Archive for Oktober 2010

Warum Spanien pleite ist

28. Oktober 2010

Bis 1898 war Kuba spanische Kolonie, und auch im 20.Jahrhundert sind viele Spanier auf der Suche nach einem besseren Leben nach Kuba ausgewandert, während ihre Heimat unter Bürgerkrieg und Diktaturen litt. Nach spanischem Recht kann jeder mit einem spanischen Großelternteil die spanische Staatsbürgerschaft beantragen. Ein spanischer Pass bringt zahlreiche Vorteile mit sich. Wer zum Beispiel Verwandte in den USA hat, muss jahrelang (!) warten, bis er in der Vertretung der USA auch nur einen Termin zur Beantragung des Visums erhält. Wenn er aber einen spanischen Pass hat (und das Geld für den Flug), fliegt er nach Mexiko, zieht dort den spanischen Pass aus der Tasche, steckt den kubanischen in das unterste Fach seines Koffers und reist mal eben so in die USA weiter.
Eine kubanische Bekannte ist auch spanische Staatsbürgerin. Von ihr erfuhr ich weitere Vorteile: „Freitag muss ich meiner Mutter helfen. Sie holt im Galizischen Zentrum ihre jährliche Unterstützung ab. Die wird von der spanischen Region Galizien an alle Galizier gezahlt, die über 65 sind. Das heißt, jetzt, wegen der Krise, nur noch an alle, die über 75 sind. Mein verstorbener Vater hat leider keine Unterstützung bekommen. Der war zwar auch Spanier, aber nicht aus Galizien. Und im spanischen Konsulat zahlen sie nur, wenn jemand bestimmte Krankheiten nachweisen kann. Und dann hängt die Unterstützung auch noch von der Höhe des Familieneinkommens ab.“ Ich frage: „Der spanische Staat kontrolliert das Familieneinkommen hier auf Kuba ?“ Sie: „Man muss ein Papier vom örtlichen CDR (Kommitee zur Verteidigung der Revolution) vorlegen.“
Ich gönne der achtzigjährigen Mutter die Unterstützung aus Spanien, aber mein praktischer deutscher Sinn kommt nicht umhin, zu fragen, ob es nicht ziemlich teuer ist, wenn jede einzelne spanische Region (es gibt 17 davon) hier ein paar Beamte unterhält, die sich durch Stapel von kubanischen Urkunden wühlen müssen, um dann an einige Kubaner Unterstützung auszuzahlen. An andere wird nichts ausgezahlt, da war z.B. der junge Mann, dessen Vater zum zweiten Mal geheiratet hat. Der Vater und seine Mutter sind Enkel von Spaniern, seine Stiefmutter ist Tochter von Spaniern. Damit können Vater, Stiefmutter und die beiden Halbschwestern die spanische Staatsbürgerschaft beantragen. Er selbst aber muss sich damit trösten, dass in Spanien ein Gesetz geplant ist, das auch Urenkel zu Spaniern macht. Die Enkel der letzten von Spaniern nach Kuba verschleppten Sklaven dürften heute um die 80 sein, die Urenkel um die 50. Für sie wird das Gesetz wohl kaum gelten.

Kaffeepfeife

28. Oktober 2010

Freitag war mal wieder Guillermo zu Besuch. Er kommt, um einen Kaffee zu trinken und sein Deutsch etwas zu üben. Außerdem spricht der hochgebildete junge Mann auch Englisch und unterrichtet Französisch. Wir sprechen davon, dass der Kaffee aus dem Orient stammt, und er erwähnt die seltsamen Kaffeekannen, die es dort gibt. Auf seinem Handy hat er ein witziges Foto von einem Krabbelkind, das durch seine Mütze eindeutig als Muslim zu erkennen ist, und eine dieser seltsamen Kaffeekannen benutzt. Ich weiß, dass meine Reaktion sehr unhöflich ist, aber ich kann nicht an mich halten und pruste los vor Lachen. Was Guillermo für eine Kaffeekanne hielt, ist eine Wasserpfeife !

An Englishman in New York

22. Oktober 2010

P.Abraham ist, wie schon gesagt, Spanier. Daher hat er überhaupt keine Probleme mit der Sprache, sondern konnte schon vom ersten Tag an mit jedermann ein Schwätzchen halten. Manche Dinge, die ich erst nach einem Jahr herausgefunden habe, wusste er nach einer Woche. Da macht es natürlich Spaß, herauszufinden, wo seine Grenzen liegen: „Kennst du schon das Wort vianda ?“, frage ich. „Alles, was auf den Tisch kommt,“ definiert er. „Hier auf Kuba sind es aber nur die Kartoffel und ihre Verwandten, also Boniato, Malanga und so weiter,“ sage ich mit der Überlegenheit des Landeskenners. „Was ist Malanga ?“, fragt er, denn dieses Gemüse, das man vielleicht als Mischung aus Kartoffel und Mohrrübe mit Haaren beschreiben könnte, kennt er auch noch nicht.
Als ich einen Bekannten auf der Straße treffe, erzähle ich ihm von Abraham: „Er sagt vosotros statt ustedes.“ Das ist der größte sprachliche Unterschied zwischen Spanien und Lateinamerika: In Spanien existiert die 2.Person Plural (ihr – vosotros) samt den zugehörigen Verbformen (ihr liebt – vosotros amáis). Hier in Lateinamerika hat man aber die 2.Person Plural komplett abgeschafft und benutzt „ustedes“ mit den Verbformen der 3.Person Plural (ihr liebt = ustedes aman). Mein Bekannter meint: „In einigen abgelegenen Gebieten Kubas, in der ländlichen Umgebung von Camaguey, sprechen die Leute heute noch so. Aber man muss die Sprache doch modernisieren !“
Ich gehe mit Abraham auf den Markt. Der Händler sagt: „Sie sprechen aber gut Spanisch !“ Als wir zurückkommen, sieht uns jemand durch die halboffene Tür aus unserem Pfarrsaal und ruft Abraham zu: „Willkommen auf Kuba !“ Auf Englisch natürlich, denn alle Ausländer sprechen Englisch, wie jeder kluge Kubaner weiß.
Wahrscheinlich fühlt sich Abraham ähnlich wie der „Engländer in New York“ aus dem Lied.

Seehofers „Stille Post“

22. Oktober 2010

Am Dienstag erhielt ich eine SMS von einem kubanischen Freund: „Unzufrieden wegen Erklärungen der Merkel gegenüber muslimischen Einwanderern: ‚Verdummen Deutschland‘, ‚Müssten Deutsch lernen und christliche Werte akzeptieren.‘ “ Da war auf dem langen Kommunikationsweg von Seehofers Rede vor der Jungen Union („Christliche Werte akzeptieren“) über die kubanischen Fernsehnachrichten bis ins Hirn meines Freundes wohl einiges durcheinander geraten. Zum Glück hatte ich gerade am Montag die jüngsten Schlagzeilen („Türkischer Präsident Gül: Einwanderer müssen akzentfrei Deutsch lernen“) im Internet gelesen und wusste aus der „Zeit“ auch über die verdummenden Thesen von Sarrazin Bescheid. So konnte ich das Deutschlandbild meines Freundes, der von Deutschland natürlich so gut wie nicht weiß, zurecht rücken. Dabei habe ich sogar die Kanzlerin in Schutz genommen, was mir angesichts jüngster Laufzeitverlängerungen nicht leicht fiel.

Ankünfte und Abreisen

18. Oktober 2010

Die letzten Tage haben uns ziemlich häufig am Flughafen gesehen: Am 8.Oktober kam Br.Jacques endlich von seiner langen Dienstreise zurück, in deren Verlauf wir uns in Togo getroffen hatten. Am folgenden Tag kam P.Abraham Sánchez Rodríguez an. Mit ihm besteht unsere Gemeinschaft wieder aus sechs Brüdern, von denen aber zwei, Martin und Cyrille am Freitag (15.Oktober) ihren verdienten Heimaturlaub in Togo antraten.
Als ich bei einbrechender Dunkelheit vom Flughafen zurückkam, stellte ich frustriert fest, dass wir immer noch keinen Strom hatten, während gegenüber, auf der anderen Straßenseite, schon wieder der Fernseher lief. Das lag an einer speziellen „Besucherin“ namens Paula, einem schon ziemlich abgeschwächten Hurrikan, der am Abend vorher eingetroffen war, begleitet von besagtem, 25-stündigen Stromausfall. Abraham, Cyrille und ich hatten noch einen Spaziergang am aufgewühlten Meer entlang unternommen, eindrucksvoll angesichts des fehlenden Lichtes. Am Samstag rief ein kubanischer Freund an, ob uns auch nichts passiert sei, in anderen Teilen der Stadt seien Bäume umgefallen. Seine Besorgnis war so rührend, dass ich mich fragte, ob er nicht vielleicht noch etwas anderes vorhätte. Und tatsächlich: Heute Morgen kam er mit einer Bitte auf uns zu.
Das Foto zeigt P.Abraham vor der königlich-spanischen Festung „Real Fuerza“. Anlass genug, von den Spaniern und ihrer letzten Schlacht auf Kuba, 1898, zu sprechen. Er sagt tatsächlich „wir“, wenn er die spanischen Soldaten von damals meint, und auch sonst merkt man ihm seine Herkunft aus dem Herzen Spaniens (La Mancha) schnell an. Unser Glück, denn endlich gehört ein Muttersprachler zu unserer Gemeinschaft.

Ausländer

13. Oktober 2010

Am Mittwoch letzter Woche, gerade auf dem Weg zum Bloggen, hielt ich an, um die Wellen, die gegen die Stadt anbrandeten, zu fotografieren, siehe oben. Von hinten links kam jemand auf mich zu: „Compañero ! Do you speak English ?“ Ich antworte unfreundlich auf Spanisch: „Auf Kuba spreche ich grundsätzlich nur Spanisch.“ Sein Spanisch ist noch mühsamer als meines, so dass wir bald ins Deutsche wechseln, er kommt nämlich aus Hannover. Ich entschuldige mich für meine unfreundliche erste Reaktion: „Wenn ein Kubaner mich auf Englisch anspricht, dann will er mir entweder Zigarren verkaufen oder er fragt spätestens im dritten Satz, ob ich nicht ein paar Dollar für ihn hätte.“ Er meint: „Aber man sieht den Leuten doch eigentlich an, ob sie Kubaner sind oder Touristen. Mir war sofort klar, dass Sie Ausländer sind. Und die Kubaner sehen das auch immer.“
Einen Tag später kaufe ich einen neuen Trinkwasserfilter. Als ich mit dem Karton unter dem Arm durch die Altstadt gehe, schaut mich ein Polizist misstrauisch an. Ich ahne, was in seinem Kopf vorgeht: „Ein großer Karton, möglicherweise Schwarzmarktware.“ Und tatsächlich fragt er mich nach meinem Ausweis. Das ist mir bisher nur einmal passiert, und damals hatte ich gerade gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen (unerlaubtes Linksabbiegen mit dem Fahrrad).
Meine Allergie gegen Uniformierte geht wahrscheinlich auf die Schaffner von Deutschlands unpünktlichstem Unternehmen zurück, so dass ich mir eine Frechheit erlaube: „Sie sind lästig.“ Er fragt, „Wir sind lästig ?“, wirft einen Blick auf meinen Ausweis, und fährt dann sehr freundlich fort: „Entschuldigen Sie bitte, ich wusste nicht, das Sie Deutscher sind.“ Offensichtlich stimmt die These nicht, dass man Kubaner und Ausländer nicht verwechseln könne.

Internationale Probleme

6. Oktober 2010

Vorgestern ging Br.Cyrille wegen seiner Augen am Vormittag zur Poliklinik. Überraschend schnell war er wieder da: „Die Schlange beim Augenarzt war so lang, da habe ich mich gar nicht erst angestellt. Ich gehe nach dem Abendessen nochmal.“ Ich frage nach: „Am Abend ? Da ist doch nur noch der Notdienst da, aber kein Augenarzt.“ Es ist fast halb Zehn am Abend, als er zurückkommt: „Alle Ärzte waren da, aber keine Schlangen von Patienten.“ Er zeigt mir den Zettel, den der Augenarzt für ihn aufgeschrieben hat, und sagt dazu, „Ja, ja, die Handschrift von Ärzten.“ Ich schaue mir den Zettel an und meine, dass ich in Deutschland schlimmere Handschriften von Ärzten gesehen habe. „In Togo auch,“ sagt er und lacht herzlich. Schön, dass manche Dinge überall in der Welt gleich sind !

Internet-Probleme

6. Oktober 2010

Kurz nach unserer Ankunft, vor anderthalb Jahren, habe ich zum ersten Mal versucht, im Büro der staatlichen Telefongesellschaft ETECSA einen Internetanschluss zu beantragen. „Ja, wenn Sie Ausländer mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung sind, dann haben Sie das Recht dazu. Aber im Moment nehmen wir wegen technischer Probleme keine Anträge an.“ Nachdem ich mir im Laufe eines halben Jahres dreimal diese Auskunft geholt hatte, gab ich auf. Vor einem Monat rief Raulito, der Fahrer des Kardinals, mich an: „ETECSA nimmt jetzt Anträge an.“ Sofort fuhr ich zum Büro, und tatsächlich durfte ich einen Antrag schreiben. Man werde mich anrufen, wenn es soweit sei. Zwei Wochen später frage ich nach. Die Auskunft lautet: „Nein, ich kann Ihnen nicht sagen, wann Sie an der Reihe sind. Im Moment bearbeiten wir die Anträge, die zwischen März und Juni eingegangen sind.“ Als ich Raulito davon erzähle, sagt er: „Ich bezahle dort jeden Monat die Rechnung des Bistums. Ich habe jeden Monat nachgefragt. Und bis September haben sie mir immer gesagt, sie nehmen keine Anträge an.“ Also warte ich weiterhin, bis die Anträge der Kunden aus den Monaten abgearbeitet sind, in denen keine Anträge angenommen wurden. In der Zwischenzeit fahre ich ein bis zwei Mal die Woche in die Altstadt, zahle dort 8 CUC pro Stunde und habe das nostalgische Gefühl der 90er Jahre, als das Internet noch richtig langsam war. Immerhin kann ich mein eigenes Notebook benutzen und muss nur die Zeit zahlen, die wirklich online bin.
Ein kubanischer Freund sagte mir, dass man in der Vertretung der USA kostenlos einen schnellen Internet-Anschluss benutzen könne, wenn man sich vorher einen Termin geben lasse. Ich frage nach: „Die USA ? Die Kuba seit 50 Jahren blockieren, die dafür sorgen, dass alle Unterwasser-Kabel einen großen Bogen um Kuba machen, so dass das Internet nur über Satellit nach Kuba gelangt und deshalb so langsam ist ?“ Gestern ruft er mich an: „Ich habe mir einen Termin geben lassen, wir können Freitag zusammen hingehen.“ Ich habe gerade genug Zeit, um mich ein bisschen auf Freitag zu freuen, da kommt schon eine SMS von ihm: „Tut mir leid. Ich habe gerade erfahren, dass das Angebot nur für Kubaner gilt, nicht für Ausländer.“ Okay, denke ich niedergeschlagen, das ist ja eigentlich auch gerecht, schließlich haben Ausländer das Recht, einen Internetanschluss bei ETECSA zu beantragen.
Das Foto zeigt die Vertretung der USA, der ich sicherlich mal einen eigenen Artikel widmen werde.