mir dann der afrikanische P.Benedikt: “Kurz nachdem du ihn aufs Zimmer geführt hattest, war er wieder an seinem alten Zimmer. Dann habe ich ihn zu seinem Zimmer geführt, bin zum Sport gegangen, und als ich zurückkam, musste ich ihn wieder auf sein Zimmer führen. Warum lasst ihr ihn denn nicht auf sein altes Zimmer zurück ?” Das hatte ich mich auch schon gefragt, aber ein erster Anlauf war an dem erwähnten, deutschen Zimmernachbarn und Vertrauten gescheitert. Jetzt nahm ich einen zweiten Anlauf und konnte ihn diesmal überzeugen. Den afrikanischen Prior, der für die Verteilung der Zimmer zuständig ist, musste ich nicht überzeugen; er ließ mich nur bis “es wäre doch besser …”, kommen und setzte selbst fort: “ihn auf sein altes Zimmer zurückzubringen.”
Unerwartete Schwierigkeiten machte allerdings der alte deutsche Schreinermeister, der die Zimmerschlüssel verwaltet. Doch auch dieser Widerstand ließ sich überwinden, und in der Weihnachtswoche ging der Umzug dann glatt über die Bühne.
Demenz ist auch in Deutschland schlimm, aber dort gibt es gut ausgebildete Altenpfleger, Ärzte, die viel Erfahrung damit haben, es gibt Sozialdienste und alle möglichen Beratungsangebote. Das alles fehlt hier, doch solange es irgend geht, wollen wir unseren alten Bruder in der Umgebung behalten, die ihm seit Jahrzehnten vertraut ist. Dumm ist er übrigens nicht: Er spricht fließend Deutsch und Suaheli, jeweils mit dem richtigen Gesprächspartner die richtige Sprache, und weiß auch über länger Zurückliegendes gut Bescheid. Mein Vorurteil, dass er nicht mehr richtig etwas wollen könne, dass er also keinen Willen im eigentlichen Sinne mehr habe, hat er kräftig widerlegt, als er nach dem Umzug freudestrahlend erzählte: “Ich bin wieder in meinem richtigen Zimmer zurück.”
Erst nachdem der alte Mann in sein Zimmer zurückgekehrt war, sprach ich mit Kisoki, seinem früheren Vorarbeiter und jetzigen Nachfolger. Er sagte mir: “Er hat mir immer gesagt, ‚Nein, das ist nicht das richtige Zimmer‘, gut, dass er jetzt wieder zurückgekehrt ist.” Weil ich das Vorurteil habe (das meistens stimmt), dass Afrikaner Älteren nicht zu widersprechen wagen, sage ich: “Du weißt, dass du jetzt der Werkstattleiter bist. Wenn er dir etwas sagt, und du etwas anderes für richtig hältst, dann mach es so, wie du meinst.” Seine wunderschöne Antwort bestätigt das Vorurteil, dass Afrikaner oft ein großes menschliches Einfühlungsvermögen haben (ein Vorurteil, das allerdings auch oft nicht stimmt): “Er stört doch nicht. Er kommt in die Werkstatt, nach einer Stunde sagt er, dass er müde ist, und geht wieder. Und wenn er mir was Falsches sagt, dann antworte ich halt, dass das jetzt nicht so wichtig ist. Seit 30 Jahren ist er ein Vater für mich.”

Weihnachten in Tansania

1. Januar 2013

weihnacht Ein paar weiße Wölkchen am Himmel sind das einzige, was – sehr entfernt – an eine „weiße“ Weihnacht erinnert. Im übrigen ist es heiß, und selbst der dringend benötigte Regen lässt auf sich warten.
Vor und in dem Kloster haben wir einige einheimische Nadelbäume aufgestellt, die aber höchstens entfernt an eine Tanne erinnern (auf dem Foto links) und auch sonst nicht viel Sinn machen, da sowieso alle Bäume grün sind. Gerade fangen übrigens die Mangobäume an, Frucht zu tragen, und bis Februar gibt es reichlich frische, herrliche Mangos.
Die Chagga im Norden Tansanias pflegen den Brauch, dass zu Weihnachten die ganze Familie zusammenkommt, und die Busse sind im Dezember gut gefüllt mit Chagga, die nach hause reisen. Aber die Chagga sind ein besonderes Volk, sie gelten als wirtschaftlich und technisch sehr begabt (ich kenne nur zwei Chagga, Sr.Deogratia und Br.Edmund, beide sind Elektrikermeister und bei beiden stimmt das mit der Begabung), sie haben als erstes Volk in Tansania das Christentum angenommen, haben zuerst von den Missionsschulen profitiert und haben sogar als erste den friedlichen Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft effektiv organisiert. Angehörigen anderer Völker scheint es dagegen nichts auszumachen, Weihnachten weit weg von zuhause zu feiern. Herr Elias, unser Buchhalter, hat noch die Hälfte seines Jahresurlaubs übrig, kommt aber gar nicht auf die Idee, zu seinen Eltern in das 1000 km entfernte Dar es-Salaam zu reisen. Ebensowenig reist Herr Mgimba in das nur 300 km entfernte Njombe. Beide sind Junggesellen, haben also keine Familie, die sie hier festhalten würde.
Beide Weihnachtstage sind gesetzliche Feiertage. Der Brauch der Geschenke scheint sich langsam durchzusetzen, viele Kinder bekommen Kleidung oder Schuhe geschenkt. Die Abtei schenkt jedem Arbeiter und auch jedem Rentner ein Geldgeschenk von umgerechnet 10 €. Dieses Jahr meinte Br.Petro, wir sollten das Geschenk der Einfachheit halber zusammen mit dem Monatslohn am 31.12. auf das Konto überweisen. Ich hatte Bedenken, denn als Deutscher verbinde ich einen gewissen emotionalen Wert mit Weihnachtsgeschenken, und vermutete, die Werkstattleiter würden das Geschenk wohl lieber persönlich überreichen wollen. Petro meinte, das sei egal, und in kulturellen Fragen folge ich eigentlich immer seinem Rat. Tatsächlich hatten die afrikanischen Werkstattleiter auch kein Problem mit dieser praktischen Lösung, aber dann kam ein empörter Anruf von Br.Ignaz, einem der wenigen deutschen Werkstattleiter, die wir noch haben. Da wir schon alles organisiert hatten, konnte ich ihm nicht mehr helfen, aber ich hatte nach dem Anruf das schlechte Gefühl, dem alten Mann einen großen Teil der Weihnachtsfreude verdorben zu haben.