Archive for Februar 2010

Fragen des Alltags

27. Februar 2010

Ich habe es bereits erwähnt, aber viele meiner Leser und Leserinnen werden es wahrscheinlich immer noch nicht glauben: Auf Kuba gibt es zwei Währungen, den kubanischen Peso („Nationale Währung“) und den kubanischen konvertiblen Peso (CUC). Um die Verwirrung komplett zu machen, gibt es auch noch verschiedene Namen für die beiden Währungen, die nationale wird oft einfach nur „Peso“ genannt. Für „CUC“ heißt es oft „Devisen“ oder auch „Dollar“. Das Zeichen für beide Währungen ist $. Da passiert es dann schon mal, dass ein Eis für „2 $“ eben nicht 2 Peso kostet, sondern doch 2 CUC. Oder auch umgekehrt, dass ich auf dem Postamt 40 CUC auf den Tisch lege und dann erfahre, dass die Marken nur 40 „nationale“ Peso kosten.
Der Unterschied ist nicht ganz unwichtig, denn für einen Euro bekommt man zur Zeit 1,20 CUC oder 28,80 Peso.
Bis zur Buchmesse dachte ich, das ginge nur mir als „dummem“ Ausländer so. Aber dann: „Komm, lass uns da essen,“ sagte mein kubanischer Begleiter, und zeigte auf das Restaurant auf dem Messegelände, „da ist es günstig.“ Ich schaute auf die Speisekarte: „10 $“ das Tagesmenü, da werden wir zu zweit für einen guten Euro satt, einschließlich Getränke. Aber für den Preis sieht das Restaurant eigentlich zu gut aus, ich frage: „Bist du sicher, dass das nicht 10 CUC sind ?“ – „Ja, das ist für nationale Währung.“ Nur 3 von 10 Tischen sind besetzt, um 1 Uhr mittags, draußen drängen sich die Leute um die Bücher- und um die Grillstände. Mein Begleiter ist sich immer noch sicher, erst als wir schon die Getränke bestellt haben, äußert er die ersten Zweifel, und ich frage die Kellnerin. Wir entscheiden uns dann doch lieber für den Grillstand, dort kostet „Pan con lechón“ (Brot mit Schweinefleisch) „15 $“ und die Getränkedose „10 $“, ich zahle für uns beide, und wir werden für gut 2 Euro satt.
Der andere Anlass für den täglichen Zweifel sind die Steckdosen. Der kubanische Standard sieht 110 V vor. Das reicht aber für manche Geräte, die viel Strom brauchen, nicht. Deshalb gibt es auch Steckdosen, die 220 V liefern. In unserem Haus sind die 220-V-Steckdosen alle (hoffe ich !) mit einem Aufkleber „220 V“ versehen, die mit 110 V haben keinen Aufkleber. Die Kubaner werden schon wissen, wie sie damit klarkommen, dachte ich bis vor drei Tagen. Aber dann brachte unser Klempner eine geliehene Bohrmaschine mit und fragte mich, ob eine bestimmte Steckdose wohl 110 V liefern würde. Da 220 das Ende des teuren Stücks bedeuten würden, wollte ich doch lieber auf Nummer sicher gehen, holte mein extra für diesen Zweck angeschafftes Messgerät aus dem Schrank und maß 120 V. Ob das denn jetzt 220 oder 110 seien, fragt der Klempner und bewies damit, dass er zwar ein hervorragender Klempner, aber kein Elektriker ist.

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Ein Volk von Lesern ?

24. Februar 2010

„La Edad de Oro“, haben mir schon mehrere Kubaner als Lektüre empfohlen, Leute die nicht gerade den Eindruck von Bücherwürmern machten. Der Autor ist mal wieder José Martí, von dem auch der Text der „Guantanamera“ stammt. Der große Schriftsteller hat – sozusagen in seinem zweiten Leben – den Unabhängigkeitskampf Kubas gegen Spanien organisiert, und ist somit gleichzeitig Nationalheld und Nationalschriftsteller.
Ob man daraus schließen kann, dass ich mich hier mitten in einem Volk von Lesern befinde, weiß ich nicht. Die internationale Buchmesse („Feria del libro“) von Havanna ist letzte Woche zu Ende gegangen. Gut besucht war sie jedenfalls; der offizielle deutsche Stand zeigte einige aktuelle (Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt) und nicht mehr so ganz neue (Grimmelshausen, Simplicissimus; 17.Jahrhundert) Bücher, teils auf Deutsch, teils auf Spanisch. Aus Deutschland war außerdem noch die „Friedrich-Engels-Stiftung“ gekommen. Die Messe fand in der San-Carlos-Festung statt, einst die längste (und teuerste) Festung des spanischen Weltreiches. Das Foto zeigt Messebesucher, die gerade nicht lesen.
Nach dem Ende in Havanna reist die Buchmesse jetzt durch das Land; für Lesestoff in Buchform ist also gesorgt.
Tageszeitungen gibt es allerdings nicht viele. Außer speziellen Zeitungen für einzelne Gruppen (Jugendliche, Arbeiter, Bewohner verschiedener Regionen) gibt es nur die „Granma. Offizielles Organ des Zentralkommitees der kommunistischen Partei Kubas.“ Sie bringt Nachrichten aus dem In- und Ausland, Sport, offizielle Mitteilungen von Partei und Regierung und sehr häufig die „Reflexionen des Genossen Fidel“. Am Samstag lauteten die beiden Schlagzeilen auf der Titelseite, „Erklärung des Außenministeriums“ und „Fidel und Raúl Castro, Ehrendelegierte beim Kongress der Jugendlichen“.

„Ein Einschreiben schreiben“

20. Februar 2010

Der Cartoon auf der letzten Seite der „taz“ hatte früher oft einen faulen Postbeamten zum Thema, der von einer alten Dame herausgefordert wurde. Einmal schreckte sie ihn aus seinem Schalterschlaf auf: „Bitte ein Einschreiben.“ Er war völlig entsetzt angesichts der vielen Arbeit, die damit auf ihn zukam: „Ein Einschreiben schreiben ?“
Dienstag war ich mal wieder auf meinem Lieblingspostamt. Ohne Probleme erhielt ich 70 Marken für Briefe nach Deutschland. Zum Schluss fragte die Beamtin noch: „Sie wissen aber, dass die Briefe nicht zertifiziert sind ?“ „Zertifiziert“ ist hier das Wort für „eingeschrieben.“ Das machte mich doch nachdenklich. Aber 70 Briefe als Einschreiben schicken ? Bin ich Krösus ? Am Fenster ist ein leerer Tisch, dort mache ich mich daran, die Marken aufzukleben. Die ersten Briefe habe ich schon eingeworfen, als ein Herr mir auf die Schulter tippt. Noch so jemand, der mit einem Ausländer ins Gespräch kommen will und am Schluss fragt, ob ich nicht ein paar Dollar für ihn hätte, denke ich. Aber nein: Er macht mich darauf aufmerksam, dass die beiden Damen am Schalter hinter mir etwas von mir wollen. Sie fragen: „Wollen Sie die Briefe nicht zertifizieren ?“ – „Was kostet das denn ?“ – „1,75“ – „Und ist das nicht viel Arbeit ?“ – „Die brauchen ungefähr einen Monat.“ – „Nein, ich meine, ob das nicht viel Arbeit für Sie bedeutet ?“ – „Nein, das geht ganz schnell.“ „Ganz schnell“ bedeutet auf Kuba eine gute halbe Stunde, dann bezahle ich mit einem 100-Peso-Schein und sage, „Geben Sie mir nichts zurück“ (Das habe ich von der Kundin vor mir gelernt, damit hat die fleißige Postbeamtin ein Trinkgeld von einem knappen Euro.) Angesichts eines Preises von insgesamt 154 Peso (5 Euro) für 28 nicht eingeschriebene und 42 eingeschriebene Briefe will ich mich nicht beklagen. Die Briefwaage hat ein Gesamtgewicht von 732 Gramm ausgewiesen, das Brötchen, das die Beamtin im angebissenen Zustand zwischendurch auf der Waage ablegte, wog noch 42 Gramm. Das Bild zeigt mein Zertifikat.

Festtage

17. Februar 2010

„Du hast mich betrogen,“ sagte ich zu dem Koch, der zur Zeit bei uns aushilft. Der 14.2., Valentinstag, heißt hier „Dia de los enamorados“ (Tag der Verliebten) oder auch „Dia del amor y de la amistad“ (Tag der Liebe und Freundschaft). Und eine Woche vorher hatte er mich um einen Vorschuss gebeten, damit er seiner Frau ein Geschenk kaufen könne. Und das Geschenk bestand – unter anderem – in einer Flasche Wein. Dabei hatte er mir noch kurz vorher erklärt, dass man auf Kuba zu Festlichkeiten normalerweise keinen Wein trinkt, sondern Punsch, mit Rum, Orangen, Ananas und Guajaven. Zum Glück versteht er, dass ich das mit dem Betrügen im Scherz gesagt habe (ich müsste eigentlich etwas vorsichtiger sein, weil Scherze in einer Fremdsprache auch fürchterlich schief gehen können). Seine Erklärung: Ein Punsch liefert mehr Getränk fürs gleiche Geld, deshalb wird bei Festen grundsätzlich Punsch eingesetzt.
Während der Valentinstag in den Straßen gut sichtbar ist (siehe Fotos), war vom Karneval gar nichts zu bemerken.

Trauriger Nachtrag zur Kältewelle

17. Februar 2010

Im Januar hatte ich über die – für Kuba – ungewöhnliche Kälte geschrieben. Leider war die nicht so harmlos, wie ich gedacht hatte. In einem Krankenhaus in der Nähe des Flughafens sind über 20 Patienten erfroren. Den Verantwortlichen wird der Prozess gemacht. Das stand in der Zeitung, allerdings hatte ich es nicht gelesen und so erst durch eine E-Mail aus Deutschland von der Sache erfahren.

Fähren

13. Februar 2010

Der Bucht verdankt Havanna seinen Reichtum, denn aufgrund ihrer Größe und sicheren Lage war sie der ideale Hafen für die spanische Silberflotte. Heute bin ich zum ersten Mal mit dem Fahrrad um die Bucht herumgefahren. Auf der anderen Seite steht das große Christus-Standbild und eröffnet einen traumhaften Blick auf die Altstadt. Den Rückweg wollte ich mit der Fähre zurücklegen, denn der Tunnel unter der Bucht ist für Fahrräder nicht befahrbar. Die Fahrt kostet 20 Centavos (weniger als ein Cent), Fahrräder werden kostenlos mitgenommen. Beim Einsteigen gibt es einen Sicherheitscheck, der von einem Wachmann und drei Wachfrauen mit elektronischen Abtastern vorgenommen wird. Ich muss die Kamera aus der Tasche holen und den Rucksack öffnen. „Was ist das ?“ – „Ein Computer.“ Den habe ich dabei, weil ich auf dem Rückweg im Hotel ans Internet will. – „Den können Sie nicht mitnehmen, sehen Sie da das Schild – elektrische Haushaltsgeräte und Elektrogeräte sind an Bord verboten.“ – „Aber der Computer ist nicht elektrisch, der ist elektronisch.“ – „Das ist egal, man muss sich an die Regeln halten.“ Als die Nibelungen die Donau überqueren wollten, hatte es auch Stress gegeben, weshalb Hagen erst den Fährmann erschlagen hat, bevor er dann seine Gefährten mit dem Boot übersetzte, in dem noch das Blut schwappte. Vielleicht steckt dieses Erbe in meinen Genen, so dass ich etwas aggressiv antworte: „Regeln ohne Sinn, die dienen nur dazu, den Leuten Ärger zu bereiten.“ Also mache ich mich auf den Rückweg – 55 Minuten mit dem Fahrrad. Ich vermute, dass ich stattdessen auch 10 Minuten mit dem Schiff hätte fahren können, denn die Wachleute hatten möglicherweise gar nicht die Absicht, mir die Überfahrt zu verweigern, sondern etwas von meinem vermuteten Reichtum abzubekommen, ungefähr nach dem Motto „Der hat einen Computer und eine Kamera, da kann er doch sicherlich für jeden von uns ein paar CUC springen lassen.“
Das Foto zeigt das entgegenkommende Fahrzeug – aufgenommen auf einer früheren, problemlosen Überfahrt.

Vermessen

9. Februar 2010

Wochenlang hatte der Bulldozer Schneisen durch die Dornbüsche gebrochen, dann hatte der Landvermesser diese Schneisen genutzt, um die Grenzen unseres rechteckigen Grundstücks auszumessen. Am Freitag hatten wir dann die vier Grenzsteine an die Ecken gesetzt, die hier in Kuba als „Monumente“ bezeichnet werden, obwohl sie auch nicht monumentaler sind als ein Grenzstein auf irgendeinem deutschen Feld. Gestern war es dann endlich so weit: Das Katasteramt der Gemeinde Jaruco wollte die „Monumente“ offiziell kontrollieren und bestätigen. Von unserer Seite waren nicht nur Br.Jacques, P.Vianney und ich dabei, sondern auch ein Agraringenieur und der Rechtsanwalt der kubanischen Bischofskonferenz. Ich stellte mich also schon mal auf bürokratische Probleme ein, vielleicht würden wir um Messfehler von ein paar Zentimetern feilschen müssen oder ähnliches. Aber nichts dergleichen – die einzigen Schwierigkeiten bereitete die Natur, nämlich eine kleine Schlucht, wo der Bulldozer nicht hatte arbeiten können. Das Foto zeigt Jacques, wie er Beatrice – so heißt die freundliche Dame vom Katasteramt – aus der Schlucht heraushilft. Links ist ihr 50 m langes Maßband zu sehen, mit dem wir zwei Seiten des Rechtecks nochmals nachgemessen haben. Auf dem Rückweg hat Jacques sie huckepack genommen (auf Spanisch heißt das „caballito“, „Pferdchen“). Leider kam ich da nicht schnell genug an die Kamera, weil ich gerade das Maßband in der Hand hatte.
An den anderen Stellen ging es schneller voran, siehe das Foto unten.
Die Geometrie ist von den ägyptischen Priestern vor 5000 Jahren erfunden worden, um die Grundstücksgrenzen neu festzulegen, wenn der Nil alle Markierungen weggeschwemmt hatte. So habe ich es vor einem Dritteljahrhundert in der 5.Klasse gelernt. Jetzt konnte ich endlich einmal die Praxis erleben. Die Alten Ägypter hatten noch Messruten benutzt, dagegen ist das Maßband doch ein Fortschritt.

„Du bist ein Chinese !“

6. Februar 2010

Die ersten 43 Jahre meines Lebens dachte ich, die Probleme der Wasserversorgung bestünden im Wesentlichen darin, den Wasserhahn aufzudrehen. Die wiederholten Ausfälle der Wasserversorgung in Peramiho und die Sorgen von Br.Mukasa, der in Peramiho dafür zuständig ist, haben mich klüger gemacht. Hier in Havanna fließt das Wasser aus städtischen Leitung in eine Zisterne hinter unserem Haus. Ein- oder zweimal täglich schalten wir für 20 Minuten eine elektrische Pumpe an, die das Wasser aus der Zisterne in einen Tank auf dem Dach (auf dem Foto der rote Kasten) befördert. Die Rohre, Wasserhähne und Toiletten funktionieren dann im Prinzip wie in Deutschland. Allerdings sie sind genauso alt wie das Haus, ungefähr 60 Jahre. Vor knapp zwei Monaten haben uns zwei freundliche Klempner die Stellen gezeigt, an denen die Rohre völlig verrostet waren und kurz vor dem Durchbrechen standen. Wir einigen uns also auf einen Preis, und sie fangen an. Nach ein paar Tagen kommt Br.Martin, der hier dafür zuständig ist, zu mir: „Die Materialien sind teurer als geplant, sie brauchen 25 CUC (20 Euro) mehr.“ Dann finden sie eine weitere schadhafte Stelle: Noch einmal 60 CUC mehr. Ich sage den Klempnern deutlich, dass ich nicht begeistert bin, sie sollten sich bitte an den Kostenvoranschlag halten. Das Ergebnis des Gespräches ist anders als erwartet: In den folgenden Wochen erklären mir die Klempner sehr genau, was sie gerade machen (die technischen Seiten hatte ich bis dahin Martin überlassen). Vor zwei Wochen war alles fertig – doch leider kam nur im ersten Stock Wasser aus den Hähnen, im zweiten Stock und im Erdgeschoss blieb alles trocken. Tagelang suchen die beiden nach der Ursache, bis in den späten Abend hinein. Endlich ist die Stelle gefunden, wo Roststücke eine Verstopfung verursachen. Eine Woche dauert es, bis die Wand an der entsprechenden Stelle aufgebrochen, der Rost beseitigt, und die Wand wieder verputzt ist. Gestern präsentieren die beiden dann die Rechnung. Zunächst kommt eine längere Vorrede, in der es um die Schwierigkeit der Arbeit geht, und die Ankündigung eines „gerechten Preises“. Dann der Preis selbst: 380 CUC. Ich habe inzwischen den Eindruck gewonnen, dass eine freundliche Gesprächsathmosphäre und ein paar nette Witze für die beiden fast so wichtig sind wie das Geld. Also simuliere ich erst einen Herzinfarkt und spreche dann darüber, dass das Wasser ja immer die Richtung herunter wählt, das sollte doch auch für den Preis gelten. „Du bist ein Chinese“, sagen sie, und meinen, damit, ich würde hart verhandeln. Die 360 CUC, bei denen wir schließlich ankommen, hinterlassen bei mir aber das Gefühl, dass ich das mit dem harten Verhandeln doch noch etwas üben muss, aber gearbeitet haben sie wirklich gut.
Wenig später sagt Br.Jacques mir, dass unsere Zentrale in St.Ottilien einen Kostenvoranschlag für den Bau der neuen Garage haben will. Als er ansetzt, mir zu erklären, warum er noch keinen Kostenvoranschlag hat, unterbreche ich ihn: „Ist mir ganz klar.“ Er: „Manche Dinge muss man erleben, um sie zu verstehen.“

Diesen Artikel habe ich am Mittwoch geschrieben, aber da ist das Internet im Hotel total ausgefallen. Inzwischen hat es eine Überraschung gegeben: Der Kostenvoranschlag ist da.

Das Foto zeigt unser Haus von hinten, der weiße Aufbau rechts neben dem roten Wassertank enthält die Mechanik des Aufzugs, davor sieht man einen Teil der Rohre die erneuert worden sind und unten die Baustelle unserer neuen Garage.