Archive for the ‘Kuba: Das Land’ Category

Unzugänglichkeitspol

7. Dezember 2011

Auf manchen Karten der Antarktis ist ein „Unzugänglichkeitspol“ eingezeichnet, der Punkt also, der am schwierigsten zu erreichen ist. Diese Rolle nimmt auf Kuba Baracoa ein, die Stadt, die am weitesten von Havanna entfernt ist, 14 Stunden Busfahrt Havanna – Santiago, und dann noch einmal 5 Stunden Busfahrt Santiago – Baracoa. Stolz schmückt Baracoa sich mit dem Titel der ältesten Stadt Kubas, im August 1511 gegründet. Über die 500-Jahr-Feier in diesem August wurde groß auf der ersten Seite der kommunistischen Tageszeitung berichtet: Ungefähr die Hälfte des Berichts beschäftigte sich mit der staatlichen Feier, die andere Hälfte mit der Messe des katholischen Bischofs. Die Feier fand natürlich auf dem Hauptplatz von Baracoa statt, dem Hatuey-Platz. Bittere Ironie: Häuptling Hatuey war Anführer des indianischen Widerstandes gegen die Spanier, die auf Kuba praktisch die gesamte eingeborene Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit ausrotteten. Aber dieser blutige Teil der Geschichte wird sowohl vom Staat als auch von der Kirche fast vollständig ausgeblendet.
Baracoa war auch die erste Hauptstadt Kubas, aber nur vier Jahre lang, dann fiel den Spaniern auf, dass Santiago sowohl von der Land- als auch von der Seeseite her viel besser zugänglich ist, und die Regierung verlegte ihren Sitz, Baracoa blieb eine kleine Provinzstadt. Ich habe das erste Adventswochende, Freitag Mittag bis Sonntag Mittag, dort verbracht. In guter Erinnerung habe ich die Stadt nicht, denn mein Hotelzimmer lag direkt an der Wand zum Nachbarhaus. Und das war die „Casa de la Cultura“, wo abends um 22:00 die Musik loslegt. In der Nacht zum Samstag war immerhin schon um Mitternacht Schluss, aber am Sonntag erst nach 2 Uhr – volle Lautstärke !
Die Fotos zeigen den Blick vom Hügel über die Stadt und die Bucht, die den Spaniern als Hafen diente.

Im Tal der …

3. September 2011

Von Trinidad fährt ein Dampfzug ins Tal der Ingenios. Ingenios, „Ingenieurswerke“, wurden im 19.Jahrhundert die Zuckerrohrplantagen mit zugehörigem Verarbeitungsbetrieb genannt. Damals empfand man das als „High Tech“, die übliche deutsche Übersetzung „Tal der Zuckermühlen“ ist also etwas blass. Auf der Zugfahrt erklärt mir der Weichensteller, dass noch in seiner Jugend überall Zuckerrohr stand, heute aber die Zuckerproduktion weitgehend zum Erliegen gekommen ist. Der Zug macht zwei Stopps an alten Plantagen, die aber außer jeweils einem kleinen Restaurant in dem alten Herrenhaus nicht viel zu bieten haben – der Dampfzug (der allerdings mit Öl, nicht mit Kohle befeuert wird) ist das Interessanteste an dem Ausflug. An der Endstation in Guachinango mache ich noch ein paar Fotos, während die anderen Passagiere aussteigen. Da fährt der Zug auch schon wieder an, und ich muss wohl oder übel mitfahren. Der Zug hält an der nächsten Weiche, der Weichensteller stellt die Weiche und lädt mich dann auf die Lokomotive ein. Der eine der beiden Lokführer räumt bereitwillig seinen Sitz für mich und bedient die Maschine im Stehen (dafür erwartet er natürlich ein Trinkgeld, und das bekommt er auch). Ein zweiter Lokführer sitzt auf der anderen Seite des Kessels mit einem Jungen auf dem Schoß (es sind noch Schulferien). Da die ganze Maschine nicht so wirkt, als ob sie perfekt gewartet wäre, frage ich mich, wie häufig wohl Explosionen von Dampfkesseln vorkommen. Aber es überwiegt doch die Faszination: Eine Technik, wo man noch richtig sehen und hören kann, wie es funktioniert, wo es noch schnauft und keucht, wo man noch unterwegs Wasser und Feuerholz aufnehmen muss (Das Feuerholz dient bei Betriebsbeginn zum Anwärmen, bei moderneren Dieselmotoren heißt das „Vorglühen“.)

Und wo die Kühe noch von den Schienen springen, wenn der Zug kommt.

Über die nächste Weiche fährt der Zug zunächst vorwärts, dann wird die Weiche umgelegt und der Zug fährt rückwärts auf das andere Gleis, das nach einiger Zeit wiederum zu einer Weiche führt. Diese überfährt der Zug zunächst rückwärts, dann vorwärts auf das dritte Gleis, das nach Guachinango zurückführt. Auf diese Art ist der Zug 20 Minuten lang in einem Dreieck gefahren, nur um die Fahrtrichtung zu ändern und wieder vorwärts nach Trinidad zurückfahren zu können. Wahrscheinlich träumt der Junge davon, auch mal Lokführer zu werden. Angesichts der Hitze vom Kessel und des Fahrtwindes bin ich nicht ganz sicher, ob ich ihm das wünschen soll.

Vor zwei Jahren war ich mit Br.Cyrille und Br.Martin auf einem „Ingenio“ in Venezuela. Es hatte dem berühmten „Befreier“ Südamerikas von der spanischen Kolonialherrschaft, Simón Bolívar, gehört, und so heißt der Ordner mit den Fotos auf meinem Computer „Bolivars Plantage“. Cyrille hat seinen Ordner dagegen einfach „Sklavenhalter“ genannt – ein interessanter Wechsel der Blickrichtung. Unter den Sklaven, die auf den Zuckerrohrplantagen arbeiten mussten, waren schließlich viele Angehörige seines Volkes, vielleicht sogar seiner Familie. Wenn man bedenkt, dass die Sklaven nach durchschnittlich acht Jahren Zwangsarbeit an Erschöpfung starben, dann sollte man „Ingenio“ vielleicht besser mit KZ übersetzen – heute für Touristen romantisch verklärt. Und so lange her ist das noch nicht, die Sklaverei wurde auf Kuba weniger als 50 Jahre vor der Errichtung des KZ Dachau aufgehoben. Ob man sich heute wohl in der Stadt Dachau einen Laden vorstellen kann, der auf seinem Ladenschild einen KZ-Wachturm zeigt, oder ein Restaurant, in dem der Wandschmuck KZ-Insassen bei der Zwangsarbeit zeigt ?

Das letzte Foto zeigt den Blick vom alten Wachturm über das „Tal der KZs“.

Gartenzwerge statt Rindfleisch

28. April 2011

Vor über einem Jahr ist er von uns zur Nuntiatur gewechselt, aber bei festlichen Gelegenheiten hilft Abel immer noch in unserer Küche aus. Leider hat er eine Eigenschaft, mit der man sich auf Kuba eigentlich nur Schwierigkeiten einhandeln kann: Er ist Perfektionist. Und für den Ostersonntag wollte er Rindfleisch zubereiten – ausgerechnet Rindfleisch, den running gag des kubanischen Einzelhandels ! Ich fuhr also am Samstagmorgen zu den Galerias Paseo. Nach meiner fleischlosen Rückkehr telefonierte seine Frau eine knappe halbe Stunde lang mit verschiedenen Geschäften. Ergebnis: „Im Einkaufszentrum an der Ecke Fünfte und 42.Straße haben sie Rindfleisch.“ Von uns bis zum Fluss sind es 5 Häuserblöcke, auf der anderen Flussseite dann nochmal 21 Blöcke (die Parallelstraßen zum Fluss sind von 2 an mit geraden Nummern durchnummeriert, man kann also die Entfernung bis zur 42.Straße leicht ausrechnen). Dort angekommen: „Haben Sie Rindfleisch ?“ – „No hay (Gibt es nicht).“ – „Wir haben angerufen, und man hat uns gesagt, Sie hätten welches.“ – „Ich schaue mal im Lager.“ Der Kollege kommt aus dem Lager: „Wir müssen das Fleisch erst portionieren und abpacken. In einer halben Stunde.“ Ich schaue mich also ein wenig um, frage mich, wieso die so überflüssige Dinge wie Gartenzwerge (siehe Foto) haben, und erfahre nach einer halben Stunde, dass es am Nachmittag um Drei so weit sei. 42 plus 10 Häuserblöcke und ein paar Stunden später, um Punkt Drei, bin ich wieder da. „Rindfleisch ? Ich schau mal. Nein, hier in der Auslage ist keins.“ – „Heute morgen haben wir angerufen, … “ Ich komme gar nicht mit meiner Geschichte zuende, da ist er schon im Lager verschwunden und kommt mit der Nachricht zurück: „Wir machen Ihnen ein Stück fertig. Dauert nur ein paar Minuten.“ Und tatsächlich – zehn Minuten später kann ich mich mit dem Rindfleisch im Rucksack wieder auf mein Fahrrad schwingen. Nächstes Jahr bestehe ich auf Huhn, das kann man fast immer bekommen, und es schmeckt auch besser.

Wechselstube

15. März 2011

Samstag Abend war ich mal wieder in der Altstadt. Als ich durch Obispo ging, die Geschäfts- und Touristenstraße, fiel mein Blick auf das Schild an einem Restaurant, „Wegen Wassermangels geschlossen.“ Naja, dachte ich, geschieht ihnen recht. Ich hatte nämlich einmal den Fehler begangen, dort zu essen, und dann auf der Rechnung 30 % Aufschlag für den Service entdeckt – was auf Kuba weder allgemein üblich ist noch auf der Speisekarte vermerkt war. Als ich dann die staatliche Wechselstube betreten wollte, hielt mich der Wachmann auf: „Geschlossen.“ Wieso, fragte ich, diese Wechselstube hat doch immer bis 21 Uhr geöffnet (sonntags bis 20 Uhr). „Wir haben kein Wasser.“ Wieso braucht man Wasser, um Geld zu wechseln ? Waschen die das Geld, oder stinkt das Geld so sehr, dass sich die Angestellten ständig die Hände waschen müssen ? Ich nutze den Abend, um noch ein paar Fotos zu machen (oben: Kathedrale in der Dämmerung).
Gestern war ich wieder da, und wieder war geschlossen. Diesmal allerdings, weil der CUC um 10 % gegenüber dem Dollar abgewertet worden war, jetzt ist ein kubanischer CUC genau einen US-Dollar wert. Das hatte am Morgen in der Zeitung gestanden; warum die Wechselstube einen ganzen Tag brauchte, um die neuen Wechselkurse auszurechnen, ist mir nicht klar. Heute Morgen jedenfalls konnte ich endlich Geld wechseln. Kubaner mit Familienangehörigen im Ausland sind begeistert, weil sie jetzt mehr CUC für ihre Dollars oder Euros erhalten. Wahrscheinlich ist nicht vielen bewusst, dass die Preise für importierte Waren wohl steigen werden.

Es gibt hier doch nicht zwei Währungen

8. März 2011

Vor einiger Zeit brachte ein Chauffeur des Bistums (wir haben immer noch keinen kubanischen Führerschein) unseren Kleinbus zum Waschen. Erst am Abend kam er sichtlich geschockt zurück, der Wagen hatte Beulen in der Kühlerhaube und das Nummernschild war abgefallen: Ein „choque“, zu Deutsch „Schock“, bzw. „Unfall“. Der Schockpartner, ein Motorradfahrer, lag im Krankenhaus. Die menschlichen Folgen ließen sich zum Glück schnell regeln: Der Kranke ist inzwischen wieder gesund und hat sich nebenbei als Freund des Cousins des Chauffeurs entpuppt. Blieben die finanziellen Folgen. Wir bezahlten schnell die ausstehenden Versicherungsprämien nach, dann ließen wir den Schaden offiziell schätzen. Die Versicherung – die freundliche Dame hat sinnigerweise denselben Namen wie die in Schwaben beheimatete Marke unseres Kleinbusses – ist ohne weitere Diskussion zur Zahlung von gut 1500 Euro bereit. Aber wie kommt das Geld zu uns ? Ein Bankkonto hat auf Kuba nicht jeder, wir zum Beispiel haben keins. Ich will zu einer längeren Erklärung ansetzen, dass wir zur Kirche gehören, da unterbricht sie mich schon, „Ich darf keine Schecks in US-Dollar ausstellen, aber José hat mir gerade noch geschrieben, dass er nur Schecks in US-Dollar annimmt.“ Ach ja, auf Kuba kennt jeder jeden, und sie nennt José, den Verwalter des Bistums, mit seinem Vornamen. Wir lösen das Problem schließlich. Eine Überweisung darf sie in US-Dollar tätigen und daher wird sie den Betrag auf das Konto des Bistums überweisen. Diese Woche werde ich es bei José in der Bistumsverwaltung abholen. Dann werde ich also US-Dollar in der Hand halten. Deren Umtausch ist hier mit einer 10-prozentigen Zusatzsteuer belegt, daher werde ich sie wohl im Sommer nach Deutschland mitnehmen, dort in Euro tauschen, die ich dann später auf Kuba in kubanische CUC tauschen kann, denn der Umtausch von Euro ist ohne Zusatzsteuer möglich.
Bisher dachte ich, es gäbe auf Kuba nur zwei Währungen, den CUC und die „Nationale Währung“. Jetzt lerne ich, dass es drei gibt, weil bestimmte Transaktionen nur mit US-Dollar möglich sind.
Das Foto habe ich auf dem Weg zur Versicherung aufgenommen; ich war zum Glück nicht beteiligt.

Eine Woche Camagüey

28. Januar 2011


Mehrere Bekannte hatten mir von Camgüey (sprich „Kamagwej“) vorgeschwärmt, deshalb habe ich meinen ersten Urlaub auf Kuba dort verbracht. Eine ländlich geprägte Stadt, in der die Anzahl der Kirchen nur noch von der Anzahl der Fahrräder übertroffen wird. Damit die Touristen trotzdem merken, dass sie nicht in Münster in Westfalen sind, haben die Einwohner von Camagüey überall große Tonkrüge, Tinajones (Foto ganz unten), aufgestellt. Früher dienten diese Tonkrüge dem Aufbewahren von Trinkwasser, heute sind sie ein Wahrzeichen der Stadt.
Camagüey ist die drittgrößte Stadt Kubas, mit Havanna hat es hinsichtlich des Titels „Weltkulturerbe der UNESCO“ gleichgezogen, und die Katholiken können seit 1998 auf Rang eines Erzbistums stolz sein. Ins Auge springen die Unterschiede im Straßenbild: Da ist zunächst die Masse der Fahrräder, dann alle möglichen von Pferden gezogenen Wagen, darunter klassische Kutschen. Die gibt es in Havanna zwar auch, aber dort dienen sie nur der Belustigung der Touristen, während sie in Camagüey ein ernst gemeintes Verkehrsmittel für Einheimische darstellen. Die Häuser sind – abgesehen von ein paar modernen Hochhäusern – alle einstöckig. Die Gemeinsamkeit mit Havanna besteht dann wieder darin, dass einige schrecklich verfallen sind, andere wunderschön restauriert.
Als ich erfuhr, dass die Kathedrale bis 1998 geschlossen war, drängte sich noch ein Vergleich mit Münster auf. Man traut es der biederen, bürgerlichen westfälischen Stadt ja gar nicht zu, und die Münsteraner scheinen sich noch heute dafür zu schämen: Auch in Münster gab es einmal den Versuch, eine ganz neue Gesellschaftsordnung und einen neuen Menschen zu schaffen. Das „Reich der Wiedertäufer“ ging vor knapp 500 Jahren nach einer schrecklichen Belagerung in Strömen von Blut unter, an denen die Wiedertäufer in der Stadt genau so schuld waren wie die katholischen und evangelischen Belagerer.


Spitze Instrumente

17. Januar 2011

Warum hatte ich dieses Gefühl so lange ignoriert ? War es die Kindheitserinnerung an diese Sadistin, die vor meinen Augen ein anderes Kind quälte, während ich daneben saß und wartete, selbst an die Reihe zu kommen ? Waren es diese spitzen Instrumente, die da immer auf dem Tisch liegen und direkt auf das eigene Fleisch zeigen, Vorankündigung künftiger Schmerzen ? Oder ein dumpfes Vorurteil gegen ausländische Vertreter dieses Berufes ? Am Dienstagmorgen um 4 jedenfalls ließ es sich nicht mehr ignorieren, und ein paar Stunden später rief ich einen befreundeten Arzt an. Der war zwar gerade nicht da, aber Jacques traf ihn kurz darauf zufällig auf der Straße. Um 10 hielt ich eine Empfehlung für den Zahnarzt in einer Poliklinik in der Hand („Robert ist ein Freund von mir.“). Dieser Zahnarzt würde aber erst Donnerstag wieder arbeiten – zwei Tage warten ! Darauf erst einmal eine Schmerztablette !
Als ich am Donnerstag, ziemlich früh, in die Poliklinik komme, ist der Zahnarzt erst einmal in einer Besprechung. Ich kenne das schon aus Erzählungen von Kubanern – wenn man sie braucht, sind die Ärzte meistens mit irgendwelchen Besprechungen beschäftigt. Ich merke bald darauf, dass das System auch Vorteile hat – er schaut nämlich gemeinsam mit seiner Kollegin in meinen Mund. Die beiden sind sich schnell einig, was zu tun ist – wenn zwei Ärzte übereinstimmen, flößt das zumindest schon einmal Vertrauen ein. Auf dem Tisch liegen zum Glück keine spitzen Instrumente, allerdings sieht der abgenutze und fleckige Tisch auch nicht unbedingt einladend aus. Der Arzt bringt seine eigenen Instrumente mit, schön steril eingewickelt in ein braunes Stück Packpapier. Der Bohrer wird noch einmal extra mit irgendeiner Flüssigkeit sterilisiert, dann geht es ans Bohren und Füllen. Der Stromausfall an diesem Morgen ist praktischerweise auf die Straße beschränkt, in der wir wohnen, die Poliklinik ist nicht betroffen, so dass das Bohren und Füllen genauso verläuft, wie aus Deutschland gewohnt. Er gibt mir dauernd Erklärungen, von denen ich aber kaum etwas verstehe, weil er halt gerade bohrt, und weil ich nicht so leicht unterscheiden kann, ob die Worte mir gelten oder dem Krankenpfleger hinter seinem Rücken, der anscheinend nichts zu tun hat und deshalb mit den Ärzten über Gott und Welt quatscht. Ich gehe mit dem Gefühl nach Hause, dass Schmerzen doch sehr schön sind – sobald man sie überstanden hat. Am Freitag noch die Nachbehandlung, und am Sonntag kann ich schon wieder ganz normal essen.

Sozialsysteme

8. Januar 2011

Vorgestern – ausgerechnet im feierlichsten Moment der Festmesse zum Dreikönigstag – gab es einen lauten Schlag in der Kirche. Die Putzfrau hatte sich aus dem Knien erheben wollen, dabei hatte ihr Blutdruck verrückt gespielt, und so schlug sie mit dem Kopf auf das harte Steinpflaster auf; ich war noch nach dem Gottesdienst entsetzt, wie viel Blut auf dem Boden zu sehen war. Der Besuch bei ihr am späten Abend brachte Beruhigung: Sie saß schon wieder fröhlich auf dem Stuhl, umsorgt von ihren erwachsenen Kindern, die Platzwunde an der Stirn genäht und mit einem dicken weißen Verband umwickelt. Ich dachte mir, damit sei alles in Ordnung: Die Behandlung im Krankenhaus war kostenlos, und die Kinder werden sich schon um sie kümmern.
Gestern kamen dann unabhängig voneinander Jacques, Martin und Cyrille auf mich zu: Ob wir sie nicht unterstützen sollten. Ich brauchte etwas, um mein deutsches Denken abzulegen. Warum sollten wir sie unterstützen, wenn doch die Kinder da sind und die Behandlung kostenlos war ? Cyrille machte mir klar: Allein das Taxi zum Krankenhaus hatte ein Viertel ihres Monatslohnes verschlungen ! Dass im Krankheitsfall auch die materielle Unterstützung der Nachbarn gefordert ist, ist für meine afrikanischen Brüder ganz selbstverständlich, während wir Deutschen eher dazu neigen, uns auf Versicherungen und andere Sozialsysteme zu verlassen.

Weihnachten und Silvester

31. Dezember 2010

Der Silvesterabend wird von allen Kubanern sehr ernst genommen. Man feiert zuhause und lädt großzügig Freunde ein. Auch wir haben schon ein paar Einladungen zu Silvesterfeiern erhalten, aber da wir selbst Besuch haben (Erzabt Jeremias verbringt diesmal den Jahreswechsel bei uns, P.Javier aus St.Ottilien begleitet ihn), mussten wir absagen. „Wenn mein Sohn Silvester bei seinen Freunden feiern will, soll er das ruhig tun, aber die Noche Buena (‚die Gute Nacht‘ ist spanische Wort für Heiligabend) gehört der Familie,“ sagte uns eine Kubanerin, die der Kirche und den christlichen Traditionen sehr verbunden ist. Bei anderen Kubanern ist das anders: Ein Freund, der am Weihnachtstag vorbeikam, um uns zu seiner Silvesterfeier einzuladen, wurde von Jacques gefragt, ob er denn in der Christmette gewesen sei. Die Antwort: „Nein, wir wussten nicht, ob die Christmette gestern oder heute Abend ist. Wir waren ja arm vor der Revolution, ich hatte als Junge nicht einmal Schnürsenkel, meine Schuhe wurden mit Draht zusammengehalten. Nach der Revolution ging es uns besser, daher bin ich der kommunistischen Jugend beigetreten und konnte also nicht mehr zur Kirche gehen. Aber meine Enkel sind getauft und wir haben in der Familie immer zur heiligen Barbara, zum heiligen Lazarus, zur Jungfrau Maria und zur Jungfrau von Cobre gebetet.“ (Dass die Jungfrau von Cobre und Maria identisch sind, ist vielen Kubanern nicht bewusst). Er hat eine Tüte dabei, das gerade eingekaufte Geschenk für seinen Enkel. Der bekommt es aber erst am 6.Januar, denn Kuba folgt dem spanischen Brauch, dass die Heiligen Drei Könige die Geschenke bringen.
Das Foto zeigt die Pfarrkirche von Guajai, außerhalb von Havanna, wo ich am 21.12. einen Vortrag gehalten habe. Beachte die Ostereier am Weihnachtsbaum !

Bloggen ohne Kerzenschein

27. November 2010

Manche Dinge kann man nur mit Humor ertragen, siehe den vorigen Artikel. Wir hatten gerade in der Vesper (dem Abendgebet) den Vers „Und es wird ein großes Licht erscheinen“ gebetet, als ein Stromausfall die Kirche in eine große Dunkelheit tauchte. Nach dem Abendessen (bei Kerzenschein) meinte Jacques, „Guck mal, unsere Straßenseite ist ganz dunkel, auf der anderen Seite ist alles erleuchtet. Sieht doch richtig schön aus.“ Wir hatten das schon öfter, dass bei uns der Strom ausfällt, gegenüber aber nicht. Ich gehe in die Seitenstraße, um den Effekt zu fotografieren (Belichtungsdauer 1/3 Sekunde, ich habe anscheinend eine recht ruhige Hand). Im Vordergrund unsere Seite der Hauptstraße, im Hintergrund die gegenüberliegende Seite. Die langgezogenen weißen und roten Streifen auf der Hauptstraße sind natürlich die Lichter der Autos. Dann lade ich das Foto auf das Notebook (Wo ist das Loch für den USB-Stecker ? Ach, da. – Warum merkt der Computer nicht, dass ich die Kamera eingesteckt habe ? Ach, der Stecker sitzt nicht fest.), und will das 19.Jahrhundert (Kerzenschein) mit dem 21. (Bloggen) kombinieren, Internet per Telefonleitung und Notebook per Batterie funktionieren ja. Aber da heult schon die Alarmanlage unserer Kirche los: Der Strom ist wieder da. Ich lösche die Kerze und blogge trotzdem.